Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale

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Vorwort

„So ist auch diese Halygraphia abgefasset worden, viel denckwürdige Antiqviteten, Monumenta und Inscriptiones, so [...] mit der Zeit aber sich verlieren, vergehen und ruiniret werden, von ihrem Untergang nach Möglichkeit zu retten und ders[selben] Liebhabern, ja den Vorfahren Theils zu Ehren, den Nachkommen zum nachrichtlichen Andencken dieselben vorzustellen“, schrieb der Superintendent Gottfried Olearius im Vorwort seiner 1667 erschienenen historisch-topographischen Beschreibung von Halle. Nichts anderes könnte im Vorwort des vorliegenden Buches stehen, denn nach den die Stadt grundlegend verändernden, von Kriegszerstörungen begleiteten Umwälzungen der vergangenen Jahrhunderte ist es notwendiger denn je, Geschichtszeugnisse, insbesondere epigraphische Denkmale vor Vergessen und Verlust zu bewahren. Den Inschriften wird nicht mehr jene Aufmerksamkeit zuteil, die ihnen früher geschenkt wurde, weil sie entweder aus dem öffentlichen Raum oder von anderen gut zugänglichen Orten entfernt wurden oder ihre Schrift, ihre Sprache und ihr Anliegen nicht mehr allgemein verständlich sind. Die mehr oder minder verborgenen, die musealisierten und die nur noch in Abschriften überlieferten historischen Inschriften wieder zugänglich und dem Leser verständlich zu machen, ist das Anliegen dieses Buches.

Bei der Erfassung der hallischen Inschriften sind die Werke des Gottfried Olearius und anderer Autoren, die Inschriften aufgezeichnet haben, wichtige Quellen gewesen. Darüber hinaus ist es gelungen, außer den original erhaltenen und zum Teil schon veröffentlichten Inschriften unbekannte und unpublizierte aufzunehmen und in 80 Katalogartikeln zu edieren. Die reiche epigraphische Überlieferung konnte jedoch nur mit Hilfe von Fachkollegen und anderen Kennern der Stadtgeschichte wiederentdeckt werden, denen ich herzlich danken möchte. An erster Stelle stehen die Mitarbeiter der öffentlichen Einrichtungen, die mit der Pflege von Bau- und Kunstdenkmalen betraut sind. Die Direktorin des Museums Moritzburg, Frau Dr. Katja Schneider, die Museumskustoden Dipl. phil. Cornelia Wieg, Dipl. phil. Wolfgang Büche und Dipl.-Museologe Ulf Dräger sowie der Leiter des Stadtarchivs und des Stadtmuseums, Ralf Jacob M. A., und der Mitarbeiter des Stadtmuseums Dipl. phil. Ralf Rodewald gewährten Zugang zu den ihnen anvertrauten Sammlungen und unterstützten tatkräftig meine Arbeit. Die Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie, insbesondere Dipl. phil. Barbara Pregla, Christine Köhler und die Fotografen Gunnar Preuß und Reinhard Ulbrich sowie der Mitarbeiter des Amtes für Bauordnung und Denkmalschutz der Stadt Halle Dipl.-Ing. Andreas Rühl haben dem Bearbeiter mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Ihnen und allen anderen Mitarbeitern des Öffentlichen Dienstes, die bereitwillig die Inschriftenerfassung unterstützten, sei mein herzlicher Dank ausgesprochen.

Der große Bestand an Inschriftenträgern in der ev. Marktkirche Unser Lieben Frauen und der Marktkirchengemeinde hätte nicht ohne die Hilfe der Pfarrerin Dr. Sabine Kramer und der Gemeindemitarbeiter Gabriele Rosenthal und Manfred Kranke erschlossen werden können. Eine unkomplizierte Nutzung der Bestände der Marienbibliothek ermöglichten die ehemaligen Bibliotheksleiter Dipl.-Ökon. Karsten Eisenmenger und Shirley Brückner M. A. sowie die heutige Leiterin, Anke Fiebiger M. A. Ihnen und allen anderen kirchlichen Mitarbeitern sowie den Mitgliedern der städtischen Kirchengemeinden, die sich für mein Anliegen Zeit nahmen, sei herzlich gedankt.

Wichtige Hinweise zu epigraphischen Denkmalen sind Dr. Hans-Joachim Krause, Leipzig, und den hallischen Denkmalfreunden Christian Feigl, Dipl. phil. Henryk Löhr und dem Altphilologen Ulrich Richter zu verdanken. Zur Klärung spezieller Probleme trugen Dr. Ruth Slenczka, Berlin/Glienicke, Dr. Olaf Karlson und der versierte hallische Hausforscher Dipl.-Ing. Peter Breitkopf bei, wofür ihnen mein Dank gebührt. Prof. Dr. Klaus Krüger gelang es, die Teilnehmer eines Seminars an der hallischen Universität für die Epigraphik zu begeistern und mit ihnen eine Inschriftenerfassung auf dem Stadtgottesacker von Halle durchzuführen. Ich danke ihm dafür, daß ich an der produktiven Atmosphäre des Seminars teilhaben und die Arbeiten der Seminarteilnehmer nutzen durfte.

Wertvolle Unterstützung bei der Übersetzung lateinischer und griechischer Texte verdanke ich meinen Kollegen aus den Partnerarbeitsstellen der Akademien der Wissenschaften PD Dr. habil. Michael Oberweis, Mainz, und Dr. Ilas Bartusch, Heidelberg. Bei hebräischen Texten half dankenswerterweise Jens Kotjatko-Reeb M. A., wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität in Halle, aus.

Mein besonderer Dank geht an meine Kollegen in Halle, Dr. Hans Fuhrmann, Marion Gronemann, Dr. phil. habil. Frank-Bernhard Müller und Dr. Cornelia Neustadt, die mit unermüdlichem Engagement den Katalog durchgesehen, Korrektur gelesen und mit hilfreicher Kritik und gutem Rat an der Fertigstellung des Inschriftenbandes mitgewirkt haben. Hans Fuhrmann und Marion Gronemann nahmen [Druckseite VIII] zudem die Mühe der Registererstellung auf sich. Mein Dank gilt auch Dr. Andrea Thiele, die den historischen Teil der Einleitung durchsah, sowie Katja Pürschel M. A., Thomas Rastig M. A. und Sarah Nickelsen B. A., die bereit waren, nochmals Korrektur zu lesen. Für ihre Beiträge zum vorliegenden Buch danke ich dem Fotografen Markus Scholz und der Grafikerin Renate Brömme, die die Steinmetzzeichen und Marken zeichnete. Satz und Herstellung des Bandes übernahm unsere Leipziger Kollegin Dipl.-Ing. Barbara Zwiener, wofür auch ihr herzlich gedankt sei.

Der Bearbeiter des Bandes ist wie alle anderen Mitarbeiter der hallischen Arbeitsstelle nicht zuletzt den Professoren Dr. Dr. h. c. Ernst Schubert und Dr. Walter Zöllner zu großem Dank verpflichtet. Ernst Schubert hatte in den 1950er Jahren mit der Erfassung der Inschriften Mitteldeutschlands begonnen und nach politisch bedingtem, jahrzehntelangem Stillstand 1996 die Wiederaufnahme der Arbeiten angeregt. Als Vorsitzender der Inschriftenkommission der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig förderte er die epigraphische Forschung in umsichtiger Weise. Walter Zöllner hat der Inschriftenkommission seit ihrer Gründung angehört und zuletzt als Projektleiter das Forschungsvorhaben vorangetrieben. In Würdigung ihrer Verdienste sei der Band über die Inschriften der Stadt Halle dem Andenken der Hallenser Ernst Schubert (1927–2012) und Walter Zöllner (1932–2011) gewidmet.

Halle an der Saale, im September 2012 Franz Jäger

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1. Vorbemerkungen und Benutzungshinweise

Der vorliegende Band enthält die innerhalb der heute geltenden Stadtgrenze von Halle an der Saale original erhaltenen und die für dasselbe Gebiet kopial überlieferten Inschriften. Aufgenommen wurden alle Inschriften mit ihren Trägern, die sich am Ende des Bearbeitungszeitraums 1650 im Bearbeitungsgebiet befanden oder bis zu diesem Zeitpunkt dahin verbracht worden waren. Die Edition schließt jene Inschriften aus, die Gegenstand der Spezialdisziplinen Sphragistik und Numismatik bzw. der Einbandkunde sind. Ausgeschlossen blieben auch Inschriften aus dem jüdischen Kulturkreis sowie Runen, Steinmetz- und Meisterzeichen, Hausmarken, Goldschmiede- und Beschauzeichen, wenn sie nicht in einer Beziehung zu Inschriften stehen.

Die Inschriften der Stadt Halle an der Saale wurden nach den Richtlinien der Interakademischen Kommission für die Herausgabe der Deutschen Inschriften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit bearbeitet. Der Katalog der Inschriften ist chronologisch aufgebaut. Bei gleicher Entstehungszeit wurde nach Standorten geordnet, wobei die Inschriften an und in städtischen Sakralbauten an erster Stelle und die Inschriften in den eingemeindeten Orten am Ende stehen. Die Katalogartikel beginnen mit einer Kopfzeile, die nach folgendem Schema gegliedert ist:

42 † In der Kopfzeile steht links die fortlaufende Katalognummer. Ein Kreuz neben der Katalognummer zeigt an, daß der Inschriftenträger mit Inschrift verloren ist.
53 (†) Das Kreuz ist in Klammern gesetzt, wenn der originale Inschriftenträger erhalten, die originale Inschrift oder ein erheblicher Teil derselben aber verloren ist.
Schulkirche † In der Mitte der Kopfzeile ist der letzte feststellbare Standort des Inschriftenträgers angegeben. Ein Kreuz neben dem Standort bedeutet, daß dieser verschwunden ist.
1460 In der Kopfzeile steht rechts die Datierung der Inschrift. Sie ist entweder der Inschrift entnommen oder aus Quellen und Literatur erschlossen. Bei Grabinschriften wird von einer Herstellung im Todesjahr ausgegangen, wenn kein Hinweis auf eine andere Datierung vorliegt. Entstanden die Inschriften eines Trägers zu unterschiedlichen Zeiten, so werden die Entstehungszeiten in chronologischer Reihenfolge durch Kommata getrennt wiedergegeben. Die Datierung einer jüngeren Inschrift wird zusätzlich mit einer nichtnummerierten Kopfzeile im Katalog vermerkt, die auf den Katalogartikel mit der Textedition verweist. Die Entstehungszeit undatierter Inschriften wurde durch paläographische Untersuchungen, durch Heranziehung historischer Zeugnisse und mit Hilfe stilistischer Merkmale des Inschriftenträgers bestimmt. Inschriftenträger, die über einen mehrjährigen, genau bekannten Zeitraum entstanden sind, werden an den Anfang dieses Zeitraums gesetzt. Undatierte Inschriften aber, für die nur ein Entstehungszeitraum von mehreren Jahren oder Jahrzehnten erschlossen werden konnte, werden an das Ende dieses Zeitraums plaziert.
(1470) Exakte Datierungen, die nicht den Inschriften selbst, sondern anderer Überlieferung entnommen wurden, sind in Klammern gesetzt.

Unsichere Angaben zur Erhaltung von Inschriftenträger oder Inschrift, zum Standort und zur Datierung sind stets mit einem Fragezeichen kenntlich gemacht.

Der auf die Kopfzeile folgende Abschnitt beginnt mit der Benennung des Inschriftenträgers. Es folgen Angaben zur Textsorte der Inschrift, zum Material des Inschriftenträgers, zu Gestaltung und Ikonographie, zur Position der Inschrift auf dem Träger, zur technischen Ausführung der Inschrift und zum Erhaltungszustand. Die Beschreibung erfolgt vom Blickpunkt des Betrachters aus; bei Wappenbeschreibungen ist es umgekehrt. Bei nicht-originaler Überlieferung wird am Ende des Abschnitts die für die Edition maßgebliche Text- oder Bildquelle genannt.

Vor die Edition ist eine Zeile mit den Maßen des Inschriftenträgers, der Buchstabenhöhe und der Schriftbezeichnung eingeschoben. Es sind generell nur die maximalen Abmessungen in Höhe (H.) und Breite (B.) angegeben.1) Die Buchstabenhöhe (Bu.) wurde, wenn möglich, am klein- oder großgeschriebenen N gemessen. Die Edition umfaßt i. d. R. alle an einem Träger befindlichen Inschriften. Kopial überlieferte Inschriften werden in der vom Kopisten gewählten Schreibung übernommen, wenn Originalbefunde nicht eine andere Verfahrensweise empfehlen. Für die Inschriftenedition gilt:

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A † Mehrere Inschriften an einem Träger werden durch Großbuchstaben in alphabetischer Reihenfolge unterschieden. Ein Kreuz hinter einem Buchstaben kennzeichnet eine nicht-original überlieferte Inschrift innerhalb eines Katalogartikels, der auch original erhaltene Inschriften enthält.
+ ∙ Worttrenner sind durch Punkte gekennzeichnet. Interpunktionszeichen werden beibehalten, Invokationskreuze als solche wiedergegeben.
/ Ein Schrägstrich markiert den Zeilenumbruch oder die Brechung eines Schriftbandes auf dem Inschriftenträger. Die Texte werden fortlaufend wiedergegeben, nur metrische und gereimte Inschriften versweise ediert.
// Doppelte Schrägstriche markieren eine Unterbrechung der Schriftzeile oder die Fortsetzung der Inschrift auf einem neuen Schriftfeld.
HK Unter die Buchstaben gesetzte Striche kennzeichnen einen Nexus Litterarum. Andere Buchstabenverbindungen werden in den Anmerkungen erläutert.
= Ein Trennungszeichen ist durch einen Doppelstrich wiedergegeben.
(DE) Abkürzungen werden unter Auslassung des Kürzungszeichens in runden Klammern aufgelöst.
[...] Eckige Klammern machen Textverlust, nicht mehr lesbare Textstellen, Konjekturen des Bearbeiters und Ergänzungen aus nicht-originaler Überliegerung kenntlich. Ist eine Ergänzung des Textes nicht möglich, die Anzahl der zu ergänzenden Buchstaben aber feststellbar, dann steht in den eckigen Klammern für jeden verlorenen Buchstaben und jede verlorene Ziffer ein Punkt.
[– – –] Ist der Umfang des Textverlustes nicht mehr feststellbar, werden drei Striche in eckige Klammern gesetzt.
⟨...⟩ Bei der Herstellung der Inschrift absichtlich freigelassene Stellen – etwa für später nachzutragende Sterbedaten – sind durch spitze Klammern hervorgehoben, die entweder Punkte oder Striche mit der für eckige Klammern beschriebenen Bedeutung oder den tatsächlich vorliegenden Text enthalten.
Änderung in der Onlineversion

Nicht Bögen, sondern Striche unter der Zeile (Unterstreichungen) bezeichnen Buchstabenligaturen.

Die Inschriften werden soweit wie möglich buchstabengetreu wiedergegeben. Kürzungen werden bis auf eine Ausnahme grundsätzlich aufgelöst, sofern eine Lesart gefunden wurde. Die Ausnahme betrifft die inschriftlich angegebenen Bibelstellen, deren beabsichtigte Schreibung insbesondere bei deutschsprachigen Inschriften nicht bekannt ist. Die Auflösung des Namens Jesu im Kreuztitulus wird in der Form IHESVS vereinheitlicht, so wie es in der Mehrzahl aller Fälle, in denen das Nomen sacrum ausgeschrieben wurde, überliefert ist. Der hebräische Gottesname wurde ohne Vokalisation transkribiert.

Der Edition folgt eine Übersetzung fremdsprachiger Texte, die Benennung des Versmaßes oder des Reimes, die Auflösung des Datums, wenn es in der Inschrift nach dem römischen Kalender oder dem kirchlichen Festkalender angegeben ist,2) und die Benennung der am Inschriftenträger befindlichen Wappen. Eine Übersetzung der in einigen Inschriften einzeln auftretenden Worte sanctus, heilig, und anno domini, im Jahr des Herrn, erschien wegen ihrer Häufigkeit und Geläufigkeit nicht notwendig. Namen sind behutsam modernisiert und in der Schreibung vereinheitlicht. In der Wappenzeile werden die Wappenträger ihrer Anordnung am Inschriftenträger entsprechend angeordnet. In der Literatur nicht nachweisbare Wappen werden in den Anmerkungen blasoniert.

Der Kommentarteil enthält Erläuterungen zum paläographischen Befund, zu philologischen Besonderheiten, zum prosopographischen, historischen und theologischen Hintergrund und zur kunsthistorischen Einordnung des Inschriftenträgers. Die Schriftbeschreibung orientiert sich an der „Terminologie zur Schriftbeschreibung“.3)

Der Anmerkungsapparat ist in Buchstaben- und Ziffernanmerkungen unterteilt. Die Buchstabenanmerkungen enthalten Textvarianten der Parallelüberlieferung, paläographische und orthographische Besonderheiten und Hinweise auf unsichere Lesarten. Die betreffenden Textstellen sind zumeist angegeben. Fehlen sie, dann beziehen sich die Buchstabenanmerkungen auf den gesamten voranstehenden Text der Inschrift. Die Ziffernanmerkungen umfassen Zitat- und Literaturnachweise sowie ergänzende Bemerkungen zum Kommentar.

Das Literatur- und Quellenverzeichnis am Ende der Katalognummer nennt die wichtigste Überlieferung des Inschrifttextes in chronologischer Reihenfolge, wobei Archivalien voranstehen.

  1. Die Höhe der Glocken wurde ohne Krone gemessen. »
  2. In Halle galt im Bearbeitungszeitraum der Julianische Kalender, der Kalender „alten Stils“. »
  3. Vgl. Terminologie 1999. »