Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

Hinweis: Diese Einleitung enthält Abweichungen gegenüber der Druckfassung. Alle Von-Bis-Angaben bei Verweisen auf Katalognummern (z. B. Nr. 7173) wurden aus Referenzierungsgründen zu kommaseparierten Listen aufgelöst.

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6. Die Schriftformen

6.1. Romanische und Gotische Majuskel285)

Die erhaltenen Beispiele Romanischer Majuskel (Nr. 1, 2) zeigen ausgeprägte Buchstabenformen, die eine zeitliche Einordnung in das 12. Jh. ermöglichen, jedoch keine Rückschlüsse auf eine lokale oder regionale Schriftentwicklung erlauben, zumal sie in unterschiedlichen Materialien ausgeführt sind und der Entstehungsort des zweiten Inschriftenträgers unbekannt ist (Nr. 2). Die an einem Taufstein eingehauenen beschädigten und fragmentierten Namensbeischriften (Nr. 1) zeigen trotz eines geringen Buchstabenbestandes einen auffälligen Formenreichtum der mehrfach auftretenden Buchstaben A und M. Die Bögen der Buchstaben sind nicht geschwellt, das unziale E ist aber allem Anschein nach geschlossen. Die schwache Bogenschwellung der in Emaille ausgeführten Buchstaben von Nr. 2 deuten auf eine fortgeschrittenere Stufe der Schriftentwicklung, obwohl die Schriftform noch durchgängig offene Buchstabenumrisse aufweist. An beiden Inschriftenträgern treten nebeneinander kapitale und unziale Buchstabenformen auf. Eine paläographische Einordnung der teilweise erloschenen Inschrift an der ältesten erhaltenen Glocke (Nr. 4) und der nur abschnittsweise lesbaren Inschrift auf der ältesten Grabplatte (Nr. 6) ist schwierig. Die Überlieferungsumstände der Grabplatte sprechen für eine Bestimmung ihrer Schriftform als Gotische Majuskel und eine Datierung in das letzte Viertel des 13. Jh.

Das erste, zwar verlorene, aber im Bild gut überlieferte Beispiel der Gotischen Majuskel zeigt eine für das späte 13. und für das frühe 14. Jh. typische Ausbildung dieser Schriftform auf Glocken (Nr. 5). Die Inschriften auf dieser ältesten und den zeitlich folgenden Glocken (Nr. 7, 8, 9) wurden in einer Konturschrift ausgeführt, in der einzelne Abschnitte der Buchstaben bis auf Strichstärke reduziert sind. Ihre Buchstaben weisen deutliche Bogenschwellungen auf; die Schaftenden sind häufig keilförmig verbreitert (Nr. 5, 8), einzelne Bogenenden keilförmig gebildet (Nr. 5, 7). An den Schaft-, Balken- und Bogenenden einzelner Buchstaben setzen strichförmige Sporen an, deren Enden als Häkchen geformt oder eingerollt sind. Im einzelnen unterscheiden sich die Glockeninschriften durch bestimmte Buchstabenformen, Details der Buchstabenbildung, den gestalterischen Anspruch und den Zierrat. Das Schriftbild der Glocken aus Laurentius- und Ulrichskirche (Nr. 7, 8) dominieren unziale Buchstabenformen. Sie sind auf der zweiten Glocke (Nr. 8) mit dem Zirkel konstruiert und mit Begleitstrichen verziert; eine zarte, manchmal kaum noch wahrnehmbare Ornamentik füllt die stets durch Abschlußstriche geschlossenen Innenflächen aus. Die Inschrift auf der Glocke in Lettin hingegen (Nr. 9) ist eher derb ausgeführt. Einige ihrer Buchstaben sind geneigt und stehen nicht auf gleicher Höhe. Die fehlende (Nr. 5), an einzelnen Buchstaben bereits ausgeführte (Nr. 7, 9) oder beinahe durchgängige Schließung der Buchstabenkonturen (Nr. 8) deutet eine Schriftentwicklung an, wie sie sich im Raum Halle vollzogen haben könnte, sind doch die Glocken mit hoher Wahrscheinlichkeit vor Ort gegossen worden. Die wenigen, durch Abzeichnung überlieferten erhabenen Buchstaben einer verlorenen Glocke vom Roten Turm (Nr. 11) lassen immerhin erkennen, daß die Buchstaben mit Nodi und Halbnodi verziert und das A durch jene bucklige Schwellung ausgezeichnet war, die die Gotische Majuskel im Laufe des 14. Jh. annahm und in jüngeren Inschriften spitz zulaufen ließ (Nr. 73). Sie erscheint auch an den Buchstaben des Kreuztitulus eines Reliquienkreuzes (Nr. 12), die zudem schon jene weitausschwingenden Sporen haben, wie sie für die späte Gotische Majuskel charakteristisch werden. Die Gotische Majuskel wird um und nach 1400 als Versalien in der Gotischen Minuskel, als Initialen (Nr. 65, 73) und sehr selten in ganzen Worten (Nr. 17) tradiert.

6.2. Gotische Minuskel

Einen sicheren Beleg für das Auftreten der Gotischen Minuskel in Halle vor 1400 gibt es nicht, da die im Katalog vorangestellten Bauinschriften an der Moritzkirche erst Jahre nach dem Baubeginn der Kirche 1388 geschaffen und eingebaut worden sein können (Nr. 13, 14). Die erste datierte Inschrift in Gotischer Minuskel stammt aus dem Jahr 1401 (Nr. 18), so daß für Halle nur das mit Gewißheit gesagt werden kann, was nach bisherigem Kenntnisstand für alle epigraphisch bearbeiteten Städte Mitteldeutschlands gilt: Um 1400 tritt plötzlich die Gotische Minuskel gehäuft auf und setzt sich überraschend schnell als epigraphische Schrift durch. Für die Erörterung des hallischen Bestandes ist es sinnvoll, nach dem Material des Inschriftenträgers zu differenzieren, da die unterschiedlichen Ausführungstechniken zu unterschiedlicher Buchstabengestaltung führen.

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Die Inschriften an der Moritzkirche stehen am Anfang einer Gruppe von Inschriften des 15. Jh., die in Stein entweder eingehauen oder erhaben ausgeführt wurden. Die Buchstaben folgen dem Gestaltungsschema der Gotischen Minuskel und weisen zumeist keine Schmuckformen auf. An den hallischen Beispielen ist weniger eine Schriftentwicklung als eine Variantenvielfalt zu erkennen. In den Inschriften des Conrad von Einbeck in der Moritzkirche (Nr. 19, 20, 21, 23, 24) und in der ältesten Bauinschrift am Roten Turm (Nr. 22A), die 1410/20 entstanden,286) sind einzelnen Buchstabenteilen Zierstriche angesetzt. Die Bauinschrift am Roten Turm von 1470 zeichnet sich durch schlichte Buchstabenzier – Begleitstriche an zwei t und perlähnlichen Besatz am oberen umgebrochenen Bogenabschnitt des c –, aber auch durch vielgestaltige Worttrenner aus (Nr. 42).

In Nr. 22A wurden zudem die oberen Bogenabschnitte der c-Buchstaben waagerecht ausgeführt; in den Jahresangaben jüngerer Inschriften sind die oberen Bogenabschnitte der aufeinanderfolgenden c-Buchstaben zu einem Balken zusammengezogen (Nr. 34, 36, 48). In der aus dem Jahr 1457 stammenden Bauinschrift (Nr. 34) hat man die Oberlängen von b, h, l und t spitz ausgezogen; in der Bauinschrift vom ehemaligen Dominikanerkloster (Nr. 58B) berühren sich Buchstabenteile, ohne Nexus litterarum zu bilden. Einzelne ungewöhnliche Großbuchstaben weisen die Minuskelschriften Nr. 20 und 54 auf. Seitlich ansetzende Zacken schmücken einzelne (Nr. 19) oder mehrere Großbuchstaben (Nr. 46, 48), aber auch einen Kleinbuchstaben – sofern es sich um einen solchen handelt (Nr. 20). Hervorhebenswert ist auch das unregelmäßige Auftreten der I-longa (Nr. 29, 31). Wegen gemeinsamer Schriftmerkmale können die Bauinschriften des Moritztores von 1457 und des Rannischen Tores von 1462 vielleicht als Arbeiten ein und desselben Steinmetzen gesehen werden (Nr. 34, 36).

Die Minuskelbuchstaben an den Goldschmiedearbeiten – es sind fast durchweg Abendmahlskelche – sind durch typische Gravuren ausgezeichnet: Der breite Strich des Buchstabens wird wie ein Band gefaltet oder geknickt (Nr. 71, 74, 80, 137), die Abschnitte sind durch Schattenschraffuren abgesetzt. Die Balken entsprechender Buchstaben sind ein- oder durchgesteckt und meist auch mit Schattenschraffuren versehen (Nr. 71, 72, 75, 79). Die Buchstabenenden sind gelegentlich gespalten (Nr. 16, 75) oder weisen kurze eingerollte Zierstriche oder perlähnlichen Besatz (Nr. 72, 80, 118) oder auch prägnantere Zierstriche (Nr. 73, 75, 79) auf. Eine besonders schöne Ausschmückung haben die Buchstaben auf einem Kelch, der zu den ältesten in Halle gehört (Nr. 16). Den unteren Enden der Buchstaben e und (Schaft-)s des Namens iesvs entwachsen kleine Blätter, die durch Schattenschraffuren Plastizität gewinnen. Ein Kelch im Germanischen Nationalmuseum weist für Halle einzigartige Buchstabenformen auf, wenn er denn eine hallische Goldschmiedearbeit ist (Nr. 69). Die charakteristische Form seines s-Buchstabens findet sich aber wieder auf einem Tafelbild des späten 15. Jh. (Nr. 67), dessen Inschrift zur Datierung herangezogen werden kann.

Die Glocken weisen keine signifikanten Schriftformen und Schriftzierden auf; es sind von denen, die Inschriften in der Gotischen Minuskel gehabt haben, auch nur fünf original erhalten. Die Schrift des Hallischen Gießers, der zwei Glocken für die Kirche in Beesen goß, zeichnet sich ohnehin durch schmucklose schwerfällige Formen aus (Nr. 62, 66). Die beschriebene Umbildung des c ist auch hier anzutreffen. In den Inschriften auf den Bronzetaufbecken der Gießer Ludolf und Hinrich von Braunschweig haben die Buchstaben e, f, s und t Zierstriche mit eingerollten Enden (Nr. 27, 28).

Für alle Inschriften der Gotischen Minuskel gilt, daß Ober- und Unterlängen der nach dem Vierlinienschema konzipierten Buchstaben viel kürzer angelegt sind als die Mittellängen, daß sie aber bis auf wenige Ausnahmen (Nr. 32, 71, 72, 73, 113) den Mittellängenbereich überragen und mitunter auch die Zeilenbegrenzung durchstoßen (Nr. 16, 31, 36, 46, 53, 75, 80). Die jüngsten datierten bzw. datierbaren Inschriften der Gotischen Minuskel entstanden in den 1530er Jahren (Nr. 136, 137).287) Seit 1511 treten sie zusammen mit einzelnen Buchstaben oder Inschriften der Frühhumanistischen Kapitalis oder Kapitalis an denselben Inschriftenträgern auf (Nr. 93, 110, 113, 136, 137).

6.3. Frühhumanistische Kapitalis und Kapitalis

Die frühesten Inschriften der Frühhumanistischen Kapitalis erscheinen in Halle wie in anderen Regionen Deutschlands zuerst an Altarretabeln und vergleichbaren Bildwerken; vier der neun Schriftbeispiele sind gemalte bzw. trassierte Inschriften (Nr. 60, 70, 93, 109). Auf den im letzten Drittel des 15. Jh. geschaffenen Tafelbildern der Altarretabel aus der Ulrichs- und der Laurentiuskirche (Nr. 60, 70) finden sich die typischen Buchstabenformen der Frühhumanistischen Kapitalis. Neben unzialen und anderen [Druckseite LIV] Buchstabenformen, wie sie aus der Romanischen und Gotischen Majuskel bekannt sind, stehen jene, die der neuen Schriftform eigentümlich sind: das offene kapitale D mit einwärts abgewinkeltem Schaft, das vielleicht aus dem unzialen D entwickelt wurde, das zweibogige E, das eingerollte G, das M, dessen Schrägschäfte etwa auf Höhe der Mittellinie zu einem Mittelschaft zusammengeführt sind, und das N mit breiten Schäften und strichförmigem Schrägschaft (Nr. 60, 70). Einige dieser Buchstaben wie E und M, aber auch das H-förmige N (Nr. 84) sind griechischen Alphabeten entnommen. Inschriften in der Moritzkirche von 1510/11 weisen weitere Sonderformen auf: Da steht ein H auch für M (Nr. 92) und weisen auch die Schrägschäfte von M und N Ausbuchtungen auf (Nr. 93).

Nach dem ersten Jahrzehnt des 16. Jh. wird eine Abgrenzung von Formen der frühen Kapitalis schwieriger, weil die hallischen Beispiele dann außer dem A mit einseitig oder beidseitig überkragendem Deckbalken und gebrochenem Mittelbalken keine der genannten Formen mehr aufweisen und andere, weniger signifikante Schriftmerkmale zur Schriftbestimmung herangezogen werden müssen (Nr. 109, 137, 153). Schon im zweiten Jahrzehnt wird die Kapitalis zur vorherrschenden Schriftform, die aber einige Eigentümlichkeiten der Frühhumanistischen Kapitalis beibehält, wie z. B. die Ausbuchtung an Balken und Schäften der Buchstaben (z. B. Nr. 131, 164, 221). Einige frühe, im Auftrag des Kardinals Albrecht von Brandenburg in Mainz (Nr. 98, 115, 119) und Eichstätt (Nr. 114) entstandene Inschriften in Kapitalis sagen jedoch nichts über die Schriftentwicklung in Halle aus. Die Arbeiten des Mainzer Bildhauers Peter Schro heben sich auch paläographisch von dem Relief Loy Herings ab (Nr. 114). Beider Werke zeichnen sich durch anspruchsvolle und sorgfältige Schriftausführung aus, die dem antiken Schriftbild stärker angenähert ist als irgendeine andere Inschrift dieser Zeit in Halle. Weitere Auftragswerke Albrechts aus dem zweiten und dritten Jahrzehnt des 16. Jh., wie die Wappentafeln Albrechts am Tor der Moritzburg (Nr. 103) und in der Unterburg Giebichenstein (Nr. 121), das Domportal (Nr. 117) und die Domkanzel (Nr. 120), schufen vermutlich in Halle tätige Bildhauer. Die Schriftform der auf 1517 datierten Wappentafel am Tor der Moritzburg (Nr. 103) gleicht am meisten der des 1525 vollendeten Domportals (Nr. 117), sofern das anhand des kleinen übereinstimmenden Buchstabenbestands (A, D, E und O) beurteilt werden kann. An den Buchstaben beider Inschriften sind gelegentlich schon Serifen ausgebildet. Die Inschrift in Giebichenstein (Nr. 121) greift aber noch einmal Buchstabenformen auf, die in der Frühhumanistischen Kapitalis gebräuchlich waren, wie das G mit abgewinkelter Cauda, das in derselben Inschrift retrograd auch als D Verwendung fand (vgl. Nr. 70). Die schwerfälligeren Formen der Kapitalis auf einer Glocke von 1521 (Nr. 112) haben keilförmig verbreiterte Schaft-, Balken- und Bogenenden.

Besondere Schriftmerkmale, die erstmals mit der Frühhumanistischen Kapitalis aufgetreten waren, werden noch bis zur Mitte des 16. Jh. tradiert: So berühren in einzelnen Inschriften das zur Mitte des Schafts geführte Bogenende des B (Nr. 84, 156) und P (Nr. 120) sowie das untere Bogenende und die Cauda des R (Nr. 93, 148, 156) den Schaft nicht; der untere Balken des E und der Balken des L ist an seinem Ende hakenförmig gebogen (Nr. 120, 131, 140). Bis zur Jahrhundertmitte werden mehrfach Enklaven gebildet (Nr. 130, 140, 156). Andere charakteristische Schriftdetails, wie z. B. die weit ausgestellte, steil abfallende und dabei kräftig geschwungene Cauda des R, tauchen bis zum Ende des Bearbeitungszeitraums immer wieder auf oder treten in der zweiten Hälfte des 16. Jh. hinzu, wie die getrennte Verknüpfung von Cauda und Bogen mit dem Schaft des R (Nr. 247, 248, 269, 273, 354, 396). Im 17. Jh. schwingt die Cauda des R unter die Grundlinie aus (Nr. 340, 370, 421B, 506, 507). Erst gegen Ende des Bearbeitungszeitraums erscheint häufiger das runde U und verändert das Schriftbild nachhaltig (Nr. 491, 506, 507, 510, 525).

Seit der Mitte des 16. Jh. behalten die Buchstaben der Kapitalis ihre den antiken Schriften entlehnten Grundformen, werden aber entsprechend dem Material und der Ausführungstechnik vielfach variiert. Allerdings sind die paläographischen Unterschiede bei der Kapitalis weniger bedeutsam als etwa bei der Gotischen Minuskel, zumal auch Inschriften auf Goldschmiedearbeiten durchgängig linear graviert sind und ihr Erscheinungsbild den in Stein mit schmaler Kerbe eingehauenen Inschriften nicht unähnlich ist. Die Schriftvarianten ermöglichen es, die Werke einzelner Bildhauer einzugrenzen (Nr. 119, 120, 247, 248, 258).

6.4. Fraktur und Humanistische Minuskel

Die beiden vermutlich ältesten Inschriften in Fraktur sind nur fragmentarisch überliefert (Nr. 180) bzw. kopial bezeugt (Nr. 186); ihre Datierung in die Jahre um 1560/65 ist unsicher, obwohl in dieser Zeit die Fraktur als epigraphische Schrift in Mitteldeutschland Eingang fand. Danach sind bis zum Ende des 16. Jh. keine Frakturinschriften original erhalten. Die eindeutige Bevorzugung der Kapitalis für Monumentalinschriften in der zweiten Hälfte des 16. Jh. wird vor allem dann offensichtlich, wenn man sich [Druckseite LV] vor Augen hält, daß sämtliche zwischen 1557 und 1590 entstandenen baugebundenen Inschriften des Stadtgottesackers in Kapitalis ausgeführt sind (Anhang 1). Durch die Auswertung der im Laufe des 16. Jh. dichter werdenden kopialen Überlieferung wird die Menge der Kapitalisinschriften weiter erhöht, weil gelegentlich mit guter Begründung eine Ausführung der Inschrift in Kapitalis erschlossen, niemals aber eine Ausführung in Fraktur wahrscheinlich gemacht werden kann. Wenn der Kopist eine Inschrift in Kleinbuchstaben wiedergibt, so kann ihm doch eine in Großbuchstaben vorgelegen haben (vgl. Nr. 357). Erst 1598/99 setzt mit einer in Stein gehauenen (Nr. 306) und einer gemalten Inschrift (Nr. 310) eine kontinuierliche Überlieferung von Originalinschriften ein, deren Anzahl zunächst weit hinter der originaler Kapitalisinschriften zurückbleibt. Erst im zweiten Viertel des 17. Jh. stellt sich zwischen beiden Schriftformen ein ausgewogenes Verhältnis ein.

Als Schriftform für deutschsprachige Texte konkurrierte die Fraktur nur bedingt mit der Kapitalis, was sicherlich ein Grund für ihre zunächst seltene Verwendung war. Selbst an Inschriftenträgern mit deutschen Texten in Fraktur finden sich weitere deutsche Texte in Kapitalis (Nr. 306, 521). Außerdem treten immer wieder Inschriften mit einzelnen Buchstaben oder Worten auf, die in Kapitalis ausgeführt wurden (Nr. 318, 430, 432, 456, 484, 487). Durchaus typisch ist hingegen die Anbringung deutscher Texte in Fraktur neben lateinischen in Kapitalis (Nr. 306, 455, 486, 491, 507).

Die erhaltenen originalen Frakturinschriften sind in Stein gehauen und gemalt. Sie weisen die typischen Buchstabenformen auf; in der Regel sind nur Versalien mit Zierstrichen und Zierschleifen geschmückt.

Die Humanistische Minuskel erscheint nur viermal, in allen Fällen zusammen mit anderen Schriftformen (Nr. 211, 278, 430, 454). Der gesamte Bestand ist durch das einstöckige a gekennzeichnet. Die größte Inschrift ist kursiv in Stein gehauen (Nr. 454); die Bögen ihrer Buchstaben sind so stark gekrümmt, daß sie gebrochen wirken. Die Buchstaben f und Schaft-s derselben Inschrift weisen leicht gebogene Unterlängen auf.

6.5 Zeitliche Verteilung der Schriftformen

In die Tabelle sind aufgenommen alle erhaltenen und auf Abbildungen überlieferten Inschriften sowie die verlorenen, deren Schriftform aus der Überlieferung zu erschließen ist. Inschriftenträger, auf denen sich Texte in verschiedenen Schriftformen befinden, wurden mehrfach gezählt, wobei Versalien keine Berücksichtigung fanden. Die durchweg in Kapitalis ausgeführten, bauzeitlichen und baugebundenen Inschriften des Stadtgottesackers wurden bis auf eine Ausnahme (hebräische Schriftzeichen) nur einmal gezählt.

  – 1200 – 1300 – 1400 – 1500 – 1550 – 1600 – 1650
Romanische Majuskel 2 1 (?)          
Gotische Majuskel   2 7 3      
Gotische Minuskel     2 49 19    
Frühhumanistische Kapitalis       2 7    
Kapitalis         29 69 53
Humanistische Minuskel             1 (?)
Fraktur           6 21
griechische/hebräische Schriftzeichen       2 1 8 3
  1. Zum Erscheinungsbild der in diesem und den folgenden Abschnitten behandelten Schrift- und Buchstabenformen s. Terminologie 1999. »
  2. Die unter Nr. 22A edierte Inschrift könnte aber auch später entstanden sein. »
  3. Zwei Inschriften der Gotischen Minuskel sind nicht sicher datierbar (Nr. 142, 222). »