Die Inschriften des Landkreises Schaumburg

8. Schriftarten und Werkstätten

8.1 Romanische und gotische Majuskel

Die romanische Majuskel ist gekennzeichnet durch ein wesentlich von Formen der Kapitalis bestimmtes Schriftbild, in das zusätzlich runde Formen, vor allem aus der Unzialis, aufgenommen werden.189) Sie wird im Allgemeinen um die Mitte des 13. Jahrhunderts von der gotischen Majuskel abgelöst. Bei der gotischen Majuskel handelt es sich um eine Mischmajuskel aus kapitalen und runden Formen mit einem zunehmenden Anteil runder Formen, worin sich die Entwicklungslinien der romanischen Majuskel fortsetzen. Charakteristisch sind Bogenschwellungen sowie keilförmige Verbreiterungen an den Enden von Schäften, Balken und Bögen. Hinzu kommt eine Tendenz zur Vergrößerung der Sporen an Schaft-, Balken- und Bogenenden, die insbesondere bei E und C zusammenwachsen und damit den Buchstaben vollständig abschließen können. Als Textschrift wird sie um die Mitte des 14. Jahrhunderts von der gotischen Minuskel abgelöst, nach 1400 wird sie normalerweise nur noch für Versalien und besondere Zierschriften verwendet.

Im vorliegenden Inschriftenbestand finden sich lediglich zwei in Stein gehauene Beispiele, die der Schriftform der romanischen Majuskel entsprechen (Nr. 1 u. Abb. 73). Beide Inschriften weisen nur einen geringen Buchstabenbestand auf. Sie sind auf dem Fragment einer nicht näher datierten Tumbendeckplatte angebracht und konnten aufgrund ihrer Schriftmerkmale in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts eingeordnet werden: Die eine Inschrift weist weit offene C und unziale E auf, wobei das E ausgeprägte Sporen erkennen lässt. Die andere Inschrift zeigt einen etwas anderen Duktus: Das C ist nicht ausgeprägt weit offen, an runden Formen sind N und T zu verzeichnen. Den Übergang zur gotischen Majuskel markiert eine mit feinem Strich in Stein gehauene, ebenfalls undatierte Inschrift (Nr. 2 u. Abb. 77). Das geschlossene unziale E steht mit der kapitalen Form im Wechsel, ebenso das links geschlossene unziale M mit dem Kapitalis-M. Bedingt durch die feinstrichige Ausführung ist das für die gotische Majuskel charakteristische Prinzip der flächigen Ausführung des Buchstabenkörpers nicht besonders ausgeprägt, gleichwohl sind Bogenverstärkungen beim B, dem runden E und O zu erkennen. Die Tendenz zur Ausrundung ist vor allem beim B zu beobachten, dessen Bögen stark gerundet am Schaft ansetzen.

Das früheste Beispiel einer in Stein gehauenen gotischen Majuskel (Nr. 4 u. Abb. 76) zeigt diese Schriftform zwar bereits mit geschlossenen E und C, ein Wechsel zwischen eckigen und runden Formen ist aber aufgrund des geringen Buchstabenbefunds ebenso wenig zu erkennen wie eine Tendenz zur Flächigkeit der Buchstabenkörper. Der früheste datierte Beleg stammt von einer 1358 entstandenen Grabplatte aus Lauenhagen (Nr. 9 u. Abb. 83). Die mit feinem Strich eingehauene Schrift ist gekennzeichnet durch ein ausgeprägtes Nebeneinander von kapitalen und runden Formen sowie eine Vielzahl von Zierelementen, die den Eindruck von Variation noch verstärken. Insgesamt dominieren die runden Formen, abgeschlossen sind E und C sowie das unziale M und das runde U. Eine gewisse Flächigkeit des Buchstabenkörpers wird durch Bogenschwellungen und keilförmige Verbreiterungen der Schaftenden erreicht. Das Phänomen der Abschlussstriche an eckig-spitzen Formen ist an einem M auf einem Zierstein in Obernkirchen zu beobachten, dessen am oberen Ende der Schäfte angebrachte Sporen zu einem Abschlussstrich verbunden sind (Nr. 11 u. Abb. 79).

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Drei sehr qualitätvolle gotische Majuskeln sind von Glocken überliefert: Die älteste, wahrscheinlich noch ins 13. Jahrhundert zu datierende ist nur noch in einer Zeichnung bekannt, aus der hervorgeht, dass die Inschrift spiegelverkehrt ausgeführt war (Nr. 5 u. Abb. 78). Die jüngere, 1369 entstandene Glocke (Nr. 12 u. Abb. 80/81) zeigt zwar eckige und runde Buchstaben, aber sie sind jeweils entweder nur in runder oder nur in eckig-spitzer Form vertreten. Die flächigen Elemente wie Bogenschwellungen und keilförmige Enden der Buchstaben sind durch doppelte Kontur angedeutet. Die auf der dritten, aus Meerbeck stammenden Glocke (Nr. 20 u. Abb. 82) angebrachten Buchstaben zeigen an den Enden eher asymmetrische tropfenförmige Verdickungen und wirken im Gesamtbild wenig durchgeformt. Ihre Zierformen wie Blättchen, Binnenstriche und Dreipässe an den Bogenenden lassen aber das Vorbild von Auszeichnungsschriften in älteren Handschriften durchscheinen. Dank auffälliger Gemeinsamkeiten in den Buchstabenformen mit zwei weiteren Glocken in Lemgo und Brake konnte diese ehemals Meerbecker Glocke einem Meister GEREKE zugeordnet werden. Eine frühestens 1340 entstandene Deckenmalerei ist mit Beischriften in einer ausgeprägt ornamentalen gotischen Majuskel versehen. An ihr fallen insbesondere Zierstriche auf, die einzelne Elemente der Buchstaben (Bögen und Balken) begleiten (Nr. 6). Das späteste Beispiel für die gotische Majuskel sind die sechs Zierbuchstaben IHESVS auf dem Nodus eines Kelchs aus der Zeit um 1400 (Nr. 25).

8.2 Gotische Minuskel

Die gotische Minuskel entspricht im Idealfall der Textualis der Buchschrift, aus der sie in die epigraphischen Schriften übernommen wurde. Kennzeichen dieses Schrifttyps ist die Brechung der Schäfte und Bögen. Die im Mittelband stehenden Schäfte (z. B. von i, m, n, u, v etc.) werden an der Oberlinie des Mittelbands und an der Grundlinie gebrochen, die Bögen durch stumpfwinklige Brechung oder spitzwinkliges Abknicken in senkrechte und schräge Bestandteile umgeformt. Die Umformung der Bögen in schräge und parallel ausgerichtete senkrechte Elemente gibt der Schrift einen von der Vertikalen dominierten, gleichförmigen Charakter, der in vielen Fällen den Eindruck einer gitterartigen Buchstabenfolge vermittelt. Typische Formen sind d mit nach links abgeknicktem Schaft und zweistöckiges a. In späten Belegen tritt auch kastenförmiges a auf (vgl. Nr. 53, 61, 62 u. ö.).

Im niedersächsischen Raum setzt die gotische Minuskel um die Mitte des 14. Jahrhunderts ein190) und ist bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts im Gebrauch. Das früheste Beispiel aus dem Landkreis Schaumburg bietet eine Bauinschrift an der Obernkirchener Stiftskirche aus dem Jahr 1355 (Nr. 8). Es folgen drei Grabplatten an der Stadthäger St. Martini-Kirche aus dem letzten Drittel des 14. Jahrhunderts, ferner eine farbig gefasste hölzerne Schnitzfigur mit aufgemalter Inschrift auf einem Spruchband; sie ist undatiert, gehört aber wohl ins dritte Viertel des 14. Jahrhunderts. Bereits in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts überwiegen im Landkreis Schaumburg die Inschriften in gotischer Minuskel diejenigen in gotischer Majuskel. Die gotische Minuskel bleibt dominierend bis etwa 1530, und noch bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts gibt es zahlreiche Belege. Einzelbeispiele sind bis etwa 1580 zu finden, zuletzt hauptsächlich in Holz. Auch über 1580 hinaus treten einzelne Formen der gotischen Minuskel in Frakturinschriften auf (Nr. 294 u. Abb. 15, Nr. 332 u. Abb. 250).

Insgesamt sind aus dem Erfassungszeitraum rund 150 Inschriften in gotischer Minuskel erhalten oder zeichnerisch bzw. fotografisch überliefert, davon mehr als 90 auf Stein. Der weitaus überwiegende Teil dieser Steininschriften ist – wie es in norddeutschen Inschriftenbeständen der Normalfall ist – erhaben ausgehauen. Sie entsprechen zumeist dem üblichen Formenrepertoire der Schrift, auch wenn von den buchschriftlichen Vorlagen nicht immer alle Merkmale gleichermaßen übernommen wurden und die Qualität der Ausführung schwankt. Bei einigen frühen Belegen stehen die [Druckseite 50] Buchstaben nicht in dem für Minuskeln üblichen Vierlinienschema, sondern, wie für Großbuchstabenschriften charakteristisch, im Zweilinienschema, d. h. die Ober- und Unterlängen ragen nicht191) oder nur wenig über das Mittelband hinaus.192) Allerdings ist dieses Phänomen vereinzelt auch bei späten Belegen anzutreffen, etwa auf der Grabplatte für die im Jahr 1533 verstorbene Alheit von Münchhausen (Nr. 145 u. Abb. 176). Zwei frühe Minuskel-Inschriften im vorliegenden Bestand sind ferner dadurch charakterisiert, dass an einigen Buchstaben die Brechungen fehlen. Bei der Obernkirchener Bauinschrift aus dem Jahr 1355 (Nr. 8 u. Abb. 75) betrifft dies o und y, bei einer fragmentarisch erhaltenen Grabplatte in Bergkirchen, die aufgrund der Schriftmerkmale und der Wappendarstellung im Innenfeld ebenfalls der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zugewiesen werden kann, fehlen bei b, o und u die Brechungen an der Grundlinie (Nr. 19 u. Abb. 90). Ebenfalls ein Merkmal einer frühen gotischen Minuskel in Inschriften ist ein schräggestellter linker Schaft bei w und v;193) auch hierin liegt eine Abweichung von der idealtypischen Form.

Einige sehr qualitätvoll ausgeführte Beispiele für die gotische Minuskel in Stein sind für das Stift Möllenbeck zu verzeichnen, sowohl in erhabener als auch in vertiefter Form. Die eingehauenen Buchstaben auf der Ende des 15. Jahrhunderts entstandenen Grabplatte für Conrad Repeller (Nr. 54 u. Abb. 102) fügen sich in ein Vierlinienschema, zeigen Zierstriche und -häkchen an den Unterlängen und an der zum Quadrangel reduzierten Fahne des r. Hinzuweisen ist auch auf ein Fragment aus dem Jahr 1479, das aufgrund der in der Inschrift verwendeten Kürzungszeichen wie beispielsweise cc-a eine Vertrautheit mit buchschriftlichen Formen erkennen lässt (Nr. 43). Ähnliches gilt für die Inschrift an einem Türsturz der Kirche in Deckbergen aus dem Jahr 1500 (Nr. 61 u. Abb. 107). Ein Merkmal, das zwar nicht den kanonischen Formen der Textualis entspricht, aber dennoch von einem bewussten Gestaltungswillen zeugt und häufig in besonders sorgfältig gehauenen Minuskelinschriften begegnet, ist der Verzicht auf Brechungen an den oberen Schaftenden des u oder zumindest am rechten der beiden Schäfte. Er bezweckt eine leichtere Unterscheidbarkeit des u von n und somit insgesamt eine bessere Lesbarkeit. Beispiele dafür finden sich am und im Möllenbecker Stiftsgebäude,194) aber auch andernorts und auch auf anderen Materialien als Stein.195) Auf einem am Hattendorfer Altarstipes sekundär vermauerten Stein endet analog dazu der rechte Schaft des w (zur Unterscheidung von m) oben stumpf (Nr. 103). Das Stift Möllenbeck birgt jedoch vor allem einige herausragende Beispiele für eine in Stein ausgeführte Bandminuskel, die durch ihre Plastizität den Eindruck erweckt, als bestünden die Buchstaben aus gefalteten und umgeknickten Bändern. Diese Art der Schriftausführung ist sonst vor allem auf Goldschmiedearbeiten verbreitet. In Möllenbeck ist sie auf den Schlusssteinen des Kreuzgangs und der Stiftskirche sowie auf Ziersteinen an den Außenmauern des Gebäudekomplexes zu beobachten; auf die dort meist in abgekürzter Form angebrachten nomina sacra wurde besondere Sorgfalt verwendet. An einzelnen Stellen scheint das Band durch andere Buchstabenteile hindurchgesteckt, etwa der Kürzungsstrich durch den Schaft des h oder die beiden Bogenabschnitte der schlingenförmigen 4. Beim runden s durchbohrt ein Diagonalstrich in Form eines Dolchs den Mittelteil des s, die Bogenenden schlingen sich bandartig um den Dolch (Nr. 53 u. Abb. 119–126). An einigen Stellen ist die Oberfläche der erhaben gearbeiteten Schäfte nicht plan, sondern weist einen längs verlaufenden Knick auf, der eine Schattenwirkung erzeugt.196) Hinzu kommt eine Vielzahl weiterer Zierelemente, z. B. Zackenreihen oder rankenartige Zierstriche.

In der Zeit nach 1500 stehen einige eher unregelmäßig gehauene Inschriften (Nr. 86, 98, 114, 145, 154 u. 180) einer ganzen Reihe von sehr sorgfältig gestalteten gotischen Minuskeln gegenüber (z. B. Nr. 93, 101, 121, 136, 138 u. 167). Besonders auf den Mindener Bildhauer Jasper Robin ist hier hinzuweisen, dessen Steinmetzarbeiten im Landkreis Schaumburg in den Jahren 1527 bis 1559 nachweisbar sind. Da er neben der gotischen Minuskel auch eine frühhumanistische Kapitalis [Druckseite 51] verwendet hat, ist ihm in Kapitel 8.3 ein eigener Exkurs gewidmet. Im 16. Jahrhundert hielt die gotische Minuskel auch Einzug in die Hausinschriften an Fachwerkbauten. Da die ausnahmslos erhaben geschnitzten Inschriften jedoch in aller Regel durch Verwitterung und wiederholte Restaurierungen stark überformt sind, lassen sich aus ihnen kaum schriftgeschichtliche Aussagen gewinnen.197)

Eine weitere Gattung von Inschriftenträgern, auf denen die gotische Minuskel lange Zeit dominierend bleibt, sind die Glocken. Die 15 Belege für ausschließlich erhaben gegossene Inschriften in gotischer Minuskel erstrecken sich im Landkreis Schaumburg auf die Jahre 1397 bis 1561. Die älteste Glocke in Bad Nenndorf (Nr. 18 u. Abb. 96) entstand in der Werkstatt der niederländischen Gießer Joris und Gillis van Haerlebeke. Ihre Schrift ist durch eine Vielzahl von Zierhäkchen an den Balken- und Bogenenden gekennzeichnet, als Worttrenner werden Rosetten verwendet. Deutlich weniger manieriert sind die Buchstabenformen des Hildesheimer Gießers Hans Meiger, der mit drei Glocken aus den Jahren 1434 bis 1448 vertreten ist.198) Für seine Buchstaben, die nur wenig über das Mittelband hinausragen, sind folgende Merkmale charakteristisch: Beim p durchschneidet der untere Bogenabschnitt den Schaft, der nicht unter die Grundlinie reicht. Der obere Bogen des g reicht oben und unten nach rechts über den Schaft hinaus; oben setzt ein schräger Zierstrich an. Der Balken des e besteht aus einem bis fast auf die Grundlinie herabreichenden Zierstrich. Beim a reicht der linke Teil des gebrochenen oberen Bogens bis zum Schaft. Neben den Buchstabenformen ist für Meigers Werkstatt vor allem auch die Kombination mehrerer verschiedener Pilgerzeichen kennzeichnend.199) Eine gleichmäßig und formbewusst gestaltete gotische Minuskel zeigt eine Glocke des Gießers Hermann Vogel aus dem Jahr 1493 in Lauenhagen (Nr. 52 u. Abb. 135). Die Schriftmerkmale gleichen denen des Gießers Gerhard de Wou d. Ä., zu dessen Schülern Vogel zu zählen ist. Auffällig ist vor allem das nach innen gegabelte a. An vielen Buchstabenenden setzen Zierstriche und -häkchen an. Zwei Glocken fertigte Herbert von Bippen 1511 für die Stadthäger St. Martini-Kirche, von denen eine erhalten, die zweite durch eine Zeichnung überliefert ist (Nr. 94 u. Abb. 136 sowie Nr. 95). An seiner Schrift fallen die spiegelverkehrten Brechungen beim a an der Grundlinie und beim i auf. Typisch für Herbert von Bippen sind seine der frühhumanistischen Kapitalis entnommenen Versalien; ungewöhnlich ist vor allem das A mit breitem beidseitig überstehendem Deckbalken und gebrochenem Mittelbalken, dessen Enden nach links und rechts abgeknickt über die Schrägschäfte hinausragen. Die übrigen Glocken des Landkreises, die alle in unterschiedlichen Werkstätten entstanden sind, zeigen meist eine normgerechte Schriftgestaltung, auch wenn unter Umständen einzelne Buchstaben beim Guss etwas verrutscht sind. In ein ausgeprägtes Vierlinienschema fügt sich die sorgfältig gestaltete gotische Minuskel auf einer 1524 von Heinrich de Borch ursprünglich für Lüneburg gegossenen Glocke, die 1574 nach Stadthagen verkauft wurde (Nr. 112 u. Abb. 157). Hier ist ebenso wie auf den oben bereits erwähnten Steinmetzarbeiten der rechte Schaft des u oben abgeschrägt, um es von n zu unterscheiden (vgl. auch Nr. 40 u. Abb. 101).

Eine ähnlich große Gruppe wie die Glocken bilden die Kelche. Hier ist zu unterscheiden einerseits zwischen eingravierten Inschriften und andererseits solchen, die glatt erhaben vor einem irgendwie bearbeiteten, z. B. schraffierten oder mit einer Masse verfüllten Hintergrund erscheinen, oder die überhaupt nur in Kontur ausgeführt sind. Je nach Ausführungsart unterschieden sich die Gestaltungsmerkmale. Die glatt erhaben gearbeiteten Inschriften sind häufig in einer Bandminuskel gestaltet; mithilfe von Einkerbungen und Schraffuren wird eine plastische Wirkung erzielt, so dass die aus den Brechungen resultierenden Quadrangeln gewissermaßen vor die Schäfte gelegt scheinen oder der Eindruck entsteht, dass Buchstabenteile durch andere hindurchgesteckt sind.200) Bei eingravierten Inschriften sind häufig die Quadrangeln spitz ausgezogen, besonders eindrücklich bei einer Stifterinschrift auf einem Kelch in Rodenberg (Grove) (Nr. 50 u. Abb. 95; vgl. A1 15). Ähn-[Druckseite 52]liche zackenartig geformte Brechungen finden sich im Übrigen auch auf Glasmalereien aus der Zeit um 1575 (Nr. 260 u. Abb. 47–50).

8.3 Frühhumanistische Kapitalis

Die Bezeichnung „frühhumanistische Kapitalis“ bezieht sich auf eine Mischschrift, die sich am Formenrepertoire verschiedener Majuskelschriften bedient, bisweilen aber auch Buchstaben aus Minuskelschriften aufnimmt. Die verschiedenen Grundformen der verwendeten Buchstaben, z. B. epsilonförmiges E neben kapitalem E, führen zu einer dekorativen Formenvielfalt. Diese wird durch zahlreich eingesetzte Zierelemente wie keilförmig verbreiterte Schaft- und Balkenenden, Nodi und Halbnodi sowie Ausbuchtungen (insbesondere am Schaft des I, am Schrägbalken des N und am Balken des H) gesteigert. In ihrer idealtypischen Ausprägung wurde diese Schriftart in den niedersächsischen Inschriftenbeständen insbesondere für die besonders dekorativen, oft auf Goldgrund ausgeführten Inschriften der spätgotischen Altäre und Goldschmiedearbeiten vom Ende des 15. bis in das erste Drittel des 16. Jahrhunderts gewählt.201) Auch in später entstandenen Kapitalisinschriften werden häufig noch Elemente der frühhumanistischen Kapitalis integriert.

Typische Merkmale der Schrift sind, abgesehen von den bereits erwähnten Zierelementen: epsilonförmiges E, A mit Deckbalken und gebrochenem Mittelbalken, konisches M mit oberhalb der Mittellinie endendem Mittelteil, retrogrades N, spitzovales O, weit offenes C, eingerolltes unziales D, das gelegentlich spiegelbildlich zum G gestaltet ist. In so ausgeprägter Form ist die frühhumanistische Kapitalis im Landkreis Schaumburg nicht sehr zahlreich vertreten. Dies liegt unter anderem daran, dass die genannten in Goldgrund ausgeführten Inschriften fehlen. Der einzige Beleg für die Verwendung der frühhumanistischen Kapitalis auf einem Altarretabel ist eine in Gold aufgemalte Gewandsauminschrift in Lindhorst (Nr. 89; vgl. Abb. 155 u. 156). Die meisten frühen Belege für die frühhumanistische Kapitalis im Landkreis Schaumburg bestehen aus nur wenigen Buchstaben.202) Auf manchen Kelchen sind die Einzelbuchstaben auf dem Nodus in dieser Schriftform gestaltet (Nr. 117 u. 192 mit epsilonförmigem E; vgl. Nr. 107 u. 123). Größere zusammenhängende Texte in frühhumanistischer Kapitalis finden sich erst auf einer Gusseisenplatte am Schloss Stadthagen aus dem Jahr 1541, die aber in einer hessischen Werkstatt entstanden ist. Sie zeigt die für den Bildhauer Philipp Soldan typischen Buchstabenformen (Nr. 157 u. Abb. 181). Hinzuweisen ist ferner auf einen fotografisch überlieferten Fachwerkbalken aus Wiedensahl (Nr. 158) aus dem Jahr 1542; in das Buchstabenrepertoire dieser Hausinschrift haben Minuskeln (e, t ) und unziale Formen Eingang gefunden. Ebenfalls in frühhumanistischer Kapitalis wurde eine undatierte Wandmalerei im Kloster Möllenbeck gestaltet (Nr. 577 u. Abb. 269).

Exkurs: Die Werkstatt des Bildhauers Jasper Robin

Stark der frühhumanistischen Kapitalis verpflichtet ist die Kapitalis der Werkstatt des Bildhauers Jasper Robin, in der Forschung bislang häufig als Meister des Mindener Simson-Reliefs bezeichnet. Von ihm stammt eine Reihe von Steinmetzarbeiten im Gebiet des heutigen Landkreises Schaumburg und darüber hinaus. Signiert mit den Initialen IR sind allerdings lediglich die Seitenwände einer Grabtumba (Nr. 141 u. Abb. 167) und der jetzt vor dem Schloss Bückeburg aufgestellte Tugendbrunnen (Nr. 168 u. Abb. 172). Anhand der archivalischen Überlieferung zur Herstellung des Tugendbrunnens konnte Thorsten Albrecht zeigen, dass IR für Jasper Robin steht.203) Die Werke, die ihm anhand epigraphischer und stilistischer Kriterien mit einiger Wahrscheinlichkeit zugeschrieben werden können, datieren aus den Jahren 1527 bis 1559. Reinhard Karrenbrock nennt folgende Bildhauerarbeiten:204) die Tumbendeckplatte für Johann IV. von Schaumburg (1527, [Druckseite 53] Nr. 133 u. Abb. 164), das Epitaph für Cordula von Gemen (1528, Nr. 137 u. Abb. 162), die Grabplatte des Abts Cordt von Mandelsloh in der Stiftskirche von Wunstorf (Region Hannover), die Grabtumba des Grafen Jobst II. von Hoya und seiner Frau Anna von Gleichen in der Nienburger St. Martinskirche (1545) und das Mindener Simson-Relief.205) Bereits Bruno Lange hat auch eine fragmentarisch erhaltene Darstellung des Sündenfalls, ebenfalls aus Minden, demselben Meister zugewiesen.206) Ferner hat Gustav André in seinem Aufsatz über Beischlagwangen auf Werke in Loccum und Drakenburg (Lkr. Nienburg/W.) aufmerksam gemacht.207) Nicht ganz klar ist, ob auch der Steingang im Schloss Detmold auf Jasper Robin zurückgeht.208) Folgende weitere Bildhauerarbeiten aus dem Landkreis Schaumburg können wohl der Werkstatt des Jasper Robin zugeschrieben werden: ein Wappenstein am Schloss Stadthagen (1544, Nr. 159 u. Abb. 170), die Beischlagwangen vom Landsbergschen Hof in Stadthagen (Nr. 215 u. Abb. 174 u. 175), die Grabplatten für Levin von Zerssen (1541, Nr. 156 u. Abb. 163), Statius Post (1549, Nr. 163 u. Abb. 165) und Hinrick von Reden (1550, Nr. 164 u. Abb. 166),209) wahrscheinlich auch das Epitaph und der Totenschild für Christoph von Münchhausen (1559, Nr. 188 u. 189, Abb. 168 u. 169) und vermutlich auch die Grabplatten für Adelheid von Langen (1555, Nr. 176), Johannes von Münchhausen (1558, Nr. 179) und Maria von Münchhausen (1558, Nr. 181 u. Abb. 173).210)

Die Zuschreibung wird dadurch erschwert, dass in der Werkstatt Jasper Robins neben der mal mehr, mal weniger von der frühhumanistischen Kapitalis geprägten Kapitalis auch die gotische Minuskel verwendet wird. Für diese Schriftart sind bei Robin das kastenförmige a, das Bogen-r in Form eines Kurzschafts mit senkrecht darübergesetztem Quadrangel und am Wortende ein rundes s ohne die für die gotische Minuskel typischen Brechungen charakteristisch. Freilich bleiben die Buchstabenformen über die Jahrzehnte hinweg nicht völlig gleich; auch ist die Ausführung bei höherstehenden Auftraggebern sorgfältiger und die Buchstaben weisen mehr Verzierungen auf. Besonders auffällig ist der reich verzierte Versal A in der Grundform des pseudounzialen A; sein linker Schrägschaft weist eine mitunter tropfenförmige Schwellung auf, der Deckbalken ist am linken Ende umgebogen.211) Die übrigen Versalien entstammen der Kapitalis und zeigen die typischen Merkmale von Robins Kapitalis. Ihr deutlichstes Erkennungsmerkmal ist das L, dessen Balken keilförmig verbreitert ist; meist liegt der Balken nicht auf der Grundlinie, sondern weist rechtsschräg leicht nach oben.212) Ferner sind folgende Merkmale zu beobachten: In den allermeisten Fällen wird kapitales E mit drei gleich kurzen Balken verwendet, nur vereinzelt epsilon-[Druckseite 54]förmiges E am Wortanfang.213) Das O ist in der Regel spitzoval und weist eine (linksschräge) Schattenachse auf. Das G ist eingerollt, bisweilen läuft es unten spitz zu; das D kann spiegelbildlich dazu gestaltet sein. Beim S sind die Bogenenden keilförmig verbreitert und in einigen Fällen leicht einwärts gebogen. Die Schrägschäfte des V sind keilförmig verbreitert. Ein Wechsel zwischen Haar- und Schattenstrichen ist kaum vorhanden. Am deutlichsten sind die Schriftmerkmale auf den Beischlagwangen vom Landsbergschen Hof (Nr. 215 u. Abb. 174 u. 175), auf dem Wappenstein in Petershagen und auf der Grabtumba für Jobst II. von Hoya und Anna von Gleichen ausgeprägt.214) Als Worttrenner werden in den Kapitalisinschriften zuweilen Kleeblätter215) verwendet, bei der gotischen Minuskel Quadrangeln oder runde Hochpunkte.

8.4 Kapitalis

Die (Renaissance-)Kapitalis tritt im Bearbeitungsgebiet – abgesehen von einigen früheren, aufgrund ihres geringen Buchstabenbestands aber nicht aussagekräftigen Belegen216) – kurz nach der Mitte des 16. Jahrhunderts auf. Sie bleibt bis zum Ende des Erfassungszeitraums dominierend: Auf rund 400 Objekten finden sich kürzere oder längere Inschriften in Kapitalisbuchstaben.

Von den in Stein ausgeführten Kapitalisinschriften der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sind etwa vier Fünftel erhaben ausgehauen. Die hohe Qualität des renommierten Obernkirchener Sandsteins ließ eine solche Ausführungsart mühelos zu. Vertiefte Buchstaben sind auf Objekten mit ansonsten erhaben ausgehauenen Inschriften für nachrangige Inschriften – wie Wappenbeischriften oder Bibelstellenangaben – verwendet worden. Die Kapitalisinschriften aus der zweiten Hälfe des 16. Jahrhunderts lassen sich im Wesentlichen in zwei Gruppen unterteilen: Die eine Gruppe ist in breiter Strichstärke ausgeführt und lässt fast keinen Wechsel zwischen Haar- und Schattenstrichen erkennen, Sporen fehlen häufig. Die andere Gruppe zeigt Bogen- und Linksschrägenverstärkung sowie Sporen; eine große Zahl dieser Inschriften ist in einer schrägliegenden Kapitalis gestaltet.

Zur Gruppe der in breiter Strichstärke ausgeführten Kapitalis gehören neben einer Reihe von Einzelwerken, die meist keiner bestimmten Werkstatt zugeordnet werden können,217) die Arbeiten des Steinmetzen und Baumeisters Jakob Kölling (zu ihm Nr. 225). Seine unregelmäßig ausgeführte Schrift ist zum Teil von der frühhumanistischen Kapitalis beeinflusst (spitzovales O, konisches M mit oberhalb der Mittellinie endendem Mittelteil, retrogrades N, teilweise offenes unziales D). Die Cauda des R ist verkürzt; Entsprechendes ist am unteren Schrägbalken des K zu beobachten. Charakteristisch sind vor allem Köllings balkenartige Sporen an allen senkrechten Elementen, also an den Schäften sowie an der Cauda des G. Ferner sind an seinen Ziffern Gemeinsamkeiten festzustellen: Die 1 endet oben in einem Quadrangel, unten läuft sie spitz zu. Die 5 besteht aus Deck-[Druckseite 55]balken und Bogen; der Schrägschaft der verhältnismäßig spitzwinkligen 7 ist nach rechts durchgebogen.218)

Von einem nicht namentlich bekannten Steinmetzen stammen die beiden für die Familie von Münchhausen angefertigten Grabplatten Nr. 263 und 271 (Abb. 231). Die unbeholfen wirkende Schrift aus schmalen, hohen Buchstaben zeichnet sich durch eine eigenwillige Formgebung einiger Buchstaben aus sowie dadurch, dass einzelne Buchstaben der gotischen Minuskel (c, o und d ) Eingang finden. Das N ist meist retrograd; der Schrägschaft zum Teil geschwungen. Die Balken des E sind sehr kurz. Das k besteht aus einem Schaft, einem oberen Schrägbalken, der zum Schaft hin gebogen ist, und einem unteren Schrägbalken.

Einen umfangreichen Komplex innerhalb des vorliegenden Inschriftenbestands bilden die Inschriften in schrägliegender Kapitalis, die insbesondere im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts dominierten. Diese Schriftart ist insbesondere mit den Namen dreier Steinmetzen verbunden, von denen zahlreiche Arbeiten im Landkreis Schaumburg und in dessen Umkreis erhalten geblieben sind: Arend Robin, Johann Robin sowie Werner Bartermann.

Auf den flämischen Bildhauer Arend Robin, der allerdings seine Kapitalis nicht ausschließlich schrägliegend gestaltet, gehen zahlreiche Steinmetzarbeiten im Bereich der Mittelweser zurück, insbesondere Epitaphien und Kaminstürze. Vermutlich war Robin eine gewisse Zeit in Stadthagen ansässig, wo er vor allem für das Schaumburger Grafenhaus tätig war. 1580 erhielt M. Arnd der Bildhauer 219) für seine Tätigkeit ein seidenes Wams. 1588 ist er im Schossregister von Minden bezeugt.220) Arend Robin hat einige seiner Werke mit seinen Initialen AR signiert: einen der Prunkkamine im Schloss Stadthagen (Nr. 266 u. 267, Abb. 207 u. 208),221) die Epitaphien für Hans von Oberg in der Rintelner Nikolaikirche (Nr. 242 u. Abb. 204), für den Bückeburger Vogt Melchior Steven in der Jetenburger Kirche (Nr. 253 u. Abb. 206) und für den Stadthäger Bürgermeister Jobst Lüdersen an der St. Martini-Kirche (Nr. 290). Sein prominentestes Werk im Landkreis Schaumburg, das Epitaph für Graf Otto IV. und seine beiden Ehefrauen (Nr. 284 u. Abb. 211–213), hat Robin mit seinem vollen Namen signiert. In Meinsen ist eine Gedenktafel für Sergius Sassenberg aus dem Jahr 1572 erhalten (Nr. 236 u. Abb. 203), das früheste signierte Werk Robins im Landkreis Schaumburg. Mit großer Sicherheit lässt sich auch die Gedenktafel für Petrus Pistorius († 1566) und Johann Grisendyck († 1567) (Nr. 217 u. Abb. 202), die in ihrer Gestaltung der Gedenktafel in Meinsen gleicht, Arend Robin zuschreiben; sie dürfte das früheste einigermaßen sicher von Robin stammende Werk im Landkreis Schaumburg sein. Sein letztes bislang nachgewiesenes Werk ist ein für das Schloss Bückeburg angefertigter Kamin aus dem Jahr 1604 (Nr. 427). Wahrscheinlich schuf er oder seine Werkstatt auch den Taufstein der Jetenburger Kirche (Nr. 272 u. Abb. 209) und möglicherweise auch die beiden Grabplatten für Melchior und Adolf Steven (Nr. 252 u. 295). Frühere signierte Arbeiten finden sich im Landkreis Hildesheim: ein Epitaph für den Oberamtmann Heinrich Heinemeier und ein Epitaph für Katharina von Hanstein, beide vermutlich 1568 entstanden.222) Ein Epitaph aus dem Jahr 1577 für Hermann von Westorp ist in der Andreaskirche von Lübbecke (Kreis Minden-Lübbecke, Nordrhein-Westfalen) erhalten.223) Als relativ sicher kann die Urheberschaft Arend Robins auch für folgende Werke gelten: die Grabplatte für Sieverdt von Steinberg in Lamspringe aus dem Jahr 1550,224) das Epitaph des Rudolf Vogt in der Mindener Simeoniskirche,225) das Epitaph für Katharina Vogedes in Hameln aus dem Jahr 1570,226) ein Sturzstein im Mindener [Druckseite 56] Museum aus dem Jahr 1571227) sowie ein Oberlichtsturz und Brüstungstafeln am sog. Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo aus dem Jahr 1571.228)

Bei der Betrachtung der genannten Werke lässt sich eine gewisse Entwicklung von Arend Robins Schriftform feststellen: Während die früheren Arbeiten eine sehr eng spationierte Kapitalis mit extremer Bogenverstärkung und sehr breiten Schattenstrichen aufweisen, verwendet Robin bei den meisten seiner Arbeiten im Landkreis Schaumburg schlankere Buchstabenformen. Noch am ehesten ist der früheren Form das Epitaph für den im Jahr 1575 verstorbenen Melchior Steven (Nr. 253 u. Abb. 206) verpflichtet. Die bei früheren Arbeiten auftretenden I-Punkte229) sind bei den Arbeiten im Landkreis Schaumburg nicht zu finden. Kennzeichnend sind folgende Schriftmerkmale: spitzovales O mit Schattenachse, G mit weit nach oben gezogener Cauda, R mit kleinem Bogen und geschwungener Cauda, B mit kleinem oberen Bogen, P mit weit herabreichendem Bogen, X mit geschwungenem Rechtsschrägschaft. Der Schrägschaft der 7 ist nach rechts durchgebogen. Immer wieder sind Ausbuchtungen, wie sie für die frühhumanistische Kapitalis typisch sind, anzutreffen (z. B. in Nr. 266 u. 284). Die Sporen sind als Strichsporen ausgeführt.

Eine Gruppe weiterer Steinmetzarbeiten aus dem Landkreis Schaumburg zeigt ganz ähnliche Schriftmerkmale, wenngleich der Neigungswinkel der schrägliegenden Kapitalisbuchstaben stärker schwankt. Auch dieser Steinmetz, der vermutlich mit Johann Robin zu identifizieren ist, verwendet daneben eine Kapitalis aus senkrecht stehenden Buchstaben. Johann Robin schuf 1596 den Giebel einer Utlucht am Stadthäger Rathaus und ist dafür auch archivalisch bezeugt (Nr. 358 u. Abb. 243). In welchem Verwandtschaftsverhältnis Arend und Johann Robin zueinander standen, ist unklar; eine „künstlerische Verwandtschaft“ (Jürgen Soenke) zwischen den beiden Bildhauern ist unbestritten.230) Möglicherweise benutzten Arend und Johann Robin dieselben Vorlagenmuster. Auch bei Johann Robins Kapitalis ist ein deutlicher Wechsel zwischen Haar- und Schattenstrichen erkennbar. Das spitzovale O weist eine Schattenachse auf. Bei R, B und auch (im Unterschied zu Arend Robin) bei P ist der obere Bogen recht klein. Die Cauda des R ist geschwungen. Das untere Bogenende des C ist leicht einwärts gebogen. Der Mittelbalken beim E und F ist keilförmig verbreitert. Beim N ist der Schrägschaft als Schattenstrich, die äußeren Schäfte als Haarstriche ausgeführt. Die 6 und die 9 sind eingerollt. Diese für den Giebel der Utlucht am Stadthäger Rathaus beschriebenen Eigenschaften teilt eine Gruppe weiterer Inschriften auf Gut Wormsthal (Nr. 276, eines der wenigen Werke mit Steinmetzzeichen (M32)), im Wasserschloss Hülsede (1589, Nr. 329, 330 u. A1 52), im Gut Hammerstein in Apelern (um 1590),231) in der Kirche von Meinsen (Nr. 344 u. Abb. 230), am Schloss Stadthagen (Nr. 345 u. Abb. 240), an der dortigen Lateinschule (Nr. 349 u. Abb. 241), am Münchhausenschloss in Apelern (Nr. 350 u. Abb. 242), auf dem Rittergut Remeringhausen (Nr. 356 u. Abb. 248) und an der Kirche in Hattendorf (Nr. 391 u. Abb. 257). Möglicherweise stammen auch die beiden halbrunden Brunnenbecken am Schloss Sachsenhagen vom selben Steinmetzen (Nr. 416).232) Einige der genannten Werke verbindet die Gestaltung des Versals A, dessen linker Schrägschaft unten eingerollt und nach links durchgebogen ist (Nr. 329, 344, 345, 350 u. A1 53). Bei einigen anderen Inschriften sind manche Schaft- und Bogenenden gegabelt (Nr. 276, 335, 336, 345, 350 u. 391).

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Schließlich ist noch auf die Werke des in Stadthagen ansässigen Bildhauers Werner Bartermann einzugehen, der den Taufstein in der Martinskirche in Hohnhorst mit seinem vollen Namen signiert hat (Nr. 412 u. Abb. 264). Anhand der Schriftmerkmale können ihm folgende weitere Werke aus den Jahren unmittelbar um 1600 zugeschrieben werden: die Grabplatten für Anna von Bischofshausen, Ernst Julius von Münchhausen, Nicolaus Kleisen und Börries d. J. von Münchhausen (Nr. 366, 374, 375 u. 411; vgl. Abb. 260), drei Wappensteine am Landsbergschen Hof in Stadthagen (Nr. 385 u. Abb. 246/247, Nr. 386), der Sockel des Armenkastens in der dortigen St. Martini-Kirche (Nr. 382 u. Abb. 261) sowie drei von Otto von Münchhausen in Auftrag gegebene Arbeiten in Lauenau (Nr. 379, 380 u. 388; vgl. Abb. 262 u. 263). Für die von Bartermann verwendete eng spationierte schrägliegende Kapitalis sind schmale Strichstärke sowie zahlreiche Ligaturen kennzeichnend, ferner folgende Merkmale: Der untere Schrägschaft des K und die Cauda des R sind geschwungen und weisen eine starke Bogenverstärkung auf; beim K, manchmal auch beim R, ist die obere Wölbung meist eigenwillig abgeknickt und spitz ausgezogen (Nr. 374, 375, 385, 388 u. 412). Das S hat einen langgestreckten Mittelteil. Beim B ist der untere Bogen weit nach rechts gezogen. Das untere Bogenende des C ist leicht einwärts gebogen. Der kurze Mittelbalken des E hat die Form eines Keils. Die Cauda des G ist unten gegabelt, wie auch der Schaft der 1, wobei hier das nach rechts weisende Ende oberhalb der Grundlinie ansetzt.

Die dominierende Stellung, die die schrägliegende Kapitalis im Gebiet des Landkreises Schaumburg kurz vor 1600 bei den Steinmetzarbeiten erlangt hatte, verlor sie nach der Wende zum 17. Jahrhundert. Die Formen der Kapitalis werden danach vielfältiger und lassen keine größeren Werkstattkomplexe mehr erkennen. Auch steigt der Anteil der vertieft gearbeiteten Kapitalisinschriften nach 1600 signifikant an, so dass sich bei den Steininschriften erhaben und vertieft ausgeführte nun die Waage halten. Vor allem aber nehmen die mit Sporen und wechselnden Strichstärken gestalteten Inschriften deutlich zu. In einigen Fällen sind die Sporen nach dem Vorbild der antiken Monumentalinschriften als Serifen ausgeformt, hinzu kommt eine regelgerechte Bogen- und Linksschrägenverstärkung. Das O ist weitgehend rund, nicht spitzoval wie in der frühhumanistischen Kapitalis und in den von der frühhumanistischen Kapitalis beeinflussten Inschriften des 16. Jahrhunderts. Allerdings ist der untere Balken des E im Gegensatz zum antiken und zum karolingischen Vorbild häufig breiter als der obere, ferner wird zum Teil rundes U verwendet. Prominentestes Beispiel für eine solche sich am klassischen Ideal orientierende Kapitalis ist die unter Graf Ernst entstandene Fassadeninschrift an der Bückeburger Stadtkirche mit ihren monumentalen Buchstaben von über 40 Zentimetern Höhe (Nr. 474 u. Abb. 278). Das Vorbild für diese Fassadeninschrift lieferten wahrscheinlich italienische Kirchenbauten. Die Inschrift, deren Anfangsbuchstaben das Wort ERNST ergeben, dient in besonderer Weise der landesherrlichen Repräsentation in der Residenzstadt; die Buchstaben sind mit entsprechend großer Sorgfalt ästhetisch durchgeformt. Verwiesen sei auch auf die Meisterinschriften des Adriaen de Vries auf den von ihm für Graf Ernst geschaffenen Bronzeplastiken, die freilich als Importware gelten müssen.233) Allerdings konnten die Werke auswärtiger Künstler, die dank Ernst in die Grafschaft Schaumburg gelangten, die Produktion lokaler Werkstätten beeinflussen.

Die in Stein ausgeführten Kapitalisinschriften der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nähern sich dem klassischen Formideal mal mehr, mal weniger an; zu nennen sind beispielsweise die Inschriften Nr. 506, 509 (Abb. 316), 532, 539, 540, 556, 557, 566, 606, 614 und 615. Die Grabplatten Nr. 532, 539 (Abb. 306), 540 und 566 für Gese Ianes, Johannes Michelbach, Janna Schulen und Elisabeth Juliane von Mengersen stammen aus derselben, nicht namentlich bekannten Werkstatt. Die Schrift auf den in den Jahren 1623 bis 1626 entstanden Objekten ist nur sehr flach erhaben ausgehauen. Die breit angelegten Buchstaben zeigen einen deutlichen Wechsel zwischen Haar- und Schattenstrichen. Auffällig ist das breite runde U mit eher kantig ausgeführten Rundungen. Beim G in der kapitalen Grundform läuft das untere Bogenende in die Cauda aus. Die Cauda des R ist gerade.

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Vermutlich ist auch die Grabplatte für Johann Hilmar von Haxthausen (Nr. 556 u. Abb. 307) mit eingehauener Kapitalis dieser Werkstatt zuzurechnen. Auffällig ist, dass die meisten der in einer nahezu klassischen Kapitalis ausgeführten Inschriften234) auf Bückeburg entfallen oder sonstwie mit Fürst Ernst in Verbindung stehen. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich um ein residenzstädtisches Phänomen handelt. Ein Zusammenhang zwischen einer besonders sorgfältigen, repräsentativen Schriftgestaltung mit der kulturellen Blüte der Grafschaft Schaumburg unter Ernst ist sicher anzunehmen.

Einer weiteren Werkstatt lassen sich drei Grabplatten an der Bückeburger Stadtkirche aus den Jahren 1638 und 1639 für Johann Hermann von Münchhausen, Anna Catharina Gans und Amalia Lucia von Münchhausen zuordnen (Nr. 601, 602 u. 605; vgl. Abb. 312 u. 313). Sie zeigen eine sehr gleichmäßig ausgeführte eingehauene Kapitalis. Die breiten Schattenstriche sind mit rechtwinkliger, teils leicht u-förmiger Kerbe eingehauen. Die Strichsporen sind insbesondere an der Oberlinie sehr ausgeprägt; dort sind sie in der Regel schräggestellt und reichen über die Oberlinie hinaus. Auffälligste Besonderheit ist das Q, dessen raumgreifende geschwungene Cauda die Bogenlinie zweifach durchschneidet. Das M ist konisch. Beim runden U sind linker und rechter Bogenabschnitt leicht schräg nach außen gestellt. Der rechte Schrägschaft des V ist über die Oberlinie ausgezogen und umgebogen; er endet in einer leichten tropfenförmigen Verdickung. Die geschwungene Cauda des R weist eine ausgeprägte Bogenverstärkung auf. In der Schrift werden I-Punkte, Interpunktionszeichen und Diakritika verwendet. Vermutlich stammen aus derselben Werkstatt auch die Grabplatten für Josua Stegmann (Nr. 580) und für Ahasver Luther von Amelunxen (Nr. 582; vgl. Abb. 310 u. 311). Auf diesen etwa fünf bis sechs Jahre früher als die oben genannten Grabplatten entstandenen Stücken ist die gleiche Schriftform erhaben ausgeführt. Da hier die Strichstärke verhältnismäßig breit ist ohne ausgeprägten Wechsel zwischen Haar- und Schattenstrichen, wirkt die eng spationierte Schrift sehr gedrungen.

Schließlich sind vor 1650 auch bereits vereinzelt Kapitalisformen anzutreffen, die auf „barock“ anmutende Formen vorausweisen, wie sie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts üblich werden. Der Wechsel zwischen Haar- und Schattenstrichen ist meist sehr ausgeprägt, ebenso die Sporen. Dazu können zwei Grabplatten aus den Jahren 1633 an der Bückeburger Stadtkirche (Nr. 583 u. 584; vgl. Abb. 308) und ein Epitaph aus dem Jahr 1645 in Heuerßen (Nr. 623; vgl. Abb. 318) gerechnet werden. Auf diesen drei Stücken wird eine Folge von zwei t in Minuskeln ausgeführt; eine weitere Gemeinsamkeit ist das Z mit geschwungenen Balken. Beachtung verdient darüber hinaus ein aus Obernkirchen stammender Kaminsturz (Nr. 572), dessen Buchstaben vermehrt Zierhäkchen tragen. Es ist denkbar, dass die Steinmetzkunst in Obernkirchen, dem Ort, an dem der Obernkirchener Sandstein abgebaut wurde und der hochqualifizierte Steinmetzen anzog, gewissermaßen ihrer Zeit ein Stück voraus war.235)

Die Hälfte der im vorliegenden Inschriftenband versammelten Kapitalisinschriften befinden sich auf Stein. Ein weiteres Viertel machen die Objekte aus Holz aus, die Mehrzahl davon Hausinschriften. Sie sind jedoch meist so stark durch Verwitterung und wiederholte Restaurierungen überformt, dass sie für eine schriftgeschichtliche Analyse ausfallen.236) Ähnliches gilt für die meisten aufgemalten Inschriften. Eine Ausnahme bilden die erst in jüngster Zeit freigelegten Wandmalereien im Stift Möllenbeck. Einige von ihnen sind in einer regelmäßig ausgeführten Kapitalis mit deutlicher Bogen- und Linksschrägenverstärkung sowie Strichsporen gestaltet (insbesondere Nr. 319, 359, 393 u. 394; vgl. Abb. 53–56).

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Beachtung verdienen noch einige Bronzegussarbeiten, deren Schöpfer zum Teil namentlich bekannt sind. Die Plastiken des in Prag tätigen Bildhauers Adriaen de Vries mit ihren klassischen Kapitalisbuchstaben wurden oben bereits angesprochen. Ebenfalls an der klassischen Idealform orientiert sich die Bronzetafel, die Graf Ernst zum Gedenken an die Mindener Bischöfe Hermann und Anton von Holstein-Schaumburg anfertigen ließ (Nr. 489 u. Abb. 302).

Die früheste erhaltene Glocke mit einer Kapitalisinschrift stammt im vorliegenden Inschriftenbestand aus dem Jahr 1567 (Nr. 218 u. Abb. 188). Sie rührt von dem Gießer Tile Singraf her, von dem bislang keine weiteren erhaltenen Arbeiten bekannt sind. Während Singrafs sporenlose Buchstaben unregelmäßig ausfallen, orientiert sich die mit Strichsporen versehene Kapitalis auf der Glocke des Gießers Christoffer Horenbarch in Hohnhorst deutlich stärker am klassischen Ideal (Nr. 324 u. Abb. 189).

Eine schrägliegende Kapitalis verwendeten der Bückeburger Gießer Heine von Damme und Hans Bethink aus Minden. Auf dem von Heine von Damme geschaffenen Taufbecken in der Rintelner Nikolaikirche aus dem Jahr 1582 (Nr. 297 u. Abb. 227) sind die Buchstaben sorgfältig geformt und mit dreieckigen Sporen verziert. Sehr viel unregelmäßiger ist die sporenlose Kapitalis auf der gut zwanzig Jahre später entstandenen Glocke der Jetenburger Kirche (Nr. 424 u. Abb. 238). Dennoch sind einige Gemeinsamkeiten in den Buchstabenformen festzustellen, insbesondere bei A, V, G und S. Der linke Schrägschaft des A reicht nicht immer ganz bis zur Grundlinie herab. Der rechte, auf dem Taufbecken extrem dünne Schrägschaft des V ist leicht gebogen und reicht in einigen Fällen über die Oberlinie hinaus. Beim G ist die Cauda nach links unter den unteren Bogenabschnitt geführt. Das S weist einen langgestreckten, als Schattenstrich gestalteten Mittelteil auf. Aus der Werkstatt Hans Bethinks stammen eine Glocke (Nr. 362 u. Abb. 237) und ein Geschützmodell (Nr. 354; vgl. Abb. 258 u. 259). Bethink verwendet ebenfalls eine schrägliegende Kapitalis, die entweder sporenlos ist oder dreieckige Sporen aufweist. Ein Wechsel zwischen Haar- und Schattenstrichen ist nicht erkennbar. Charakteristikum von Bethinks Schrift ist eine tropfenförmige Schwellung am linken Schrägschaft des A.

Die jüngste Glocke des Erfassungszeitraums aus dem Jahr 1649 wurde von dem Hannoveraner Gießer Ludolf Siegfried (zu ihm Nr. 635 u. Abb. 239) hergestellt. Für ihn ist eine gleichmäßig ausgeführte Kapitalis mit Bogen- und Linksschrägenverstärkung sowie sorgfältig gestalteten Sporen, die sich Serifen annähern, charakteristisch. Typisch für Siegfried sind ferner das konische M, der geschwungene untere Schrägschaft des K analog zur Cauda des R sowie das U, das aus einem ausgeprägten Bogen und davon deutlich abgesetztem Schaft besteht, der unten nach rechts umgebogen ist. Rechteckige Umrisse um die Buchstaben zeigen, dass sie mithilfe von Matrizen hergestellt wurden.

8.5 Fraktur und humanistische Minuskel

Für die Fraktur sind Schwellzüge und Schwellschäfte sowie eine spitzovale Grundform der geschlossenen Bögen kennzeichnend. Die Schäfte des f und des Schaft-s reichen unter die Grundlinie, die Oberlängen enden in der Regel nicht stumpf, sondern sind umgebogen, ausgezogen oder anderweitig verziert.237) Das a ist meist einstöckig ausgeführt. Der Schrifteindruck wird besonders auch durch die Versalien geprägt, die meist in viele Schwellzüge oder Brechungen aufgelöst sind.

Im Landkreis Schaumburg finden sich auf 40 Objekten Inschriften in Fraktur. Drei Viertel der Frakturinschriften sind gemalt; mit einer Überformung der Buchstaben durch Restaurierungen ist also stets zu rechnen. Erstmals tritt die Fraktur auf einer undatierten Glasmalerei aus dem Stift Möllenbeck auf (Nr. 84 u. Abb. 51). Allerdings gehören den Analysen im Corpus vitrearum medii aevi zufolge nur vier der Buchstaben (davon zwei Versalien) zum originalen Bestand, der Rest stammt aus dem 19. Jahrhundert. Aus schriftgeschichtlicher Perspektive stellt sich die Frage, ob nicht auch die Echtheit der fraglichen vier Buchstaben angezweifelt werden muss. Die Fraktur wird [Druckseite 60] dann erst ab 1559 auf der Brüstung der Fürstenprieche der Stadthäger St. Martini-Kirche verwendet (Nr. 185); die Inschriften wurden jedoch erneuert. Vier der gemalten Frakturinschriften im Landkreis Schaumburg lassen sich der Werkstatt des Stadthäger Malers Hermann Moller zuordnen: Sie finden sich auf den beiden Epitaphien für die Familie von Landsberg (Nr. 309 u. 334; vgl. Abb. 31 u. 33), dem Altarretabel der St. Martini-Kirche (Nr. 310 u. Abb. 58) und dem Gerechtigkeitsbild im Stadthäger Rathaus (Nr. 533 u. Abb. 59). Auffällig an Mollers Frakturbuchstaben ist vor allem die Gestaltung der Bögen der Gemeinen, also der Kleinbuchstaben, die in einzelne Abschnitte aufgelöst sind (insbesondere bei a, o und g, die gewissermaßen aus einem unteren und einem oberen Teil bestehen).

Die Verwendung der Fraktur in Steinmetzarbeiten beschränkt sich im vorliegenden Inschriftenbestand auf die Jahre 1574 bis 1613. Nur vier Objekte ließen sich eruieren; sie alle tragen Inschriften in erhaben ausgehauenen Frakturbuchstaben.238) Dazu gehört eine Grabplatte für das Kind Henning von Münchhausen aus dem Jahr 1600 (Nr. 377 u. Abb. 267), deren Buchstabenformen der Werkstatt Ebert Wolfs d. J. nahestehen.239) Erwähnung verdient schließlich noch eine Goldschmiedearbeit mit einer erhaben ausgeführten Frakturinschrift, die vermutlich mithilfe eines Models geprägt wurde (Nr. 561).

Die humanistische Minuskel, die der Antiqua in der Buchschrift entspricht, wird in Inschriften im Allgemeinen ab der Mitte des 16. Jahrhunderts verwendet. Die Schrift ist durch runde Bögen und ohne Brechung endende Schäfte gekennzeichnet. Schaft-s und f stehen auf der Grundlinie, auch der Bogen des h ist nicht unter die Grundlinie verlängert. Das a kann einstöckig oder zweistöckig ausgeführt sein. Das g ist rund.240) Im Landkreis Schaumburg tritt die humanistische Minuskel erstmals in den 1570er-Jahren auf dem Epitaph für Johann Gogreve und Mette Desenis auf (Nr. 241), findet aber bis 1650 keine große Verbreitung. Von den zehn Belegen sind sieben gemalt (Nr. 241, 310, 328, 495, 630, 636 u. 639; vgl. Abb. 32, 289, 322 u. 324), einer in Stein erhaben ausgehauen (Nr. 423 u. Abb. 274) und ein weiterer in Glas geschliffen (Nr. 554). Ein weiterer Beleg ist nur durch eine Fotografie überliefert, auf der die Ausführungsart nicht zu erkennen ist (Nr. 498). In der schrägliegenden Erscheinungsform der humanistischen Minuskel können Schaft-s und f unter die Grundlinie reichen (Nr. 310). In Reinform wird die humanistische Minuskel nur für lateinische Texte verwendet.

Zitationshinweis:

DI 104, Landkreis Schaumburg, Schriftarten und Werkstätten (Katharina Kagerer), in: inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di104g020e008.

  1. Vgl. hier und zum Folgenden die Ausführungen zu den Einzelschriften in: Deutsche Inschriften. Terminologie zur Schriftbeschreibung, S. 28. »
  2. Erstbeleg ist eine Hochwasserinschrift in Hann. Münden aus dem Jahr 1342; vgl. DI 66 (Lkr. Göttingen), Nr. 9. – Vgl. zu dem Themenkomplex jetzt Christine Wulf, Epigraphische Schriften des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit in Niedersachsen, in: Archiv für Diplomatik 63 (2017), S. 393–419, dort bes. S. 403–415. »
  3. Nr. 10 u. Abb. 84, Nr. 14 u. Abb. 86, Nr. 23 u. Abb. 91, Nr. 37 u. Abb. 111. »
  4. Nr. 8 u. Abb. 75, Nr. 17, Nr. 27 u. Abb. 85. »
  5. Nr. 10 u. Abb. 84, Nr. 14 u. Abb. 86, Nr. 17»
  6. Nr. 48 u. Abb. 117, Nr. 53 u. Abb. 125, Nr. 82»
  7. Z. B. Nr. 29 u. Abb. 89, Nr. 69, 121 u. 142»
  8. Nr. 53, Inschrift D u. E; vgl. Nr. 81, Inschrift B u. C. »
  9. Abseits der Hausinschriften finden sich nur zwei in Holz geschnitzte Beispiele für die gotische Minuskel: ein Altarflügel in Obernkirchen mit kunstvoll gestalteten nomina sacra (Nr. 99 u. Abb. 144) sowie die Kanzel in Hohenrode (Nr. 91 u. Abb. 44). »
  10. Nr. 28 u. Abb. 97, Nr. 31 u. Abb. 99, Nr. 33 u. Abb. 100. »
  11. Vgl. zu Meiger DI 88 (Lkr. Hildesheim), Einleitung S. 39»
  12. Nr. 88 u. Abb. 186, Nr. 123 u. Abb. 139, Nr. 125 u. Abb. 138. »
  13. Vgl. DI 88 (Lkr. Hildesheim), Einleitung, S. 41»
  14. Nr. 84, 91, 98, 116, 119, 122, 143, 152 u. 165»
  15. Albrecht, Landesherrliche Baumaßnahmen, S. 177. »
  16. Karrenbrock, St. Martin zu Nienburg, S. 102; vgl. ders., Spätmittelalterliche Steinskulptur, S. 184. »
  17. DI 46 (Stadt Minden), Nr. 76»
  18. Lange, Bildhauerkunst des Kreises Minden, S. 32; vgl. DI 46 (Stadt Minden), Nr. 80»
  19. André, Beischlagwangen, S. 163. Folgende Objekte ließen sich bislang identifizieren: Kloster Loccum: Grabplatte für Olrick Grothe (1529), Grabplatte für Wilken Klencke und seine Ehefrau (1539), Epitaph für Hans von Münchhausen (1547), Grabplatte für Dietrich von Landsberg und Gisela von Zesterfleth (1547); Kirche in Drakenburg: Grabplatte für Cord von Have d. Ä. und Cord von Have d. J. (1530), Grabplatte für Cord Rommel (1538). »
  20. Jürgen Soenke, Johann Robyn – Der Meister J.R. Beziehungen zwischen der flämischen und der Weser-Renaissance, in: Mindener Heimatblätter 29 (1957), Nr. 11/12, S. 121–144, dort S. 125. Auf jeden Fall erscheint die Deutung des Meisterzeichens auf der Steinbrüstung als IR fragwürdig. »
  21. Diese Grabdenkmäler ähneln stark den Stücken in Loccum und Drakenburg. »
  22. Aus Minden sind ferner zwei Beischlagwangen von 1530 zu nennen (DI 46 (Stadt Minden), Nr. 73). Wahrscheinlich stammt auch das Epitaph des Thomas von Halle im Mindener Dom (DI 46, Nr. 81) von Robin. Hinzu kommt ein Wappenstein aus dem Schloss Petershagen (Kreis Minden-Lübbecke, Nordrhein-Westfalen; Abb. bei Kreft/Soenke, Weserrenaissance, Abb. 34 u. Bischoff/Ibbeken, Schlösser der Weserrenaissance, S. 172 Abb. 117). Möglicherweise stammt auch die Grabplatte für Margarethe von Oppen, die Ehefrau des Christoph von Münchhausen (Nr. 188 u. 189), im Stift Fischbeck (Lkr. Hameln-Pyrmont) aus der Werkstatt des Jasper Robin. »
  23. Vgl. Nr. 133, 137, 164, 176, 179, 181, Grabplatte für Cordt von Mandelsloh, für Olrick Grothe, für Wilken Klencke, für Dietrich von Landsberg, für Cord von Have d. Ä. und Cord von Have d. J. und für Cord Rommel. »
  24. Nr. 141, 156 (als Versal), 159, 168, 215, Simsonrelief, Grabtumba für Jobst II. von Hoya und Anna von Gleichen, Wappenstein in Petershagen. »
  25. Epsilonförmiges E in Nr. 164 als Versal, Nr. 188 u. 189 am Wortanfang, Wappenstein im Schloss Petershagen, Grabplatte für Dietrich von Landsberg im Kloster Loccum. »
  26. Abgesehen von den für die Werkstatt Jasper Robins typischen Buchstabenformen sind es auch und vor allem stilkritische Merkmale, die die Zuschreibung stützen können: Männer sind häufig mit sehr breiten Bärten dargestellt (Nr. 163, 164, 215, Simsonrelief, Sündenfall, Grabtumba für Jobst II. von Hoya und Anna von Gleichen; Kloster Loccum: Grabplatte für Olrick Grothe, Grabplatte für Wilken Klencke und seine Ehefrau, Epitaph für Hans von Münchhausen, Grabplatte für Dietrich von Landsberg und Gisela von Zesterfleth; Kirche in Drakenburg: Grabplatte für Cord von Have d. Ä. und Cord von Have d. J., Grabplatte für Cord Rommel). Ferner gleicht sich die Gestaltung der Rüstung, insbesondere hinsichtlich der Gestaltung der Armbeuge und des Helms. Wenn ein Helm ausreichend groß dargestellt ist, ist er häufig als Spangenhelm gestaltet (Nr. 159, 168, 188, 189); mitunter sind bzw. waren Spangen aus Metall eingesetzt (Nr. 159, 168). Pilaster sind häufig mit Blattornament verziert (Nr. 133, 137, 141 u. 159). »
  27. Nr. 168, 215, Wappenstein in Petershagen. »
  28. Nr. 88, 107, 110, 120, 133, 148, 160, 174, A1 25. Die Inschriften Nr. 107, 123, 128 u. 140 sind stark von der frühhumanistischen Kapitalis geprägt und werden deshalb hier ebenfalls nicht berücksichtigt; zur Kapitalis Jasper Robins s. das vorherige Kapitel. »
  29. Z. B. Nr. 209, 213, 235, 279 u. Abb. 225, Nr. 281 u. Abb. 226, Nr. 318»
  30. Vgl. Nr. 208, 225228, 273, 274, 276, 286 u. A1 23; vgl. Abb. 196, 197 u. 200. »
  31. Zit. nach Soenke, Triumph des Manierismus, S. 47. »
  32. Kreft/Soenke, Weserrenaissance, S. 33f. Zu Arend Robin vgl. Lange, Bildhauerkunst des Kreises Minden, S. 33–36. »
  33. Signiert ist der Kamin Nr. 266»
  34. DI 88 (Lkr. Hildesheim), Nr. 178 u. 180»
  35. Soenke, Triumph des Manierismus, S. 46; vgl. Lange, Bildhauerkunst des Kreises Minden, S. 34. »
  36. DI 88 (Lkr. Hildesheim), Nr. 153»
  37. DI 46 (Stadt Minden), Nr. 89; vgl. Lange, Bildhauerkunst des Kreises Minden, S. 34f. »
  38. DI 28 (Stadt Hameln), Nr. 74»
  39. DI 46 (Stadt Minden), Nr. 95»
  40. DI 59 (Stadt Lemgo), Nr. 73»
  41. Vgl. DI 88 (Lkr. Hildesheim) Nr. 153 u. 178. Für drei weitere Epitaphien, die mit Robin in Verbindung gebracht wurden, lässt sich anhand der Schriftmerkmale keine sichere Zuschreibung gewinnen: die Epitaphien für Gordt Ketteler und Anna von Meschede in Polle (DI 83 (Lkr. Holzminden), Nr. 57 u. 77) sowie das Epitaph für Rudolf von Holle in Hameln (DI 28 (Stadt Hameln), Nr. 65). »
  42. Soenke, Johann Robyn, S. 138. »
  43. Nr. 335337, 339 u. A1 53; vgl. Abb. 244 u. 245. »
  44. Aus angrenzenden Landkreisen sind weitere Werke anzuführen: das Epitaph für Hans Freitag (1576) in der Stiftskirche in Wunstorf (Region Hannover) mit demselben Steinmmetzzeichen wie auf dem Wappenstein auf Gut Wormsthal, das Epitaph für die Äbtissin Katharina von Rottorp im Stift Fischbeck (1580), ein Wappenstein auf Schloss Hämelschenburg (Lkr. Hameln-Pyrmont) von 1592 (vgl. Bischoff/Ibbeken, Schlösser der Weserrenaissance, S. 132, Abb. 70) und die Grabplatte für Adelheid von Landsberg im Kloster Loccum (Lkr. Nienburg/W.) aus dem Jahr 1588. »
  45. Nr. 477, 482, 505 u. 516; vgl. Abb. 290–294. Vermutlich ist auch die Inschrift außen am Fries des Mausoleums in Stadthagen (Nr. 544) hierzu zu zählen; allerdings ist sie bei einer Restaurierung erneuert worden. »
  46. Zu verweisen wäre auch auf die aufgemalte Inschrift auf der Gruftplatte für Fürst Ernst (Nr. 526 u. Abb. 303). Die Inschriften der Epitaphien im Mausoleum in Stadthagen (Nr. 545 u. Abb. 295) sind zum Teil vollständig erneuert; immerhin scheinen die Inschriften auf den Sockeln die ursprüngliche Formgebung erkennen zu lassen. »
  47. Vgl. den Kaminsturz Nr. 287 (Abb. 234), den man ohne Kenntnis der Jahreszahl 1580 vermutlich in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts datieren würde. »
  48. Zu erwähnen ist lediglich, dass die schrägliegende Kapitalis in Holz geschnitzt deutlich seltener auftritt als in Stein. Der früheste Beleg (allerdings mit unklarer Provenienz) stammt aus dem Jahr 1572 (Nr. 234). »
  49. Vgl. Deutsche Inschriften. Terminologie zur Schriftbeschreibung, S. 48. »
  50. Nr. 245, 377, 420 u. 474; vgl. Abb. 267 u. 268. »
  51. Vgl. DI 88 (Lkr. Hildesheim), Nr. 211; Einleitung, S. 44»
  52. Vgl. Deutsche Inschriften. Terminologie zur Schriftbeschreibung, S. 48. »