Die Inschriften des Rems-Murr-Kreises

5. Die Schriftformen

5.1. Romanische und gotische Majuskel

Trotz der bis in die Karolingerzeit zurückreichenden Anfänge des Klosters Murrhardt und trotz der großen Bedeutung der Region um Waiblingen für die Salier und dann auch für die Staufer sind aus staufischer Zeit nur zwei, aus vorstaufischer Zeit gar keine Inschriftendenkmäler erhalten. Der Überblick über die Schriftformen setzt somit erst im späten 12. Jahrhundert mit der romanischen Majuskel ein.

Eine „Entwicklung“ der Schriftformen von der romanischen zur gotischen Majuskel und dann innerhalb der letzteren kann anhand der Inschriften des Rems-Murr-Kreises nicht nachgezeichnet werden, dafür ist der Bestand viel zu dürftig und lückenhaft. Insgesamt haben sich nur 14 in romanischer oder gotischer Majuskel ausgeführte Inschriftendenkmäler erhalten, die zudem durch Ausführung in unterschiedlicher Technik und in verschiedenem Material für Zwecke des Schriftvergleichs nur bedingt geeignet sind. Neben nur acht Steininschriften stehen vier Glocken und eine Wandmalerei. Auch darf die räumliche Streuung der Inschriftenträger innerhalb des Kreisgebiets nicht übersehen werden. Bestimmte Schrifttraditionen innerhalb einer Werkstatt, wie sie andernorts anhand relativ umfangreicher geschlossener Bestände gezeigt werden können125), lassen sich somit natürlich nicht nachweisen. Immerhin lassen sich aber wichtige Tendenzen der allgemeinen Inschriftenpaläographie an einigen charakteristischen Beispielen nachvollziehen. Es kann also im folgenden nur darum gehen, allgemeine Entwicklungslinien im bearbeiteten Material wiederzufinden, nicht, neue oder modifizierte Kriterien zu gewinnen. Von den schriftgeschichtlich interessantesten Inschriften sind die Alphabete oder charakteristische Einzelbuchstaben zur besseren Veranschaulichung in Umzeichnung beigegeben, da die Fotoaufnahmen im Tafelteil manche wichtigen Details nicht in der wünschenswerten Deutlichkeit zeigen können, sei es weil die Abbildungen nur Ausschnitte zeigen, sei es weil die Inschriften unter Verfälschung des ursprünglichen Schriftbefunds überarbeitet wurden.

Die älteste Inschrift des Rems-Murr-Kreises befindet sich am romanischen Tympanon der Murrhardter Walterichskirche (nr. 1). Der ausführende Meister wird mit dem Meister Berthold identifiziert, der das Westportaltympanon von St. Michael in Schwäbisch Hall geschaffen hat, wodurch ein zeitlicher Ansatz in die 1170er Jahre gegeben ist. Dazu paßt der Schriftbefund. In der einzeilig angeordneten Inschrift auf der unteren Rahmenleiste läuft die Schrift breit mit großzügigen Spatien, auf dem Rahmen des Bildmedaillons mit dem Agnus Dei werden die Buchstaben aus Platzgründen etwas schmaler und enger gesetzt. Worttrennung durch Punkt auf Mitte ist fast durchgängig durchgeführt. Die Buchstaben sind dünnstrichig eingehauen, Sporen sind nur in schwachen Ansätzen sichtbar, Schaftverbreiterung und Bogenschwellung lassen sich noch nicht beobachten. Ligaturen kommen verhältnismäßig häufig vor. Der Buchstabenbestand ist fast rein kapital, lediglich in der ATA-Doppelligatur ist das erste A unzial. Als eckige Doppelform begegnet einmal das C. O ist kreisrund; auffällig breit ist nur das M mit senkrechten Hasten und kaum unter die Zeilenmitte reichendem Mittelteil. A zeigt neben der spitzen auch eine sehr breite Trapezform, E (analog auch F) ist „klassisch“ schmal, gelegentlich mit etwas kürzerem Mittelbalken. Auch der unten offene Bogen des P (einmal auch des R) zeigt Orientierung an der klassischen Kapitalis, die Ausführung ist freilich insgesamt [Druckseite XLII] nicht besonders sorgfältig126). Besondere Bedeutung gewinnt die Inschrift durch die Verwendung griechicher Wörter und Buchstaben: Die lateinische Beischrift des Agnus Dei ist in griechischen Buchstaben geschrieben, die Umschrift auf dem Marienmedaillon besteht aus dem griechischen Wort ΘHѠΘѠKѠC. Im Hochmittelalter lassen sich nur wenige Parallelen für die Verwendung des Griechischen in Inschriften finden, die außerhalb des byzantinischen Kulturraums entstanden sind, abgesehen von dem Christogramm und den apokalyptischen Buchstaben Alpha und Omega, die vor allem als Beischriften von Christus-Darstellungen begegnen. Darüber hinaus sind höchstens einzelne Wörter in griechischer Schrift ausgeführt: In St. Patroklus/Soest trägt ein Reliefbild des Kirchenpatrons aus der Zeit um 1166 neben einer Umschrift in lateinischen Distichen die griechischen Worte AΓYO(C) ΠAΘYP O KAΛOC, die eine Etymologie des Namens des Heiligen bieten sollen und die im Distichon in der Übersetzung PATROCLE BONE PATER wieder aufgenommen werden127). Das Westportaltympanon von St. Castulus in Moosburg (LKr. Freising) von 1212 hat als Beischrift der Gottesmutter wie die Murrhardter Inschrift – aber in anderer, ebenfalls falscher Schreibweise – S(AN)C(T)AΘEѠTOKѠC • , Christus ist mit Alpha und Omega bezeichnet und im Titulus des hl. Castulus findet sich in MARTYR außer dem ohnehin griechischen Y auch das aus zwei voneinander abgewandten Bögen mit einem Verbindungsbalken zusammengesetzte sog. „Siglen-M“ oder „abendländische M“128).

Murrhardt, Nr. 1

Murrhardt, nr. 1

Das Griechische wurde im abendländischen Mittelalter weniger studiert und beherrscht als vielmehr als eine der drei heiligen Sprachen129) verehrt. Als Ursprache der Liturgie erhielten sich Reste des Griechischen in der römischen Liturgie (Kyrie!), „das sinnfälligste Zeugnis des mittelalterlichen Strebens nach Einbeziehung des Griechischen in die lateinische Liturgie wurde die Kirchweihzeremonie, bei der der Bischof mit seinem Stab das griechische und lateinische Alphabet als ein liegendes [Druckseite XLIII] Kreuz X auf den Boden der Kirche zeichnete“130). Dieser Brauch ist erstmals im Pontificale Romano-Germanicum nachzuweisen, das wohl in der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts in St. Alban vor Mainz entstanden ist. Zumindest für einige liturgische Riten war die Kenntnis der griechischen Buchstaben also unerläßlich, weshalb sich in mittelalterlichen Bibliotheken griechische Alphabete finden, sei es als feste Bestandteile enzyklopädischer oder wissenschaftlicher Schriften131), sei es als zusätzliche Einträge in Handschriften aller Art. Dabei reicht das Repertoire von bloßen Buchstabenreihen bis zu ausführlichen Tafeln mit Buchstabenvarianten, phonetischer Umschrift und lateinischen Entsprechungen. Ausgehend von der Schreibung der Nomina sacra IHC XPC für Jesus Christus ist, vorwiegend im 10. Jahrhundert, in Handschriften eine Vorliebe dafür festzustellen, seinen Namen oder überhaupt Texte in griechischen Buchstaben zu schreiben und damit zu verfremden und zu verschlüsseln132). Ein weiteres Element der Verfremdung ergab sich aus der für das Abendland spezifischen Vorliebe, die „griechischer“ wirkenden Buchstaben Θ, H, Y und Ѡ anstelle von T, E, I und O zu setzen. Dieser von Walter Berschin vor allem in südwestdeutschen Musikhandschriften als weit verbreiteter Brauch konstatierte Befund133) trifft auch für die Murrhardter Inschrift in auffälliger Weise zu. Hier mag zusätzlich eine Rolle gespielt haben, daß man den breiteren Buchstabenformen vor den vermeintlich gleichwertigen schmalen den Vorzug gab. Die griechischen Buchstaben heben sich von den lateinischen innerhalb der Medaillonumschrift somit auch schon rein äußerlich durch die breitere Führung und eine großzügigere Spationierung ab. Die Buchstabenformen sind durchweg die im Abendland fast ausschließlich verwendeten Majuskeln in ihrer unzialen Ausprägung. Als Besonderheiten der Murrhardter Inschrift seien das oben trapezförmige Δ und das H mit unten verkürzter rechter Haste genannt. Die angesprochenen sprachlichen Fehler wie auch die Buchstabenformen lassen auf handschriftliche Vorlagen in Form der erwähnten Musteralphabete schließen, jedenfalls nicht auf ältere oder zeitgenössische inschriftliche Vorlagen aus byzantinischer Produktion wie etwa Elfenbein- oder Goldschmiedearbeiten. Denn gerade die zeittypischen griechisch-byzantinischen Buchstabenformen (allgemein höhere Proportionen, Alpha mit schrägem Balken und nach links übergreifender, auch als Deckbalken umgeknickter rechter Haste, stark eingebogenes C, M mit „Tropfen“ am Mittelteil)134) finden sich in der Tympanoninschrift nicht.

Die zweitälteste Inschrift des Rems-Murr-Kreises stammt ebenfalls aus Murrhardt. Die Reste der auf einer (Abts-?)Grabplatte umlaufenden Umschrift (nr. 2) zeigen immer noch dünnstrichige Meißelführung. Leichte in Sporen mündende Schaftverbreiterungen (vor allem nach unten hin bei A und T) sowie zaghafte Bogenschwellungen sind aber jetzt bereits vorhanden. Das massive Eindringen unzialer Formen zeigt sich in Doppelformen für A (reine Unzialform mit senkrechter rechter Haste, noch nicht die Pseudounzialform), D, E, I und T. Ungewöhnlich ist vor allem das oben und unten s-förmig umgebogene I, das allein dem Streben nach Variation des Schriftbilds seine Entstehung verdankt. Unziales E und C haben noch keine Tendenz zur Abschließung, beim E ist aber bereits eine Ausrundung der Winkel am Berührungspunkt von Mittelbalken und Bogen zu beobachten. Eine zeitliche Einordnung in das 1. Drittel des 13. Jahrhunderts fügt sich gut zu zwei sehr ähnlichen Inschriften dieser Zeit aus Würzburg, zu dessen Diözese Murrhardt gehörte (Tympanoninschrift an der Katharinenkapelle und Meßpfenniginschrift, um 1200 bzw. 1212)135).

Die zeitlich nächste Inschrift dürfte die auf der ehedem Beutelsbacher, jetzt Stuttgarter Glocke von 1285 sein (nr. 5). Die technische Ausführung als Wachsfadenmajuskel hat zur Folge, daß Bogenschwellungen und Hastenverbreiterungen nur undeutlich ausgeprägt sein können. Die zahlreichen Doppelformen (E, I, L, M, T), das rechts abgeschlossene C und die leichte Aufblähung der Bögen bei P und R, eine eingestellte Zierhaste im unzialen E, an der der Mittelbalken nach rechts ansetzt, sind freilich alles Elemente, die man in ihrer Summe üblicherweise der gotischen Majuskel zuschreibt. Pseudounziales A zeigt sich in verschiedenen Formen mit schräggestelltem oder gebrochenem Mittelbalken und mit beiderseits überstehendem Deckbalken. Auffällig sind das s-förmig eingerollte I, das an die Murrhardter Grabinschrift erinnert, und die in gleicher Weise eingerollten in das O eingestellten Zierstriche.

[Druckseite XLIV]

Murrhardt, Nr. 2

Murrhardt, nr. 2

Beutelsbach, Nr. 5

Beutelsbach, nr. 5

Eine ausgeprägte gotische Majuskel liegt dann bei der Inschrift der Beutelsbacher Grafentumba aus dem Ende des 13. Jahrhunderts vor (nr. 4). Die sorgfältig erhaben gehauenen Buchstaben von relativ hohen Proportionen haben ausgeprägte Hastenverbreiterungen, Bogenschwellungen und aufgeblähte Bögen bei B, D, rundem N, P und R. Neue runde Formen sind das K mit zum Schaft zurückgebogenem oberem Arm, halb offenes unziales M mit eingestelltem Zierbalken im rechten Bogen, N und U. C und unziales E sind durch einen oben und unten deutlich überstehenden Abschlußstrich geschlossen. Die Tendenz der Einzelbuchstaben zur inneren Abschließung und Abgrenzung nach außen kommt auch in Abschlußstrichen und stark verlängerten senkrechten Sporen bei F, L und unzialem T sowie bei G und S zum Ausdruck. Punktartige Verdickungen können die auslaufenden Bogenlinien, Cauden und Sporen von G, L, N, R, T und U sowie die hochgebogenen Deckbalkenenden des pseudounzialen und des trapezförmigen A zieren.

Beutelsbach, Nr. 4

Beutelsbach, nr. 4

Winterbach, Nr. 10

Winterbach, nr. 10

Winterbach, Nr. 11

Winterbach, nr. 11

Die Winterbacher Bauinschrift von 1309 (nr. 10) ist leider durch dilettantische Überarbeitung im ursprünglichen Schriftbefund verunklärt. Die Umzeichnung versucht, die anhand noch vorhandener originaler Schriftspuren erkennbaren Formen charakteristischer Buchstaben zu rekonstruieren. Die von einem nicht besonders geübten Steinmetzen begonnene und nicht zu Ende geführte breit laufende [Druckseite XLV] Inschrift verwendet auffallend oft die bereits bei den Glocken- und Grabinschriften aus Beutelsbach festgestellten eingestellten Zierhasten und -balken. Diese Schmuckelemente haben ihren Ursprung in der Strichverdoppelung und in den „sehnenartigen Zierstrichen“ bei den Versalien der gotischen Kursive, wo sie zu Beginn des 13. Jahrhunderts aufkommen136). Insgesamt wirkt die Winterbacher Inschrift gegenüber den aus Beutelsbach stammenden rückständig. So wird etwa noch durchweg kapitales E und N verwendet, die Bögen des B, D und R sind nur unmerklich aufgebläht.

Die etwa gleichzeitigen Wandmalereien im Chor der Winterbacher Kirche bieten dagegen in ihren Inschriften (nr. 11) bereits die voll ausgeprägte gotische Majuskel mit starken Bogenschwellungen, kräftigen Hasten und abgeschlossenen Buchstaben. Die Flächigkeit kontrastiert zu der linearen Auffassung der Buchstaben der romanischen Majuskel. Auch hier begegnet wieder der in den Bogen des unzialen H eingefügte Zierbalken, der in der Bauinschrift und in der Beutelsbacher Grabschrift im M vorkommt. Ein Vergleich mit den Steininschriften bestätigt das allenthalben zu konstatierende Faktum, daß gemalte Inschriften – wie auch die der Goldschmiedearbeiten – in ihrer Schriftentwicklung wesentlich fortschrittlicher sind. Bemerkenswert ist das O mit Bogenschwellungen nach außen und nach innen sowie das L mit hochgewölbtem und spitz auf der Grundlinie stehendem Balken neben der Form mit dreieckigem, weit hochgezogenem Balken. Sonst kommen in den erhaltenen Schriftfragmenten keine Doppelformen vor.

Eine wohl proportionierte Steininschrift mit ausgewogenem Wechsel von Hastenverbreiterungen, Bogenschwellungen und feinen Haarstrichen zeigt die Grabplatte des Grafen Nikolaus von Löwenstein von 1340 (nr. 12). Die Buchstaben sind gestreckter (4:3) als die der Winterbacher Bauinschrift, die Buchstabenzwischenräume sind enger und genau bemessen. Der schlechte Erhaltungszustand der Platte beeinträchtigt die Analyse der Einzelformen, doch lassen sich mit hinreichender Sicherheit die Doppelformen des L in ähnlicher Form wie in Winterbach (nr. 11) sowie ein unziales E nachweisen, dessen Balken am haarfeinen rechten Abschlußstrich ansetzt und nicht bis an den Bogen heranreicht. Diese Zerlegung der Buchstaben in ihre Bestandteile ist eine typische Erscheinung der entwickelten gotischen Majuskel. Die Bogenschwellungen bei C, E, G, O und unzialem T sind nach außen und innen ausgeprägt.

Murrhardt, Nr. 12

Murrhardt, nr. 12

Oppenweiler, Nr. 14

Oppenweiler, nr. 14

Murrhardt, Nr. 15

Murrhardt, nr. 15

Die Streckung der Buchstaben hin zur schlanken gotischen Majuskel mit Proportionen von etwa 2:1 wurde noch von R. M. Kloos137) als Merkmal einer späteren Entwicklungsstufe bezeichnet, doch ist diese Annahme durch das mittlerweile edierte epigraphische Material relativiert worden. Zwar gibt [Druckseite XLVI] es tatsächlich Regionen, in denen im 14. Jahrhundert vermehrt die hohen Buchstabenformen erscheinen, doch werden ebenso weiterhin breiter angelegte Schriften verwendet. Der Schrifttyp, der in zwei Grabinschriften aus Murrhardt und Oppenweiler von 1365 und 1372 repräsentiert ist (nrr. 14, 15), zeigt derartig gestreckte Buchstabenformen. Allerdings ist das Hauptmerkmal der beiden sehr ähnlichen Inschriften weniger die Proportion als vielmehr die dreieckig-spitze Form der Bogenschwellungen in Verbindung mit großen dreieckigen Sporen, die breit auf der Grundlinie liegen oder an der oberen Begrenzungslinie der Zeile „hängen“. Analog dazu sind auch die auf der Grundlinie umgebogenen Bogenenden des unzialen (offenen und halboffenen) M (in Murrhardt wieder mit eingefügtem Zierbalken!) und des runden N sowie die Cauda des R dreieckig verdickt. Diese breit ausladenden Sporen wirken der Streckung des Buchstabencorpus entgegen. Bei der Murrhardter Inschrift wird dieser Widerspruch noch durch die große Spationierung verstärkt, die der Verschmälerung der Buchstaben ihren Sinn nimmt. Weitere Merkmale dieser manirierten Schrift sind Schaftverdoppelungen durch Zierstriche und knotenförmige Verdickungen der Hasten. All diese Charakteristika zusammengenommen scheinen nun aber doch ein Datierungskriterium abzugeben, denn es ist eine auffällige Häufung derartiger Schrifttypen im 3. Viertel des 14. Jahrhunderts im südwestdeutschen Raum festzustellen mit Vorläufern in Würzburg ab 1333138).

Spätere Inschriften in gotischer Majuskel sind nur mehr auf einer Beutelsbacher Glocke aus der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts erhalten (nr. 17) und auf einer verlorenen Majuskelglocke des Magister Ulricus von 1419 (nr. 19†) mit Sicherheit anzunehmen. Danach dominiert endgültig die gotische Minuskel. Zumindest für den spärlichen Bestand an frühen Majuskelinschriften des Rems-Murr-Kreises zeigt sich im Überblick, daß qualitätvolle Schriften in ausgewogenen Proportionen nur auf den Grabmälern hoher Auftraggeber – der Grafen von Württemberg und der Grafen von Löwenstein – gelungen sind.

Wenn um 1504 noch einmal eine Inschrift in „gotischer Majuskel“ im Katalog erscheint (nr. 92), so nur deshalb, weil diese Schrift auch nach ihrer völligen Verdrängung als Textschrift ab dem ausgehenden 14. Jahrhundert weiterhin verwendet wurde als Auszeichnungsschrift, sowohl im Rahmen von Minuskelinschriften als Versalien als auch isoliert in rein dekorativer Funktion als „Ziermajuskel“. Letzteres ist bei dem Schlußstein in der Backnanger Pankratiuskirche mit dem abgekürzten Jesus-Monogramm der Fall: Um eine möglichst ornamentale Wirkung zu erzielen, griff man zum Formenvorrat der Zierbuchstaben. Für das H, das dem griechischen Eta des Nomen sacrum entspricht, ist hier die flächig angelegte Unzialform gewählt mit weit oben an der Haste ansetzendem Bogen mit kräftiger Schwellung und dünn auslaufendem auf der Grundlinie umgebogenem Ende, wie sie die gotische Majuskel ausgebildet hat139).

5.2. Gotische Minuskel

Während die epigraphische Majuskelschrift eine weitgehend eigenständige, von der Buch- und Gebrauchsschrift unabhängige Entwicklung nahm, die sich freilich immer wieder auch an den Auszeichnungsalphabeten der Handschriften orientierte, wird mit der gotischen Minuskel eine fertige, voll entwickelte Buchschrift in weitgehend unveränderter Form in die Monumentalschrift übernommen. Die Entwicklung der „gotischen Minuskel“ als Buchschrift aus der karolingischen Minuskel nahm ihren Ausgang im 11. Jahrhundert im nordfranzösisch-flandrischen Raum und drückt sich in einer Streckung der Buchstaben und in der senkrechten Aufrichtung und Brechung der Schäfte aus. Ein weiteres Merkmal ist die Aufgliederung der Buchstaben in einander angeglichene Elemente: alle Schäfte werden in gebrochene Hasten umgebildet. Das Idealbild der so entstehenden, sich über ganz Europa verbreitenden sog. Textura ist eine streng „normierte“ Schrift, bei der durch das Aneinanderrücken der einheitlich gebauten Einzelbuchstaben der Eindruck eines durchgehenden, gitterartigen Schriftbandes entsteht. Hastenbreite und Breite der Spatien zwischen den Hasten sind [Druckseite XLVII] annähernd gleich140). In Deutschland hat sich die Textura im 13. und 14. Jahrhundert voll entfaltet. Noch im 13. Jahrhundert wird, wiederum zunächst in Nordfrankreich, die Minuskelschrift auch epigraphisch verwendet (Erstbeleg 1261), in Deutschland setzt die Rezeption als Monumentalschrift erst im 14. Jahrhundert ein (Erstbeleg Mainz 1320)141). Eine weitere Verbreitung ist dann ab den 70er Jahren des Jahrhunderts festzustellen, nach der Jahrhundertwende wird schließlich die gotische Majuskel von der Minuskel fast völlig verdrängt142). Aufgrund der lückenhaften Überlieferung ist im Rems-Murr-Kreis die älteste erhaltene Steininschrift in gotischer Minuskel erst 1437 auf der Grabplatte Heinrich Sturmfeders in Oppenweiler nachzuweisen (nr. 21). Da die letzte Majuskelinschrift in Stein von 1372 stammt, läßt sich der Verdrängungsprozeß durch die neue Schriftart nicht näher zeitlich fixieren. Immerhin sind die Wandmalereien in der Pfarrkirche zu Neustadt wohl bereits in den 80er Jahren des 14. Jahrhunderts mit Minuskelinschriften versehen worden (nr. 16). Dieser zeitliche Vorsprung gegenüber den gemeißelten Inschriften mag eine Erklärung in der der Schreibschrift enger verwandten Technik finden. Der schlechte Erhaltungszustand der Malereien läßt keine Aussagen zur Schriftgestaltung zu.

Die Inschrift auf der Sturmfeder-Grabplatte zeigt mit ihren ziemlich gleichmäßigen Hastenabständen die ausgesprochene Gitterstruktur, die jedoch durch die großen Wortabstände in ihrer Gesamtwirkung beeinträchtigt ist. Die Ober- und Unterlängen der sich eigentlich in einem Vierlinienschema bewegenden Schrift sind nur schwach ausgeprägt, so daß die sonst mittellangen Hasten bei den langen Buchstaben h, d und p der Deutlichkeit halber verkürzt werden mußten. Als Besonderheit, die im Bearbeitungsgebiet noch öfters begegnet, ist das Schluß-s einmal in einem Zug mit runden Bögen gebildet.

Versalien143) sind bereits bei dieser frühesten Minuskelinschrift vorhanden, sie fehlen auch später nur selten, beschränken sich aber oft auf das einleitende A von Anno und das als Tausender-Zahlzeichen fungierende M. Die Entwicklung der Versalien in den in Stein oder Holz eingehauenen Inschriften in gotischer Minuskel läßt sich an dem beigegebenen Schaubild ablesen. Daraus wird deutlich, daß noch bis ins frühe 16. Jahrhundert vor allem die romanische Majuskel die Grundformen für die Großbuchstaben liefert, wenngleich diese Formen gelegentlich stark verfremdet sind. Das C in einer Murrhardter Inschrift von 1484 (nr. 52) entstammt eindeutig den in der Buch- und Kanzleischrift ausgebildeten Großbuchstaben der Textura, die entsprechend den Gemeinen als Kennzeichen Schaftbrechungen und die Zerlegung der Buchstaben in gleich gebaute Elemente aufweisen144). Eine Werkstatt, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Grabmäler für Burkhard Sturmfeder in Oppenweiler (nr. 86) und für Abt Lorenz Gaul in Murrhardt (nr. 99) angefertigt hat, bedient sich eines Mischalphabets, dessen Buchstaben teils auf der romanischen Majuskel basieren und teils der frühhumanistischen Kapitalis entnommen sind145). Frühhumanistische Kapitalis und Renaissance-Kapitalis werden in drei Inschriften zwischen 1517 und 1534 als Großbuchstaben bevorzugt, die spätesten Inschriften bedienen sich der Fraktur-Versalien. Die Vorlagen für die Verslien scheinen nach dem Befund viel eher in von Steinmetzen tradierten, auf der romanischen Majuskel basierenden Musterblättern als in Auszeichnungsalphabeten der Buchschrift zu suchen zu sein.

In anderen Regionen, in denen für die Übernahme der gotischen Minuskel in die Monumentalschrift frühere Zeugnisse vorliegen als im Bearbeitungsgebiet, haben die ältesten Inschriften meist noch keine Versalien oder sie bilden diese durch Vergrößerung oder geringfügige Umgestaltung der Gemeinen146). Eine solche einfache Umgestaltung findet sich auch noch in der Oppenweiler Inschrift von 1437 beim M, danach nicht mehr.

Die nächstältesten Minuskelinschriften im Kreisgebiet sind die auf der Tumba für Ludwig den Frommen und auf der Figurenkonsole der Januariusstatue in Murrhardt aus der Zeit um 1440. Letztere erlaubt wegen der starken Beschädigung kaum Aussagen zum Schriftbefund, doch erscheint die Schrift – angesichts der schwierigen Anbringung auf einem mehrfach geschwungenen und geknickten Schriftband – sehr regelmäßig. Die Tumbeninschrift (ohne Versalien) bietet ein Beispiel für die [Druckseite XLVIII]

Die Versalien der gotischen Minuskel in chronologischer Reihenfolge

Die Versalien der gotischen Minuskel in chronologischer Reihenfolge

vollendete Umsetzung einer schlanken und gleichmäßigen gitterartigen Textura. Ober- und Unterlängen sind zwar relativ kurz, sie treten aber wegen der Regelmäßigkeit der Schrift deutlich hervor. Durchweg ist ein ringförmiger i-Punkt gesetzt.

In der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts lassen sich dann sowohl weiterhin Inschriften mit kurzen, kaum aus dem mittleren Schriftband ragenden Ober- und Unterlängen finden als auch solche mit deutlicher Ausdehnung des oberen und unteren Schriftbands (z.B. nrr. 30, 38). Besonders häufig ist dabei das g gänzlich in das mittlere Schriftband eingezwängt. Datierungskriterien lassen sich mithin aus der mehr oder weniger deutlichen Ausprägung der Ober- und Unterlängen nicht gewinnen.

Zierelemente der ansonsten schmucklosen, nur durch ihre Einheitlichkeit im Gesamtbild dekorativ wirkenden gotischen Minuskel sind auf zwei Grabplatten von 1453 und 1471 in Oppenweiler und auf einer von 1474 in Murrhardt zu beobachten (nrr. 32, 46, 49): Der untere Teil des Auges des e und die Bogenenden des runden s laufen in feine eingerollte Zierlinien aus, die quadrangelförmige Fahne des r bildet diese Zierfäden nach oben und unten aus.

Die Qualität der schwierigen Ausführung der Minuskelschrift in dem spröden Material Stein ist unterschiedlich. Ganz unbeholfene Arbeiten, die weder einheitliche Zeilenhöhe noch die regelmäßige [Druckseite XLIX] Hastenbrechung noch die möglichst gleichmäßige Breite von Hasten und Zwischenräumen zwischen denselben beachten und teilweise auch runde Formen einfließen lassen, bilden aber die Ausnahme (nr. 42: Bauinschrift in Großheppach 1468; nr. 50: Bauinschrift in Erbstetten 1474; nr. 124: Meisterinschrift in Fellbach 1519). Ansonsten betreffen die Qualitätsunterschiede vorwiegend die einheitlich senkrechte Ausrichtung der Hasten sowie die Art und Gleichmäßigkeit der Hastenbrechung.

Erhaben gehauene Minuskelinschriften, wie sie von 1392 bis 1476 im angrenzenden Landkreis Ludwigsburg in größerer Zahl vorliegen147), sind im Rems-Murr-Kreis nicht nachzuweisen. Die Technik, die Schrift nur in flacher Nut auszuhauen und mit farbiger Füllmasse auszugießen, wurde bei einer Grabplatte des ausgehenden 15. Jahrhunderts in Backnang angewandt (nr. 70); bei einigen der Murrhardter Mönchsgrabplatten, deren Buchstaben nicht ganz regelmäßig bis zur Kerbe durchgehauen sind und noch Farbreste aufweisen, ist das gleiche Verfahren zu vermuten.

Zierhäkchen an Ober- und Unterlängen, hoch verlängerte und gebogene linke Haste des v und rundes s mit feinem Diagonalstrich sind Elemente, die erst am Anfang des 16. Jahrhunderts begegnen. Ligaturen sind, anders als in der Buchschrift, bei den Monumentalinschriften des Bearbeitungsgebiets seltene Erscheinungen. Starke Kürzungen durch Kontraktion, durch Hochstellen der Endungen oder Überschreiben einzelner Buchstaben nach dem Vorbild zeitgenössischer Gebrauchsschriften sind allein auf der Grabplatte des Backnanger Stiftspropstes Jakob Wick von 1515 anzutreffen, dort freilich in großer Zahl (nr. 146).

Die gotische Minuskel herrscht als Monumentalschrift bis in die 30er Jahre des 16. Jahrhunderts vor und wird dann in kurzer Zeit von der Kapitalis und von der Fraktur verdrängt. Lediglich auf dem Epitaph des Steinenberger Pfarrers Sailer von 1592 (nr. 281) ist noch einmal eine Schrift verwendet, deren Duktus noch eindeutig der der gotischen Minuskel ist und noch nicht die typischen Merkmale der Fraktur aufweist, auch wenn einige Frakturelemente vorhanden sind. Die Hasten von f und langem s sind noch durchweg auf der Grundlinie umgebrochen, die Hasten verlaufen alle senkrecht; nur die rechte Haste (d. h. der Bogen) des h ist bereits meist gebogen; einstöckiges a wird neben dem zweistöckigen verwendet; alle Großbuchstaben entstammen dem Frakturversalienalphabet.

Die gemalten Inschriften in gotischer Minuskel bieten bei den Gemeinen keine anderen Formen als die eingehauenen. Wie die bereits erwähnten Neustädter sind auch die übrigen Wandgemälde mit erhaltenen Schriftresten in den Kirchen zu Beinstein (1459?, nr. 37), Schmiden (um 1470, nr. 43) und Strümpfelbach (1495, nr. 65) so stark verblaßt oder bei Restaurierungen übergangen, daß der Schriftbefund nicht mehr eindeutig ist. Ober- und Unterlängen sind jedenfalls deutlich ausgebildet. Gleiches gilt für die gemalten Inschriften auf den Altartafeln in Oppenweiler (vor 1471, nr. 44), Murrhardt (1496, nr. 66), Schnait (jetzt Reutlingen, um 1500, nr. 81) und Hebsack (1512-15, nr. 121). Die Versalien der gemalten Inschriften sind, abweichend vom Befund bei den gemeißelten Inschriften, vornehmlich nach Vorlagen der buchschriftlichen Textura ausgeführt. Von den Beschriftungen der vier Sturmfeder-Totenschilde in Oppenweiler dürfte nur noch die älteste von 1525 weitgehend dem Originalbefund entsprechen (nr. 132). Eine Annäherung einzelner Schriftformen an die Fraktur ist bereits spürbar, etwa in starken Hastenbiegungen des g und v, auch die Versalien zeigen Frakturelemente. Die drei späteren Totenschilde in Oppenweiler scheinen nach dem Vorbild dieses ältesten bei einer Restaurierung neu bemalt worden zu sein und sind daher für eine Schriftuntersuchung untauglich. Reine Frakturversalien sind schließlich auf einem Waiblinger Totenschild 1559 eingesetzt (nr. 167a), auf dem die Gemeinen durch fadendünne Schleifen an den Unterlängen verziert und dadurch in ihrem Gesamtbild aufgelockert sind.

Auf Glocken findet die Minuskelschrift erstmals 1440 Anwendung. Die Fornsbacher Evangelistenglocke unbekannter Herkunft (nr. 22†) ist im letzten Krieg zerstört worden. Die Inschriften der Nürnberger, Reutlinger, Heilbronner, Esslinger und Biberacher Glocken sind dann von der Mitte des 15. bis in die ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts hinein ausnahmslos mit Modeln in gotischer Minuskel gefertigt. Da sich in den Gießhütten solche Model oft über Generationen hinweg weitervererbten, darf es nicht überraschen, daß eine Oberurbacher Glocke von 1621 noch die mittlerweile längst als Monumentalschrift überholte Schriftart zeigt (nr. 281). Der Gießer Hans Braun hat 1610 die Ulmer Gießhütte übernommen und die Model seiner Vorgänger Wolfgang Neidhardt und Hans Algeier weiterverwendet, die neben den gängigen Fraktur- und Kapitalis-Alphabeten eben auch noch die gotische Minuskel in ihrem Repertoire hatten148).

[Druckseite L]

5.3. Frühhumanistische Kapitalis

Nachdem die gotische Majuskel als Schriftart ganzer Texte im Bearbeitungsgebiet im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts verschwindet, taucht gegen Ende des 15. Jahrhunderts mit der sog. frühhumanistischen Kapitalis eine neue Majuskelschrift auf149). Sie verdankt ihre Entstehung Bestrebungen humanistischer Kreise, in der Orientierung an klassischen oder besser allgemein an „vorgotischen“ Vorbildern wieder klar lesbare Schriften zu erzielen, wobei es in einer Übergangszeit im 15. und frühen 16. Jahrhundert zu unterschiedlichen Lösungen kam, bevor man die klassische Kapitalis in ihrer reinen Form („Renaissance-Kapitalis“) als Monumentalschrift wiederaufnahm150). In der frühhumanistischen Kapitalis fließen Elemente der Kapitalis und vorgotischer Schriften vornehmlich des 12. und 13. Jahrhunderts sowie vereinzelt griechisch-byzantinische Schrifteigentümlichkeiten zusammen. Ihren Formen nach entwickelt in Italien, fand diese experimentierende Schrift über handschriftliche Vorlagen, wie man vermuten darf, Verbreitung in Süddeutschland und wurde erst dort ab der Mitte und verstärkt im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts in breiterem Umfang auch für Inschriften verwendet. Eine vermittelnde Funktion kam den humanistischen Zentren Süddeutschlands wie den Konzilsorten Konstanz und Basel zu. Hauptmerkmale der Schrift sind die Betonung der Linearität, in der Regel eine Streckung der Buchstaben (Proportion 2:1), charakteristische, vom Kanon des Kapitalis-Alphabets abweichende Einzelformen (wie das zweibogige E und das griechische M) sowie Ausbuchtungen, Knoten und Halbknoten als Zierformen der Schäfte und Balken.

Ihrem Ursprung als Auszeichnungsschrift und ihrer dekorativen Wirkung entsprechend, wird die frühhumanistische Kapitalis vorwiegend im Bereich der Tafel- und Wandmalerei und des Kunsthandwerks (Schnitzereien, Goldschmiedearbeiten) angewandt. Im Rems-Murr-Kreis bietet der Stettener Altar (jetzt in Stuttgart) von 1488 mit den gemalten Nimbenumschriften und Gewandsaumbeschriftungen (nr. 54) das früheste Beispiel. Vom selben Meister stammen auch die Tafelbilder des großen Schnaiter Altars von 1497 (nr. 68), die Schriftformen sind völlig identisch. Die Buchstaben sind dünnstrichig angelegt, die Schräghasten sind noch schmaler als die geraden. Erst am Hastenende findet durch Verschmelzung mit den Sporen eine dreieckige Verbreiterung statt. Deutliche Bogenschwellungen kommen nur beim Mittelteil des S vor. Das auffällig breite A ist spitz mit langem beiderseits überstehendem Deckbalken und oft mit gebrochenem Mittelbalken; B kommt auch in der einbogigen Form vor, wie sie seit ihrer Entwicklung im Alphabet der Halbunziale Bestandteil der Minuskelschriften ist (hier freilich durch die Vergrößerung des unteren Bogens eindeutig als Majuskelbuchstabe aufgefaßt). I hat oft einen Nodus und einen I-Punkt; M erscheint in kapitaler Form mit kurzem Mittelteil und als „griechisches M“ mit Mittelbalken und angehängter Mittelhaste. Sonst ist auf Doppelformen verzichtet. Noch dünnstrichiger ist die kurze Gewandsaumbeschriftung des kleinen Schnaiter Altars aus der Zeit um 1500 ausgeführt (jetzt in Reutlingen, nr. 81), jedenfalls von einer anderen Hand.

nrr. 54, 68

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nr. 81

Nr. 81

Ganz anders bietet sich die aufgemalte Gewandsauminschrift einer Schreinfigur des Hebsacker Altars von 1512/15 dar (nr. 121), die mit manierierten aufgespaltenen und eingerollten Sporen und insgesamt breiteren Proportionen nur bedingt der frühhumanistischen Kapitalis zuzurechnen ist.

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Die Schriftbänder der Stammväterbüsten im Gewölbe des Marienchors der Schorndorfer Stadtkirche zeigen nur noch schwache Reste einstiger Beschriftung (nr. 82), die vermutlich in der dafür prädestinierten frühhumanistischen Kapitalis ausgeführt waren151). Der heutige Befund läßt aber keine sicheren Aussagen mehr zu.

Die erste in Stein eingehauene Inschrift des Bearbeitungsgebiets in der neuen Schriftform ist die Devise ATTEM(P)TO auf der Wappentafel Graf Eberhards im Bart am Beinsteiner Torturm in Waiblingen (1491, nr. 57). Trotz des geringen Buchstabenbestands und der breiten, quadratischen Proportionen der Buchstaben rechtfertigen die Formen des A (Trapezform mit langem Deckbalken und tropfenförmig nach unten verlängertem gebrochenem Mittelbalken) und des M (schräggestellte Hasten und sehr kleiner, durch eine „hängende Haste“ nach unten verlängerter Mittelteil) die Zuordnung zur frühhumanistischen Kapitalis, zumal Graf Eberhards Wortdevise auch sonst häufig in dieser Schriftart ausgeführt wurde152).

Die wohl im 1. Viertel des 16. Jahrhunderts gefertigte Figurengrabplatte des Pfarrers Springinshus in Strümpfelbach (nr. 130) bietet eine kunstvoll stilisierte und ausgeführte Inschrift, die nicht recht zu der primitiven figürlichen Darstellung paßt. Der Steinmetz hat sicherlich nach handschriftlichen Mustern gearbeitet, er verwendete Formen, die in etwa zeitgleichen Steininschriften der weiteren Umgebung (Esslingen, Stuttgart-Bad Cannstatt, Lorch) sonst nicht nachweisbar sind, so vor allem ein unziales D mit oben offenem Bogen und senkrechter Haste, die oben nach links zu einem den Bogen überragenden Deckbalken umknickt, verschiedene Formen des P mit auf der Grundlinie nach rechts umgeknickter Haste, Q mit Cauda nach links und paragraphenförmiges S153).

nr. 130

Nr. 130

Erhaben geschnitzt sind die Gewandsauminschriften der Schreinfiguren im Winnender Hochaltar von 1520 (nr. 126). Bedingt durch die Technik sind einzelne Buchstaben (A, H, W) sehr breit, auch ist die Schrift weit spationiert. Häufig stehen die Buchstaben spiegelverkehrt; Ausbuchtungen weisen der Balken des H, die Haste des I und der Schrägbalken des N auf; D ist unzial mit offenem Bogen.

Aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts sind zwei Kelche mit gravierten Inschriften in frühhumanistischer Kapitalis erhalten (nrr. 85, 87), wobei die Schrift des Grunbacher Kelchs in deutlich niedrigeren Proportionen (etwa 4:3) viele rein kapitale Buchstaben enthält. Die starken keilförmigen Hastenverbreiterungen erinnern an die frühe gotische Majuskel der Goldschmiedearbeiten. O ist oval und gelegentlich oben spitz, das D ist entsprechend unzial gebildet, A kommt auch mit gebrochenem Mittelbalken und mit Deckbalken vor, M hat schräggestellte Hasten und einen sehr kleinen Mittelteil.

1601 wird in Großheppach noch einmal eine Bauinschrift gehauen, die weitgehend dem Formenkanon der frühhumanistischen Kapitalis verpflichtet ist (Ausbuchtungen als Zierform; A mit Deckbalken, R mit steil gekrümmter Cauda), wenn auch die Schaftbehandlung der der klassischen Kapitalis entspricht. Der Zweck, hier eine dekorative Wirkung durch Verfremdung zu erzielen, ist offensichtlich154).

[Druckseite LII]

5.4. Kapitalis

Die Rezeption der Kapitalis in einer weitgehend der klassischen Monumentalschrift entsprechenden Form läßt sich im Rems-Murr-Kreis sicher datiert ab dem 2. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts nachweisen. Die wesentlich frühere aufgemalte Meisterinschrift des Hans von Landau von 1463 (?) in der Waiblinger Michaelskirche ist in ihrer heutigen Ausführung in Kapitalisschrift kaum ursprünglich155).

Die frühesten erhaltenen Kapitalis-Inschriften finden sich auf den 1515 gegossenen Bronzeplatten für die Backnanger Markgrafengräber. Die beiden erhaltenen Exemplare wurden von verschiedenen Händen bearbeitet. Die Schrift wurde jeweils zwischen stehengelassenen Stegen zeilenweise erhaben ausgehauen. Diese Technik bewirkt, daß trotz weitgehender Orientierung an den klassischen Buchstabenformen und Proportionen (Wechsel von Haar- und Schattenstrichen, Linksschrägenverstärkung, M mit schrägen Hasten und bis auf die Grundlinie herabreichendem Mittelteil) die Strichführung insgesamt sehr breit ist und Hasten und Balken mit den Sporen keilförmig verschmelzen. Unklassisch sind vor allem die geschlossenen Bögen von P und R und die auswärts gewölbte Cauda des R. Bei einer der beiden Schrifttafeln (nr. 116) sind die I und V durch darüber eingravierte halbrunde bzw. v-förmige Häkchen markiert.

Bei Steininschriften setzt sich die Kapitalis im Bearbeitungsgebiet erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts durch. Eine Grabplatte von 1542 und eine Wappentafel mit Bauinschrift von 1551, beide in Murrhardt, sind die frühesten Zeugnisse. Es folgen einige Epitaphien in Oppenweiler und Bittenfeld in den 1550er Jahren; zahlreich werden die erhaltenen Inschriftendenkmäler aber erst ab 1580. Je nach Sorgfalt der Ausführung sind die Inschriften mehr oder weniger weit von dem klassischen Idealbild entfernt, das aber in keinem Fall erreicht wird. P und R mit offenem Bogen findet sich höchstens einmal zufällig (nrr. 165, 166, 207, 218), M mit auf die Grundlinie hinabreichendem Mittelteil und leicht schräggestellten Hasten bleibt auch die Ausnahme (nrr. 200, 209, 212, 315). Die Cauda des R ist fast durchweg s-förmig gewellt, gelegentlich auch gerade, nie erreicht sie die leicht eingebogene Form der klassischen Monumentalschrift. Das Maß der Orientierung an guten Vorlagen läßt sich an der Konsequenz der Linksschrägenverstärkungen, der Gleichmäßigkeit der Bogenverstärkungen, der Bildung und Ausrichtung der Sporen an den Hasten- und Balkenenden und besonders an den Bogenenden, sowie an der Vermeidung oder Aufnahme von Fremdformen in das Alphabet ablesen. Die klassischen dreieckigen Worttrenner- und Interpunktionspunkte finden sich nur ein einziges Mal 1601 nachgeahmt (nr. 238). Vergrößerung einzelner Buchstaben am Satz- oder Wortanfang kommt bereits bei den ersten Kapitalisinschriften vor und bleibt dann eine häufige Erscheinung.

Bewußte Verfremdung des Kapitalisalphabets liegt offenbar bei Schriften vor, die regelmäßig und sorgfältig gearbeitet sind, die aber für bestimmte Buchstaben Fremdformen allein oder als Variante neben den Kapitalen zeigen. Besonders häufig wird ein A mit einseitig oder beidseitig überstehendem Deckbalken und/oder mit gebrochenem Mittelbalken verwendet, ferner spitzovales O und ein D mit nur halbhohem Schaft und mit links über diesen hinausragendem Bogen; schließlich eine andere D-Form, bei der der Bogen oben und unten deutlich über die Haste nach links verlängert ist. Eine Werkstatt, die vermutlich in Marbach ansässig war und die in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts und verstärkt in den 80er Jahren unter anderem Grabmäler für die Sturmfeder in Oppenweiler und für die Miner in Rietenau hergestellt hat, hat eine Schrift mit schmal proportionierten Buchstaben verwendet, die all die genannten Fremdformen aufweist und zudem ein L mit dornförmigem Aufsatz auf dem kurzen Balken, B und R mit getrennt an der Haste ansetzenden Bögen, F mit hakenartig gekrümmtem unterem Balken und zweistöckiges, oben spitzes Z benutzen (nrr. 165, 166, 204, 214, 215, 216, 217). Das Gesamtbild dieser Schrift ähnelt stark dem der frühhumanistischen Kapitalis.

Gelegentlich wurde der Balken des H mit einem Knoten (1583, nr. 198) oder mit einer Ausbuchtung nach oben oder unten versehen (nrr. 170, 211, 242, 244, 255, 299). Deutlich zeigt sich das Ziel der Verfremdung auch in einer Bauinschrift der Äbtissin von Oberstenfeld an der ehemaligen Kirchberger Kelter (1592, nr. 207): Verschnörkelte Zierformen und vor allem zahlreiche Enklaven ergeben ein unruhiges Bild, in das Alphabet sind ein zweibogiges E und ein Minuskel-a aufgenommen. Gleich mehrere eingestreute Minuskelbuchstaben (b, d, f, t) finden sich bereits in einer unbeholfen wirkenden Bauinschrift von 1568 in Murrhardt (nr. 188).

Ob sich aus der Entwicklung einzelner Buchstaben des Kapitalis-Alphabets Datierungskriterien gewinnen lassen, kann sich erst zeigen, wenn das inschriftliche Material größerer Regionen entsprechend [Druckseite LIII] aufgearbeitet und ausgewertet ist. Einige Einzelbeobachtungen für den Rems-Murr-Kreis sind im folgenden zusammengestellt.

Der i-Punkt erscheint schon in einer Inschrift von 1555 (nr. 165)156), der gerade Mittelbalken des Z ebenfalls. Letzterer wird in der Folgezeit relativ selten gesetzt (nrr. 188, 214, 255), 1603 erscheint er erstmals senkrecht zur Schräghaste (nr. 244, ebenso nrr. 284, 299, 306) und kurz darauf in gewellter Form (nrr. 260, 280, 293, 296). B mit gleich großen Bögen läßt sich bei sorgfältig gehauenen Inschriften erst im 17. Jahrhundert nachweisen (1606, nr. 248; 1621, nr. 280). Ein G mit waagrecht nach links umgeknickter Cauda begegnet ganz vereinzelt 1582 (nr. 194) und 1597 (nr. 218). Eine andere Form des G, bei der die senkrechte Cauda nach links eingerückt ist und der auf der Grundlinie auslaufende Bogen rechts weit über diese hinausragt, ist 1587 erstmals nachzuweisen (Oppenweiler, nr. 200). Sie kann, zusammen mit einem kreisrunden C mit weit geschlossenem Bogen und senkrecht zu den Bogenenden stehenden Sporen, als Kennmarke einer Werkstatt gelten, die im Bearbeitungsgebiet sechs weitere Inschriftendenkmäler bis ins 2. Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts geschaffen hat: Waiblingen 1600 (nr. 235), Oppenweiler 1606 (nr. 249), Fellbach 1611 (nrr. 262, 263), Stetten 1614 (nr. 272) und Backnang vor 1616 (nr. 274)157). Eine abgesetzte, gekrümmt unter die Grundlinie geführte Cauda ist beim G ab 1635 gelegentlich zu finden (nrr. 296, 297, 299). Das W als „unklassischer“ Buchstabe wird durchweg in der Form zweier verschränkter V wiedergegeben, erst 1643 taucht einmal die umgekehrte M-Form mit nicht überkreuztem Mittelteil auf (nr. 303). Besondere Beachtung verdient das Aufkommen des U in Kapitalisschriften. Bei den eingemeißelten Inschriften ist es erstmals 1616 in Beinstein zu beobachten (nr. 275), es ist aus einem Bogen und einer rechten, unten nach rechts gekrümmten Haste gebildet. Bei den späteren Vorkommen (1637, 1640, 1644) ist die Haste gerade.

Ligaturen werden immer wieder gelegentlich verwendet, ein zeitlicher Schwerpunkt läßt sich nicht ausmachen. Es fällt lediglich auf, daß die frühesten Kapitalisinschriften den Einsatz der Ligaturen auf die Umlaute AE und OE beschränken (nrr. 150, 161†). Der Setzung von i-Punkten über Hasten von M und N zur Andeutung von IM- bzw. IN-Ligaturen bedient sich ein Steinmetz 1602 (nr. 242), dessen Inschrift auch dadurch auffällt, daß sie teilweise linksläufig und spiegelverkehrt eingehauen ist. Buchstabenverschränkungen kommen nur einmal auf der vorzüglich gearbeiteten Grabplatte des Konrad Ludwig Thumb von Neuburg von 1601 vor.

Die Schrägstellung der Kapitalisbuchstaben ist schließlich eine Erscheinung, die in Inschriften des Kreisgebiets erst am Ende des Bearbeitungszeitraums auftritt. Die Vorlagen sind in Schreibmeisterblättern und vor allem in der Buchdruckkunst zu suchen. Die schrägliegende Kapitalis wird in der repräsentativen Gedenkinschrift für Daniel Steinbock, den Stifter der Schorndorfer Lateinschule (nr. 315), neben der aufgerichteten Kapitalis, der Fraktur und der geraden und schrägliegenden humanistischen Minuskel verwendet. Wie in Buchtiteln der Zeit ist die Variation der Schriftarten hier zugleich dekoratives und gliederndes Element.

Auf Holzepitaphien wird die aufgemalte Kapitalis ausschließlich für die Beitexte (lateinische Verse, Bibelzitate, Sprüche), für dekorative Bildbeischriften (englischer Gruß, Gesetzestafeln) oder als Auszeichnungsschrift zur Hervorhebung einzelner Wörter – meist Namen – innerhalb von sonst in Fraktur ausgeführten Inschriften eingesetzt. Die Schriftformen entsprechen denen der gemeißelten Inschriften.

Glocken mit Kapitalis-Inschriften sind erst aus dem 17. Jahrhundert erhalten (Erstbeleg 1605, nr. 246).

5.5. Fraktur

Die Fraktur, die ab der Mitte des 16. Jahrhunderts allenthalben die gotische Minuskel als epigraphische Minuskelschrift in relativ kurzer Zeit gänzlich ablöste, war zur Zeit der Übernahme als Monumentalschrift bereits eine ausgereifte, fertige Schrift. Sie hat ihre Wurzeln in schreibschriftlichen Bastarden - gehobenen, kalligraphisch gestalteten Kanzleischriften – des Spätmittelalters, und [Druckseite LIV] wurde vornehmlich im Umkreis Kaiser Maximilians I. in ihre spätere Form gebracht. Wegweisende Vorbilder wurden das 1513 gedruckte Gebetbuch Maximilians und der „Theuerdank“ von 1517, in denen sich die Schrift bereits in ihrer durchstilisierten Form zeigt158). Der Buchdruck rezipierte die Schrift in vielfachen Abwandlungen und regionalen Sonderformen, so daß die Fraktur in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts rasch zur meistgebrauchten Type avancierte. Kennzeichnend für die Schrift ist die Ausbildung eigener, zur Schrift der Gemeinen in ihrer Gestaltung „passender“ Versalien mit an- und abschwellenden geschwungenen, nicht mehr senkrechten Linien. Einige der Großbuchstaben haben einen charakteristischen s-förmigen Anschwung, den sog. „Elefantenrüssel“. Bei den Gemeinen sind entscheidende Kriterien der Abgrenzung gegenüber der gotischen Minuskel die unter die Grundlinie spitz auslaufenden Schwellschäfte des f und des langen s, einstöckiges a sowie die Ausrundung der Bögen, die in der Textura in gebrochene Hasten umgeformt sind. Die Bogenlinien sind häufig als Schwellzüge gebildet und mehrfach geschwungen; o ist annähernd spitzoval und bestimmt die Grundform der übrigen Rundbuchstaben. Alphabete, die die Mehrzahl dieser Merkmale aufweisen, dürfen der Fraktur zugerechnet werden, selbst wenn – gerade bei den frühen Beispielen – noch nicht alle Kriterien erfüllt sind und in einigen Elementen noch an den strengeren Formen der gotischen Minuskel festgehalten wird.

Frakturschriften sind, angesichts der Schwierigkeiten, die die Umsetzung dieser feingliedrigen Schrift in das Monumentale mit sich bringt, mit einer Gesamtzahl von 38 im Rems-Murr-Kreis verhältnismäßig zahlreich vertreten. Gleichwohl wurde diese Minuskelschrift bei weitem nicht so häufig benutzt wie die leichter auszuführende Kapitalis. Die andernorts gemachte Beobachtung, daß die Rezeption der Frakturversalien für den Gebrauch als Großbuchstaben in Texturaschriften der Rezeption der Schrift insgesamt als Textschrift vorausgeht159), läßt sich im Bearbeitungsgebiet mangels Materials nicht bestätigen. Beispiele für die Verwendung von Frakturversalien in Texten der gotischen Minuskel sind äußerst selten, sie sind entweder nicht sicher datiert (nr. 158), in ihrem ursprünglichen Schriftbefund nicht hinreichend gesichert (nrr. 164, 167a) oder erst sehr spät entstanden (1592, nr. 205).

Die früheste erhaltene Frakturinschrift des Kreisgebiets ist wohl eine nachträglich in den Hochaltar der Winnender Schloßkirche eingefügte geschnitzte Inschrifttafel, die über Errichtung, Abriß und Wiederaufbau des Altars berichtet und vielleicht noch aus dem Jahr des zuletzt genannten Ereignisses, 1549, stammt (nr. 126F)160). Die Schrift zeigt noch nicht alle typischen Merkmale der Fraktur. So sind die Hasten von f und langem s noch auf der Grundlinie umgebrochen; o und d sind nicht spitzoval, sondern einheitlich als gestreckte symmetrische Sechsecke gebildet, wobei die Links- und Rechtsschrägen in gleicher Strichstärke ausgeführt sind wie die Hasten. Hastenbrechung im Sinne der gotischen Minuskel liegt also immerhin auch nicht mehr vor. Die nur schwache Ausbildung von Ober- und Unterlängen preßt die Schrift fast in ein Zweilinienschema. Dennoch ist das Gesamtbild gegenüber der strengeren Struktur der Textura aufgelockert, die Hasten von b, h, l und t sind rund umgebogen; b, h, v und w haben weit ausgebauchte Bögen ohne Brechung. Beim zweistöckigen a ist die rechte Haste in einem runden Zug in den oberen Bogen übergeführt; daneben begegnet einmal das einstöckige a mit mehrfach geschwungener auf- und abschwellender Bogenlinie. Als Schwellzüge sind ferner die Haste und Unterlänge des g und gelegentlich der rechte Teil des Auges des e gestaltet. Insgesamt ist noch kein festgefügter Schriftkanon festzustellen, wohl aber das Bemühen, eine andere Schrift als die bislang übliche gotische Minuskel zu schaffen.

Dagegen ist die Fraktur auf der Grabplatte Friedrich Sturmfeders von 1555 (nr. 163) bereits „komplett“. Große und verschieden weite Wortabstände und das Leerbleiben der letzten Schriftzeile könnten freilich darauf hindeuten, daß der Steinmetz den Platzbedarf für die neue Schrift noch nicht richtig einschätzen konnte. Die ausgewählten Versalien sind ausgesprochen schlicht; f und s haben leicht gebogene und spitz unter die Grundlinie geführte Schwellschäfte; a ist durchweg einstöckig mit großem Bogen; die Bögen von b, h, o, v und w sind völlig einheitlich ausgerundet; Haste und Unterlänge des g sind als s-förmiger Schwellzug gebildet; h und l weisen an den Oberlängen Zierschleifen auf; als Schluß-s ist das aus der Kursive stammende „Brezel-s“ übernommen, hier in eine [Druckseite LV] strengere, den übrigen Buchstaben angepaßte Form gegossen, bei der die linke Bogenlinie zu einer unten gebrochenen Haste umstilisiert ist.

Bei den Frakturschriften ist in der Folgezeit keine eigentliche Schriftentwicklung festzustellen. Die jeweilige Gestaltung hängt vielmehr von den Vorlagen und Eigenheiten der Werkstätten und von den individuellen Fähigkeiten der ausführenden Handwerker ab. So verzichten etwa die Meisterinschriften des Jörg Busch von 1574 an der Schorndorfer Stadtkirche (nr. 183), sicherlich unter dem Einfluß der Kursivschriften, weitgehend auf Schaftbrechungen zugunsten runder, in einem Zug durchgehauener Linien. Rundes c, e mit rundem Auge und ganz gerundetes g in Form einer 9 sind Resultate dieser Schriftgestaltung. Nahezu identische Formen in einer kurzen undatierten Schorndorfer Bauinschrift (nr. 283) könnten auf die Ausführung durch denselben Steinmetz, also wohl Busch selbst, hinweisen. Ähnlich, aber gestreckter, sind die Buchstaben einer Devise am Beutelsbacher Rathaus (1577, nr. 187). Die ungelenke Ausführung dokumentiert sich nicht zuletzt in der Verwendung eines Majuskel-B im Wortinneren.

Schorndorf, nr. 183A

Schorndorf, Nr. 183A

Einer eigenwilligen dynamischen Fraktur bedient sich die Tübinger Werkstatt des Bildhauers Christoph Jelin auf zwei Kindergrabmälern in Winnenden (1592, 1594). Die Versalien sind reich verschnörkelt und oft mit weiten Anschwüngen und haarfeinen Zierlinien versehen. Bogenförmige Zierlinien sind auch auf die Oberlängen von b, h und t aufgesetzt. Das kursive „Brezel-s“ erscheint in der offenen Schleifenform. Die Hasten von f und langem s sind allerdings noch auf der Grundlinie umgebrochen. Die Schrift entspricht im letztgenannten Phänomen wie auch in der Sechseckform des o und in der Gestaltung weiterer Gemeinen und der Kürzungszeichen auffällig der geschnitzten Inschrift am Hochaltar in derselben Kirche. Die verlockende Vorstellung, auch die Schrifttafel könnte ein Werk der Jelin-Werkstatt sein, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Sie müßte dann etwa 45 Jahre später angesetzt werden. Freilich zeigt sie doch einige deutlich konservativere Formen gegenüber den Epitaphien, wie etwa das zweistöckige a, „gotisches“ c, eine abweichende Bildung der Bögen von h und g sowie t mit hoch ansetzendem Balken.

Kunstvoll und nach besten Vorlagen komponiert sind die flach in Schieferplatten eingegrabenen Sterbeinschriften und Bibelsprüche an den monumentalen Grabdenkmälern in Oppenweiler und Winnenden (1597, 1598, 1608), die in der Werkstatt Jakob Müllers in Heilbronn entstanden sind (nrr. 228, 229, 256). Die Schrift ist sorgfältig vorliniiert und sehr einheitlich ausgeführt. Alle Schaftbrechungen sind ausgerundet, die Oberlängen sind gespalten. Gelegentlich werden ornamentale Schleifenbildungen an den Oberschäften zur Ausfüllung leerer Zeilenzwischenräume benutzt.

Als ein weiteres Beispiel einer wohl ausgewogenen Schrift verdient die Grabschrift der Magdalena Hofseß in Murrhardt hervorgehoben zu werden (1607, nr. 254), die – für Steininschriften ungewöhnlich – besonders feinstrichig ausgeführt und sorgfältig disponiert ist. Die lateinische Sterbeinschrift für den Ehemann der Verstorbenen auf demselben Grabmal ist in Kapitalis ausgeführt.

Wenig originell und nicht besonders qualitätvoll ist dagegen die verhältnismäßig breit laufende, für die Werkstatt des Jeremias Schwartz typische Fraktur161) auf dem Stickel-Epitaph in Schorndorf (1613, nr. 267). Die breiten Hasten, die im niedrigen Mittelband gedrungen und eckig wirkenden Buchstaben und die klobigen viereckigen Satzzeichen, i- und Umlautpunkte vermitteln nicht den Eindruck einer einheitlichen Schrift, vielmehr erscheinen die Buchstaben beziehungslos aneinandergereiht.

Eine Hausinschrift von 1617 und die Inschrift eines Grabsteins von 1622 in Kirchberg an der Murr sind in einer charakteristischen Fraktur gemeißelt, die eine Zuweisung an eine vermutlich im nahem Marbach beheimatete Werkstatt ermöglicht. Diese Werkstatt hat in derselben Schrift 1612 ein Epitaph in Marbach und 1626 eine Gedenktafel in Oberstenfeld (LKr. Ludwigsburg) gefertigt162). „Kennbuchstaben“ sind das l mit rechts an der Oberlänge herabhängendem s-förmigem Schwellzug und ein e, das mit einem steil aufragenden, oben spitzen und unten mit einem Schwellzug zur Haste hin abgeschlossenen Auge in den Oberlängenbereich vorstößt.

[Druckseite LVI]

Besondere Kunstfertigkeit beweist schließlich die Ausführung der Frakturschrift auf der Schorndorfer Gedenktafel für Daniel Steinbock von 1650 mit ihren zahlreichen haarfeinen Zierlinien und Schleifen. Auf der Tafel sind neben dem Haupttext in Fraktur einzelne Passagen, wie bereits erwähnt, in gerader und schrägliegender Kapitalis sowie in humanistischer Minuskel gestaltet.

Neben den in Stein eingemeißelten und in Holz eingeschnitzten Frakturinschriften haben sich im Rems-Murr-Kreis insgesamt sechs Holzepitaphien erhalten, deren aufgemalte Inschriften überwiegend in Fraktur ausgeführt sind. Daß auf denselben Inschriftenträgern, meist zur Auszeichnung, auch die Kapitalis verwendet wurde, ist oben bereits erwähnt worden. Bei der Beurteilung dieser gemalten Inschriften, die von der Technik her natürlich enger mit der handschriftlichen Fraktur verwandt und daher leichter umzusetzen sind als die dreidimensional ausgeführten, ist wegen des oft nicht mehr festzustellenden Grades der Überarbeitung und Verfälschung des Schriftbefunds durch Restaurierungen besondere Vorsicht geboten. Gleiches gilt für die gemalten Inschriften auf den Ölgemälden der Sturmfeder-Ahnengalerie aus Oppenweiler (nr. 190), für die Kanzelbemalung mit biblischen Gestalten und Bibelsprüchen in Grunbach (nr. 287) sowie für einige bemalte Totenschilde. Naturgemäß bieten gemalte Inschriften viel eher die Gelegenheit zur Ausbildung von Zierformen, was sich besonders in der Gestaltung der Versalien und der Ober- und Unterlängen der Gemeinen ausdrückt. Auch kompliziertere Vorlagen aus Schreibmeisterblättern konnten kopiert werden. Einen Höhepunkt in dieser Hinsicht stellen sicherlich die prächtigen feingliedrigen Versalien auf dem Totenschild des Johann Walter Dauer von 1638 dar (nr. 298), die reich mit sich mehrfach überschneidenden Zierschleifen und geometrischen Flechtmustern verziert und zusätzlich in den Zwischenräumen mit andersfarbigem Rankenornament gefüllt sind.

Glocken mit gegossenen Frakturinschriften sind aus dem Bearbeitungsgebiet keine erhalten, ebensowenig bronzene Schrifttafeln, die andernorts in großer Zahl als Grabsteinauflagen dienten163).

5.6. Humanistische Minuskel

Die Humanisten griffen in ihrem Bestreben, klar lesbare Schriften zu entwickeln, nicht nur bei den Majuskelschriften auf vorgotische Vorbilder zurück. Auch die karolingische Minuskel, die „vorgotische“ Buchschrift, in der die meisten klassischen Texte überliefert waren und die daher den Humanisten als die klassische Minuskelschrift schlechthin galt, erlebte wegen ihrer Schlichtheit und guten Lesbarkeit ihre Renaissance in der humanistischen Minuskel. Diese Schrift wurde in Italien entwickelt, wurde auch als Kanzleischrift verwendet und breitete sich rasch in Europa aus164). Eine epigraphische Umsetzung ist erst vereinzelt in den letzten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts festzustellen, als Vorbilder fungierten dabei eher an der humanistischen Minuskel orientierte Druckschriften als handschriftliche Vorlagen.

Rund hundert Jahre später ist die früheste erhaltene Inschrift des Rems-Murr-Kreises in humanistischer Minuskel entstanden: Auf einem Fachwerkpfosten des ehemaligen Helferhauses in Winterbach wurden 1594 neben der Datierung in Kapitalis zwei Nameninschriften in Minuskelschrift eingeschnitzt (nr. 208), 12 Jahre später verwendete der Bildhauer Melchior Gockheler an der Schornbacher Kanzel für ein Bibelzitat die humanistische Minuskel, während die lange Versinschrift darüber in Kapitalis gehalten ist (nr. 252). In beiden Fällen wirkt die Minuskelschrift steif, die Buchstaben sind verhältnismäßig schmal und hoch, die Hasten enden stumpf ohne Sporen auf der Grundlinie. Bei der Schornbacher Inschrift sind die letzten Hasten von m, n und u unten leicht nach rechts gebogen, zweistöckiges a nimmt in der Höhe eine Zwischenstellung zwischen den Buchstaben mit und denen ohne Oberlänge ein, das Auge des e ist nicht geschlossen.

In der gemalten Sterbeinschrift auf dem Epitaph des Pfarrers Maickhler in Fellbach (1647, nr. 309) sind nur der latinisierte Name und die Titel des Verstorbenen in humanistischer Minuskel, der Rest ist in Fraktur geschrieben. Eine Inschrift, die ausschließlich die humanistische Minuskel als Textschrift verwendet, ist die gravierte Stiftungsinschrift auf einem Kelch in der Strümpfelbacher Kirche, vielleicht von 1611 (nr. 179). In das Alphabet sind vereinzelt Majuskel-N eingestreut. Letzteres ist auch bei der gravierten Stiftungsinschrift auf einem Grunbacher Taufkännchen von 1642 zu beobachten (nr. 301), die in Kapitalis begonnen und wegen Platzmangels am Ende in der weniger Raum beanspruchenden Minuskel in ihrer schrägliegenden Variante fortgeführt wurde.

[Druckseite LVII]

In der schrägliegenden humanistischen Minuskel, die einzelne Elemente der noch im frühen 15. Jahrhundert in Italien ausgeprägten humanistischen Kursive annehmen kann (geschwungene Hasten, keulenartige Verdickung der Ober- und Unterlängen, langess mit Ober- und Unterlänge, eigene Versalien usw.), sind die zahlreichen winzigen Beischriften des Confessio-Gemäldes aus der Schorndorfer Stadtkirche ausgeführt (nr. 313). Die Schriftart war in Johann Dürrs Kupferstich von 1630 vorgegeben, der als Vorlage für das Gemälde diente. Vom ursprünglichen Schriftbefund ist nach mehrfacher Restaurierung und Übermalung allerdings vermutlich nur mehr wenig erhalten.

Die angeführten Beispiele zeigen deutlich, daß die humanistische Minuskel als Schrift monumentaler Inschriften im Bearbeitungsgebiet vor 1650 allenfalls eine untergeordnete Rolle spielte. Größere Bedeutung erlangte sie erst im 18. Jahrhundert165).

5.7. Zeitliche Verteilung der Schriftarten

In die Tabelle sind alle erhaltenen und in Foto oder Abzeichnung überlieferten Inschriften aufgenommen sowie die verlorenen, deren Schriftart aus den Quellen eindeutig zu erschließen ist. Nicht berücksichtigt sind einzelne Initialen, Versalien und Kreuztituli. Inschriftenträger, auf denen sich verschiedene Schriftarten finden, erscheinen in der Aufstellung entsprechend mehrfach. Die in Klammern gesetzten Ziffern bezeichnen unsicher datierte Inschriften.

  –1300 –1350 –1400 –1450 –1500 –1550 –1600 –1650 Summe
Romanische Majuskel 2               2
Gotische Majuskel 4 4 3     1     12
Gotische Minuskel     1 7 (1) 35 24 4 1 72 (1)
Frühhum. Kapitalis         4 (1) 5   1 10 (1)
Kapitalis         (2) 6 40 (1) 62 108 (3)
Fraktur           (1) 14 24 38 (1)
Humanist. Minuskel             1 7 8
Gotische Kursive         3 1 3   7

Zitationshinweis:

DI 37, Rems-Murr-Kreis, Einleitung, 5. Die Schriftformen (Harald Drös und Gerhard Fritz), in: inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di037h011e000.

  1. Vgl. zuletzt etwa DI 29 (Worms) Einl. LXf.; ferner die Grabplatten des Klosters Disibodenberg: DI 34 (Bad Kreuznach) Einl. XLVf. »
  2. Etwa im Vergleich zu den rund eine Generation früher entstandenen Hirsauer Inschriften: DI 30 (Calw) nrr. 5, 6. Das ältere der beiden Portaltympana in Bad Herrenhalb (vor 1200, ebd. nr. 7) zeigt eine insgesamt noch ähnliche Schrift mit fast ausschließlich kapitalem Bestand und einzelnen Ligaturen. Die Hastenverbreiterung und leichte Bogenschwellung sind dort allerdings bereits vorhanden, auch unziales E. In der dünnen Strichführung steht der Murrhardter Inschrift m. E. die jüngere (?) Herrenalber Tympanoninschrift (DI 30 nr. 10: „um 1200“) noch näher. Jedenfalls ist der Entwicklungsstand, der laut Kloos, Einführung 124f. bereits in der ersten Hälfte des 12. Jh. erreicht sein sollte und sich in der Zurückdrängung der eckigen Formen, Ligaturen und Enklaven bei gleichzeitigem Vordringen unzialer Formen ausdrückt, eindeutig noch nicht erreicht, erst recht nicht die von Kloos ab der Mitte des 12. Jh. beobachtete Abschließung der Einzelbuchstaben gegeneinander und die innere Ausrundung (ebd. 126). Die hauptsächlich am französischen und rheinländischen Material sowie an ohnehin fortschrittlicheren Goldschmiedearbeiten gewonnenen Datierungskriterien lassen sich nicht ohne weiteres auf den süddeutschen Raum übertragen. Die Beobachtung, daß man in Süddeutschland länger auf den romanischen Formen beharrte und noch bis ins beginnende 13. Jh. reine Kapitalisalphabete verwendete (ebd. 128), bestätigt sich somit, wenn auch die von Kloos herangezogenen Beispiele der Wildenburginschriften nicht taugen. Ihre Entstehung im 19. Jh. ist mittlerweile nicht mehr umstritten, vgl. Neumüllers-Klauser, Epigraphische Fälschungen 178. »
  3. Der Hinweis wird Frau Prof. R. Neumüllers-Klauser verdankt; vgl. Norbert Eickermann, Epigraphische Notizen aus Soest, in: Soester Zs. 84 (1972) 25–39, hier: 28–30; künftig ferner: Renate Neumüllers-Klauser, Fragen der epigraphischen Schriftentwicklung in Westfalen ca. 1000–1300, im Tagungsband der Fachtagung für mittelalterliche und neuzeitliche Epigraphik, Bonn 3.–5. Juni 1993 (mit Abb.). »
  4. Berschin 42f.; der Begriff „abendländisches M“ wurde erstmals von Bernhard Bischoff erwogen, vgl. B.B., Das griechische Element in der abendländischen Bildung des Mittelalters, in: Byzantinische Zs. 44 (1951) 27–55; erneut in: ders., Mittelalterliche Studien. Ausgewählte Aufsätze zur Schriftkunde und Literaturgeschichte, Bd. 2. Stuttgart 1967, 246–275, hier: 253 Anm. 36. Auf die griechische Inschrift in Moosburg weist bereits Kloos, Einführung 39 hin. Sie ist abgebildet in: Hans Karlinger, Die romanische Steinplastik in Altbayern und Salzburg 1050–1260 (Denkmäler deutscher Kunst). Augsburg 1924. Taf. 43. »
  5. So bezeichnet seit Isidor, Etymologiae IX 1, 3; vgl. dazu und zum Folgenden grundlegend: Berschin 31–58 (Kapitel „Schätzung und Kenntnis des Griechischen“). »
  6. Berschin 37; vgl. V. Gardthausen, Die griechische Schrift des Mittelalters im Westen Europas, in: Byzantinisch-neugriechische Jbb. 8 (1929/30) 114–135, hier: 122f. »
  7. An erster Stelle sind zu nennen Isidor, Etymologiae und Beda, De temporum ratione; ferner Hrabanus Maurus, De computo und Hugo von St. Victor, De grammatica. »
  8. In der Kanzlei Kaiser Heinrichs III. ist zwischen 1048 und 1054 für die Schreibung des Namens des Kanzlers Winither im Rekognitionszeichen ebenfalls das griechische Alphabet verwendet, vgl. Paul Kehr, Einleitung zu MGH DD. H. III., XLIIIf. »
  9. Berschin 42. »
  10. Vgl. Kloos, Einführung 128f. Die Soester Patroklus-Inschrift verwendet dagegen ein A mit Schrägbalken. »
  11. DI 27 (Würzburg I) nrr. 21, 25. »
  12. Vgl. Bischoff, Paläographie 190; ferner: Walter Heinemeyer, Studien zur Geschichte der gotischen Urkundenschrift, in: Archiv für Diplomatik 1 (1955) 320–381; 2 (1956) 250–323; 5/6 (1959/60) 308–429. »
  13. Kloos, Einführung 132: „Im Laufe des 14. Jh. strecken sich die Buchstaben wieder.“ »
  14. Der Bischofssitz scheint Vorbildfunktion gehabt zu haben. Frühestes Beispiel ist die voll durchstilisierte Inschrift auf dem Grabmal Bischof Wolframs: DI 27 (Würzburg I) nr. 57, es folgt das Grabmal Bischof Ottos 1345: ebd. nr. 66. In Würzburg ist die Schrift in dieser Ausprägung bis 1372 nachweisbar: ebd. nr. 91. Eine noch unregelmäßigere und unbeholfenere Nachahmung als die Beispiele im Rems-Murr-Kreis findet sich in Waldhausen (Main-Tauber-Kreis) 1361: DI 1 (Main- und Taubergrund) nr. 113. Vergleichbar, aber wiederum wesentlich regelmäßiger sind schließlich zwei Inschriften aus Nagold (LKr. Calw) von 1360 und 1374: DI 30 (Calw) nrr. 37, 41 u. Einl. XXVII. »
  15. Vgl. auch den „Nachzügler“ von 1502 in Effringen (LKr. Calw), eine Bauinschrift, die noch im wesentlichen am gotischen Majuskelalphabet orientiert ist: DI 30 (Calw) nr. 174. Zum in manchen Regionen längeren Weiter- und Nachleben der gotischen Majuskel vgl. Rüdiger Fuchs, „Übergangsschriften“ (Diskussionsbeitrag), in: Epigraphik 1988, 331–336. »
  16. Den besten Überblick über Entstehung und Entwicklung der Textura mit weiteren Lit.angaben bietet Bischoff, Paläographie 171–183. »
  17. Dazu grundlegend Renate Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache in Bau- und Künstlerinschriften 63–66. »
  18. Zu regionalen Unterschieden vgl. aber z.B. DI 29 (Worms) Einl. LXI f. »
  19. Erste – freilich revisionsbedürftige – Hinweise zu Datierungskriterien nach Versalien gibt Kloos, Einführung 137. »
  20. Im LKr. Bad Kreuznach lassen sich entsprechende Versalien in epigraphischer Verwendung schon 1412 beobachten, vgl. DI 34 (Bad Kreuznach) Einl. LI. »
  21. Diese charakteristischen Versalien ermöglichen die Zuschreibung eines weiteren Grabmals zu dieser Werkstatt: Grabplatte der Anastasia von Rietheim († 1500) in der Göppinger Oberhofenkirche. Ein spätes Werk derselben Provenienz könnte die Grabplatte der Christophora von Stammheim († 1513) in Stuttgart-Stammheim sein. »
  22. Vgl. etwa DI 22 (Enzkreis) Einl. XXVI. »
  23. DI 25 (Ludwigsburg) Einl. XLIV. »
  24. Vgl. Dt. Glockenatlas WürttHohenzollern 63f. »
  25. Dazu zuletzt klärend Walter Koch, Zur sogenannten frühhumanistischen Kapitalis (Diskussionsbeitrag), in: Epigraphik 1988, 337–345; ferner: Renate Neumüllers-Klauser, Epigraphische Schriften zwischen Mittelalter und Neuzeit (Grundsatzreferat), ebd. 315–328. »
  26. Den Charakter der frühhumanistischen Kapitalis als einer Schrift der Übergangszeit, nicht als einer Übergangsschrift, die direkt zur Renaissance-Kapitalis hinführt, betont Koch (wie Anm. 149) 338. »
  27. Vgl. die 1490 vollendeten Gewölbemalereien in Maria Saal/Kärnten mit Darstellung des Stammbaums Christi und Beischriften in frühhumanistischer Kapitalis: Friedrich W. Leitner, Die Inschriften im Langhausgewölbe von Maria Saal. Ein Beitrag zur Darstellung der frühhumanistischen Kapitalis in Kärnten, in: Epigraphik 1982, 63–76. »
  28. Dieselbe Form des A im Gebetbuch Eberhards von 1492/96, vgl. Württemberg im Spätmittelalter. Ausstellung des HStA Stuttgart und der Württembergischen Landesbibliothek, Katalog bearb. v. Joachim Fischer, Peter Amelung u. Wolfgang Irtenkauf. Stuttgart 1985, 28f. nr. 18 Abb. 13. Vgl. auch DI 25 (Ludwigsburg) Einl. XLVIIIf. Auch Kaiser Friedrichs III. berühmte Wortdevise AEIOV wurde häufig in der dekorativen neuen Schrift dargestellt, vgl. dazu Leitner, Die Inschriften von Maria Saal (wie Anm. 151) 68; Koch, Zur sog. frühhumanistischen Kapitalis (wie Anm. 149) 343. »
  29. D und Q in der beschriebenen Gestalt kommen in der Grabinschrift eines Markgrafen von Baden (Markus?) 1478 im Straßburger Münster vor, vgl. Koch, Zur sog. frühhumanist. Kapitalis (wie Anm. 149) Abb. 4. Das S aus zwei getrennt übereinandergesetzten gegenläufigen Bögen in derselben Form auf einer Stiftsherren-Grabplatte von 1529 in Öhringen (Hohenlohekreis), nach Autopsie. »
  30. Zur Einordnung dieser anachronistischen Schriften erste Hinweise bei Koch, Zur sog. frühhumanist. Kapitalis (wie Anm. 149) 338 u. 344. »
  31. Weitere im Schriftartenregister unter „Kapitalis“ aufgeführte frühe Inschriften betreffen durchweg aufgemalte oder geschnitzte Kreuztituli (nrr. 44, 84, 106, 107) oder andere Initialen (nr. 112), d.h. hier ist die Schrift zwar als Auszeichnungsschrift verwendet, von einer Rezeption als Textschrift kann aber noch nicht gesprochen werden. »
  32. Y mit Trema ab 1594 (nr. 211). »
  33. Dasselbe G und eine insgesamt ähnliche Schrift, aber in primitiverer Ausführung, auch auf einer Grabplatte von 1597 in Oppenweiler (nr. 219), vielleicht die Arbeit eines ungeübteren Steinmetzen derselben Werkstatt. Die Werkstatt, die auch durch prägnante Gestaltung von Wappenschilden, Spangenhelmen und Helmdecken sowie durch die Bevorzugung eines kreuzförmigen Bandwerkornaments auffällt, hat außerhalb des Rems-Murr-Kreises, soweit bislang ermittelt, Inschriftendenkmäler in Dürnau (LKr. Göppingen, 1598 und 1607), in Stuttgart (Hospitalkirche, 1600), in Nürtingen (LKr. Esslingen, um 1600) sowie im LKr. Ludwigsburg in Aldingen (1580/1607, 1619), Hemmingen (1600), Oßweil (1596) und Unterriexingen (1577, 1584) geschaffen. »
  34. Zu den Ursprüngen der Fraktur vgl. Hans A. Genzsch, Kalligraphische Stilmerkmale in der Schrift der luxemburgisch-habsburgischen Reichskanzlei. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der Fraktur, in: Mitt. des Österr. Instituts für Geschichtsforschung 45 (1931) 205–214; Heinrich Fichtenau, Die Lehrbücher Maximilians I. und die Anfänge der Frakturschrift. Wien 1961; Kloos, Einführung 141–143. Zur Rezeption als Monumentalschrift: Peter Zahn, Beiträge zur Epigraphik des 16. Jahrhunderts. Die Fraktur auf den Metallinschriften der Friedhöfe St. Johannis und St. Rochus zu Nürnberg (= Münchener Hist. Studien Abt. Geschichtl. Hilfswiss. 2). Kallmünz 1966. »
  35. Kloos, Einführung 142. »
  36. Vgl. jedoch die unten geäußerten Bedenken. »
  37. Vgl. aber DI 25 (Ludwigsburg) Einl. XLVII, wo diese Fraktur als „geradezu klassisch streng und ausgewogen“ bezeichnet wird. »
  38. DI 25 (Ludwigsburg) nrr. 552, 631»
  39. Vgl. vor allem die bislang publizierten reichen Bestände in Nürnberg und in Rothenburg o. T: DI 13 (Nürnberg, St. Johannis, St. Rochus und Wöhrd) und DI 15 (Rothenburg). »
  40. Vgl. Bischoff, Paläographie 195–201 Kloos, Einführung 143–153. »
  41. Vgl. aber die wesentlich frühere und breitere Rezeption in der Universitätsstadt Heidelberg, wo die Schrift ab 1546 – vorwiegend für lateinische Sterbeinschriften von Universitätsangehörigen – Anwendung fand: DI 12 (Heidelberg) Einl. XXII. »