Die Inschriften der Stadt Wiesbaden

6. NICHT AUFGENOMMENE INSCHRIFTEN

Von der Aufnahme in den Katalog blieben nach Maßgabe der Bearbeitungsrichtlinien die von Nachbardisziplinen335) betreuten reproduzierbaren Inschriften, etwa auf Münzen, Siegeln, Ofenplatten u.ä., ausgeschlossen, ebenso Inschriften, die außerhalb der Zeitgrenzen entstanden, aus fremden Gebieten nachträglich in den Bestand eingeführt wurden oder deren Herkunft aus dem Wiesbadener Raum oder deren Anfertigung für denselben nicht gesichert ist, also etwa die sogenannten Patenglocken, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten hierher transportiert wurden. Die folgende Übersicht erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Eine wohl aus der 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts stammende und zu den „für Hessen herausragenden Scheibenfibeln“336) gehörende Preßblechscheibenfibel mit der Inschrift INVICTA ROMA [Druckseite XLVII] VTERE FELIX soll von einem sonst unbekannten Dotzheimer Gräberfeld stammen.337) Sie tauchte 1853 in England auf und gehört zu den Sammlungen des British Museum, London. Ihre Aufnahme in den Katalog unterblieb, da für ihre Herstellung spätrömische Münzen und Medaillen als Vorbilder dienten und sie aufgrund ihrer Fertigungstechnik zu den reproduzierbaren Inschriften gehört.

Die in den Sammlungen des Museums, SNA, befindliche Glocke Tilmanns von Hachenburg mit dem Gußjahr 1450338) stammt aus Roßbach im Westerwald.339) Die verlorene, 1490 von Clas von Enen gegossene Glocke in der Kath. Pfarrkirche in Mainz-Kostheim entstammt dem Kloster Gronau.340) Das bedeutsame Geläute der Bonifatiuskirche aus dem 15. Jahrhundert befand sich ursprünglich in dem 1803 säkularisierten Kloster Bornhofen und wurde 1820 der Kath. Kirchengemeinde in Wiesbaden von Herzog Wilhelm von Nassau geschenkt.341) Aus den Klöstern Tiefenthal und Gottesthal im Rheingau gelangten drei Glocken342) zusammen mit dem Bornhofener Geläute nach St. Bonifatius; die Tiefenthaler Marienglocke wurde 1974 als Dauerleihgabe an die Kohlhecker St. Hedwiggemeinde abgegeben.

Zwar auch innerhalb der Zeitgrenze entstanden, aber von unbekannter Herkunft ist ein Gemälde in der Schiersteiner Christophoruskirche. Das Tafelbild aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts zeigt die Darstellung eines Gnadenstuhls. Zu Häupten Gottvaters schwebt ein Schriftband mit der Inschrift BENEDICAMVS PATREM ET FILIVM CVM SANCTO SPIRITV. Mündlicher Auskunft zufolge handelt es sich um eine Dauerleihgabe des Museums Wiesbaden an die Kirchengemeinde. Auch weitere Stücke der Schiersteiner Kirche entstammen nicht dem älteren Vorgängerbau, sondern wurden aus dem Kunsthandel erworben343) oder geschenkt.

Im Dachmagazin des Museums Wiesbaden sind einige Holzbalken gelagert, die möglicherweise von einstigen Wiesbadener Fachwerkhäusern stammen. Ein Balken ist mit den zwei Hausmarken begleitenden Initialen A B und M B sowie der Jahreszahl 1614 beschriftet. Da jedoch die Provenienz nicht zu klären war, unterblieb die Aufnahme des Balkens in den Katalog. Wenige ebenfalls im dortigen Magazin bewahrte Wirtshausschilder von Wiesbadener Gasthäusern entstammen dem Zeitraum nach 1700.

Das Biebricher Heimatmuseum verwahrt seit längerem ebenfalls eine Dauerleihgabe des Wiesbadener Museums. Es handelt sich um einen Tafelaufsatz aus Zinn, der in Form eines Segelschiffes gestaltet ist. Auf Bug und Heck des zweimastigen Schiffes sind der Geschlechtername Nassovia und auf den beiden Segeln die Namensinschriften des Grafen Walrad von Nassau-Usingen und Saarbrücken und seiner Ehefrau Cathérine Isabelle Françoise Marie Comtesse de Roeulx und die Jahreszahl 1678 eingeritzt. Der Tafelaufsatz wurde vermutlich anläßlich der Eheschließung des Paares angefertigt und möglicherweise in Usingen aufbewahrt.344)

Eine nicht geringe Zahl von Inschriften wurde nur erwähnt, ohne daß die Gewährsleute wesentliche Teile des Textes wiedergaben. So kennt man von der Igstadter Glocke den Namen des Gießers Petrus Speck und das Gußjahr 1661, nicht jedoch Aussehen von Schrift und Ornamenten.345) Gleiches gilt für die Biebricher Glocke des Kaspar Roth von 1678.346)

Daß in Wiesbaden mit einer weitaus höheren Anzahl an Inschriften gerade der jüngeren Zeit zu rechnen ist, geht aus kursorischen Kirchenbeschreibungen hervor. Offenbar aus inschriftlichen Zeugnissen stammen Informationen, die für bestimmte Standorte Namen, Stand und Todesdaten einzelner dort bestatteter Personen nennen. So berichtete Schenck, daß in der Mauritiuskirche „Fahnen, Degen und andere militärische Insignien aufgehängt“ und „zahlreiche Prediger mit ihren Grabinschriften“ vorhanden waren, und nannte in diesem Zusammenhang den Namen Nikolaus Freinsheim, [Druckseite XLVIII] allerdings ohne Zeitstellung.347) Noch im Jahre 1882 werden von dem Chronisten Wilhelmi Namen und Rang sowie Details der Todesumstände einzelner Offiziere mitgeteilt, die 1689 im Sturm auf Mainz gefallen waren und in der Biebricher Hauptkirche beigesetzt wurden.348) Freilich ist nicht eindeutig zu verifizieren, ob diese Informationen auf der Kenntnis von Denkmälern beruhen oder eventuell aus anderen Quellen wie etwa Totenbüchern stammen. Aus den Bestattungsbüchern der Ev. Hauptkirche in Biebrich wurde eine Liste von bedeutenden Personen des Ortes erstellt, deren Position, Todesdaten bzw. sogar Todesumstände aufgelistet sind.349) Es ist also denkbar, daß noch mehr als die beiden erhaltenen Epitaphien (Nrr. 119, 126) vorhanden waren.

Inwieweit die für einzelne Bauwerke in Wiesbaden genannten Erbauungsjahre (Nr. 130) auf Inschriften oder Bauzahlen beruhen, kann in den meisten Fällen nicht nachgeprüft werden, da viele der genannten Bauwerke untergegangen sind. Es soll nur darauf verwiesen werden, daß das Wiesbadener Schulhaus 1570, das Sondersiechenhaus beim Hospital 1573 und das Neue Schloß 1596 errichtet wurden.350) In gleicher Weise sind ohne Quellenangabe auch für einzelne Vororte Wiesbadens Baujahre belegt, etwa in Dotzheim das 1669 erbaute, mittlerweile abgerissene Wohnhaus in der Aunelstraße 18351) oder das dort 1696 als zweite Eberbacher Klostermühle erbaute sogenannte „Parthie-Mühlchen“; für Kloppenheim sind mehrere Mühlen bekannt: Ein Mühlenbau wurde 1564 bewilligt, der 1695 durch einen bereits 1792 wieder niedergelegten Neubau ersetzt wurde, die zweite Mühle am Hockenberg entstand 1670, die dritte, die sog. Pflanzenmühle, entstand 1691.352) Für Delkenheim ist der Um- und Ausbau einer Scheune zum Schulhaus für 1618 belegt.353) Hinzu kommen zahlreiche Kapellen und Heiligenhäuschen rund um Wiesbaden, von denen fallweise Daten überliefert werden – so wurde das der Gottesmutter geweihte Heiligenhäuschen „im Hayngarten“, dem Felddistrikt Hengert, im Jahre 1515 errichtet.354) Über weitere Flurdenkmäler liegen außer den Lageangaben keine detaillierten Nachrichten vor.355)

Ein bei Mainz-Kastel gefundener, eindeutig frühchristlicher Grabstein ist mit einer wirren Ansammlung von Zeichen dekoriert. Versuchsweise wurde sie als Grabinschrift mit dem Wortlaut HIC QVISCIT N(OMIN)I MVMVLA QVI VIXIT I(N) P(ACE) A(NNOS) XV gelesen.356) Es handelt sich aber nicht um eine Inschrift im eigentlichen Sinne, sondern vielmehr um eine Übertragung nicht verstandener Zeichen durch einen illiteraten Hersteller. Ihm stand wahrscheinlich ein frühchristlicher Grabstein als Vorbild zur Verfügung, dessen Schrift er nicht verstand. Selbst bei extrem niveauarmen frühmittelalterlichen Schriften läßt sich gewöhnlich ein Mindestmaß an Buchstabenbildung nachvollziehen; das ist hier nicht der Fall.

  1. Vgl. Kloos, Einführung 2f. »
  2. Hessen im Frühmittelalter 128 Nr. 47. »
  3. Erwähnt bei Kopp, Dotzheim 9, mit Zeichnung. »
  4. Inv.-Nr. 1926/9, vgl. Köster, Tilman von Hachenburg 10f. »
  5. Köster, ebd. 10. »
  6. Vgl. DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) Nr. 279»
  7. Vgl. Luthmer, Bau- und Kunstdenkmäler (1921) 150f.; Czysz, St. Bonifatius 8. »
  8. Vgl. Struck, Wiesbaden Goethezeit 145 zu den Gottesthaler Glocken; zur Tiefenthaler Marienglocke vgl. DI 43 (Rheingau-Taunus-Kreis) Nr. 154a»
  9. So wurde beispielsweise 1964 ein großes Ölgemälde aus dem 2. V. des 17. Jh., das sich zuvor im Dom von Pisa befunden hatte, erworben, vgl. Dehio Hessen (1982) 779. »
  10. Das Schiff wird im zukünftigen Inschriftenband Hoch-Taunus ediert. »
  11. Vgl. Luthmer, Bau- und Kunstdenkmäler (1914) 233. »
  12. Vgl. Lotz, Baudenkmäler 330, der nur das Gußjahr und den Namen des Gießers nannte; Berger 224 nur erwähnt. »
  13. Schenck, Geschicht-Beschreibung 107. »
  14. So wurde Philipp Siegmund von Dobeneck aus dem Voigtland „in den rechten Arm geschossen“, vgl. Wilhelmi, Geschichte 13; Wilhelmi nennt weiterhin Kapitän Johann Michael von Engelhard aus Livland, Lieutenant Christian Mehrhard von Spangenberg vom Kalber’schen Regiment, die beide vor dem Hochaltar beigesetzt wurden, Kapitänlieutenant Heinrich Talbitor, Lieutenant Hedemann aus Hannover sowie einen namentlich nicht genannten hannoverischen Obristwachtmeister. »
  15. Es waren dies der Müller der Armenruhmühle, Hans Veith Späth († 1681, vgl. auch Nr. 108), Schreinermeister Hans Georg Loth († 1689), Bürgermeister Johann Kraus († 1691) und die beiden Pfarrer Christoph Wittich (Nr. 118) und Johann Gottfried Weinrich (Nr. 125), vgl. Glöckler, Schauplatz 17. »
  16. Vgl. Müller-Werth, Geschichte 34. Solche Daten können freilich auch aus anderem Quellenmaterial gewonnen sein. »
  17. Vgl. Kopp, Dotzheim 31. »
  18. Vgl. Dotzheim 24f.; zu den Kloppenheimer Mühlen (Hockenberger, Pflanzen-, Stützel- und Reitzenmühle) vgl. Göbel, Kloppenheimer Mühlen. Bauzahlen sind hierfür nicht bekannt geworden. »
  19. Vgl. Materialien, Delkenheim 5. »
  20. Rossel, Kirchl. Alterthümer 6. »
  21. Ebd. Rossel erwähnt insgesamt 17 solcher kleinen Andachtskapellchen und Heiligenhäuschen, die seinerzeit in Feldfluren nachzuweisen waren. »
  22. Heute Mainz, Landesmuseum. Zur Inschrift vgl. Kraus, Christl. Inschriften I 23 Nr. 39 mit Abb. Taf. III 1; Hessen im Frühmittelalter 194 Nr. 131. »