Die Inschriften des Landkreises Bergstraße

5. Schriftformen

5. 1. Karolingische Kapitalis

Bei der Bearbeitung der karolingischen Inschriften sowie der Inschriften des 10.-11. Jahrhunderts220) zeigte es sich, daß eine Paläographie der karolingischen Kapitalis bis jetzt ein Desiderat der Forschung ist. Da aber nur über eine exakte Schriftbeschreibung und den Vergleich mit datierten Beispielen eine einigermaßen genaue zeitliche Einordnung der karolingischen Inschriften möglich ist, sollen hier wenigstens die Grundzüge einer Paläographie der karolingischen Kapitalis in Steininschriften vorgelegt werden. Eine kurze Paläographie der Wandmalereiinschriften findet sich unter [Druckseite XL] der Nr. 2 des Katalogteils.221) Auf diesen paläographischen Ansätzen basiert die zeitliche Einordnung der einzelnen Inschriften im Katalogteil.

Seit dem Ende des 8. Jahrhunderts orientierte man sich im Frankenreich bei Kapitalisschriften zunehmend an den Formen der römischen Monumentalkapitalis. Dies schlug sich zunächst bei Auszeichnungsschriften der Handschriften nieder,222) beeinflußte aber bald auch die Inschriftenproduktion. Das früheste Beispiel einer eindeutig nach römischen Vorbildern gestalteten Inschrift ist das auf Veranlassung Karls des Großen zwischen 795 und 800 im Frankenreich entstandene Epitaphium für Papst Hadrian I. (772-795).223) Das A ist spitz, die Buchstaben A, M, N und V sind mit Linksschrägenverstärkung und C, D, G und O mit Bogenverstärkung gebildet. Das R trägt eine unklassische, stumpfe Cauda. Auffällig sind die gleichmäßigen Proportionen der Buchstaben sowie die Verwendung überhöhter Buchstaben. Dieses letzte Merkmal, das bei römischen Inschriften durchaus üblich ist, kommt bei den übrigen karolingischen Inschriften nicht vor. Überhaupt hatte das Epitaphium Hadriani hinsichtlich der Schriftgestaltung keine unmittelbaren Nachfolger, ähnlich wie die Grabplatte für Rudolf von Rheinfelden (†1080) in ihrer Konzeption zunächst singulär blieb. Bei der Gestaltung des aus der Aachener Hofschule hervorgegangenen Papstepitaphs wurden Buchstabenformen verwendet, deren Elemente offenbar noch nicht zum Allgemeingut gehörten. Die Inschrift des um 800 entstandenen Würzburger Megingoz-Sarkophags zeigt nur wenig von den spezifischen Merkmalen der antiken capitalis quadrata. Die Linksschrägenverstärkung bei A, M, N und V ist nur in Ansätzen vorhanden. Die Verstärkungen der Bögen bei C, G und dem kreisrunden O sind nicht sehr ausgeprägt. Dafür sind die Dreieckssporen an den Hastenenden deutlich zu erkennen. Der Mittelteil des M ist weit hochgezogen.224) Die Grabinschrift für Bischof Uodalmann von Augsburg (830?-†833?) entspricht dem klassischen römischen Vorbild sogar noch weniger. Die Buchstaben sind insgesamt schmal und gestreckt. Linksschrägenverstärkung fehlt völlig, und die Buchstaben B, C und D sind unproportioniert mit flachen Bögen ohne Verstärkungen. Das G ist in der eckigen Form verwendet worden, und die Balken bei E und L sind sehr kurz. Der Mittelteil des M reicht nicht bis auf die Grundlinie. Nur das kreisrunde O und das R zeigen eine stärkere Annäherung an römische Inschriften der hohen Kaiserzeit.225) Diesen Inschriften vergleichbare Buchstabenformen weist das in der Vorhalle der Lorscher Basilika eingemauerte Fragment auf (Nr. 1).

Bei der Grabinschrift der Adelberga (†830) aus Tours wirken die mit Blei ausgelegten Buchstaben etwas grob. Linksschrägenverstärkung fehlt, und der Mittelteil des M reicht nicht ganz bis auf die Zeile herab. Die Bogenverstärkungen bei B, C und G sowie die Schattenachse des O lassen jedoch deutlich das römische Vorbild erkennen.226) Gegen Ende der 30er Jahre des 9. Jahrhunderts läßt sich bei der Dedikationsinschrift des Kryptaaltars auf dem Petersberg bei Fulda (geweiht 838) eine weitere Annäherung an die römische capitalis quadrata beobachten. Zu dieser Zeit waren bereits Musteralphabete im Umlauf, die maßstabgetreu von römischen Inschriften übertragen worden waren. Im Jahr 836 schrieb Lupus von Ferrières an Einhard, er habe gehört, daß der königliche Schreiber Bertcaudus ein maßstabgetreues Alphabet nach den antiken Großbuchstaben (Kapitalis) erstellt habe. Lupus bat Einhard, ihm ein solches Alphabet zu schicken, falls er eines besitze.227) Ein entsprechendes Musteralphabet befindet sich in einer heute in Bern aufbewahrten Handschrift, die um 836 entstand.228) Bei der Inschrift des Kryptaaltars werden große Ähnlichkeiten mit den Buchstaben dieser Handschrift und damit auch mit den römischen Vorbildern sichtbar.229) Sie zeigt bei den Buchstaben A, M, N und V Linksschrägenverstärkung, bei O und Q kreisrunde Formen sowie beim S antike Proportionen. Der Mittelteil des M reicht allerdings nur bis zur Zeilenmitte. Die größten Übereinstimmungen zu dem Musteralphabet weist aber die Corveyer Westwerktafel auf, [Druckseite XLI] die vermutlich 844, spätestens aber zwischen 873 und 885 entstand.230) Die Buchstaben sind flach in den Stein gehauen und dann mit Kupfer oder einer Kupferlegierung ausgelegt worden. Die in scriptura continua geschriebene Inschrift besticht durch die ausgewogenen Proportionen ihrer Buchstaben. Auffällig ist die Linksschrägenverstärkung bei A, M, N und V, die Verjüngung der linken Haste des M und beider senkrechter Hasten des N sowie die leichte Verstärkung des Mittelteils des S. Hervorzuheben sind bei der Corveyer Inschrift zudem die Verstärkungen der Bögen bei C, D und G sowie die Schattenachse des kreisrunden O. Das R trägt eine stachelförmige Cauda. Die Buchstaben sind denen der römischen capitalis quadrata nachgebildet. Die großen Übereinstimmungen zwischen dem Musteralphabet und der Corveyer Westwerktafel machen es wahrscheinlich, daß diese Musteralphabete im 9. Jahrhundert nicht nur als Vorlage für die Auszeichnungsbuchstaben in Handschriften, sondern auch als Vorlage für die Erstellung von Inschriften dienten.231) Imwesentlichen dieselben Merkmale wie die Westwerktafel zeigen auch das um 875 entstandene Epitaph des Diakons Gisoenus aus Lausanne sowie die Grabinschrift und das Epitaph des Bischofs Ansegisus von Genf, die beide um 880 gefertigt wurden.232) Diesen Inschriften steht die Inschrift für den Lorscher Klosterlehrer nahe (Nr. 3), deren Ausführung qualitativ allerdings deutlich schlechter ist.

Gegen Ende des 9. Jahrhunderts beginnen sich die Buchstabenformen der Inschriften wieder von den klassischen Vorbildern zu entfernen. Die Buchstaben der Inschrift für den Augsburger Bischof Witgar (†887) sind schmal und gestreckt. Die Linksschrägenverstärkung bei den Buchstaben A, M, N und V ist nicht immer klar erkennbar. C und G sind nur in der eckigen Form verwendet worden. B und D sind ohne Bogenverstärkung gebildet, und das nicht mehr ganz runde O besitzt keineSchattenachse. Die Cauda des R setzt mitunter sehr nahe am Schaft an.233) Das Fragment der Inschrift über die Wiederherstellung des Caesariusgrabes in Arles von 883 zeigt lange schmale Buchstaben, bei denen Linksschrägen- und Bogenverstärkungen sogar völlig fehlen,234) und auch in der Inschrift für die Frau Ramnulfs II., Adda († letztes Viertel 9. Jh.), sind bei einigen Buchstaben die Linksschrägenverstärkungen und die Bogenschwellungen kaum noch ausgeformt.235) Entsprechende Tendenzen sind bei der Lorscher Fürbittinschrift auf dem Sarkophagdeckel (Nr. 4) und einem Lorscher Fragment (Nr. 5) zu erkennen. Die Entfernung von dem Vorbild der römischen capitalis quadrata nimmt im Laufe des 10. Jahrhundert zu, wobei nach und nach auch unziale Buchstaben in den Formenbestand eindringen.236)

5. 2. Romanische und gotische Majuskel

Für die Schriftentwicklung im 11. Jahrhundert und am Anfang des 12. Jahrhunderts fehlen Beispiele im Kreis Bergstraße. Die erste erhaltene romanische Majuskel weist die Rechtsinschrift in St. Peter in Heppenheim aus dem dritten Viertel des 12. Jahrhunderts auf (Nr. 13). Sie ist durch die Verwendung von kapitalen Formen geprägt. Nur E und M erscheinen mehrfach als Unzialbuchstaben. Elemente, die auf die Entwicklung der gotischen Majuskel hinweisen, fehlen praktisch völlig, sieht man einmal von den kräftig ausgezogenen Sporen an Balken- und Bogenenden ab. Ähnliche Schriftformen zeigen in den benachbarten Gebieten das Daniel-Relief (um 1165) im Wormser Dom,237) die Inschrift des Godefridussteins in St. Peter zu Bubenheim in der Pfalz (um 1163),238) sowie eine inschriftliche Schenkungsurkunde in Mainz (Mitte 12. Jh.).239) Für die Übergangszeit von der romanischen zur gotischen Majuskel am Ende des 12. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts sind wiederum keine Belege vorhanden. Erst am Ende des 13. Jahrhunderts steht mit dem Viernheimer Steinkreuz (Nr. 18) ein Beispiel für die gotische Majuskel zur Verfügung. Die [Druckseite XLII] Buchstaben sind bereits geschlossen, zeigen aber keine ausgeprägten Bogenschwellungen. Aufgrund der groben Ausführung der Inschrift ist ein Vergleich mit anderem Material nur sehr eingeschränkt möglich. Die übrigen gut erhaltenen Lapidarinschriften in gotischer Majuskel, die etwa aus der Zeit zwischen 1340 und 1380 stammen (Nrr. 23, 24, 27, 33), zeigen die vollentwickelte Schrift der Zeit ohne auffällige Besonderheiten.240)

5. 3. Frühhumanistische Kapitalis

Im 15. Jahrhundert wird im Kreis Bergstraße nur die gotische Minuskel für Inschriften verwendet, doch kurz nach 1500 begegnet man zwei verschiedenen kapitalen Schriftformen, der frühhumanistischen Kapitalis und der Kapitalis oder Renaissance-Kapitalis. Die frühhumanistische Kapitalis entwickelte sich unabhängig von der Kapitalis, kam aber vermutlich ebenso wie diese aus dem humanistisch geprägten Italien des 15. Jahrhunderts nach Deutschland.241) Sie läßt sich epigraphisch schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts in Süddeutschland und in Österreich nachweisen und fand, vermittelt durch Musteralphabete, Auszeichnungsschriften in Handschriften und frühe Buchdrucke auch im übrigen Deutschland zwischen 1480 und 1520 als epigraphische Schriftform Verbreitung.242) Eine nur aus wenigen Buchstaben bestehende Heppenheimer Inschrift aus dem Jahr 1506 (Nr. 90) enthält A und M aus der frühhumanistischen Kapitalis, während die übrigen Buchstaben der Kapitalis entstammen. Das spitz zulaufende A trägt einen breiten Deckbalken, und das M ist mit schräggestellten Hasten und einem weit nach oben gezogenen Mittelteil gebildet.

Ansonsten finden sich im Bearbeitungsgebiet in den ersten 20 Jahren des 16. Jahrhunderts Beispiele für die Verwendung der frühhumanistischen Kapitalis nur im Hirschhorner Karmeliterkloster, in der Karmeliterkirche und in der Ersheimer Kapelle.243) Die um 1509 enstandenen Gemälde von 11 Ordensheiligen im Kapitelsaal des Karmeliterklosters tragen Namensbeischriften in frühhumanistischer Kapitalis (Nr. 92), und der etwa acht Jahre später an demselben Ort ausgeführte Eliazyklus (Nr. 109) weist zwei Bildbeischriften in dieser Schriftart auf. Neben den schon beschriebenen A und M finden sich hier weitere für die frühhumanistische Kapitalis charakteristische Buchstabenformen wie unziales D, epsilonförmiges E, N mit einer dünnen Schräghaste, die einen Nodus trägt, und mandelförmiges O. Außerdem befinden sich in der Annakapelle der Klosterkirche auf einem Schlußstein (Nr. 99) und auf einer Konsole (Nr. 101) Inschriften in frühhumanistischer Kapitalis aus dem Jahr 1514. Schließlich kommt diese Schriftart noch in der Ersheimer Kapelle bei einem Baudatum von 1517 (Nr. 105) vor. Aus dem gleichen Jahr befindet sich dort auch eine Stifterinschrift (Nr. 106), die auf der Grenze zwischen frühhumanistischer und Renaissance-Kapitalis steht. Die Buchstaben sind sehr schlank. Das D ist offen und das N ist mit einer dünnen Schräghaste gebildet. Die Buchstaben R und S sind deutlich von der gotischen Majuskel beeinflußt und die Hasten des V sind gerundet.

Die Beschränkung der frühhumanistischen Kapitalis auf die drei Hirschhorner Standorte mag zunächst als ein Zufall der Überlieferung erscheinen, doch eine kritische Überprüfung des Umfeldes macht diese Annahme unwahrscheinlich. Wenn in Neckarsteinach trotz der guten Überlieferungssituation Beispiele für die Verwendung der frühhumanistischen Kapitalis völlig fehlen und sie in Heidelberg nur mit wenigen Beispiel vertreten ist,244) während im benachbarten Rhein-Neckar-Kreis nur in einer Bauinschrift die Verwendung des epsilonförmigen E nachzuweisen ist,245) läßt dies auf die geringe Rezeption der frühhumanistischen Kapitalis schließen. Die Verwendung der frühhumanistischen [Druckseite XLIII] Kapitalis in den beiden Wandmalereien des Kapitelsaals im Hirschhorner Karmeliterkloster könnte auf die Initiative der Künstler zurückgehen. Da die beiden Werke aber von verschiedenen Künstlern geschaffen wurden, ist es auch möglich, daß eine entsprechende Anregung aus dem Konvent kam, zumal dieselbe Schriftart auch bei den erwähnten Inschriften der Annakapelle verwendet wurde. Die Hirschhorner Karmelitermönche könnten die frühhumanistische Kapitalis während ihrer Studienzeit kennengelernt haben, die einige von ihnen auch nach Frankreich und Italien führte.246)

Bei der erwähnten geringen Rezeption der frühhumanistischen Kapitalis am Anfang des 16. Jahrhunderts ist die späte Wiederaufnahme dieser Schriftform auf zwei Zwingenberger Grabplatten aus den Jahren 1563 und 1565 (Nr. 148, 153) um so erstaunlicher. In einer Zeit, in der sich in der Neckargegend überall die Kapitalis durchzusetzen beginnt, zeigen die beiden vermutlich aus derselben Werkstatt stammenden Platten die für die frühhumanistische Kapitalis typischen Buchstabenformen. Das E ist epsilonförmig, das H ist mit einer Ausbuchtung im Balken gebildet, und das I trägt in der Mitte einen Nodus. Die Hasten des M sind schräggestellt und der Mittelteil ist hochgezogen, das N besitzt eine sehr dünne Schräghaste, und das R weist einen kleinen Bogen und eine lange Cauda auf. Das D ist der Fraktur entnommen. Ähnliche späte Rückgriffe auf die frühhumanistische Kapitalis lassen sich in den angrenzenden Gebieten nicht feststellen, doch finden sich vergleichbare Spätformen in Inschriften aus der Zeit um 1540 in Eggenburg (Niederösterreich).247) Bei einer Portalinschrift aus dem Jahr 1556 in Schloß Neuenburg (Freyburg/Unstrut) sind die Buchstaben A, D, M, N und O entweder der frühhumanistischen Kapitalis entnommen oder zumindest stark von ihr beeinflußt.248)

5. 4. Kapitalis

In Italien sind reine Kapitalisinschriften schon in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts nachweisbar, doch zeigen diese Inschriften noch wenig Ähnlichkeit mit der antiken römischen capitalis quadrata, die das Vorbild für die in der Renaissance verwendete Kapitalis wurde,249) wie sie auch schon das Vorbild für die karolingische Kapitalis gewesen war.250) Erst um die Mitte des 15. Jahrhunderts wurden in Norditalien im Rahmen genauer epigraphischer Studien die Buchstaben der capitalis quadrata in den Formenschatz der humanistischen Handschriften aufgenommen.251) Zu derselben Zeit finden sich in Italien auch die ersten epigraphischen Zeugnisse, in denen die capitalis quadrata genau nachgeahmt wird.252) In Deutschland wurde diese Schriftform in den frühhumanistischen Bildungszentren erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts übernommen und mit einer nochmaligen zeitlichen Verzögerung in den Gebieten abseits dieser Zentren.253) Dabei ist zu beobachten, daß sich in den Inschriften in Deutschland oft eine Kapitalis ausprägt, die hinsichtlich der Proportionierung und der besonderen Merkmale der Buchstaben kaum noch mit der klassischen römischen Kapitalis, bzw. der von dieser abgeleiteten Renaissance-Kapitalis vergleichbar ist. Die beiden frühesten Kapitalisinschriften in der Bergstraße (Nrr. 90, 106) können hierfür allerdings nicht als Beispiele dienen, da sie deutliche Einflüsse der frühhumanistischen Kapitalis aufweisen.254) Deutlicher wird dieses Problem aber bei der ersten reinen Kapitalisinschrift, die sich in der Neckarsteinacher Hinterburg auf einer Wappentafel aus dem Jahr 1556 (Nr. 141) befindet. Es handelt sich um eine breite Monumentalkapitalis, die neben spitzem A mit Linksschrägenverstärkung ein E mit stark verkürztem Mittelbalken, ein retrogrades N und M mit hochgezogenem Mittelteil zeigt. [Druckseite XLIV]

Mit den beiden Epitaphien der Ritter Engelhard III. und Georg von Hirschhorn aus dem Jahr 1561 (Nrr. 145, 146) beginnt in der Bergstraße die lange Reihe der Kapitalisinschriften auf Grabdenkmälern. Auffällig sind in den beiden Hirschhorner Inschriften das A mit geschwungener rechter Haste und einem kurzen Deckbalken, das M mit kurzem Mittelteil, das ovale O sowie die Einfügung von Frakturversalien. Die Buchstaben sind relativ schmal. Eine wesentlich breitere und wuchtigere Kapitalis zeigt die Grabplatte der 1562 in Neckarsteinach bestatteten Anna von Gemmingen (Nr. 147). Das A ist spitz mit breitem Deck- und gebrochenem Mittelbalken, die Querhaste des N ist dünn, und das M mit einem bis auf die Grundlinie reichenden Mittelteil läßt eine leichte Linksschrägenverstärkung erkennen. Auch die 1585 und 1587 auf der Grabplatte Annas angebrachten Inschriftentafeln tragen eine relativ breite Kapitalis, aber nur die Inschrift von 1585 zeigt bei A und N die für die römische capitalis quadrata so typische Linksschrägenverstärkung sowie die Bogenverstärkung bei C und G. Gleichzeitig trägt das A jedoch einen Deckbalken und das H ist mit einer Ausbuchtung im Balken gebildet. Eine engere Verwandschaft zu dem klassischen Vorbild zeigen die Grabplatte Ludwigs I. von Hirschhorn aus dem Jahr 1583 (Nr. 173) und die Bauinschrift von 1586 an der Burg Hirschhorn (Nr. 177). Vor allem letztere sticht durch ihre ausgewogenen Proportionen hervor. A, M, N und V sind mit Linksschrägenverstärkung gebildet, C, D und G zeigen Bogenverstärkung, das O läßt den Ansatz von Schattenachsen erkennen, und in einem Fall trägt das R eine klassische, stachelförmige Cauda. Ansätze zu einer ausgewogenen Kapitalis mit Elementen der capitalis quadrata lassen noch zwei Ersheimer Epitaphien aus dem Jahr 1601 (Nrr. 201, 205) erkennen. Die Kapitalis der übrigen Inschriften ist eher schlank. Die Buchstaben sind in der Regel ohne Linksschrägenverstärkung gebildet, und ebenso fehlt die Bogenverstärkung bei C, D und G. Die klassische, stachelförmige Cauda des R kommt nicht vor. Das E trägt immer einen kurzen Mittelbalken und beim M reicht der Mittelteil nicht bis zur Zeilenmitte. Verschiedene Besonderheiten wiederholen sich mehrfach. So kommt das offene D von 1572 bis 1640 in fünf Inschriften vor (Nrr. 161, 218, 221, 247, 248) und etwa in demselben Zeitraum ist auch die Verwendung des H mit einer Ausbuchtung im Balken zu beobachten.255) Die Verwendung von I-Punkten läßt sich ab 1583 in acht Inschriften nachweisen,256) und ab dem Ende des 16. Jahrhunderts tritt das E mit verlängertem unteren Balken auf (Nrr. 200, 215, 233, 243). Bemerkenswert ist auch die frühe Verwendung von U in zwei Inschriften von 1595 (Nr. 193) und 1601 (Nr. 204) in der Ersheimer Kapelle sowie in einer Bensheimer Inschrift aus dem Jahr 1596 (Nr. 195).257)

Eine wirkliche Nachahmung der römischen capitalis quadrata findet in der zwischen 1550 und 1650 verwendeten Kapitalis nicht statt. Ihre vielfältigen Formen lassen erkennen, daß man bei der Ausführung der Inschriften eher mit dem vorhandenen Formenschatz spielte als versuchte, ein bestimmtes Vorbild zu erreichen. Diese Feststellung läßt sich auf den benachbarten Rhein-Neckar-Kreis übertragen. In Heidelberg kommt jedoch eine Gruppe von Inschriften hinzu, die eng an dem Vorbild der capitalis quadrata orientiert sind.258)

5. 5. Gotische Minuskel

Im 11. Jahrhundert entwickelte sich in Belgien und in Nordfrankreich ein neuer Stil der Buchschrift. Kennzeichnend für diese als gotische Textura bezeichnete Schrift sind auf der Zeile stehende Kleinbuchstaben mit gebrochenen Schäften. Die Textura verbreitete sich über ganz Europa und stand in Deutschland im 13. und 14. Jahrhundert in Blüte, wo sie bis ins 15. Jahrhundert als Buchschrift verwendet wurde.259) Die Übernahme dieser Schriftform in die Lapidarinschriften260) scheint zuerst in Nordfrankreich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts erfolgt zu sein.261) Als früheste Beispiele im deutschen Sprachraum werden die Tumbendeckplatten der Mainzer Erzbischöfe Peter von Aspelt und Matthias von Bucheck von 1320 und 1328 genannt,262) doch könnten beide Monumente [Druckseite XLV] möglicherweise nachträglich um 1340 entstanden sein.263) Ab 1340 läßt sich eine deutliche Zunahme der Minuskelinschriften feststellen.264)

Im Rhein-Neckar-Raum liegen die jeweils frühesten Belege der bisher bearbeiteten Standorte zeitlich relativ weit auseinander. Bereits 1341 und in dichter Folge ab 1346 tritt die Minuskel im Kloster Eberbach auf, dann 1356 in Ladenburg, 1379 in Heidelberg, 1380 in Gabsheim, 1397 in Oppenheim und gesichert erst 1403 in Worms, wobei es sich in allen Fällen um Steininschriften handelt.265) In der Bergstraße zeigen dagegen die zwischen 1355 und 1360 entstandenen Wandmalereiinschriften im Gewölbe des Vorchors der Ersheimer Kapelle die früheste erhaltene Minuskel (Nr. 29). Die Buchstaben sind bei der Restaurierung jedoch so stark verändert worden, daß der heutige Zustand keine Beurteilung der ursprünglichen Buchstabenformen mehr zuläßt. Die früheste Minuskel in Stein befindet sich auf der Tumbenplatte des 1361 verstorbenen Engelhard I. von Hirschhorn (Nr. 30) in der Ersheimer Kapelle. Die hervorragend ausgeführte Minuskel weist zwei Schriftbesonderheiten auf. Die linke Haste des v trägt oben einen Zierstrich und die rechte Haste ist unten leicht nach links gebogen. Das für millesimo stehende Minuskel-m ist einem halbgeschlossenen unzialen Majuskel-M nachgebildet. Diese Sonderform des m ist noch bei vier weiteren Grabdenkmälern der Herren von Hirschhorn aus der Zeit zwischen 1382 und 1436 zu beobachten.266) Die Minuskelinschrift auf der Tumbenplatte Engelhards von Hirschhorn findet schon 1369 ihr Gegenstück in der Tumbenplatte Ulrichs V. Landschad von Steinach (Nr. 32) in der evangelischen Kirche in Neckarsteinach. In beiden Standorten sind aus der Zeit bis 1400 jeweils zwei weitere Grabdenkmäler mit Minuskelinschriften erhalten. Ihnen allen gemeinsam ist eine qualitätvolle Ausführung der Minuskel, wobei auf Versalien praktisch ganz verzichtet wird.267) Es ist auffällig, daß es sich bei den vier frühesten Grabdenkmälern mit Minuskelinschriften jeweils um figürliche Tumbendeckplatten von großer Qualität handelt.268)

Die weitere Entwicklung der gotischen Minuskel läßt sich bis in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts nur in Hirschhorn verfolgen, da die Wandmalereiinschriften in der Lorscher Torhalle (Nr. 39) sowie eine Fürther Grabplatte von 1423 (Nr. 46) aufgrund ihres schlechten Erhaltungszustandes keine Aussagen über die Buchstabenformen zulassen. Erwähnenswert sind von den Hirschhorner Grabplatten vor allem jene für Demut Kämmerer von Worms (Nr. 47), die 1425 starb, und die Platte des 1427 verstorbenen Eberhard III. von Hirschhorn (Nr. 48). In der Inschrift für Demut sind zum erstenmal seit 1361 vermehrt Versalien verwendet worden. Sie stammen mit Ausnahme des M aus der gotischen Majuskel. Bei den Minuskeln beider Grabplatten werden die Brechungen mit einer starken Betonung der Quadrangelspitzen aus den Hasten herausgeführt. Die Zierstriche sind deutlich ausgeprägt. Die Buchstaben bleiben aber noch im Zweilinienschema. Ein Verlassen dieses Schemas ist zum erstenmal bei den Inschriften für Hans V. und Philipp I. von Hirschhorn (Nr. 50) sowie für Johannes Pavey (Nr. 51) zu beobachten, die beide 1436 anzusetzen sind. Die Haste des p ist unter die Grundlinie gezogen, während f, l und langes s über das Mittelband hinausragen. Das Vierlinienschema setzt sich bei der Minuskel jedoch nur langsam durch. Die Inschriften des Epitaphs für die 1457 verstorbene Kunigunde von Oberstein und ihren Mann Melchior von Hirschhorn (Nr. 56), der Grabplatte des 1466 verschiedenen Caspar von Hirschhorn (Nr. 60) sowie der Grabplatte der 1482 verstorbenen Lucia von Reifenberg (Nr. 66) sind noch dem Zweilinienschema verhaftet. Die Inschriften für Kunigunde und Melchior von Hirschhorn sind auch insofern erwähnenswert, als dort außer bei zwei Worten alle Anfangsbuchstaben in gotischer Majuskel geschrieben sind.

Eine weitere Entwicklungstufe der Minuskel ist bei den gemalten Inschriften des vermutlich zwischen 1450 und 1460 entstandenen Darsberger-Altars (Nr. 57) festzustellen. Hier läßt sich zum erstenmal eine Spaltung an den Hastenspitzen von b, h und l beobachten. Bei den Lapidarinschriften kommt die Hastenspaltung erst etwa 20 Jahre später bei der Inschrift für Lucia von Reifenberg (Nr. 66) vor. In dieser Inschrift wird auch zum erstenmal ausschließlich rundes s verwendet.

[Druckseite XLVI] Ein Eindringen von Rundungen in die durch ihre Hastenbrechungen gekennzeichnete Minuskel läßt sich erst zu Anfang des 16. Jahrhunderts beobachten. Die Gedenkinschrift an die Belagerung Bensheims im Jahr 1504 (Nr.89) zeigt ein v, dessen linke Haste oben nach links gebogen statt gebrochen ist. Diese Erscheinung bleibt aber in der Inschrift ein Einzelfall. Regelmäßig erscheint dieses v in den um 1517 entstandenen Bildbeischriften des Eliazyklus im Kapitelsaal des Hirschhorner Karmeliterklosters (Nr. 109).269) Die Inschriften des Eliazyklus zeigen zudem mandelförmiges o und rundes s sowie ein u, dessen obere Hastenenden keine Brechungen mehr aufweisen. Runde Formen werden auch in den Inschriften für den Karmeliterprior Werner Wacker (†1523) und den Karmelitermönch Laurentius (†1525) verwendet. In der Inschrift für Wacker (Nr. 115) ist die linke Haste bei v und w oben stets gerundet. Bei der Inschrift für Laurentius (Nr. 117) ist das e zweimal mit oben gerundetem Bogen gebildet, bei einem v ist die rechte Haste unten nach links gebogen und das s weist runde Formen im eigentlichen Sinne auf.

Im übrigen zeichnen sich die Minuskelinschriften aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vor allem durch die Aufnahme zahlreicher Versalien aus, deren Grundformen teils aus der gotischen Majuskel, teils aus der Kapitalis hergeleitet sind. In einzelnen Fällen werden auch die Tendenzen der schreibschriftlichen Frakturversalien aufgegriffen (Nr. 114).270)

Neue Elemente nimmt die späte gotische Minuskel in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf. Die Minuskel auf der Grabplatte des 1554 verstorbenen Wendel Funk ist zwar teilweise noch im Zweilinienschema ausgeführt, gleichzeitig aber mit Frakturelementen durchsetzt. So ist das f immer ohne Oberlänge, aber teils mit und teils ohne Rechtsbrechung des Hastenendes gebildet, das jedoch nicht unter die Grundlinie geführt wird. Der Bogen des h bricht unten nach rechts um, und das lange s weist keine Brechung des Hastenendes auf.

Noch stärkere Einflüsse der Fraktur lassen sich bei den Epitaphien für Hans IV. Landschad und Hans III. Landschad von Steinach feststellen, die in den Jahren 1571 und 1572 gefertigt wurden (Nrr. 159, 160). Bei beiden Inschriften ist eine Minuskel mit Merkmalen der Fraktur und mit zahlreichen Frakturversalien verbunden worden. Dabei erscheinen einige Frakturversalien am Ende oder innerhalb der Worte. Die Hastenbeugung bei c, g, v und w stammt aus der Fraktur, ebenso das An- und Abschwellen der Bögen bei b und h. Im übrigen bleiben aber die Merkmale der gotischen Minuskel erhalten. Das a ist immer zweistöckig und langes s und f reichen nicht unter die Grundlinie. Ihre Hasten brechen unten nach rechts. Mit diesen beiden schon starke Verfremdungen aufweisenden Inschriften endet die Tradition der gotischen Minuskel im Kreis Bergstraße. In dem direkt angrenzenden Gebiet des Rhein-Neckar-Kreises stammt der letzte Beleg für eine Verwendung der gotischen Minuskel aus dem Jahr 1565 und in der Stadt Heidelberg läßt sich die späteste gotische Minuskel 1564 nachweisen.271) In allen drei Gebieten hört die Verwendung der gotischen Minuskel also fast zeitgleich auf.

5. 6. Fraktur

Die Fraktur wurzelt in den spätmittelalterlichen Bastarden, in denen sich die kursiven Elemente der Notula mit den strengen Formen der Textura verbanden. Diese Bastarden wurden am Ende des 15. Jahrhunderts sowohl in Handschriften als auch in Buchdrucken verwendet. Aus ihnen enstand im zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts die sogenannte frühe Fraktur, die sich zuerst in den Prachtdrucken Kaiser Maximilians beobachten läßt.272)

Bei den Druckfrakturen sind für die Versalien das An- und Abschwellen der Linien („Schwellzüge”), die Neigung zu S-förmigen Anschwüngen („Elefantenrüssel”), die breiten, stark geschwungenen Formen und die Tendenz zur Verdoppelung der Bögen und Hasten kennzeichnend.273) Auch für die Kleinbuchstaben der Fraktur ist das An- und Abschwellen der Linien ein wesentliches Merkmal. Es erscheint vor allem bei der Bogenbildung sowie bei den schlingen- und fadenförmigen Unterlängen von h, x, y und z. Hinzutreten als wichtige Unterschiede zur Textura die Beugung der Hasten, spindelförmiges langes s und f, die unter die Zeile reichen, sowie einstöckiges a.274)

[Druckseite XLVII] In der Bergstraße erscheinen Frakturversalien zuerst auf den 1561 gefertigten Epitaphien Engelhards III. und Georgs von Hirschhorn (Nrr. 145, 146). S-förmige Anschwünge fehlen, aber die Buchstaben weisen Schwellzüge und Verdoppelung der Hasten auf. Die erste Frakturinschrift mit Versalien und Kleinbuchstaben befindet sich auf dem Epitaph des 1568 verstorbenen Peter Fock (Nr. 155). Die Fraktur tritt damit in der Bergstraße relativ spät auf. Im Rhein-Neckar-Kreis und in der Stadt Heidelberg stammen die frühesten Belege für Frakturinschriften aus den Jahren 1550 und 1552.275) Bei der Inschrift für Peter Fock zeigen die Versalien die typischen Frakturkennzeichen der breiten, geschwungenen Formen und des An- und Abschwellens der Linien. Bei den Kleinbuchstaben treten die Merkmale der Fraktur am deutlichsten bei dem einstöckigen a sowie bei f und langem s hervor, deren spindelförmige Hasten unter die Grundlinie gezogen sind. Das An- und Abschwellen der Linien und die Hastenbeugung ist bei den Kleinbuchstaben nur selten durchgeführt worden. Im Gegensatz dazu erfüllen die Kleinbuchstaben der Fraktur auf dem Epitaph für Hans IX. von Hirschhorn (†1569) fast alle oben genannten Kriterien (Nr. 157). Auf dem Epitaph seiner Frau Anna Göler von Ravensburg (Nr. 152) zeigt die wohl 1578 nachgetragene Frakturschrift dagegen noch starke Anklänge an die gotische Minuskel. Die spindelförmigen f und s haben zwar deutliche Unterlängen, aber e, m, n und r sind noch ganz der Minuskel verhaftet. Das a zeigt bald die übliche einstöckige Form der Fraktur und nähert sich dann wieder der Minuskelform. Hastenbeugungen und Schwellzüge sind nur in Ansätzen vorhanden.

Bei den übrigen Frakturinschriften des Bearbeitungsgebiets kann man die Hastenbeugung bei den Kleinbuchstaben jedoch regelmäßig beobachten, während die Schwellzüge oft nur schwach ausgeprägt sind.276) Deutliche Schwellzüge zeigt die Fraktur des 1595 enstandenen Epitaphs für Hans Ulrich Landschad (Nr. 192), wo sich dieses Merkmal auch bei den fadenförmigen Unterlängen von h und z feststellen läßt. Das einstöckige a sowie g, m, n, u, v und teilweise auch o sind mit Hastenbeugung gebildet. Auffälligerweise fehlen aber in den Inschriften (B) und (C) f und langes s mit Unterlängen. Stattdessen brechen die Hasten wie bei der gotischen Minuskel unten nach rechts um. In Inschrift (D) kommen beide Buchstaben mit und ohne Unterlänge nebeneinander vor. Eine gut entwickelte Fraktur bieten schließlich die Gedenkinschriften an der Bensheimer Friedhofskirche von 1618 (Nrr. 226-230). Die Versalien tragen allerdings keine S-förmigen Anschwünge, und bei den Kleinbuchstaben sind h, y und z ohne fadenförmige Unterlängen gebildet. In der Feinheit der Buchstaben und Durchführung aller Merkmale ist aber letztlich nur eine Inschrift mit den Druckfrakturen vergleichbar. Es handelt sich dabei um das Kenotaph des 1592 verstorbenen Hans Friedrich Landschad von Steinach, das als Ölmalerei auf Holz ausgeführt wurde (Nr. 186). Das An- und Abschwellen der Linien tritt hier sehr viel deutlicher hervor als bei den Lapidarinschriften. Zudem zeigen die Versalien hier auch die S-förmigen Anschwünge („Elefantenrüssel”), die bei den übrigen Inschriften fehlen.

Aus der Analyse des Materials wird ersichtlich, daß bei den inschriftlichen Frakturen oft nicht alle Elemente, die als Kennzeichen der Fraktur gelten, nebeneinander vorhanden sind. Bei den Lapidarinschriften setzt das Material vor allem der Ausprägung der Schwellzüge bei den Kleinbuchstaben seine Grenzen. Dagegen ist die Spindelform von f und langem s in Verbindung mit der Unterlänge in allen Inschriften vorhanden. Ein weiterer Buchstabe, der in allen Inschriften vorkommt, ist das einstöckige a. Diese drei Buchstabenformen bilden somit die wichtigsten Unterscheidungskriterien von den Fraktur- zu den Minuskelinschriften im Bearbeitungsgebiet.

Zitationshinweis:

DI 38, Bergstraße, Einleitung, 5. Schriftformen (Sebastian Scholz), in: inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di038mz04e007.

  1. Vgl. Nrr. 1-8»
  2. Vgl. dazu auch Scholz, Karolingische Buchstaben passim. »
  3. Vgl. Die karolingischen Miniaturen II. Die Hofschule Karls des Großen, ed. W. Koehler, Berlin 1958, 22 mit Taf. II 4a-b, 5, 6, 7a; 42 mit Taf. II 31; 49 mit Taf. II 33, 38f.; 70 mit Taf. II 82, 84, 88f. »
  4. Annales Laureshamenses 28 (MGH SS 1, 36); vgl. Neumüllers-Klauser, Corvey 131 mit Abb. 99 und die Abbildung bei Beckwith, Byzantine Influence Abb. 11. »
  5. Vgl. hierzu DI 27 (Würzburg) Nr. 1 mit Abb 1a-1d; Herrmann, Megingoz 133-162, bes. 155-162. »
  6. Bischoff, Karolingische Inschriftensteine 263f. mit Taf. 80. »
  7. Neumüllers-Klauser, Corvey 131 mit Abb. 100. »
  8. Lupus, ep. 5 (MGH Epp. 6, 17): „Praeterea scriptor regius Bertcaudus dicitur antiquarum litterarum, dumtaxat earum quae maxime sunt et unciales a quibusdam vocari existimantur, habere mensuram descriptam. Itaque si poenes vos est, mittite mihi eam per hunc, quaeso pictorem, cum redierit, scedula tamen diligentis- sime sigillo munita”. »
  9. Herrmann, Megingoz 160f. mit Abb. 11; Neumüllers-Klauser, Corvey 135f. mit Abb. 105. Es handelt sich um die Handschrift Bern, Burgerbibliothek Ms. 250, Calculus des Victorius Aquitanus, fol. 11v. »
  10. Neumüllers-Klauser, Corvey 132 mit Abb. 102; Herrmann, Megingoz 157-159 mit Abb. 8 und 9. »
  11. Neumüllers-Klauser, Corvey 135-138 u. 127 mit Anm. 2. Für die Frühdatierung spricht vor allem, daß alle Rahmenteile der Tafel in Zweitverwendung angebracht sind und die Platte dem Westwerk bereits während des Baues eingesetzt wurde. »
  12. Neumüllers-Klauser, Corvey 135. »
  13. CIMAH II, Nr. 49 mit Taf. 23, Abb. 63-64; Nr. 50 und Nr. 51 mit Taf. 24, Abb. 65-66. »
  14. Lebek, Witgar 73-85; vgl. auch, allerdings mit unzutreffender Lesung, Bischoff, Karolingische Inschriftensteine 264-266 mit Taf. 82 u. 83. »
  15. CIFM 14 (Bouches-du-Rhône) Nr. 47, 84f. mit Taf. XXVII, Abb. 56. »
  16. CIFM 1,1 (Poitiers) Nr. 84, 103f.; vgl. auch die Grabinschrift des Subdiakons Arnulf (892): CIFM 16 (Drôme) Nr. 24, 127 mit Taf. XLII, Abb. 86. »
  17. Vgl. die bei Nr. 7, Anm. 4 genannten Beispiele. »
  18. DI 29 (Worms) Nr. 21 mit Abb. 8. »
  19. Böcher, Kunst Nr. 58, 277f. mit Abb. 142. »
  20. DI 2 (Mainz) Nr. 17. »
  21. Dasselbe gilt für die einzige erhaltene Glocke des 14. Jahrhunderts, vgl. Nr. 38»
  22. Vgl. vor allem Koch, Frühhumanistische Kapitalis 337-345; Neumüllers-Klauser, Epigraphische Schriften 315-328; vgl. auch Kloos, Einführung 153-156; R. Fuchs, Übergangsschriften, in: Epigraphik 1988, 331-336; M. Steinmann, Überlegungen zu „Epigraphische Schriften zwischen Mittelalter und Neuzeit”, in: Epigraphik 1988, 329f. »
  23. Koch, Frühhumanistische Kapitalis 343f.; Neumüllers-Klauser, Epigraphische Schriften 316f.; Kloos, Einführung 156-158. »
  24. Eine Ausnahme bildet die Birkenauer Glocke von 1510, die aber von Hans von Winterberg aus Frankfurt gegossen wurde, vgl. Nr. 94»
  25. DI 12 (Heidelberg) Nrr. 138, 139, 167. Bei Nr. 138 und Nr. 139 handelt es sich um Mischinschriften mit Formen aus der Kapitalis und der frühhumanistischen Kapitalis. »
  26. Die Inschrift zeigt sonst reine Kapitalisformen, vgl. DI 16 (Rhein-Neckar-Kreis) Nr. 95; die Glasscheibe aus der ehemaligen Chorverglasung der evangelischen Kirche in Dühren (bei Sinsheim) mit der Verkündigung an Maria und einer Inschrift in frühhumanistischer Kapitalis wurde mit großer Wahrscheinlichkeit von einer Werkstatt in Speyer ausgeführt, vgl. a.a.O. Nr. 249 und dazu Becksmann, CVMA Deutschland II,1 23f. »
  27. Vgl. Nr. 109, bei Anm. 19. »
  28. Vgl. Koch, Frühhumanistische Kapitalis 344, der zudem in Abb. 17 noch das Beispiel einer frühhumanistischen Kapitalis von 1589 aus Hartberg (Steiermark) anführt. »
  29. Neumüllers-Klauser, Epigraphische Schriften 325, Anm. 56. »
  30. Vgl. Kajanto/Nyberg, Papal Epigraphy 34-39; S. Düll, Das Grabmal des Johanniters Pietro da Imola in S. Jacopo in Campo Corbolini in Florenz. Zur Renaissance-Kapitalis in erneuerten Inschriften des Trecento, in: Mitteilungen des kunsthistorischen Institutes in Florenz 34 (1990) 101-122, bes. 104-108; Bornschlegel, Renaissance-Kapitalis 217f. »
  31. Vgl. oben 5.1. »
  32. M. Steinmann, Die humanistische Schrift und die Anfänge des Humanismus in Basel, in: Archiv für Diplomatik 22 (1976) 376-437, hier 381 u. 387. »
  33. Kajanto/Nyberg 39f. »
  34. Bornschlegel, Renaissance-Kapitalis 218f.; DI 16 (Rhein-Neckar-Kreis) XIXf. »
  35. Die aus dem Jahr 1517 stammende Kapitalisinschrift auf einer der Ersheimer Scheiben wird hier nicht berücksichtigt, da sie vermutlich in Heidelberg gefertigt wurde, vgl. Nr. 107»
  36. Nrr. 147, Inschrift (B), 154, 167, 168, 225, 243»
  37. Vgl. Nrr. 172, 175, 182, 184, 187, 218, 243, 248»
  38. Bis 1650 kommt das U noch in vier weiteren Inschriften vor, vgl. Nrr. 211, 215, 222, 236»
  39. Vgl. etwa DI 12 (Heidelberg) Nrr. 566, 574, 600. »
  40. Bischoff, Paläographie 163-174. »
  41. Eine Darstellung des Eindringens der gotischen Minuskel in die Wand- und Glasmalereien fehlt noch, vgl. Neumüllers-Klauser, Schrift 64. »
  42. Das früheste bekannte Beispiel ist die Inschrift einer Doppelgrabplatte von 1261 in der ehemaligen Abtei Ourscamp, vgl. Neumüllers-Klauser, Schrift 64-66; in Deutschland finden sich im 13. und zu Beginn des 14. Jh. einzelne Inschriften, deren Minuskel aber noch nicht der sonst üblichen Textura entspricht; diese Frühformen bedürften dringend einer Aufarbeitung. »
  43. DI 2 (Mainz) Nrr. 34, 37; Neumüllers-Klauser, Schrift 63 u. 66. »
  44. Vgl. künftig V. Kessel, „Und sal eynen redelichen Sarcke uff das Grabe lassen havven”. Bemerkungen zu den Mainzer Erzbischofsgräbern von Siegfried III. von Eppstein (†1249) bis Konrad von Dhaun (†1434), in: Kunst in Hessen und am Mittelrhein 34 [im Druck]. »
  45. Neumüllers-Klauser, Schrift 66-68. »
  46. Vgl. künftig DI Rheingau-Taunus-Kreis; DI 16 (Rhein-Neckar-Kreis) Nr. 18; DI 12 (Heidelberg) Nr. 57; Gabsheim (Alzey-Worms) nach Autopsie von Dr. Rüdiger Fuchs, Mainz; DI 23 (Oppenheim) Nr. 43; DI 29 (Worms) Nr. 206 und LXIXf. »
  47. Vgl. die Nrr. 35, 40, 42, 50»
  48. Nur die Inschrift für Engelhard I. weist ein versales I auf. »
  49. Vgl. Nrr. 30, 32, 33, 35»
  50. Auch die 1517 für die Ersheimer Kapelle geschaffenen Glasscheiben zeigen v und w mit gerundeter linker Haste, doch entstanden sie vermutlich in Heidelberg, vgl. Nr. 107»
  51. Die nur eine einzige Versalie enthaltende Inschrift für die 1542 verstorbene Appolonia Bock von Gerstheim (Nr. 125) ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme. »
  52. Vgl. DI 16 (Rhein-Neckar-Kreis) Nr. 282; DI 12 (Heidelberg) Nr. 306. »
  53. Zahn, Beiträge 10-14; DI 13 (Nürnberg 1) XXII; vgl. auch Fichtenau, Lehrbücher 25-28; Bischoff, Paläographie 179. »
  54. Zahn, Beiträge 14f.; Fichtenau, Lehrbücher 26f.; DI 29 (Worms) LXXI. »
  55. Zahn, Beiträge 15f.; DI 13 (Nürnberg 1) XXII; Bischoff, Paläographie 179. »
  56. DI 16 (Rhein-Neckar-Kreis) Nr. 115; DI 12 (Heidelberg) Nr. 265. »
  57. Vgl. die Nrr. 174, 193, 202, 210, 215»