Die Inschriften des Landkreises Göppingen

5. Die Schriftformen

5.1. Vorkarolingische und karolingische Kapitalis

Zu einer genaueren schriftgeschichtlichen Einordnung der im 7. Jahrhundert gefertigten Inschriften der Gürtelbeschläge aus dem alamannischen Reihengräberfriedhof in Donzdorf (nr. 1) fehlt ausreichendes Vergleichsmaterial. Der Buchstabenbestand ist kapital; allerdings sind die Bögen häufig eckig ausgeführt, bisweilen gar rechtwinklig gebrochen. G mit abgesetzter und Q mit sehr hoch angesetzter Cauda, M mit hochgezogenem Mittelteil, N mit an der linken Haste tief ansetzendem Schrägbalken und flachgedecktes A sind die wichtigsten Abweichungen vom – im 7. Jahrhundert längst nicht mehr verpflichtenden – Kanon des klassischen Kapitalisalphabets. Die durch Aussparung der Flächentauschierung hergestellten Inschriften haben völlig einheitliche Strichstärke und keine Sporen. Sie unterscheiden sich deutlich von den zeitgleichen fränkisch-rheinischen Inschriften, die als typische Merkmale die von den Runen beeinflußten Hastenverlängerungen und eine Häufung eckiger Buchstabenformen aufweisen138).

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Gingen an der Fils, nr. 2

[Druckseite XLV]

Die im Zuge der karolingischen Renaissance erfolgte Schriftreinigung in Orientierung an den Vorbildern der antiken Inschriften ließ auch in Gebieten, die nie unter römischer Herrschaft gestanden hatten und daher keine direkten inschriftlichen Schriftmuster für die klassische Kapitalis besaßen, besten Vorbildern verpflichtete Kapitalisinschriften mit regelmäßiger Bogen- und Linksschrägenverstärkung, Wechsel von Haar- und Schattenstrichen und Sporen an Hasten-, Balken- und Bogenenden entstehen139). Nebenformen wie eckiges C und G oder Unzialbuchstaben (D, E, H, M) sowie Ligaturen und Abkürzungen sind selten. Die Orientierung an den antiken Vorbildern wird im späten 9. und im 10. Jahrhundert im allgemeinen schwächer, doch dringen nur langsam wieder verstärkt Unzialformen und Ligaturen in das Kapitalisalphabet ein. Die Gingener Bau- und Weiheinschrift von 984 (nr. 2) gehört noch der karolingischen Schriftepoche an, doch lassen die sehr regelmäßigen Buchstaben weder Linksschrägen- und Bogenverstärkungen noch Sporen erkennen140), sie sind vielmehr in einheitlicher Strichstärke eingehauen. Die Schaft- und Bogenenden sind kaum verbreitert; Unzialformen fehlen. Abweichungen von der klassischen Kapitalis sind vor allem die asymmetrische Verzerrung des M und die stumpfen Spitzen von A, M und N. Bemerkenswert sind die aus drei übereinandergesetzten Punkten gebildeten Interpunktionszeichen. Im südwestdeutschen Raum mangelt es an vergleichbaren Steininschriften der ottonischen Zeit141); durch ihre genaue Datierung und die qualitätvolle Ausführung bildet die Gingener Inschrift einen wichtigen Fixpunkt für die Entwicklung der Monumentalschrift.

5.2. Romanische und gotische Majuskel

Der romanischen Majuskel lassen sich im Bearbeitungsgebiet nur vier erhaltene Inschriften zuordnen. Lediglich eine, auf einer Faurndauer Grabplatte des 12. Jahrhunderts, ist in Stein eingehauen (nr. 3). Sie weist keine Unzialformen und keine Ligaturen auf; als Doppelform erscheint neben dem runden ein eckiges C. A ist trapezförmig. Alle Linien, auch die Sporen, sind einheitlich dünn ausgeführt. Die Schrift zeigt noch keinen Ansatz zu Bogenschwellungen oder Hastenverbreiterungen.

In die 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts gehört das Altenstädter Wandgemälde mit Darstellung einer Stifterin und mit fragmentarischer Beischrift. Auch hier ist der erhaltene Buchstabenbestand noch kapital, allerdings sind die Hasten- und Balkenenden durch Ausrundung der Sporenansätze zu Dreiecken oder Keilen verdickt. Auch die Ansätze des oberen und unteren Balkens des E am Schaft sind deutlich ausgerundet. D hat eine leichte Bogenverstärkung; A ist mit beidseitig weit überstehendem Deckbalken und geknicktem Mittelbalken gebildet, das W aus zwei verschränkten V.

Die plumpen Schriftformen auf den beiden Glocken in Boll und Drackenstein, die wohl in die 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts zu datieren sind (nrr. 6, 7), taugen kaum für eine schriftgeschichtliche Einordnung und Auswertung. Beide Inschriften verzichten auf Sporen, die freien Enden sind allenfalls keulenförmig verdickt (Boll) oder – bei C und S – nach außen umgebogen (Drackenstein). Die Drackensteiner Inschrift ist linksläufig und spiegelverkehrt angebracht. An nicht-kapitalen Grundformen finden sich lediglich in Boll ein T mit unten eckig nach rechts gebogener Haste und in Drackenstein das runde N.

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Boll, nr. 6

Aus Mangel an weiteren erhaltenen Inschriften des 13. Jahrhunderts läßt sich der Übergang von der romanischen zur gotischen Majuskel im Bearbeitungsgebiet nur unzureichend dokumentieren. Die beiden um 1300 gegossenen Glocken in Drackenstein und Eschenbach (nrr. 8, 9) sind so schwer [Druckseite XLVI] zugänglich, daß ihre Schriftformen nur bedingt zur Untersuchung herangezogen werden können. Die Eschenbacher Glockeninschrift zeigt noch keine Buchstabenabschlüsse, doch sind die Hasten- und Balkenenden zu kräftigen Keilen verbreitert, kapitales E hat einen verdoppelten Schaft, und an Unzialformen finden sich – neben den entsprechenden Kapitalisvarianten – A mit s-förmig gekrümmter rechter Schräghaste, links geschlossenes M mit in den rechten Bogen eingefügtem Zierbalken sowie U; als Zierformen weisen einige Buchstaben Nodi auf. Noch ausgeprägter sind die keilförmigen Verbreiterungen der freien Buchstabenenden der Drackensteiner Glockeninschrift, deren Buchstaben – nur E ist unzial – ebenfalls noch keine Tendenz zur Abschließung erkennen lassen142). Die in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts oder vielleicht noch am Ende des 13. Jahrhunderts gegossene älteste Heininger Glocke (nr. 15) hat bereits das geschlossene unziale E mit deutlicher Ausrundung der Innenkontur; der Bogen des P und R ist aufgebläht; die Bogenenden des S sind gespalten.

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Heiningen, nr. 15

Die Beischriften der Wandmalereien in Faurndau (nr. 10) aus dem frühen 14. Jahrhundert sind dann bereits in einer voll entwickelten gotischen Majuskel mit zahlreichen runden Formen, starken Bogenschwellungen und Buchstabenabschlüssen (bei C und E) ausgeführt; Bögen und Hasten erhalten häufig begleitende Zierstriche. Die Inschriften der Gewölbemalereien in derselben Kirche weisen diese Zierformen nicht auf. Sie dürften etwas früher, vielleicht noch im ausgehenden 13. Jahrhundert, entstanden sein.

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Faurndau, nr. 10 I (Gewölbemalereien) und 10 II–III (Wandmalereien)

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Oberwälden, nr. 11

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Gruibingen, nr. 16

Die ebenfalls noch in die 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts einzureihenden Beischriften der Wandmalereien in Oberwälden und Gruibingen (nrr. 11, 16) sind den Faurndauern vergleichbar. Die nur mehr in spärlichen Fragmenten erhaltenen Oberwäldener Inschriften setzen neben den begleitenden Zierstrichen auch Halbnodi als Schmuckelemente ein. Der Abschlußstrich des C erreicht Hastenstärke. Die aus der zweiten Jahrhunderthälfte erhaltenen Heininger Wandmalereiinschriften (nr. 25) lassen keine deutliche Weiterentwicklung der Schriftformen erkennen. Sie zeichnen sich aber gegenüber den früheren Inschriften durch einen viel einheitlicheren Duktus aus. Bemerkenswert ist, daß alle Wandmalereiinschriften des Kreises Göppingen das flachgedeckte A, meist mit geknicktem Mittelbalken, aufweisen, während das als ein Leitbuchstabe der gotischen Majuskel geltende pseudounziale A nirgends Verwendung findet.

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In Stein eingehauen, begegnet die gotische Majuskel erst ab der Mitte des 14. Jahrhunderts. Die Inschrift einer Grabplatte in Steinenkirch von 1348 (nr. 14) zeigt durch den Wechsel von starken Bogenschwellungen, Schafteinschnürungen und haarfein ausgeführten Bogenlinien und Balken die für die ausgebildete gotische Majuskel charakteristische innere Spannung. Erstmals läßt sich das pseudounziale A nachweisen. Halbnodi sind als Zierformen ebenso verwendet wie in einer im selben Jahr entstandenen Faurndauer Grabinschrift (nr. 13), die aber insgesamt sehr viel unregelmäßiger ausgeführt ist und in der die runden Buchstabenformen überwiegen. Die Bogenenden des unzialen H, des geschlossenen unzialen M, des runden N und des U sowie die Cauda des R sind nach außen umgebogen und zu flachen, breiten Dreiecken verdickt.

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Donzdorf (aus Faurndau), nr. 13

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Donzdorf (aus Faurndau), nr. 23

Gleichmäßiger und in den Einzelformen breiter sowie mit deutlicher ausgerundeten Bogenschwellungen präsentiert sich die Schrift einer ebenfalls aus Faurndau stammenden Grabplatte von 1374 (nr. 23). Die Balkenenden von L und T sind zu langen, hoch aufragenden bzw. weit hinabreichenden Keilen ausgezogen, die den Buchstaben zur Seite hin abschließen. Das pseudounziale A hat einen linksschrägen Mittelbalken. Ähnliche, fast quadratische Proportionen hat die tief ausgehauene Majuskel einer Grabplatte von 1366 in Steinenkirch (nr. 22), deren starke Verwitterung freilich keine genauere Schriftuntersuchung erlaubt.

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Sulpach, nr. 26

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Göppingen-St. Gotthardt, nr. 27

Als Beispiele für die gotische Majuskel mit spitz ausgezogenen Bogenschwellungen, wie sie erst ab dem zweiten Drittel des 14. Jahrhunderts in Monumentalschriften vorkommt, lassen sich nur zwei Glockeninschriften namhaft machen. Die Majuskel der Sulpacher Glocke (nr. 26) hat umgebogene, dreieckig verdickte Bogen- und Caudeneneden. C und unziales E sind so stark rechts eingeschnürt, daß sie eine fast rautenförmige Außenkontur erhalten und der nach außen durchgekrümmte Abschlußstrich als angesetzter Bogen erscheint. Viel gleichmäßiger und einheitlich durchstilisiert ist die Schrift der Glocke in Göppingen-St. Gotthardt aus der zweiten Jahrhunderthälfte (nr. 27). Bogeninnenschwellungen bei C, E und O, beinahe Hastenstärke erreichende senkrechte Abschlußstriche von C und E, analog dazu beidseitig durch Verschmelzung der Sporen mit den Bögen senkrecht abgeschlossenes S und vor allem die wellenförmig gebogenen, spitz auslaufenden Sporen prägen das Gesamtbild. Diese Schriftausprägung war vor allem im fränkischen Raum beliebt, so daß nicht verwundert, daß die Glocke von einem Nürnberger Gießer gegossen wurde. Eine letzte Verwendung der gotischen Majuskel im Bereich der Glockeninschriften läßt sich auf einer verlorenen Glocke aus der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts in Geislingen-Altenstadt erschließen (nr. 60 †).

[Druckseite XLVIII]

In Stein und auf Wandmalereien läßt sich die Majuskelschrift im 15. Jahrhundert nur noch als Auszeichnungsschrift in Versalfunktion, sei es als Versalien der gotischen Minuskel, sei es isoliert als Initialen (nrr. 105, 110, 199), beobachten. In der Datierung der Wandmalerei in Bezgenriet (nr. 35: 1409) ist die gotische Majuskel lediglich für die römischen Zahlzeichen der Jahreszahl verwendet, für den übrigen Text dagegen die gotische Minuskel.

5.3. Gotische Minuskel

Die gotische Minuskel, die andernorts bereits ab der Mitte des 14. Jahrhunderts allmählich und gegen Ende des Jahrhunderts verstärkt im inschriftlichen Bereich Verwendung fand und die gotische Majuskel als Monumentalschrift langsam verdrängte143), läßt sich im Kreis Göppingen erst in Inschriften des frühen 15. Jahrhunderts nachweisen. Da abgesehen von einigen nicht sicher datierbaren Glockeninschriften aus der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts die letzte Majuskelinschrift schon 1374 entstanden ist (nr. 23), der Gebrauch von Majuskel und Minuskel sich mithin nicht überschneidet, verbietet der dünne Überlieferungsbefund – wie im benachbarten Rems-Murr-Kreis144) – eine nähere zeitliche Festlegung des Ablösungsprozesses der einen durch die andere Schrift.

Die früheste Minuskelinschrift findet sich auf einer Glocke von 1408 (nr. 33)145), es folgen Wandmalereiinschriften in Bezgenriet, Gruibingen und Zell von 1409, 1417 und 1421 (nrr. 35, 37, 39). Die Gruibinger und Zeller Inschriften, die wohl von demselben Maler gemalt wurden, haben nicht besonders prägnante, aber doch deutlich erkennbare Ober- und Unterlängen, sind also nicht, wie dies bei frühen Minuskelschriften häufig zu beobachten ist, in ein Zweilinienschema gepreßt. Bemerkenswert sind die weit unter die Grundlinie gezogenen, unten nach rechts umbiegenden haarfeinen Abstriche am Fortsatz des g, an der Fahne des r und am Balken des t. Die beiden Inschriften verwenden wie die in Bezgenriet Versalien zur Hervorhebung der Zahlzeichen.

Auch die erste in Stein eingehauene Minuskelinschrift, die sorgfältig ausgeführte Grundsteinlegungsinschrift an der Geislinger Stadtkirche von 1424 (nr. 41), weist deutliche Ober- und Unterlängen sowie einen Versal auf. Trotz der etwas ungleichmäßigen Ausrichtung der Hasten entsteht durch ihre enge Aneinanderfügung der für die Textura charakteristische Eindruck der „Gitterschrift“. Die übrigen Steininschriften des 15. und des frühen 16. Jahrhunderts sind dann mit Ausnahme von drei Grabplatten von 1465 und 1466 (nrr. 80, 82 †, 84) und einer von 1494 (nr. 131) durchweg mit Versalien ausgestattet, die sich aber häufig auf das A von Anno am Beginn der Inschrift und das M in Zahlzeichenfunktion beschränken. Über die Form der Versalien der eingehauenen Inschriften in Stein und Holz sowie der gegossenen Grabinschriften orientiert das Schaubild. Durch die systematische Zusammenstellung der Versalienformen lassen sich immerhin in Einzelfällen Werkstattzusammenhänge aufdecken. So weisen die sich aus einem Mischalphabet rekrutierenden Versalien der Grabplatte der Anastasia von Wernau von 1500 in Göppingen (nr. 164) trotz der ansonsten wenig charakteristischen Schrift eindeutig auf dieselbe Werkstatt hin, die drei weitere Grabmäler in Oppenweiler, Murrhardt und Stuttgart-Stammheim gefertigt hat146).

Die Qualität der Schriftausführung schwankt erheblich. Von besonderer Qualität ist die versenkt-erhaben eingehauene Inschrift auf einem Drackensteiner Epitaph von 1442 (nr. 56) mit gespaltenen Oberlängen und weit in Zierlinien ausschwingenden Bögen von e, h und s sowie mit Rosetten-Worttrennern. Zur Vorbereitung der Inschrift wurde ein regelmäßiges Gitter aus waagerechten und senkrechten Linien auf der Schriftfläche angelegt, deren Abstand jeweils der Stärke einer Haste entspricht. Eine ähnlich sorgfältige Vorritzung erhielt eine 1479 angefertigte Göppinger Grabplatte (nr. 100). Eine reduzierte Zahl von Hilfslinien zur Markierung von Mittelband, Ober- und Unterlängengrenzen zeigt eine weitere Göppinger Grabplatte von 1466 (nr. 84).

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Die Versalien der gotischen Minuskel in chronologischer Reihenfolge

Daneben stehen unbeholfen gehauene, unregelmäßige Inschriften wie auf der Grabplatte der Anna von Westerstetten in Drackenstein (1494: nr. 131) und gelegentlich sogar flüchtig ausgeführte Inschriften mit kursiven Zügen (nrr. 91, 117 †). Einzelne aus Kursiven und Bastarden übernommene Elemente, wie v und w mit gebogenen Hasten, trifft man ab dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts auch in ansonsten noch gänzlich der Textura verpflichteten Inschriften an (z. B. nr. 128).

Eine regelmäßige Entwicklung der Schriftformen läßt sich im Göppinger Inschriftenmaterial weder für das „Wachsen“ der Ober- und Unterlängen noch für die Gestaltung der Hastenenden (etwa hin zur gespaltenen Form) noch für eine etwaige Zunahme von Zierformen konstatieren. Vielmehr kommen die unterschiedlichsten Ausformungen gleichzeitig vor, was auch nicht verwundert angesichts der Übernahme der Schriftart als einer bereits fertigen, aber in zahlreichen verschiedenen Varianten existierenden Buchschrift. Ligaturen sind im allgemeinen nur sparsam eingesetzt. Auffällige Häufungen finden sich nur in lateinischen Inschriften, die dann auch zahlreiche Abkürzungen aufweisen (nr. 118). Am schwächsten sind die Ober- und Unterlängen in den meisten der gegossenen und zwischen Stege eingeschlossenen Glockeninschriften des 15. Jahrhunderts ausgeprägt. Hier fehlen auch die Versalien. Erst auf einer Lachaman-Glocke und auf einigen Sidler-Glocken [Druckseite L] des frühen 16. Jahrhunderts werden vereinzelt Versalien verwendet. Die gegossene Grabinschrift eines Geislinger Priesters von 1500 weist als einzige Inschrift des Bearbeitungsgebiets das sogenannte „Kasten-a“147) mit durchgehender linker Haste und waagerechtem Mittelbalken auf (nr. 167).

Die Wandmalereiinschriften des 15. und frühen 16. Jahrhunderts in Auendorf, Salach, Göppingen-Oberhofen, Maitis, Gingen, Krummwälden, Dürnau und Adelberg sind entweder so schlecht erhalten oder aber schon früh in anderen Schriftformen übermalt worden, daß sie nicht für zuverlässige Schriftuntersuchungen herangezogen werden können. Dasselbe gilt für den 1530 neu beschrifteten Totenschild Konrads von Degenfeld von 1430 (nr. 46). Auf einigen spätgotischen Kelchen wurden die Inschriften in der über Musterbücher verbreiteten besonderen Form der Bandminuskel mit Schattenschraffur eingraviert (nrr. 173, 174, 210), freilich nicht immer mit dem richtigen Verständnis für die Struktur der Buchstaben.

Die grazile, schmale, mit haarfeinen Zierlinien reichlich geschmückte Minuskel des Göppinger Scherb-Epitaphs von 1528 (nr. 227) ist die vorerst letzte Steininschrift in reiner gotischer Minuskel. Es folgen in den 30er und 40er Jahren insgesamt fünf Inschriftenträger in Eybach und Donzdorf, die aufgrund ihrer Schrifteigentümlichkeiten der Werkstatt Jakob Wollers in Schwäbisch Gmünd zugewiesen werden können. Die unausgewogene Schrift ist zwar in der Substanz noch als gotische Minuskel anzusprechen (Hastenbrechung, Umbrechen von f und langem s auf der Grundlinie, zweistöckiges a), sie ist aber mit zahlreichen Fremdformen durchmischt, die vorwiegend der Fraktur entnommen sind (spitzovale Grundform von c, „unzialem“ d und o, geschwungene Bögen von g, h, v und w; Versalien). Die Versalien weisen eine große Variationsbreite auf.

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Jakob Woller: Versalien der Inschriften nrr. 233, 234, 241, 251

Eine Geislinger Grabplatte von 1553 (nr. 262) zeigt eine noch stärkere Durchmischung der gotischen Minuskel mit Frakturformen (einstöckiges a, Oberlängenschleifen). Eine manierierte Minuskel mit starrer Oberlängenspaltung, kreisförmigen i-Punkten und paragraphzeichenförmig in Zierlinien ausgezogener r-Fahne auf einer Donzdorfer Grabplatte von 1563 (nr. 275) erscheint wegen der auffällig runden Form von v und w, dem insgesamt stark aufgelockerten Schriftbild und vor allem wegen der Frakturversalien ebenfalls als Mischschrift. Wesentlich regelmäßiger und sorgfältiger ausgeführt sind die Inschriften einer Werkstatt, die in Göppingen und Faurndau in den 60er Jahren des 16. Jahrhunderts vier Grabmäler geschaffen hat (nrr. 276, 278, 284, 285). Der schmale Duktus der gesamten Schrift erinnert wieder stärker an die gotische Minuskel, während einzelne Buchstabenformen (einstöckiges neben zweistöckigem a, Schluß-s, Ausrundung einzelner Bögen; Versalien) der Fraktur zugehören. Ähnlich präsentiert sich die Mischschrift auf der Wappentafel des Donzdorfer Schlosses von 1568 (nr. 286), die aber sicherlich in einer anderen Werkstatt gefertigt wurde. Mit dieser zunehmenden Verfremdung der gotischen Minuskel in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts endet in den Inschriftenbeständen der bislang bearbeiteten Regionen in der Regel die monumentale Verwendung der Schriftart, und sie wurde völlig von Fraktur und Kapitalis verdrängt. Als Nachzügler wurde vereinzelt auf Glocken hingewiesen, deren Gießer die Model ihrer Vorgänger weiterverwendeten, so daß man auf Ulmer Glocken Wolfgang Neidhardts und sogar Hans Brauns noch bis ins 17. Jahrhundert hinein Inschriften in reiner gotischer Minuskel findet148). Auch im Kreis Göppingen haben eine Neidhardt-Glocke von 1596 und eine Braun-Glocke von 1619 (nrr. 347, 435 †) gotische Minuskel-Inschriften.

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Ungewöhnlich ist allerdings das erneute Auftauchen von Steininschriften in einer sehr gleichmäßigen, dem strengen Kanon der Textura völlig entsprechenden gotischen Minuskel ab 1576 (nr. 297). Verantwortlich dafür ist das Festhalten der äußerst produktiven Werkstatt des Ulmer Bildhauers Hans Schaller an dieser Schriftart149). Charakteristisch für Schallers Minuskel ist der sehr gleichmäßige Duktus: Die Höhe des Mittelbandes entspricht dem Abstand zum Mittelband der nächsten Zeile. Ober- und Unterlängen sind deutlich ausgeprägt, die Oberlängen sind schräg abgeschnitten. Bemerkenswerte Einzelformen sind das h, dessen Bogen in eine lange, weit unter die Grundlinie reichende Haste umgebildet ist, r mit geschwungenem Abstrich an der Fahne, t mit steil aufragender, in eine leicht nach rechts gebogene Spitze ausgezogener Haste und zweibogiges, auf der Grundlinie stehendes und in den Oberlängenbereich ragendes z; i hat einen kräftigen Quadrangel-Punkt. Als Interpunktionszeichen werden kurze Schrägstriche auf halber Zeilenhöhe gesetzt. Besonderes Erkennungsmerkmal der Schrift sind aber die eigenartig schlichten Versalien, die aus Frakturversalien umgeformt sind zu einem in Strichstärke und „Bauart“ hervorragend an die Textura angeglichenen Majuskelalphabet.

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Hans Schaller: Versalien der gotischen Minuskel

Neben der gotischen Minuskel bediente sich Schaller – besonders für Bibelsprüche, Wappenbeischriften und lateinische Texte – der Kapitalis. Eine ausführliche Würdigung und Beurteilung der Inschriftenproduktion der Ulmer Bildhauerwerkstatt ist in diesem Rahmen nicht zu leisten. Sie wird auch erst möglich sein, wenn das Inschriftenmaterial der Stadt Ulm, des Alb-Donau-Kreises, des Landkreises Biberach und der östlich angrenzenden bayerischen Landkreise vollständig gesichtet und ediert ist.

Die gleiche Minuskelschrift und die gleichen Versalien wie sein Vater verwendete auch Michael Schaller (geb. 1564, 1613 †). Allerdings fallen seine Arbeiten in der Qualität der Schriftgestaltung etwas ab. Soweit dies der Inschriftenbestand des Bearbeitungsgebiets erkennen läßt, sind die Inschriften insgesamt etwas schlechter proportioniert, die Versalien wirken etwas grober. Bei den Gemeinen lassen sich geringfügige Unterschiede zur Schrift Hans Schallers feststellen: So verläuft die schräge Schnittlinie der Oberschäfte nicht gerade, sondern geschwungen, und die Hastenspitzen sind zudem häufig in eine kurze gekrümmte Zierlinie ausgezogen; die Fahne von f und langem s ist nicht spitzwinklig, sondern waagerecht umgebrochen; der geschwungene Abstrich an der Fahne des r gerät häufig breiter und reicht gelegentlich fast bis auf die Grundlinie herab; die Spitze des t ist überdimensioniert und stärker nach rechts geknickt; zudem fallen Ligaturenhäufungen und besonders ungewöhnliche Ligaturenbildungen auf. Im Kreis Göppingen sind fünf Grabmäler Michael Schallers mit gotischen Minuskelinschriften aus den Jahren 1592 bis etwa 1601 erhalten (nrr. 335, 343, 353, 366, 370).

Auch der aus Nördlingen stammende und in Ulm tätige Steinmetz Peter Schmid (heir. 1584 in Ulm, † 1608) war Schüler Hans Schallers150) und bediente sich einer ähnlichen, freilich flüchtiger und unregelmäßiger gehauenen gotischen Minuskel. Die Versalien lassen deutlich das Vorbild der Schaller-Werkstatt erkennen, wenngleich sie uneinheitlicher wirken. Schmid hat vier Grabmäler in Überkingen, Türkheim und Geislingen geschaffen (nrr. 318, 325, 332, 377).

Am längsten „überlebte“ die gotische Minuskel in der Werkstatt des Ulmer Steinmetzen Georg Huber. Er stammte aus Mergentheim, war 1595 Lehrjunge Michael Schallers in Ulm, wo er das Bürgerrecht erlangte, und ist zwischen 1628 und 1648 gestorben151). Seine Minuskel und seine Versalien, die sich auf acht in den Jahren 1607 bis 1619 geschaffenen Geislinger Grabsteinen und einem Epitaph [Druckseite LII] finden, gleichen denen der Schaller-Werkstatt, die Schrift ist – bedingt durch das kleine Format der Grabsteine und die langen Texte – oft sehr klein. Die Ausführung ist ausgesprochen sorgfältig und steht in der Qualität nicht hinter den Bildreliefs zurück. Besondere Hervorhebung verdient die kunstvolle Ausschmückung der Versalien auf dem Altersheimer-Epitaph von 1611 (nr. 399) durch haarfeine Zierlinien und Kontraschleifen.

5.4. Frühhumanistische Kapitalis

Die aus Elementen der klassischen Kapitalis und vorgotischen Majuskelschriften unter vereinzelter Aufnahme griechisch-byzantinischer Schrifteigentümlichkeiten entwickelte frühhumanistische Kapitalis, die ab der Mitte des 15. Jahrhunderts gelegentlich und ab dem letzten Viertel des Jahrhunderts vermehrt im inschriftlichen Bereich Verwendung fand152), spielt im Inschriftenbestand des Landkreises Göppingen eine untergeordnete Rolle. Die vornehmlich dekorativ und bevorzugt in der Tafelmalerei und auf kunsthandwerklichen Erzeugnissen eingesetzte Schrift mit schmalen Proportionen (etwa 2:1) ist erstmals 1475 auf dem Wiesensteiger Reliquienkreuz für den Kreuztitulus verwendet (nr. 94). N mit kräftigen, sich an den Enden nur leicht verbreiternden Hasten und sehr dünnem Schrägbalken sowie R mit nach außen durchgebogener, unter dem Bogen am Schaft ansetzender Cauda rechtfertigen die Charakterisierung der Schrift als frühhumanistische Kapitalis. Das dünnstrichig ausgeführte A mit langem, beidseitig weit überstehendem Deckbalken, das auf einem Adelberger Wappenstein von 1481 als Initiale eingehauen ist (nr. 105), gehört ebenfalls zum Kanon dieser Schriftart.

Als eigentliche Textschrift kommt die frühhumanistische Kapitalis freilich erst auf dem Drackensteiner Altar (um 1490: nr. 119) und auf den Zeitblom-Altären aus Donzdorf, Hundsholz und Adelberg (nrr. 120, 175, 193) zum Einsatz. Die Schrift ziert hier Spruchbänder, Heiligenscheine und Gewandsäume. Die nur noch fragmentarisch erhaltenen Nimbenumschriften des Drackensteiner Altars sind extrem dünnstrichig ausgeführt. Kräftiger betont sind Hasten und Bogenschwellungen in den Spruchband- und Nimbeninschriften des Adelberger Altars. Die Gewandsauminschriften desselben Altars zeigen deutlich flüchtigere Züge. Breitere Proportionen weisen die nicht sehr sorgfältig aufgemalten Gewandsauminschriften der Predella in der Adelberger Dorfkirche auf.

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nr. 119

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nr. 193

Ein spätes Beispiel für die Verwendung der frühhumanistischen Kapitalis bietet ein Epitaph in Salach von 1558, dessen Sterbeinschrift und Wappenbeischriften erhaben ausgehauen sind (nr. 269). Diese Technik bewirkt von vornherein eine breitere Ausführung der Linien. Die freien Buchstabenenden sind nur leicht dreieckig verdickt, eigentliche Sporen fehlen. Auffällige Buchstabenformen sind vor allem ein links offenes D mit nur bis zur halben Zeilenhöhe hochreichendem Schaft, eingerolltes G und das z-förmig aus drei Schrägstrichen zusammengesetzte R, dessen Form sich aus dem proklitischen r der gotischen Minuskel ableitet.

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5.5. Kapitalis

Die früheste nachweisbare inschriftliche Umsetzung der Renaissance-Kapitalis im Landkreis Göppingen bietet die Donzdorfer Grabplatte für Margarethe von Rechberg und ihre gleichnamige Tochter von 1518 (nr. 205). Die nur mehr spärlichen Schriftreste der fast gänzlich abgetretenen Inschrift lassen immerhin noch eine recht sorgfältige und an klassischen Vorbildern orientierte Ausführung erkennen. Qualitätsmerkmale sind die konsequent beachteten Linksschrägenverstärkungen und die linksschräge Schattenachse des O sowie P mit unten offenem Bogen. Das 1527 entstandene Epitaph für Margarethe und ihren Mann Georg von Rechberg (nr. 223) weist eine hervorragend stilisierte klassische Kapitalis auf mit prägnantem Wechsel von Haar- und Schattenstrichen, Linksschrägenverstärkungen, einheitlicher Serifenbildung und dreieckigen Worttrennerpunkten. Die Bögen von C, D, G und O sind kreisrund, die Hasten des M schräggestellt und der Mittelteil bis auf die Grundlinie herabgeführt. Sogar die Cauda des R erreicht einmal die klassische Dornenform, beschreibt sonst freilich eine gerade Linie. Unklassische Elemente sind der I-Punkt und der geschlossene Bogen von P und R sowie die Verwendung von verschränktem W. An die Qualität dieser frühesten ganz erhaltenen Kapitalisinschrift des Bearbeitungsgebiets, deren Werkstattzuweisung noch nicht gelungen ist153), reichen die späteren Inschriften nicht mehr heran.

Erst in den 50er Jahren des 16. Jahrhunderts finden sich weitere Kapitalisinschriften. Sie zeichnen sich durchweg durch hohe Proportionen aus (nrr. 265, 268, 270, 272). Hier läßt sich erstmals die Hervorhebung einzelner Wörter durch Vergrößerung bzw. Erhöhung des Anfangsbuchstabens beobachten. Dieses Phänomen wiederholt sich ab da bei etwa der Hälfte aller in Stein ausgeführten Inschriften.

Die Rezeption der Kapitalis als eigentlicher Textschrift vollzieht sich im Kreis Göppingen sehr zögerlich. Für die Sterbeinschriften, die fast ausschließlich in deutscher Sprache abgefaßt sind, wurden die Fraktur und die gotische Minuskel bevorzugt. Die Kapitalis erscheint daneben häufig nur in den „Nebentexten“: in lateinischen Sprüchen (nrr. 299?, 315) und Widmungsinschriften (nr. 309), in Bibelzitaten, in Wappenbeischriften (nr. 335) oder als Initialen – besonders oft als Steinmetzsignatur oder als Kreuztitulus im zugehörigen Bildrelief. Vor allem die im Osten und Süden des Kreisgebiets im letzten Viertel des 16. und im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts dominierenden Ulmer Steinmetzwerkstätten favorisierten die gotische Minuskel für längere Texte. Erst ab den 90er Jahren des 16. Jahrhunderts ist ein merklicher Anstieg der inschriftlichen Verwendung der Kapitalis als Hauptschrift zu verzeichnen. Diese Inschriften finden sich ganz überwiegend im württembergischen Herrschaftsgebiet, das nicht von den Ulmer Steinmetzen beliefert wurde (Jebenhausen, Dürnau, Faurndau, Göppingen, Roßwälden, Adelberg, Heiningen).

Einige Werkstätten und Steinmetze lassen sich durch ihre Schrifteigentümlichkeiten eindeutig bestimmen. So weisen unter anderem die starken Dreiecksporen, die ausgesprochen breiten Schattenstriche, C ohne Sporn am unteren Bogenende, Y mit Trema und die runden Interpunktionspunkte auf der Grundlinie in Verbindung mit charakteristischen Ziffernformen auf Jeremias Schwartz aus Leonberg als den Bildhauer einer Eybacher Grabplatte von 1575 (nr. 294) hin.

Christoph Jelin aus Tübingen läßt sich als Urheber zweier Grabplatten in Jebenhausen (nrr. 348, 351) bestimmen. G mit unten flach auslaufendem Bogen und fehlendem Sporn am oberen Bogenende, die Stellung der Sporen an den Balken des E, N mit beidseitig überstehenden Sporen an allen vier Hastenenden und mit bisweilen leicht gewelltem Schrägbalken, R mit weit ausgestellter und gewellter Cauda, die deutliche Erhöhung von Anfangsbuchstaben sowie die Neigung zu Ligaturenbildungen sind Jelins „Markenzeichen“.

Eine Werkstatt, die bislang noch nicht mit einem Meisternamen verbunden werden kann, weist als typische Schriftmerkmale ein kreisrundes und weit geschlossenes C mit senkrecht auf die Bogenenden gesetzten Sporen, G mit waagerecht auslaufendem unterem Bogenende und weit nach links gerückter eingestellter Cauda, T mit überlangem Deckbalken sowie wiederum einen Hang zum Nexus litterarum auf. Die Werkstatt, der bisher Werke in den Landkreisen Ludwigsburg und Esslingen, im Rems-Murr-Kreis und in Stuttgart zugeschrieben werden können154), dürfte sich in Stuttgart befunden haben. Darauf deutet die auffallende Tatsache hin, daß die Auftraggeber der zugewiesenen Werke bzw. die Personen, für die diese Werke angefertigt wurden, in bemerkenswert vielen Fällen mit dem württembergischen Hof verbunden waren. Im Kreis Göppingen sind dem Œuvre der Werkstatt zwei Grabmäler in Dürnau von 1598 und 1607 (nrr. 354, 386) anzufügen, das [Druckseite LIV] eine für einen fürstlich württembergischen Rat und Kammermeister, das andere für einen fürstlich württembergischen Truchsessen.

Melchior Gockheler aus Schorndorf verwendete neben einer besonders sorgfältig gemeißelten Kapitalis mit quadratischen Proportionen und klassischem Schriftkanon – abgesehen von K und R mit geschwungener Cauda sowie N mit Sporen am unteren Ende der rechten Haste – (nrr. 426, 431) eine schmalere, bisweilen sogar sehr schmale Variante (nrr. 415, 446, 454, 455), die dem klassischen Vorbild weniger streng verhaftet ist. Auffällig sind die beiden Buchstaben Y (aus einer kurzen linken und einer langen rechten gebogenen Schräghaste, mit Trema) und Z (aus drei schräggestellten Balken, deren unterster geschwungen ist). P und R sowie das in Unzialform als spiegelverkehrtes P gebildete Q haben kleine Bögen, I hat bisweilen einen viereckigen Punkt. Der Bogen des C und G verläuft in der unteren Hälfte steiler und endet ohne Sporn; der Mittelteil des M reicht nur bis zur Zeilenmitte herab. Gockheler hat Werke in Göppingen, Faurndau und Adelberg aus dem Zeitraum von 1616 bis 1626 hinterlassen155).

Hans Schallers Kapitalis zeichnet sich durch eine sehr gleichmäßige Ausführung aus. E und L erreichen durch ausgesprochen lange untere Balken, F und T durch ebenso lange obere Balken quadratische Proportionen; die Bogenlinien von C, G und O sind kreisrund; die Hasten des M stehen senkrecht, und der Mittelteil erreicht die Grundlinie; die Bögen von B, D, P und R überragen die Hasten nach klassischem Vorbild leicht, und der Bogen des P ist unten offen.

Eine einheitliche Schriftentwicklung der Kapitalisinschriften ergibt sich aus dem Göppinger Material nicht. Aus einigen Einzelbeobachtungen sind jedoch möglicherweise zusammen mit vergleichbaren Ergebnissen weiterer Regionen künftig ungefähre Datierungskriterien zu gewinnen.

Der I-Punkt kommt schon in der Inschrift von 1527 vor, bleibt danach aber äußerst selten. Y mit Trema ist erstmals 1575 nachweisbar (nr. 294). I longa ist nur einmal 1623 eingesetzt (nr. 446). Der gerade Mittelbalken des Z kommt erst 1590 vor (nr. 332) und ist auch danach nicht häufig. Die rechtwinklig nach links umgeknickte Cauda des G ist nicht vor 1599 (nr. 356) zu finden, eine hakenförmig nach rechts abgespreizte Cauda begegnet ab 1624 (nrr. 449, 458). W erscheint von Beginn an und stets in der Form zweier verschränkter V. U mit vokalischem Lautwert ist nur ein einziges Mal 1623 in einer in Stein gehauenen Inschrift belegt (nr. 446); Bogen und Haste sind oben eigenartig schräg nach links gebrochen.

Eine unter Wiederaufnahme von Formen der frühhumanistischen Kapitalis bewußt verfremdete Kapitalis, wie sie im benachbarten Rems-Murr-Kreis recht häufig zu beobachten ist156), läßt sich im Kreis Göppingen nicht nachweisen. A mit geknicktem Balken begegnet nur vereinzelt 1627 in einem ansonsten an der klassischen Kapitalis orientierten Alphabet (nr. 458), Gleiches gilt für das H mit nach oben oder unten ausgebuchtetem Balken in Inschriften von 1600 und 1606 (nrr. 368, 380).

Auf einigen der hölzernen Wappentafeln im Überkinger Badhotel sind die aufgemalten lateinischen Devisen in Kapitalis ausgeführt, während die Nameninschriften Frakturschrift aufweisen (nrr. 260.I, III, IV). Ähnlich bleibt auch auf den zahlreichen Holzepitaphien und auf Gemälden die Kapitalis fast durchweg auf die Beitexte beschränkt (Namenbeischrift, Kreuztitulus, Bibelstellenangabe, lateinisches Bibelzitat, lateinischer Spruch) oder sie dient als Auszeichnungsschrift zur Hervorhebung einzelner lateinischer Wörter oder Namen in deutschsprachigen Frakturinschriften. Eine Ausnahme stellt lediglich die lange Versinschrift in Kapitalis auf dem Gedenkbild für die zehn in Geislingen hingerichteten Kürassiere von 1628 dar (nr. 461).

Aus den 1560er Jahren datieren die frühesten Glocken mit Kapitalisinschriften. Sie stammen aus der Biberacher und aus der Ulmer Gießhütte (nrr. 277, 282, 283). Die Kapitalis blieb seither die bevorzugte Schriftart der Glockeninschriften.

5.6. Gotisch-humanistische Mischminuskeln

Nach der „Wiederentdeckung“ der karolingischen Minuskel durch die Humanisten gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurde diese Schrift als Buchschrift ab dem frühen 15. Jahrhundert – zunächst in Italien – wiederaufgenommen157). Neben der genauen Nachahmung des Vorbilds (humanistische [Druckseite LV] Minuskel) gab es freilich eine große Bandbreite von Mischschriften, die Elemente der karolingischen bzw. humanistischen Minuskel mit Rotunda-Formen sowie mit gotischen Kursiv- und Halbkursivschriften kombinierten. Auch der Buchdruck bediente sich neben der reinen humanistischen Minuskel („Antiqua“) solcher gotisch-humanistischer Mischschriften und entwickelte einheitlich stilisierte Alphabete („Gotico-Antiqua“)158). Im deutschen Buchdruck wurde die ab 1459 eingesetzte Gotico-Antiqua bereits seit den 1480er Jahren für lateinische Texte von der Rotunda abgelöst, während für deutschsprachige Texte Bastarden und davon abgeleitete Schriften verwendet wurden.

Für Inschriften wurden gotisch-humanistische Mischminuskeln nur zögerlich übernommen, und insgesamt bleibt ihre Verwendung – trotz regionaler Ausnahmen – selten159). Frühe Anwendungsbeispiele für Gotico-Antiqua-Schriften im inschriftlichen Bereich sind die geschnitzten Inschriften an den Seitenwangen des 1469–74 entstandenen Ulmer Chorgestühls und an der zugehörigen Schrifttafel160), die wohl nachträglich um 1470 angefügten gravierten Spruchbandbeschriftungen auf dem Rastatter (?) Altarkreuz161), das Grabdenkmal Albrechts von Sachsen von 1484 im Mainzer Dom und die Stifterinschrift am sogenannten Strohhut-Relief in St. Stephan zu Mainz von 1485162). Als prominentes Beispiel aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts sei das Epitaph Johannes Geilers von Kaisersberg von 1510 im Straßburger Münster angeführt163). In breitem Umfang wurde eine charakteristische Ausprägung der Gotico-Antiqua lediglich in der Passauer Bildhauer-Werkstatt Jörg Gartners und seiner Nachfolger sowie vom sogenannten Meister von Braunau angewendet. Gartner, der den Osten Niederbayerns und das Innviertel belieferte, ist von etwa 1490 bis 1530/32 in Passau tätig gewesen164). Der Meister von Braunau schuf zwischen 1490 und 1520 Grabmäler für das Innviertel und den salzburgischen Raum165). Im Bereich der Tafelmalerei ist auf Bernhard Strigel zu verweisen, der wiederholt eine als Gotico-Antiqua zu klassifizierende Schrift verwendete166).

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nr. 142

[Druckseite LVI]

Die – ihrer Qualität nach vermutlich in Ulm gegossene – Metallauflage für die Grabplatte des Geislinger Pfarrers Johannes Mösch von 1499 mit der erhaben gegossenen, in Humanistenlatein abgefaßten Grabinschrift (nr. 142) reiht sich in die frühen südwestdeutschen Gotico-Antiqua-Inschriften ein. Elemente der gotischen Minuskel sind die Grundformen von a (zweistöckig), e, langem s, m und n, wobei die Schaftbrechungen durchweg leicht ausgerundet sind. Diese Schaftbrechungen finden sich auch an den unteren Hastenenden, während sonst die Hasten der Gotico-Antiqua-Buchstaben nach dem Vorbild der Rotunda meist stumpf auf der Grundlinie enden. Die „gotischen“ Formen sind im vorliegenden Beispiel also weniger aus der Rotunda als aus der Textura abzuleiten. „Humanistische“ Elemente sind die runden Bögen von b, c, unzialem und geradem d, o, p und q sowie die Form des g. Die Versalien sind – wie häufig bei Gotico-Antiqua-Schriften – keinem bestimmten Alphabet entnommen und willkürlich ausgeformt. Im Formenschatz sehr ähnlich sind die gemalten Spruchtafelbeschriftungen in dem Weltgerichts-Wandbild in der Gingener Pfarrkirche von 1524 (nr. 218). Das a ist hier allerdings einstöckig, und für r ist eine breite z-förmige Variante des „proklitischen“ r gewählt.

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Geislinger Chorgestühl, nr. 196

Die geschnitzten Beschriftungen des von Jörg Syrlin d. J. 1512 signierten Geislinger Chorgestühls (nr. 196) weisen ebenfalls eine gotisch-humanistische Mischminuskel auf, die ich aber wegen des Fehlens eines festen Schriftkanons und des daraus resultierenden immensen Variantenreichtums nicht als Gotico-Antiqua bezeichnen möchte, da sie mit den unter diesem Begriff zusammengefaßten Schriften des Buchdrucks nur wenig gemein hat, sondern allgemeiner als „Gotico-Humanistica“. Zur Schriftanalyse verweise ich auf die Ausführungen im Inschriftenkatalog167), gebe aber hier das komplette Alphabet der verwendeten Buchstabenvarianten wieder, da sich nur so die außergewöhnliche Formenvielfalt darstellen läßt.

[Druckseite LVII]

5.7. Fraktur

Die Fraktur, die im frühen 16. Jahrhundert im schreibschriftlichen Milieu aus kalligraphisch gestalteten spätgotischen Kanzleischriften entwickelt wurde und im Umkreis Kaiser Maximilians I. (Gebetbuch 1513, „Theuerdank“ 1517) eine einheitliche Durchformung erfuhr168), konnte sich durch ihre Rezeption als Druckschrift rasch verbreiten. Auch wenn sich zahlreiche regionale Sonderformen herausbildeten, war die Fraktur doch zum Zeitpunkt ihrer inschriftlichen Umsetzung eine fertige Schrift. Wie bei der gotischen Minuskel, bei den gotisch-humanistischen Mischminuskeln und bei der humanistischen Minuskel (Antiqua) ist daher im inschriftlichen Bereich keine eigentliche Schriftentwicklung mehr festzustellen. Die jeweilige Ausformung und Umsetzung ist vielmehr von den zur Verfügung stehenden Vorlagen und Eigenheiten der Werkstätten und von der Begabung der ausführenden Handwerker abhängig.

Während die Werkstatt Jakob Wollers, wie gesehen, ab den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts mit einer nicht besonders gelungenen Mischschrift aus gotischer Minuskel und Fraktur experimentierte und auch andere Werkstätten bis in die späten 70er Jahre hinein Mischalphabete verwendeten, ist die erste reine Frakturinschrift 1556 entstanden (nr. 267)169). Dies fügt sich gut in den Befund der übrigen bislang bearbeiteten südwestdeutschen Inschriftenbestände, bei denen die Frakturschriften durchweg um die Jahrhundertmitte einsetzen: Worms – erstaunlich früh – 1535 und 1543; Landkreis Bad Kreuznach sogar schon 1531, aber nur für eine Beischrift verwendet, der nächste Beleg dann 1557; Stadt- und Landkreis Karlsruhe 1542 (?)170); Landkreis Ludwigsburg 1546, Neckar-Odenwald-Kreis 1547171); Rhein-Neckar-Kreis 1550; Heidelberg 1552; Rems-Murr-Kreis 1555; Landkreis Calw 1557 (gemalt) und 1563; Rheingau-Taunus-Kreis 1558/59; Enzkreis 1562; Landkreis Bergstraße erst 1568 und Oppenheim 1575. Daß eine Übernahme der Fraktur-Versalien in gotische Minuskelinschriften der Verwendung der Fraktur als Textschrift vorausgeht, wie dies etwa bei gegossenen Inschriften in Nürnberg zu beobachten ist172), läßt sich am Inschriftenbestand des Kreises Göppingen ebenso wenig zeigen wie bereits an dem des angrenzenden Rems-Murr-Kreises173).

Die wichtigsten Kriterien, die die Fraktur von der gotischen Minuskel unterscheiden, sind die unter die Grundlinie reichenden spindelförmigen Schwellschäfte von f und langem s, einstöckiges a, Schleifen-s am Wortende sowie die Ausrundung der Bögen, die in der Textura in gebrochene Hasten umgebildet sind. Die Bogenlinien sind häufig als Schwellzüge ausgeführt; o ist entweder spitzoval oder aus einer Haste und einem Schwellzugbogen mit Anstrich zusammengesetzt und bestimmt die Form der übrigen Rundbuchstaben. Die Mehrzahl dieser Merkmale besitzt die Inschrift des Rotmarmorepitaphs von 1556 in Donzdorf, wenn auch die extrem schlanken Proportionen und die engen Buchstabenabstände (mit Gitter-Vorzeichnung!) noch ganz in der Tradition der Textura stehen. So sind auch die Schwellzüge nur schwach, die Schwellschäfte überhaupt noch nicht angedeutet. Die nach rechts gebogenen oder gebrochenen Oberlängen von b und h laufen in eine Spitze mit angehängtem geschwungenem Abstrich aus, und der Unterbogen des g endet in einer Kontraschleife174).

Die nächste Frakturinschrift in Stein datiert erst von 1571 (nr. 288). Die etwas ungelenke Ausführung dokumentiert sich unter anderem in der Verwendung von G-Versalien im Wortinnern. Die extrem engen Zeilenabstände, die kaum Platz für Ober- und Unterlängen lassen, bleiben ein Merkmal der in Stein eingehauenen Frakturinschriften des 16. Jahrhunderts. Meisterhaft ist die Ausarbeitung der ligaturenreichen, feingliedrigen und klar lesbaren Fraktur (mit zweistöckigem a) auf Epitaph und Grabplatte des Hans von Westerstetten in Drackenstein von 1584 (nrr. 314, 315) von der Hand des Ulmer Steinmetzen Hans Schaller, der ansonsten, wie oben ausgeführt, die gotische Minuskel bevorzugte.

[Druckseite LVIII]

Dieses Festhalten der Ulmer Werkstätten von Hans und Michael Schaller, Peter Schmid und Georg Huber an der gotischen Minuskel ist sicherlich ein wichtiger Grund dafür, daß die Fraktur auch im frühen 17. Jahrhundert nur recht selten für in Stein gemeißelte Inschriften gewählt wurde. Huber ist offenbar erst in den späten 20er Jahren dazu übergegangen, schlichte und schnörkellose Frakturinschriften anzufertigen175). Der Verdrängungsprozeß der gotischen Minuskel durch die Fraktur läßt sich freilich mangels inschriftlicher Quellen aus dem zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts nicht weiter verfolgen. Drei Grabmäler des 17. Jahrhunderts in Wäschenbeuren (nrr. 396, 443) und in Faurndau (nr. 407) verdienen schließlich wegen der kunstvollen Verzierung einzelner Versalien durch sich mehrfach überschneidende Kontraschleifen hervorgehoben zu werden.

Anders als bei den in Stein ausgeführten Inschriften, hat sich die Fraktur bei den gemalten Inschriften auf Holzepitaphien, Totenschilden, Wappentafeln und Wandmalereien ab 1570 (nr. 260.I) vollständig durchgesetzt. Neben der Fraktur fanden Kapitalis und humanistische Minuskel lediglich als Auszeichnungsschriften oder für Beitexte Verwendung. Der Schriftbefund vieler dieser gemalten Inschriften taugt wegen späterer Übermalungen und Restaurierungen nur sehr bedingt für paläographische Untersuchungen.

Der Pinsel erlaubt viel eher als der Meißel eine Umsetzung der feingliedrigen Schreib- und Druckschrift mit ihren aufwendigen Versalien und haarfeinen Zierschleifen. So stehen neben der Mehrzahl der wenig spektakulären und gelegentlich sogar recht nachlässig gemalten Inschriften einige mit durch Zierlinien geschmückten Ober- und Unterlängen und mit kunstvoll verzierten Versalien, die Schreibmeisterblätter als Vorlagen vermuten lassen. Auf dem monumentalen Epitaph der Dorothea von Liebenstein in Jebenhausen (nr. 352: 1597) sind solche Zierversalien besonders reichlich eingesetzt als Auszeichnungsschrift für ganze Wörter sowie an den Versanfängen und -enden zur Kennzeichnung des Akro- und Telestichons. Meisterhaft sind auch die mehrfarbigen, reich verschnörkelten Versalien einer Spruchinschrift auf dem Epitaph Dorotheas von Berlichingen in Uhingen (nr. 379: 1606) gelungen.

Die einzige gegossene oder vielmehr in Metall erhaben ausgehauene Frakturinschrift findet sich auf einem Geislinger Epitaph von 1611, das in Ulm gefertigt wurde (nr. 399). Die geringen Hastenabstände, zahlreiche Ligaturen und die durch die Technik bedingte verhältnismäßig breite Linienführung der Zierbögen und -schleifen ergeben eine dicht gedrängte, schwer lesbare Schrift.

5.8. Humanistische Minuskel

Die humanistische Minuskel in ihrer reinen, nicht mit gotischen Elementen durchmischten Form spielt vor 1650 im Bearbeitungsgebiet als epigraphische Schrift eine ganz subsidiäre Rolle. Meist sind nur einzelne lateinische Wörter (Titel, lateinische Monatsnamen, Bibelstellenangaben) von im übrigen in deutscher Sprache abgefaßten und in Frakturschrift ausgeführten Inschriften durch die abweichende Schriftart hervorgehoben, so auch bei ihrem ersten Vorkommen auf einem Holzepitaph von 1597 (nr. 352). Bevorzugt wurde die humanistische Minuskel auf diese Weise in gemalten Inschriften auf Epitaphien und hölzernen Wappentafeln eingesetzt.

Als eigenständige Textschrift gebraucht der Schorndorfer Steinmetz Melchior Gockheler bisweilen die humanistische Minuskel in einer etwas steif wirkenden Form mit leicht nach links gelehnten Hasten und kurzen Ober- und Unterlängen, so auch auf dem Epitaph des Göppinger Arztes Öxlin von 1616 (nr. 415), wo die Schrift dem Bibelzitat vorbehalten ist, während die Sterbeinschrift in Kapitalis ausgeführt ist176). Dem Schriftbild der Antiqua-Drucktypen sehr viel näher kommt die Minuskel des Steinmetzen SF auf einer Geislinger Grabplatte von 1621 (nr. 442), dort verwendet für ein lateinisches Distichon. Merkmale sind die kräftigen Schattenstriche, die fast kreisrunden Bögen von c, g und o und die wellenförmige st-Verbindung; die Hasten von h, i, l, r und t enden einheitlich stumpf auf der Grundlinie, wogegen bei den Buchstaben, die aus mehreren Hasten oder aus Haste und Bogen zusammengesetzt sind, jeweils die rechte Haste unten schräg abgeschnitten ist. Grabschrift und deutscher Bibeltext sind in Fraktur gefertigt.

Für die fremdsprachigen Devisen auf den gemalten Wappentafeln der Badgäste fand die humanistische Minuskel sicherlich reichere Verwendung. Davon zeugen zwei erhaltene Exemplare (nrr. 427.V, VI).

[Druckseite LIX]

5.9. Zeitliche Verteilung der Schriftarten

In die Tabelle sind alle erhaltenen und in Foto oder Abzeichnung überlieferten Inschriften aufgenommen sowie die verlorenen, deren Schriftart aus den Quellen eindeutig zu erschließen ist. Nicht berücksichtigt sind einzelne Initialen, Versalien und Kreuztituli. Inschriftenträger, auf denen sich verschiedene Schriftarten finden, erscheinen in der Aufstellung mehrfach. Die in Klammern gesetzten Ziffern bezeichnen unsicher datierte Inschriften.

  -1300 -1350 -1400 -1450 -1500 -1550 -1600 -1650 Summe
Vorkarol. Kapitalis 1               1
Karoling. Kapitalis 1               1
Romanische Majuskel 4               4
Gotische Majuskel 3 6 (2) 7 (2) 1         21
Gotische Minuskel 1     18 (1) 56 (5) 30 15 13 139
Gotico-Humanistica           1     1
Gotico-Antiqua         1 1     2
Frühhum. Kapitalis         3 2 1   6
Got. Min./Fraktur           4 6   10
Kapitalis           4 36 (1) 33 (2) 76
Fraktur           4 29 39 (4) 76
Humanist. Minuskel             1 11 12
Gotische Kursive         (1) 1 1 1 4

Zitationshinweis:

DI 41, Göppingen, Einleitung, 5. Die Schriftformen (Harald Drös), in: inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di041h012e004.

  1. Vgl. Kloos, Einführung 116–118. »
  2. Vgl. Renate Neumüllers-Klauser, Die Westwerktafel der Kirche in Corvey. Ein Beitrag zur karolingischen Epigraphik, in: Westfalen 67 (1989) 127–138; Rolf Funken, Epigraphische Anmerkungen zu niederrheinischen Grabsteinen, in: Bonner Jbb. 183 (1983) 327–339, hier: 329. Zu dem Lorscher karolingischen Inschriftenbestand vgl. Sebastian Scholz in DI 38 (Bergstraße), Einl. XXXIX–XLI und nrr. 18»
  3. Die Inschrift ist durch Übermalung stark verfälscht. Daher gebe ich zusätzlich zu Abb. 2–4 im Tafelteil hier eine nach Papierabklatsch und zahlreichen Detailfotos angefertigte Umzeichnung des tatsächlichen Schriftbefunds. »
  4. Zur näheren Einordnung vgl. die Ausführungen unter nr. 2»
  5. Zur Schrift der beiden Glocken vgl. Dt. Glockenatlas WürttHohenzollern Abb. 136, 137, 442 bzw. Abb. 134, 135, 443. »
  6. Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache 63–66. »
  7. Vgl. DI 37 (Rems-Murr-Kreis), Einl. XLVII. »
  8. Die heute in der Ramsberger Schloßkapelle aufgestellte Grabplatte Albrechts von Rechberg von 1403 (nr. 32) mit Minuskelumschrift (mit Oberlängen und Versal) stammt nicht aus dem heutigen Kreisgebiet, sondern aus Schwäbisch Gmünd, und wird deshalb hier nicht berücksichtigt. »
  9. Vgl. DI 37 (Rems-Murr-Kreis), Einl. XLVII. »
  10. Vgl. Bischoff, Paläographie 181. »
  11. Vgl. DI 20 (Karlsruhe) nr. 315 (1598); DI 37 (Rems-Murr-Kreis) nr. 281 (1621). Da die Buchstabenformen genau denen der gotischen Minuskel entsprechen, ist die Bezeichnung der Schrift als „nachgotische Minuskel“ in Dt. Glockenatlas WürttHohenzollern 63 unglücklich gewählt. »
  12. Zu Hans Schaller vgl. Christa, passim. Schaller ist um 1540 geboren und in Ulm spätestens ab 1566 (erstes signiertes Werk) bis zu seinem Tod 1594 als Steinmetz tätig gewesen. »
  13. Vgl. Kdm Ehem. Oberamt Ulm 32. »
  14. Ebd. »
  15. Vgl. Neumüllers-Klauser, Epigraphische Schriften zwischen Mittelalter und Neuzeit 315–328; Walter Koch, Zur sogenannten frühhumanistischen Kapitalis (Diskussionsbeitrag), in: Epigraphik 1988, 337–345; ferner DI 37 (Rems-Murr-Kreis), Einl. L–LI. »
  16. Vgl. die Ausführungen unter nr. 223»
  17. Vgl. DI 37 (Rems-Murr-Kreis), Einl. LIII. »
  18. Der Schrift Gockhelers in Vielem ähnlich ist die Inschrift auf einem Donzdorfer Epitaph von 1594 (nr. 342). »
  19. Vgl. DI 37 (Rems-Murr-Kreis), Einl. LII; ferner: Koch, Zur sog. frühhumanistischen Kapitalis (wie Anm. 152) 338 u. 344. »
  20. Vgl. Bischoff, Paläographie 195–201; Kloos, Einführung 143–153; Alfred Hessel, Die Entstehung der Renaissanceschriften. Ein Versuch, in: Archiv für Urkundenforschung 13 (1935) 1–14; Thomas Frenz, Das Eindringen humanistischer Schriftformen in die Urkunden und Akten der päpstlichen Kurie im 15. Jahrhundert, in: Archiv für Diplomatik 19 (1973) 287–418; ebd. 20 (1974) 384–506; Martin Steinmann, Die humanistische Schrift und die Anfänge des Humanismus in Basel, in: Archiv für Diplomatik 22 (1976) 376–437, Taf. I–XXXII; ders., Die lateinische Schrift zwischen Mittelalter und Humanismus. Zu einigen weniger bekannten Formen, in: Paläographie 1981. Colloquium des Comité International de Paléographie, München 15.-18. Sept. 1981, Referate hg. v. Gabriel Silagi (Münchener Beiträge zur Mediävistik u. Renaissance-Forschung 32), München 1982, 193–199, Taf. 25–27. »
  21. Zum Buchdruck vgl. grundsätzlich Otto Mazal, Paläographie und Paläotypie (Bibliothek des Buchwesens 8), Stuttgart 1984. »
  22. Erster Überblick mit Schwerpunkt auf typographischen Schriften bei Kloos, Einführung 143–153, der (S. 143) auf das Fehlen epigraphischer Untersuchungen zu den gotisch-humanistischen Schriften hinweist. Die Arbeit von Högg, Inschriften des Chorgestühls, streift diesen Komplex, der doch gerade für die Beurteilung des Ulmer Chorgestühls so wichtig ist, nur oberflächlich. Die gezeichneten Schriftproben sind zudem ungenau. »
  23. Högg, Inschriften des Chorgestühls, passim. Högg weist (S. 151–153) zu Recht in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung Ulms als Zentrum des Holzschnitts und des Frühdrucks hin. Vgl. dazu ausführlich: [Peter Amelung], Der Frühdruck im deutschen Südwesten 1473–1500. Eine Ausstellung der Württ. Landesbibliothek Stuttgart (Der Frühdruck im deutschen Südwesten I: Ulm), Stuttgart o. J. [1979]. Als direkte Vorbilder für die Geislinger Inschriften haben die Typen der Ulmer Drucker Johannes Zainer, Conrad Dinckmut, Lienhart Holl, Justus de Albano, Johannes Reger, Johannes Schäffler und Johannes Zainer d. J. freilich nicht gedient. »
  24. DI 20 (Karlsruhe) nr. 60; ebd. Einl. XXXI. »
  25. DI 2 (Mainz) nrr. 209, 955. »
  26. Abb. bei Jos. M. B. Clauss, Das Münster als Begräbnisstätte und seine Grabinschriften, in: Straßburger Münsterbl. 2 (1905) 9–26, hier: 21. »
  27. Vgl. zuletzt: Volker Liedke, Marginalien zum Werk des Passauer Malers und Bildhauers Jörg Gartner, in: Ars Bavarica 65/66 (1991) 40–64; Klaus-Ulrich Högg, Die Schrift bei Jörg Gartner, in: Ostbairische Grenzmarken 32 (1990) 56–60, Taf. XIIIf. Vgl. ferner DI 10 (Niederösterreich 1: Amstetten, Scheibbs) nrr. 46 (1519), 248 (1526), 48 (1532), 145 (1541). »
  28. Vgl. Volker Liedke, Das Baumgartner-Epitaph und andere Bildwerke in Stein des Meisters von Braunau, in: Ars Bavarica 1 (1973) 25–49. »
  29. Hinweis bereits durch Anneliese Seeliger-Zeiss in: DI 20 (Karlsruhe), Einl. XXXI. »
  30. Dort auch der Hinweis auf die Ähnlichkeit der Schriftformen mit einer Münchener Inschrift von 1506: DI 5 (München) nr. 118. »
  31. Vgl. Hans A. Genzsch, Kalligraphische Stilmerkmale in der Schrift der luxemburgisch-habsburgischen Reichskanzlei. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der Fraktur, in: Mitt. des Österreichischen Instituts für Geschichtsforschung 45 (1931) 205–214; Heinrich Fichtenau, Die Lehrbücher Maximilians I. und die Anfänge der Frakturschrift, Wien 1961; Kloos, Einführung 141–143. Zur Rezeption als Monumentalschrift: Zahn, Beiträge zur Epigraphik, passim. »
  32. Die früheren im Inschriftenkatalog mit „Fraktur“ bezeichneten Inschriften sind durchweg gemalt, ihr Schriftbefund wurde nachträglich verfälscht. Ihre ursprüngliche Schrift war sicherlich die gotische Minuskel (nrr. 103, 188, 189, 206, 219). Eine gelungene, im Schriftbild wohl nicht durch Übermalungen beeinträchtigte Inschrift zeigt ein Porträt von 1553 (nr. 263), dessen Herkunft aus dem Bearbeitungsgebiet allerdings nicht gesichert ist. »
  33. DI 20 (Karlsruhe) nr. 182, unsicher datiert; ebd. nr. 179 (1542) ist keine Fraktur, wie dort irrtümlich angegeben, sondern eine gotische Minuskel mit Frakturversalien; die nächsten Belege erst nach der Jahrhundertmitte. »
  34. DI 8 (Mosbach, Buchen, Miltenberg) nr. 223. »
  35. Vgl. Zahn, Beiträge zur Epigraphik und DI 13 (Nürnberg: St. Johannis, St. Rochus u. Wöhrd); ferner: DI 30 (Calw) nr. 205 (1528). »
  36. Vgl. DI 37 (Rems-Murr-Kreis), Einl. LIV. »
  37. Ähnlich schmale Proportionen weist noch eine Bauinschrift von 1592 auf (nr. 337). »
  38. Die Frakturinschrift auf dem Grabstein nr. 430 (1619) ist sehr wahrscheinlich erst das Ergebnis einer späteren Überarbeitung. Die ursprüngliche Inschrift Hubers dürfte noch in gotischer Minuskel ausgeführt gewesen sein. »
  39. Vgl. auch Gockhelers Inschrift an der Kanzel in Schornbach (Stadt Schorndorf) von 1606: DI 37 (Rems-Murr-Kreis) nr. 252»