Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Hinweis: Diese Einleitung enthält Abweichungen gegenüber der Druckfassung. Alle Von-Bis-Angaben bei Verweisen auf Katalognummern (z. B. Nr. 7173) wurden aus Referenzierungsgründen zu kommaseparierten Listen aufgelöst.

4. Die nicht-originale Überlieferung der Inschriften

Die Edition der Inschriften von Halle kann aus einer reichen kopialen Überlieferung schöpfen. Allein 304 Katalogartikel edieren Inschriften, die nur abschriftlich tradiert sind. Die kopiale Überlieferung läßt sich in zwei standortbezogene Textgruppen teilen, die beide im 17. Jh. entstanden: Die eine bezieht die gesamte Stadt mit sämtlichen Profan- und Sakralbauten ein, die andere umfaßt nahezu ausschließlich Inschriften des Totengedenkens, insbesondere die Inschriften des Stadtgottesackers.

Seit dem vierten Jahrzehnt des 17. Jh. werden Inschriften als historische Quellen zumeist in einem konkreten Zusammenhang zitiert. Die Überlieferung setzt mit einzelnen, in Festpredigten abgedruckten Inschriften ein, gewinnt aber schon im siebten Jahrzehnt einen größeren Umfang. In seiner Predigt zur Huldigung des Administrators August von Sachsen 1638 erwähnt der Pfarrer der Laurentiuskirche Christian Weber (Nr. 461) eine Inschrift des 16. Jh. (Nr. 141), um den Ort zu bezeichnen, an dem ein Teil des Zeremoniells stattgefunden hatte. Im Anhang der „Danck-Predigten“, die anläßlich des hundertsten Jubiläums der Einführung der Reformation in Halle 1641 gehalten und ein Jahr später veröffentlicht wurden,240) ist erstmals die verlorene Grabinschrift des zweiten, um die Festigung der lutherischen Kirche verdienten Superintendenten von Halle, Sebastian Boëtius, abgedruckt (Nr. 203). 1666 veröffentlichte der Superintendent Gottfried Olearius (Nr. 510) seine Festpredigt und andere Reden, die anläßlich des im Jahr davor gefeierten hundertsten Jubiläums des Stadtgymnasiums gehalten worden waren. In einer Rede findet sich die älteste Überlieferung einer Bauinschrift in der sogenannten Schulkirche (Nr. 59). Festpredigten, die aus Anlaß der Einweihung einer neuen Orgel im Dom 1667 und zweier neuer Glocken in der Marktkirche 1674 gehalten wurden, überliefern eine neuzeitliche Weiheinschrift des Domes (Nr. 261)241) bzw. die Inschrift einer spätmittelalterlichen Glocke (Nr. 56), die umgegossen worden war. Der Pfarrer der Moritzkirche Andreas Christoph Schubart (1629–1689) hat dem Druck seiner Festpredigt, die er anläßlich eines Glockengusses für seine Kirche 1662 gehalten hatte, einen Abschnitt unter dem Titel „Memorial oder Denckmahl Der Kirchen zu St. Moritz in Hall“ angefügt, der u. a. die älteste gedruckte Überlieferung jener Inschriften enthält, die die Grundsteinlegung und den Baubeginn der Moritzkirche 1388 (Nr. 13, 14) und die Schaffung der Skulpturen Conrads von Einbeck 1410/20 betreffen (Nr. 19, 20, 21, 23, 24). Das sich bei Schubart abzeichnende, den historischen Zusammenhang in den Blick nehmende Interesse an epigraphischen Denkmalen kulminiert in der ersten historisch-topographischen Beschreibung der Stadt Halle, die der erwähnte Superintendent Gottfried Olearius 1667 veröffentlichte. Sein Werk enthält zahlreiche Inschriften verschiedener Art, darunter einige Grabinschriften hallischer Persönlichkeiten. Seiner „HALYGRAPHIA Topo-Chronologica“ ließ Gottfried Olearius 1679 einen Ergänzungsband folgen, der die Stadtgeschichte bis zum Erscheinungsjahr fortschreibt und weitere Inschriften erstmals bekannt macht.

1674 publizierte der älteste Sohn des Gottfried Olearius, der Diakon der Marktkirche Johann Gottfried Olearius (1635–1711), die erste eigenständige Sammlung der Inschriften von Halle und nannte sie „COEMITERIUM SAXO-HALLENSE. Das ist / Des wohlerbauten Gottes-Ackers Der Löblichen Stadt Hall in Sachsen Beschreibung“. Sie umfaßt alle an den Bogenkammern des Stadtgottesackers, den sogenannten Schwibbögen, angebrachten Inschriften, fast alle Grabinschriften, die in den Bogenkammern, und eine Auswahl von Grabinschriften, die auf der Innenfläche des Gottesackers vorhanden waren. Ausgewählte Grabinschriften aus dem Dom, der Marktkirche, der Moritzkirche, der Schul- oder Barfüßerkirche und der Ulrichskirche sowie Grabinschriften aus den Pfarrkirchen der Vorstädte Neumarkt, St. Laurentius, und Glaucha, St. Georgen, vervollständigen die Sammlung. Ihr vorrangiger Zweck war, die historischen Texte in den Dienst geistlicher Sterbevorsorge zu stellen: Das inschriftliche Zeugnis für die fromm, d. h. „in ungezweifelter Hofnung der gewißen Auferstehung zum ewigen Leben“ entschlafenen Vorfahren sollte [Druckseite XXXVI] den Glauben der lebenden Nachkommen stärken, damit sie getröstet „das Elend dieses Lebens [...] überwinden“ und „selbst endlich sanft und selig in solcher Hofnung“ zu entschlafen vermögen.242)

Der Textbestand des Johann Gottfried Olearius ist in hohem Maße vollständig und verläßlich, wie ein Vergleich mit Originalinschriften erweist. Dennoch muß einschränkend festgestellt werden, daß er wie alle Autoren des 17. Jh. die Texte in der Schreibung seiner Zeit wiedergibt und Bibelzitate und oft auch Lied- und Gebetstexte bis auf die Versanfänge zu kürzen pflegt. In deutsche Texte setzten Olearius und andere Kopisten seiner Zeit Schrägstriche als Kommata, in lateinische Texte die heute üblichen Kommata. Die Authentizität der Zeichensetzung ist bei den Inschriften aus der ersten Hälfte des 17. Jh. schwierig zu beurteilen, da die Abschriften durchaus einen originalen Zeichenbestand wiedergeben können. Kommata erscheinen in Inschriften erst vereinzelt und seit Anfang der dreißiger Jahre häufiger, wie erhaltene Originale belegen (Nr. 315, 332, 373, 454, 455, 456, 458, 463). Deshalb wurden alle Satzzeichen der Inschriften, die ausschließlich kopial überliefert sind, in die vorliegende Edition übernommen, auch wenn die Zeichensetzung in Abschriften des 17. Jh. von Inschriften des 16. Jh. wahrscheinlich kaum originalgetreu ist. Erste Bemühungen der ältesten Kopisten um eine originalgetreue Wiedergabe der Inschriften äußern sich darin, daß Inschriften, die in Großbuchstaben geschrieben sind (oder waren), oft auch in Großbuchstaben wiedergegeben und gelegentlich Textverlust an den Originalen in den Abschriften kenntlich gemacht wurde.

Mit dem Werk des Johann Gottfried Olearius beginnt die Überlieferung der Sepulkralinschriften des Stadtgottesackers von Halle, der sich zwar nur wenige, aber wichtige Werke aus den folgenden Jahrhunderten anschließen. Das Buch des Lehrers Carl Gottlieb Dähne von 1830, „Neue Beschreibung des Halleschen Gottesackers nebst geschichtlichen Bemerkungen über die Gräber und Begräbnißgebräuche der Christen“, knüpft schon im Titel an das grundlegende Werk Johann Gottfried Olearius’ an. Es bereichert die Überlieferung um Inschriften, die nach Erscheinen der Sammlung von Olearius entstanden sind und schreibt die Geschichte des Friedhofs als eines gemeinschaftlichen Gedenkortes fort. Die vor 1650 entstandenen Inschriften werden aber, wie im Vergleich mit den Originalen und der Edition des Olearius sichtbar wird, oft willkürlich in der Schreibung geändert oder gekürzt wiedergegeben. Einen wissenschaftlichen Anspruch erhob der Stadtarchivar Erich Neuß (1899–1982), als er unter Auswertung archivalischer Quellen von 1929 bis 1934 ein Verzeichnis der Besitzer der Bogenkammern des Stadtgottesackers veröffentlichte. Damit knüpft er an Gottfried Olearius an, der am Ende seiner Stadtbeschreibung von 1667 ein vergleichbares Verzeichnis für die Jahre um 1590 abgedruckt hat. Neuß gibt auch einzelne Inschriften aus dem Bearbeitungszeitraum wieder, die nicht bei Olearius 1674 oder Dähne 1830 zu finden sind. Die wichtigste Arbeit des 20. Jh. über den Stadtgottesacker ist ein fünfteiliges Manuskript von Friedrich Paul Henschel (gestorben 1952), der den Aufbau seines Werkes von Johann Gottfried Olearius übernahm und darum bemüht war, alle vorliegenden Arbeiten über den Stadtgottesacker zusammenzufassen (MBH Ms 319, 1–5). Die Teile 1 bis 3 seines Manuskripts sind 1924/25, die Teile 4 und 5 1942/43 entstanden. Teil 2 umfaßt die Inschriften an und in den Bogenkammern, Teil 3 die Grabinschriften auf der Freifläche des Friedhofs; Teil 5 enthält Grabinschriften der altstädtischen Pfarrkirchen sowie der Pfarrkirchen von Neumarkt, Glaucha und Giebichenstein. Die vor 1674 entstandenen Inschriften gibt Henschel i. d. R. nach Johann Gottfried Olearius wieder, wie an der Schreibung und den Textkürzungen (z. B. der Bibelzitate) ersichtlich ist. Ob er noch andere Quellen außer Olearius benutzte, sagt Henschel nicht. Er überliefert auch einige Inschriften, die sonst nicht bezeugt sind, in einer den Originalen der Entstehungszeit entsprechenden Schreibung, die eine Autopsie durch den Kopisten vermuten läßt. Der zweite Teil des Manuskripts enthält zudem einige naive Zeichnungen Henschels von Grabmälern des Stadtgottesackers, die Anordnung und Wortlaut der Inschriften sorgfältig wiedergeben.

Die „Ausführliche, diplomatisch-historische Beschreibung des [...] Saal-Kreyses, Und aller darinnen befindlichen Städte, Schlösser Aemter, Rittergüter, adelichen Familien, Kirchen, Clöster, Pfarren und Dörffer“, die der Königlich-preußische Geheime Regierungs-, Kriegs- und Domänenrat, Senior des Schöppenstuhls, Schultheiß und Salzgraf von Halle Johann Christoph von Dreyhaupt (1699–1768) in zwei voluminösen Bänden 1749 und 1750 herausbrachte, ist bis zum heutigen Tag eine Fundgrube lokaler und regionaler Geschichtsschreibung u. a. wegen der Listen der Amtsträger, der 683 Einträge umfassenden „Lebens-Beschreibungen gelehrter und berühmter Leute“ aus Halle und der 196 Familien und Familienzweige aus Halle und dem Saalkreis umfassenden Stemmata („Beylage B“). Dreyhaupt bemühte sich um eine wissenschaftlich exakte Darstellung und benutzte dazu zahlreiche Quellen, darunter Grab- und andere Inschriften. Obwohl er unzweifelhaft die Schriften von Gottfried und Johann Gottfried Olearius kannte und nutzte, auch heute verlorene Grabmäler noch vor Augen hatte, widersprechen seine „Geschlechts-Register“, d. i. die „Beylage B“ seines Werkes, mehrfach der epigraphischen [Druckseite XXXVII] Überlieferung (z. B. Nr. 188, 225), selbst dann, wenn er diese, wie es mehrfach geschieht, in den „Lebens-Beschreibungen“ zitiert (Nr. 460, 523). Dennoch sind seine prosopographischen Untersuchungen unverzichtbare Vorarbeiten für alle weiterführenden Forschungen zur Geschichte Halles, denen hinsichtlich des Umfangs bis heute nichts vergleichbares zur Seite gestellt wurde. Zu den Ersteditoren des 18. Jh. zählt der Lehrer und nachmalige Archidiakon der Marktkirche Johann Georg Kirchner (1710–1772), der 1761 einen Aufsatz über die Kanzeln von Markt- und Moritzkirche mit einigen Inschriften veröffentlichte.

Die Schriften Johann Christophs von Dreyhaupt und Gottfried Olearius' waren die wichtigsten Referenzwerke aller folgenden stadtgeschichtlichen Abhandlungen bis weit in das 19. Jahrhundert hinein.243) Abweichungen in der Schreibung deuten manchmal darauf hin, daß jüngere Autoren die Inschriften nicht nur aus der älteren Literatur übernommen, sondern gelegentlich nach eigener Beobachtung wiedergegeben haben. Für jüngere Werke zur Stadtgeschichte, die neuen Konzepten folgten, verloren die Inschriften an Bedeutung;244) diesen wird seit der Mitte des 19. Jh. vorzugsweise in kunst- und kulturhistorischen Beschreibungen Platz eingeräumt.245) Im frühen 19. Jh. hatten Inschriften aus Halle auch Eingang in die Reiseliteratur gefunden.246)

Im zweiten Viertel des 19. Jh. stießen Inschriften verstärkt auf ein Interesse, das sich in Presseartikeln niederschlug.247) Dabei handelt es sich nur selten um Erstveröffentlichungen von Inschriften, wie z. B. bei August Hermann Niemeyer 1823 (Nr. 164). Die 1857 in einer Artikelserie veröffentlichte Inschriftensammlung des Lehrers Franz Knauth (1822–1893) kam auf Anregung des „Thüringisch-Sächsischen Vereins für Erforschung des vaterländischen Alterthums“ zustande und ist nach Dähnes Buch die zweite Publikation dieser Art für Halle im 19. Jahrhundert. Ihr Wert liegt darin, daß sie viele Hausinschriften erfaßt hatte, bevor die historischen Gebäude der Modernisierung des hallischen Stadtbildes zum Opfer fielen. Franz Knauth, oft der einzige Gewährsmann epigraphischer Überlieferung, versuchte zudem, die Inschriften in der ihnen eigentümlichen Schreibung wiederzugeben. Schon drei Jahrzehnte später mußte der Architekt und Kunstschriftsteller Gustav Schönermark (1854–1910) den Verlust einiger Baudenkmale mit Inschriften konstatieren, die er dennoch in seine „Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Halle und des Saalkreises“ aufgenommen hat. Schönermark versuchte u. a. das Druckbild dem Schriftbild der epigraphischen Texte anzunähern, wie es für Inschrifteneditionen im 20. Jh. lange Zeit vorbildlich war.

Zeichnungen sind eine weitere wichtige Quellengattung nicht-originaler Überlieferung im 19. Jh. Der hallische Stadtbaumeister Wilhelm Ludwig August Stapel (1801–1871) hat zwischen 1832 und 1853 mit großer Genauigkeit Details historischer Bauwerke, darunter einige Inschriften, abgezeichnet (MBH Ms 220). Für den Zeichenlehrer Carl Albert Grell (1814–1891) stand eher das Malerische im Vordergrund, als er im Jahr 1857 aquarellierte Zeichnungen unter Berücksichtigung einzelner Inschriftenträger für ein „Album Halle'scher Baudenkmäler“ anfertigte (MBH H 4239). Die Anregung gab wiederum der rührige „Verein für Erforschung des vaterländischen Alterthums“, der vielleicht eine aufeinander abgestimmte Veröffentlichung mit den im selben Jahr publizierten Erfassungsergebnissen Franz Knauths geplant hatte. Die in der Marienbibliothek zu Halle aufbewahrten Arbeiten Grells und Stapels wurden erstmals 1990 bzw. 2012 geschlossen veröffentlicht.248)

Abschriften und Abzeichnungen zumeist bekannter, nur selten unpublizierter Inschriften finden sich seit dem ausgehenden 19. Jh. häufig in stadt- und kunstgeschichtlichen Publikationen, jedoch nie in einer wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Edition. Solche wurden erst in den letzten beiden Jahrzehnten von Hans-Joachim Krause für die Inschriften an den Emporen der Marktkirche (Nr. 152), von Ilas Bartusch für die Conrad von Einbeck nennenden Inschriften der Moritzkirche (Nr. 13, 19, 20, 21, 23, 24) und von Christian Schuffels für die Laurentiustafel (Nr. 2) vorgelegt. Der Aufsatz von Krause enthält die Erstedition fast aller Emporeninschriften; Bartusch und Schuffels kommentieren zugleich die von ihnen bearbeiteten epigraphischen Denkmale. Friedrich de Boor ergänzte die Edition Krauses um einen theologischen Kommentar.249)

  1. Mengering/Olearius/Müller 1642, fol. Mijr»
  2. Johannes Olearius, Das fröliche Hallelujah Auß dem CL. Psalm / Bey Christlicher Einweihung deß schönen Neuerbaueten Orgelwercks / in der Fürstlichen S. M. Dom-Kirchen zu Halle den XVIII. Octobris, Anno 1667 betrachtet, Halle (Saale) [1667], fol. Biv»
  3. Olearius 1674, fol. aiiijv, biv»
  4. Vgl. Stiebritz 1772/73, vom Hagen 1867, Runde 1933. Die Chronik des Christian Gottlieb August Runde wurde bereits 1835 abgeschlossen, aber erst 1933 von Bernhard Weißenborn herausgegeben. Zur älteren Stadtgeschichtsschreibung vgl. die Einleitung bei Runde 1933, S. XIII–XVIII. »
  5. Eine Ausnahme ist Schultze-Galléra 1925 und 1929. Zur Stadtgeschichtsschreibung vgl. auch Brademann 2011. »
  6. Z. B. Puttrich 1845, Knauth 1853. »
  7. Vgl. Büsching 1819, Weise 1824. »
  8. Hesekiel 1824, Kruse 1825, Förstemann 1835, Hallische Inschriften 1835, Förstemann 1836, Eckstein 1845, Knauth 1855. »
  9. Vgl. Grell 1990, Findeisen 2012. »
  10. Vgl. Krause 1995, Bartusch 1998, de Boor 2004, Schuffels 2007. »