Die Inschriften der Stadt Passau bis zum Stadtbrand von 1662

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5. Die Inschriftenträger bzw. Inschriftenarten

von Ramona Epp und Christine Steininger303)

Der weitaus größte Teil der Inschriften in diesem Band (85%) widmet sich dem Totengedenken. Von den überlieferten Grabinschriften sind jedoch fast 40% nur mehr kopial greifbar. Von den im Original vorliegenden Grabmälern sind einige nur fragmentarisch erhalten. Ein Passauer Spezifikum ist die Anordnung mehrerer Inschriften auf einem Träger, so dass sich mehrere Katalognummern zum Totengedächtnis auf ein und demselben Inschriftenträger befinden können (vgl. Mehrfachverwendung, weiter unten). Die nächste größere Gruppe nach den Totengedächtnismalen stellen Inschriften an Gebäuden dar304), die jedoch nur noch 8% (!) vom Gesamtbestand ausmachen. Inschriftenträger im Bereich der kirchlichen Ausstattung305) sowie Glocken bilden einen verschwindend geringen Anteil an dem vorliegenden Material (je ca. 1%). Darüber hinaus enthält der Band meist kopial überlieferte Stifter- und Gedenkinschriften (3%), Inschriften aus dem Bereich der Bildbeischriften (Wandmalereien, Reliefs, Bildfenster; 1%) und einige Einzelobjekte wie beispielsweise zwei Votivtafeln und den so genannten Trenbachstammbaum, eine Scheingräberwand in der Trenbachkapelle.

Das meistverwendete Material ist der so genannte Rotmarmor (roter Knollenkalk), der gerade im Bereich der Totengedächtnismale vom Beginn der Überlieferung bis weit ins 16. Jahrhundert den beherrschenden Stoff darstellt. Ergänzt wird er im Bereich des Steines durch Sollenhofener Kalk. Steine wurden also eingeführt, da sich der lokale Granit nur schwer bearbeiten lässt.

Totengedächtnismale

Ältestes erhaltenes Zeugnis eines Grabdenkmals in Passau aus dem Bearbeitungszeitraum306) ist die Gruftdeckplatte für Gisela (Nr. 2, Abb. 2). Sie stammt aus der Zeit um 1060 und ist somit einer der wenigen Überreste aus der Romanik307).

Die Gruftdeckplatte befindet sich heute unter dem spätmittelalterlichen Hochgrab für Gisela (um 1420, Nr. 3, Abb. 3). Die Platte der Tumba zeigt den Bildschmuck der Gruftdeckplatte, der hier jedoch in gotischem Stil abgewandelt ist. In ähnlicher Weise wurde auch für die selige Heilika ein Hochgrab (um 1420, Nr. 1, Abb. 1) errichtet. Dessen Deckplatte weist jedoch nur die Inschrift im Querformat ohne jeglichen Schmuck auf.

Neben diesen beiden Beispielen sind in Passau sehr wenig Tumben vorhanden. Einzig erhaltenes Objekt ist die Tumba für Graf Heinrich IV. von Ortenburg und seine Gemahlin Agnes (um 1420, Nr. 111, Abb. 60). In der Andreaskapelle befindet sich eine Tumbadeckplatte für zwei Kanoniker, Gottfried von Kirchberg (†1316) und Eberhard von Wartstein-Berg (†1315, Nr. 20, Abb. 10). Diese Deckplatten zeigen bzw. zeigten – anders als bei der Giselatumba – den bzw. die Verstorbenen als ganze Figur.

In diesem Zusammenhang ist auch die Scheintumba für Paul von Polheim (1440, Nr. 132, Abb. 67) zu nennen. Es handelt sich hier um eine figurale Grabplatte, die schräg liegend in die Mauer eingebracht ist, so dass sich eine Art Nische ergibt. Es ist auch hier der Verstorbene in ganzer Figur dargestellt. Mutmaßlich waren mehrere der verlorenen mittelalterlichen Bischofsgrabmäler im Dom als Tumben konzipiert. Die Tumben- bzw. Hochgrabform ist jedoch nur bei zweien sicher zu belegen308).

Betrachtet man die figuralen Grabplatten309), so finden sich unter den älteren Stücken Platten mit Darstellung in Ritzzeichnung, die noch in erster Linie ins 13. Jahrhundert datieren. An der [Druckseite LIX] Grabplatte für den Pfarrer Ulrich Stadler (†1363, Nr. 64, Abb. 35) lässt sich der Übergang von der Ritzzeichnung zum Relief erahnen: die Figur des Verstorbenen ist bereits plastisch hervorgehoben, die Falten des Gewandes, der Kelch und die Gesichtszüge sind noch durch Linien ausgedrückt. Das 15. und das frühe 16. Jahrhundert bringen eine Reihe von figuralen Grabplatten hervor. Sie zeigen den Verstorbenen in ganzfigürlichem Portrait, sind meist für Kanoniker, wenige auch für Adlige.

Die Verwendung von figuralen Grabplatten ebbt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts radikal ab. Ein letztes Beispiel ist das Grabmal für den Hofnarren Hans Gerl (†1565, Nr. 593, Abb. 167, 168). Er ist ganzfigürlich dargestellt. Besonders interessant ist die Abbildung seiner Kleidung und der Attribute wie der Narrenpritsche wegen. Die Inschrift ist hier allerdings nicht in Umschrift ausgeführt, sondern auf zwei links und rechts des Kopfes des Verstorbenen angebrachten Marmortafeln konzipiert. Im 17. Jahrhundert ist die figurale Grabplatte in der Inschriftenlandschaft Passaus so gut wie verschwunden. Eine Ausnahme bildet die Grabplatte für Johann Prenner (†1629, Nr. 817, Abb. 204). Sie steht in der Zeit singulär im Raum und weist typische Merkmale der spätmittelalterlichen figuralen Grabplatte auf, wie die als Umschrift konzipierte Grabschrift und die Darstellung des Weihbischofs als lebensgroße Figur in Relief.

Bei weitem häufiger als die figuralen Grabplatten sind in Passau im Spätmittelalter die Wappengrabplatten vertreten. Hier ist ähnlich wie bei den Figurendarstellungen die Entwicklung von der anfänglichen Ritzzeichnung zum Relief erkennbar. In der Mitte des 14. Jahrhunderts wird die Ritzzeichnung bei einigen Platten310) durch die Inkrustationstechnik bereichert, bei der Bildteile aus einem anderen Gestein gefertigt und in den Hauptträger eingefügt werden, wobei die Ritzzeichnung „mehrfarbig“ wird, sich aber eine glatte Oberfläche erhält.

Ein Beispiel für den Übergang zur Reliefdarstellung beim Wappen ist die figurale Grabplatte für den Domdekan Gundacker (†1366, Nr. 70, Abb. 39). Die Darstellung des Verstorbenen ist noch gänzlich in Ritzzeichnung, beim Wappenschild, dessen Konturen ebenfalls in Ritzzeichnung erscheinen, sind jedoch bereits Teile als – relativ flaches – Relief gearbeitet.

Viele Grabplatten weisen ein einfaches Wappenmedaillon oder kleines Relief mit Wappenschild auf. Sie können zu den einfacheren Grabplatten gezählt werden. Gerade die Platten mit einfacheren Wappendarstellungen gehören meist in den Bereich der bürgerlichen Grabplatten. Jedoch findet diese Darstellung auch bei den Platten für den Klerus Verwendung. Gerade bei den Domgeistlichen finden sich solche einfacheren Platten oft zusätzlich zu anderen Totengedächtnismalen, wobei die einfacheren Platten die tatsächliche Grabschrift aufweisen. Derartige Grabplatten der Kleriker im Dom wurden meist mehrfach verwendet (vgl. unten).

Der Grabtext wird zunächst in der Regel als Umschrift auf der Platte angebracht, später dann in gleichlaufenden Zeilen (vgl. auch Mehrfachverwendung von Grabplatten, weiter unten).

In den neunziger Jahren des 16. und am Beginn des 17. Jahrhunderts findet sich eine Gruppe von Platten, die ein kleineres Format aufweisen. Sie sind tendenziell eher schmal und länglich und wurden durchwegs für Bürgerliche gefertigt311).

Als eine Art Übergang von der (figuralen) Grabplatte zum Epitaph312) mit Andachtsbild könnten eine Reihe von Steingrabmälern interpretiert werden, die noch in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts datieren und v.a. für Domkanoniker gefertigt wurden313). Sie weisen noch das Format und die Größe einer Grabplatte auf. Auch das Material bleibt der für die Passauer Grabplatten übliche Rotmarmor. Die bildliche Darstellung hingegen umfasst bereits das typische „Andachtsbild“ des Epitaphs, in dem der Verstorbene als Betender integriert bzw. darunter dargestellt ist. Der Text ist zeilengerecht ausgeführt und befindet sich meist unterhalb des Reliefs, teils wird die Grabschrift durch Bibelzitate ergänzt.

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Eines der frühesten Beispiele eines Epitaphs in Stein ist für eine bürgerliche Frau, nämlich für Barbara Sturm (†1530 Nr. 443, Abb. 128), und zeigt die Verstorbene als Betende vor einer Kreuzigungsszene. Barbara Sturm ist durch eine Stiftung im Johannesspital belegt.

Erst ab den 60er Jahren des 16. Jahrhunderts ändern sich Format und Material. Die Platten werden kleiner, man verwendet Kalkstein314).

Als erstes Epitaph für eine adlige Familie darf das für den fürstbischöflichen Hofrat Benedikt Schätzl und seine Frau Anna gelten (nach 1571, Nr. 626, Abb. 173, 174). Das früheste Epitaph für einen Bürgerlichen nach dem Grabmal für Barbara Sturm stellt das Epitaph für den Ilzstadtrichter Wolfgang Scheer und seine beiden Ehefrauen (1572, Nr. 629) dar.

In Passau sind leider so gut wie keine Gemäldeepitaphien erhalten. Einziges Zeugnis dafür ist ein Fragment, das sich heute in der Kunstsammlung in Kremsmünster/OÖ. befindet. Es handelt sich dabei um den Rest eines Gemäldeepitaphs für den Passauer Bürgermeister Jakob Endl (Nr. 376). Erhalten ist der Teil, in dem die Familie dargestellt ist. Die Grabinschrift nennt das Jahr 1517. Für Jakob Endl existiert auch eine Wappengrabplatte, die auf dasselbe Jahr datiert ist (Nr. 375, Abb. 110).

Durch das Passauer Inschriftenmaterial sind noch einige spätere Fälle belegt, bei denen für einen Verstorbenen sowohl eine Grabinschrift auf einer Platte als auch ein Epitaph (in Stein) gefertigt wurden315). Eines der frühesten Beispiele nach den beiden Totengedächtnismalen für Jakob Endl ist für den Kanoniker Ludwig von Ebm (†1527) belegt. Sein Epitaph ist nur noch über ältere Photos überliefert (Nr. 434†, Abb. 124); seine Grabinschrift befindet sich auf der Grabplatte für Otto von Lonsdorf (Nr. 48/432, Abb. 25) und fällt in den Bereich der Mehrfachverwendung.

Die Hochzeit des typischen Epitaphs mit Andachtsbild in Passau liegt in der zweiten Hälfte des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Man kann hier grob eine einfachere und eine aufwändigere Ausfertigung unterscheiden. Die einfachere Variante besteht meist aus einem Relief mit Aufsatz und Unterhang, die teils aus einem Stück, teils aus drei Teilen zusammengesetzt sind316). Hauptunterschied zur aufwändigeren Ausführung317) ist das Fehlen von Architekturteilen, wie z.B. dem Gebälk zwischen Relief und Aufsatz, Seitenhängen oder ausgeprägten Pilastern und Säulen, die die Nischenzone umgeben. In einigen Fällen können derartige Architekturteile auch aus unterschiedlichen Materialien gefertigt sein (meist Relief und Schrifttafeln in Kalkstein, Architekturrahmen in Rotmarmor)318). Ein Großteil der Epitaphien bewegt sich sicherlich in einem Bereich zwischen den eben angeführten einfachen und aufwändigen Ausfertigungen319). An manchen Stellen sind Rahmenteile mutmaßlich auch verloren gegangen. Darüber hinaus zeigen zahlreiche mehrteilige Epitaphe nicht mehr die ursprüngliche Anordnung. Bei Neuhängungen – vor allem im Bereich des Domkreuzgangs – wurden häufig Epitaphteile willkürlich zu neuen Ensembles zusammengesetzt oder einzeln voneinander getrennt montiert. Eine Zuordnung zu bestimmten Ursprungsepitaphien ist oft nicht möglich320).

Eines der letzten Beispiele eines Epitaphs mit Andachtsbild ist das für Maria Hefellner und ihren ersten Ehemann Wilhelm Sollinger angefertigte Stück, das in die Zeit nach 1641 zu datieren ist (Nr. 859). Im Laufe des 17. Jahrhundert tritt das Epitaph mit Andachtsbild wieder stärker in den [Druckseite LXI] Hintergrund321). Die Grabinschriftenträger weisen tendenziell ein kleineres Format auf, so dass man hier von Grabtafeln sprechen kann. Bevorzugter Gegenstand der bildlichen Darstellung sind Wappen und – bei Geistlichen – die Priestersymbole Kelch und Buch. Ergänzend können auch Abbildungen von Todessymbolen wie Schädel, Sanduhr oder abgebrochene Kerze auftreten, die vorher eher seltener anzutreffen waren322).

Ein Grabmal, das in der äußeren Form noch an ein Epitaph mit architektonischem Aufbau erinnert, jedoch anstelle eines Andachtsbildes das Relief eines Vollwappens aufweist, ist das für den Kanoniker Johann Degenhart Graf Khuen von Belasy (†1647, Nr. 871, Abb. 207). Das Relief und das darunter befindliche Schriftfeld sind flankiert von zwei Seitenhängen mit Engelsköpfen und Voluten.

Einen frühen Höhepunkt findet die Grabtafel in Passau bereits in den 60er/70er Jahren des 16. Jahrhunderts. Es handelt sich hierbei um Tafeln des Totengedenkens der Familie Ortenburg in der Ortenburgkapelle. Die meisten dieser Tafeln wurden von Joachim von Ortenburg in Auftrag gegeben323). Sie stellen in der Regel eine einfache Tafel, auf der sich nur die Gedenkinschrift befindet, dar.

Ein weiterer Bereich, in dem bereits im 16. Jahrhundert verstärkt Grabtafeln Verwendung finden, umfasst Grabinschriften aus St. Severin, die meist für Geistliche, v.a. Priester, angefertigt wurden. Oft zeigen diese sehr einfach gehaltenen Tafeln neben der Grabinschrift die Priestersymbole Kelch und Buch324). Eine Tafel, die nicht für einen Angehörigen des Klerus gefertigt wurde, ist die für Elisabeth Auer (†1554, Nr. 547†). Sie beschränkt sich auf den Text. Ein Bildteil fehlt. Leider ist ein Großteil dieser Tafeln heute nur noch in Photographien erhalten.

Im gesamten Inschriftenbestand der Stadt Passau hat sich nur eine Grufttafel erhalten. Die Inschrift auf der Metalltafel ist Katharina von Ortenburg gewidmet, die 1570 verstarb und in der Gruft der Familie in der Ortenburgkapelle beigesetzt wurde (Nr. 615). Die Tafel wurde 1922 gefunden und wird heute in der Diözesansammlung aufbewahrt. Bei der damaligen Gruftöffnung wurden zwei weitere Tafeln geborgen, die jedoch zu jener Zeit bereits stark beschädigt waren und heute verloren sind.

In der Stadt Passau gibt es keine Totenschilde. Es ist auch schwer zu sagen, inwieweit diese Art von Totengedächtnismal in dieser Gegend verbreitet war325). Jedoch lässt sich über die kopiale Überlieferung ein Totenschild identifizieren, der sich im Domkreuzgang befunden und eine Inschrift für Veit Rudolf und Franz Thomas Gothard, die beide im Jahre 1570 starben, getragen haben soll (Nr. 618†). Es ist daher nicht auszuschließen, dass ursprünglich mehrere Totenschilde vorhanden waren. Es ist ebenso anzunehmen, dass gerade solche Denkmäler, die in der Regel aus Holz gefertigt waren, beim großen Stadtbrand 1662 verloren gingen und nicht einmal kopial überliefert sind326).

Einen Sonderfall im Bereich des Totengedächtnismales stellt die Scheingräberwand der Familie Trenbach in der Grabkapelle des Fürstbischofs Urban von Trenbach dar327).

Glocken

Für den Inschriftenbestand der Stadt Passau sind aus dem Erfassungszeitraum sieben Glocken belegt.

Die früheste nachzuweisende Glocke befand sich im Turm der Schlosskapelle St. Georg im Oberhaus und datierte auf das Jahr 1468 (Nr. 176†). Sie ist nur noch kopial überliefert. Als Inschrift neben der Datierung umfasste sie den Spruch o rex glorie veni cum pace. Zwei ganz ähnliche Glocken mit demselben Spruch in Gotischer Minuskel befinden sich heute im Museumsdepot im Schachnerbau des Oberhauses (Nr. 251 und 252). Diese beiden Glocken sind nicht datiert und stammen mutmaßlich aus Passau, die genaue Provenienz ist unklar.

Die nächste erhaltene Glocke befindet sich in St. Gertraud in der Innstadt und datiert auf das Jahr 1538 (Nr. 473). In Frühhumanistischer Kapitalis bietet sie den Beginn des Ave Maria.

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Die restlichen Glocken stammen aus dem 17. Jahrhundert, zwei davon aus St. Achaz in Hals. Die ältere Halser Glocke aus dem Jahre 1635 (Nr. 840†) ist nur mehr kopial überliefert. Sie enthielt – anders als die zuvor besprochenen Glocken – an Stelle eines Gebetsspruches die Inschrift des Glockengießers Otto Heinrich Ableitner. Die jüngere Halser Glocke ist auf das Jahr 1644 datiert und nennt ebenfalls den Glockengießer Otto Heinrich Ableitner (Nr. 867). Die Inschrift hier ist um zwei Gebetsanrufungen ergänzt.

Die letzte im Band aufgenommene Glocke wird, wie schon die ältesten, im Museumsdepot im Oberhaus aufbewahrt (Nr. 900). Ihre genaue Herkunft ist unbekannt. Ihre Inschrift nennt jedoch den Herstellungsort Passau und den Glockengießer Karl Lidiens. Sie stammt aus dem Jahre 1655.

Es fällt auf, dass sich die im Original erhaltenen Glocken aus dem Erfassungszeitraum in Passau entweder im Museumsdepot oder in Kirchen außerhalb des eigentlichen Stadtzentrums (Innstadt, Hals) befinden. Aus Passau selbst, wie beispielsweise aus dem Dom, ist keine ältere Glocke erhalten. Diese Tatsache ist sicherlich mit den großen Stadtbränden 1662 und 1680 zu erklären328), bei dem vorhandene Glocken im Bereich der Altstadt zerstört worden sind.

Kirchliche Ausstattung

Nach Maßgaben der Münchener Inschriftenkommission werden Inschriften auf Vasa Sacra, Paramenten und auf anderen Gegenständen der mobilen Kirchenausstattung nicht aufgenommen. Daher wurden Objekte aus dem Domschatz nicht berücksichtigt. Inschriftenträger unter der restlichen Kirchenausstattung sind verschwindend gering. Hierzu zu zählen sind zwei im Original erhaltene Altäre, ein Tabernakel, ein Weihwasserbecken, die Auskleidung eines Taufbeckens, ein Kruzifix, ein Relief und ein Lavabo. Diese Objekte stellen Einzelstücke dar.

Bei den beiden Altären handelt es sich um zwei Renaissanceanfertigungen mit aufwändigem theologischen Bild- und Textprogramm. Der sog. Trenbachaltar (1572, Nr. 632, Abb. 179, 180), der sich in der Trenbachkapelle befindet, umfasst im Architrav je eine hebräische, griechische und lateinische Inschrift. Im Mittelteil werden Szenen aus dem Alten Testament mit Bibelbeischriften in Hebräisch Szenen aus dem Neuen Testament mit entsprechenden Zitaten in Latein gegenübergestellt. Dazwischen befindet sich eine Darstellung der Schöpfung. Der zweite Altar befindet sich in der Marienkapelle bei St. Paul (2. H. 16. Jh., Nr. 727, Abb. 181, 182). Innerhalb eines Architekturrahmens ist ein Relief angebracht, das verschiedene Szenen aus Altem und Neuem Testament mit den entsprechenden Zitaten umfasst. Gesamtthema der Darstellungen ist der Mensch unter Gesetz und Gnade.

In St. Severin befindet sich ein steinerner Tabernakel mit der Stifterinschrift Karls von Lamberg aus dem Jahre 1600 (Nr. 740, Abb. 197). Ähnlich, wie schon bei den Epitaphien beobachtet wurde, wurden auch hier Teile des architektonischen Aufbaus in Rotmarmor mit Teilen in Kalkstein verbunden. Die Inschrift befindet sich auf der linken Seite.

Ein Weihwasserbecken aus Passau befindet sich heute im Bode-Museum in Berlin (Nr. 359). Es ist auf das Jahr 1512 datiert und trägt die Wappen sowie die Anfangsbuchstaben der Familiennamen der Stifter, des Domdekans Wolfgang von Tannberg und des Seniors Wolfgang von Schwarzenstein. Eine zusätzliche Inschrift widmet das Becken den confratres. Das Weihwasserbecken darf als Werk Jörg Gartners gelten.

Eine Gedenkinschrift auf der ehemaligen Auskleidung eines Taufbeckens ist nur mehr kopial überliefert. Die Inschrift befand sich auf dem Zinneinsatz und erinnerte in deutschen Reimversen an die Anfertigung desselben im Jahre 1559 (Nr. 573†).

Die Stifterinschrift sowie Renovierungsdaten auf dem Holzkruzifix aus Niedernburg sind ebenfalls nur noch kopial greifbar (1508, Nr. 339†). Der Corpus des Kruzifixes befindet sich heute noch im Chor der Niedernburger Klosterkirche, wurde aber auf neuen Kreuzbalken angebracht.

Dagegen hat sich in der Heilig-Geist-Spitalkirche ein Alabasterrelief mit der Kreuztragung Christi erhalten (um 1420, Nr. 112, Abb. 61).

Ein letztes Objekt, das der kirchlichen Ausstattung zugezählt werden kann, ist ein mit Initialen und Jahreszahl versehenes Lavabo in der Sakristei in Niedernburg (1646, Nr. 870, Abb. 206). Den Initialen nach wurde das Objekt von der Äbtissin Christina Menner gestiftet.

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Inschriften an Gebäuden, Wandmalereien, (Bild-)Fenster

Bei Inschriften an Gebäuden handelt es sich in erster Linie um Baunachrichten, wobei Baudaten, die nur eine Jahreszahl ohne Buchstabenbestand aufweisen, nach Beschluss der Münchener Inschriftenkommission innerhalb des Bestandes der Stadt Passau nicht berücksichtigt werden.

Als älteste Bauinschrift im Passauer Bestand könnte ein Fragment gelten, das im Oberhausmuseum aufbewahrt wird (3. Jz. 14. Jh., Nr. 29, Abb. 16). Der Quaderstein war möglicherweise Teil eines Bogens. Die Inschrift umfasst den Teil einer Datierung in Gotischer Majuskel. Die nächsterhaltene Baunachricht ist die Inschrift am Chor des Passauer Domes, die den Baubeginn auf das Jahr 1407 datiert (Nr. 104). Die Inschrift ist restauriert und leider unvollständig. Der untere Bereich ist durch die barocken Choranbauten unzugänglich verdeckt. Der Wortlaut wird jedoch kopial überliefert.

Ebenfalls an einem Chor befindet sich die Bauinschriftentafel für die ehem. Marienkapelle im Bereich der Alten Residenz (1491, Nr. 225, Abb. 81). Die Hofkapelle wurde 1810 profaniert und ist als solche kaum noch kenntlich. Die Inschriftentafel ist vom Hof im heutigen Landgericht zugänglich und zeugt von den Renovierungsmaßnahmen unter Bischof Christoph Schachner. Es handelt sich um eine querrechteckige Platte mit der frühesten in Passau befindlichen Inschrift in Gotico-Antiqua329).

Die nächstälteste im Original erhaltene Bauinschrift befindet sich im Depot des Oberhausmuseums und stammt vom Turm von St. Georg ebenda, wo jetzt eine Kopie angebracht ist (Nr. 330). Sie erinnert an Bischof Wiguläus Fröschl, der 1507 den Turm erbauen ließ.

Gerade Bauinschriften sind oft nur mehr kopial überliefert, da die dazugehörigen Bauwerke durch spätere Maßnahmen verändert oder abgerissen wurden. Jedoch stellen sie dadurch eine wichtige Quelle für den älteren Baubestand dar. So werden beispielsweise Baunachrichten zum ehem. oberen Friedhof beim Bischöflichen Seminar (1444, Nr. 135†), zu St. Salvator (1483, Nr. 213†), zu einem ehem. Klostergebäude von Niedernburg (1500, Nr. 295†), zum ehem. Kapitelbrunnen am Domplatz (1597, Nr. 718†) und zum ehem. Kreuzgang von St. Paul (1656, Nr. 902†) überliefert. Eine etwas kurios anmutende Baunachricht aus dem ehem. Friedhof im Domkreuzgang berichtet von der Erweiterung der „Grueb“ (1526, Nr. 429†). Offenbar wurde hierbei das Beinhaus vergrößert. Aber auch noch im Original erhaltene Bauinschriften zeugen u.U. von abgebrochenen Gebäuden. Eine Inschriftentafel in der Kapuzinerstraße (1637, Nr. 849) stammt von dem abgerissenen ehem. Leprosenhaus bei St. Ägid.

Neben den ausführlicheren Baunachrichten finden sich häufiger Wappensteine mit Initialen des Bauherrn und Jahreszahl, die ebenfalls von der jeweiligen Bautätigkeit zeugen. Einen sehr großen Bestand an solchen Bauinschriften stellen die Wappensteine des Fürstbischofs Urban von Trenbach dar330). Sie finden sich in Passau und auch im Gebiet des ehemaligen Hochstiftes331). Sie treten in konzentrierter Form an bischöflichen Gebäuden auf, v.a. im Oberhaus und im Residenzkomplex. In ihrer äußeren Form sind sie sich sehr ähnlich. Das Wappenbild in ovalem Feld zwischen Rollwerk wird oben und unten von Schriftbändern bzw. -feldern eingefasst, auf denen oben die Initialen V.E.P. und unten die Jahreszahl genannt sind332). Ähnliche Wappensteine finden sich v.a. im Bereich der um den Domplatz gelegenen Domherrenhöfe. Sie stammen oft von Domherren, die dort Baumaßnahmen vorgenommen haben. An vorderster Stelle sind der Dompropst Christoph von Pötting und Persing333) und der Kanoniker Anton Graf von Lodron334) zu nennen.

Hochwassermarken, meist an Gebäuden montiert, treten in Passau in großer Zahl in Zusammenhang mit dem schweren Hochwasser von 1501 auf (Nr. 296 bis 304†, Abb. 89–91), daneben existiert noch eine aus dem Jahre 1595 (Nr. 705, Abb. 192). Sie bestehen in der Regel aus einer einfachen Inschriftentafel, auf der das Hochwasser mit Datum vermerkt wird. Meist ist der Text in Deutsch, oft auch in Reimversen, verfasst. Die Tafel ist in der Regel mit einem Kreuz und einer zeigenden Hand versehen, wobei der Balken des Kreuzes bzw. der Zeigefinger der Hand die Wasserhöhe angeben. Neben den Hochwassermarken sind für Passau Gedenkinschriften zu anderen Katastrophen, nämlich zu einem Stadtbrand im Jahre 1354 (Nr. 47†), zu einem Brand im Neumarkt 1512 (Nr. 356†) und zu einem Erdbeben (1348, Nr. 41†), belegt. Diese sind allerdings nur noch in Abschriften greifbar.

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Eine der ältesten Inschriften des Passaubestandes befindet sich in Niedernburg. Es ist dies ein fragmentarischer Text auf zwei Quadersteinen vom romanischen Portal der ehem. Marienkirche aus der Zeit Kaiser Friedrichs I. (Nr. 4, Abb. 4). Heute ist die Inschrift über die Aula des Gymnasiums zugänglich. Ursprünglich befand sie sich im Freien an der Kirchenfassade. Sinn und Zweck der Inschrift sind aus dem Text nicht mehr eindeutig zu erschließen. Die Anbringung an der Fassade eines sakralen Baues und die Nennung von „Rechten“ in der Inschrift sprechen für die öffentliche Bekanntmachung eines Sachverhalts aus dem Rechtsleben. Mutmaßlich ging es darin um Zollprivilegien. In der Stadt Passau finden sich kaum derartige Inschriften rechtlichen Inhaltes. Ein weiteres Beispiel hierfür wäre eine Bestattungsrechtsinschrift über dem Eingang zur Trenbachkapelle, die heute jedoch verloren ist (1572, Nr. 630†).

Von der sicherlich einmal reicheren Ausstattung an mittelalterlichen Wand- bzw. Deckenmalereien haben sich in Passau einige fragmentarische Bestände erhalten. Die hiervon ältesten sind zugleich auch am schlechtesten erhalten. Es sind dies die Malereien an den Wänden und an der Decke der ehem. Vorhalle zur ehem. Marienkirche in Niedernburg (Nr. 5, Abb. 5, 6). Darin sind einige wenige Schriftzüge enthalten. Die Malereien werden zeitlich ans Ende des 12. bzw. an den Beginn des 13. Jahrhunderts eingeordnet.

Ein besser erhaltener Zyklus findet sich in der Burgkapelle St. Georg im Oberhaus (Nr. 35, Abb. 17, 18). Dort sind eine Reihe von Heiligen und Aposteln dargestellt, die in ihren Nimben ihren jeweiligen Namen tragen. Diese Malereien entstanden um 1340.

Den dritten erhaltenen mittelalterlichen Bestand birgt die Krypta von St. Nikola (Nr. 98, Abb. 54, 55). Auch hier sind nur mehr fragmentarische Bildbeischriften vorhanden. Diese Malereien werden grob ins 14. Jahrhundert datiert.

Von ehemals offenbar vorhandenen Wandmalereien auf der Empore von St. Salvator kündet nur noch eine kopial überlieferte Gedenkinschrift, die an den angeblichen Hostienfrevel der Juden von Passau im Jahre 1478 erinnert (Nr. 200†). Die Inschrift stammt mutmaßlich aus dem 16. Jahrhundert. Die Malereien thematisierten wohl den Hostienfrevel.

Den einzigen gut erhaltenen Bestand an Wandmalereien aus dem Erfassungszeitraum besitzt die ehem. Kapelle St. Anna im ehem. Franziskanerkloster (Nr. 693, Abb. 176). Die Zwischenräume des Rippennetzes der Decke des Kapellenraumes sind mit Grotesken und Bildmedaillons von Aposteln und Propheten ausgemalt. Die Bildmedaillons sind jeweils mit einer Namensbeischrift versehen. Diese Malerei stammt aus der Zeit Urbans von Trenbach und entstand um 1590.

Noch ärmlicher erscheint der Bestand an im Original erhaltenen Bildfenstern. Die einzigen noch existierenden Scheiben werden im Oberhausmuseum aufbewahrt. Es sind dies die im Jahre 1513 von der Klingenschmiedezunft gestifteten Fenster aus Heilig-Geist (Nr. 363, Abb. 100). Vier Teile sind vorhanden. Zwei zeigen jeweils einen Stifter mit Namenspatron, eine Scheibe ziert die Figur der Hl. Barbara mit Inschrift im Nimbus, das vierte Fenster umfasst die Stiftungsinschrift.

Der ursprüngliche Bestand an Bildfenstern muss jedoch reicher gewesen sein. Es gibt eine Reihe von kopial überlieferten Inschriften, meist Stifterinschriften, die auf Fenstern angebracht waren. Leider ist oft nicht zu klären, ob sich dabei auch ein Bildteil befunden hat. So wurde offenbar im Jahre 1575 die ehem. Pfarrkirche St. Ägid mit neuen Fenstern versehen, von denen eine Reihe von Stifterinschriften zeugt (Nr. 643†, 644†, 645†, 646†, 647†, 648†, 649†, 650†). Die Inschriften nennen insgesamt acht verschiedene Stifter, darunter den Dompropst Bernhard Schwarz, der u.a. Pfarrer von St. Ägid war. Ein Bildfenster ist aus der abgebrochenen Annakapelle des Domkreuzganges überliefert (1523, Nr. 420†), eines befand sich in St. Salvator (1562, Nr. 583†) und eines in der ehem. Wallfahrtskirche St. Korona (1642, Nr. 861†).

Neben Stifterinschriften ist auch eine Grabschrift auf einem Fenster überliefert. Es ist dies die Gedenkinschrift für Albrecht Tenn, verstorben 1534, im Domkreuzgang (Nr. 459†). Auch die Kapelle im heute nicht mehr erhaltenen Schloss Eggendobl war offenbar mit bemalten Fenstern geschmückt. So sind ein Spruch und eine Gedenkinschrift kopial tradiert (1613, Nr. 778† und 779†).

Mehrfachverwendungen

In der Inschriftenlandschaft Passaus tritt mehrfach – ohne rechtes Vergleichsbeispiel in Süddeutschland335)– das Phänomen der Mehrfachnutzung von Grabdenkmälern auf. Auf 48 Inschriftenträgern finden sich so 107 von einander unabhängige Grabinschriften. Zu unterscheiden sind hier eigentlich zwei Phänomene: die Wiederbenutzung von Grabplatten des Domkapitels durch spätere Mitglieder [Druckseite LXV] dieser Institution und das Vorkommen mehrerer Einträge von Verstorbenen auf bürgerlichen Grabplatten.

Die Platten des Domkapitels – deren Erstbenutzung ausschließlich im 14. und 15. Jahrhundert erfolgte – zeigen im Regelfall eine ursprüngliche Beschriftung in Umschrift in Gotischer Majuskel oder Minuskel, begleitet entweder von einem Wappen und/oder einer Darstellung des Verstorbenen in Ritzzeichnung. Eine Ausnahme stellt die älteste Platte mit Mehrfachbeschriftung dar, bei der die Inschriften ihrem Alter nach zeilengerecht untereinander angeordnet sind336).

Die Zweitverwendung folgte unterschiedlichen Regeln. In zwei der ältesten Fälle wurde das Feld der Platte mit der Inschrift des jüngeren Kanonikers und seinem Wappen vollständig ausgefüllt, so dass sozusagen eine Wappengrabplatte, die durch die ältere Inschrift gerahmt wurde, entstand337). Etwaig vorhandene Ritzzeichnungen wurden dabei gänzlich zerstört, das Innere der Platte vollständig ausgefüllt, so dass sich diese Platten auch nicht mehr für weitere Beschriftungen anboten. Weniger aufwändig ist die meistgenutzte Form der Wiederverwendung. Bei ihr wurden die Platten für die Zweitbenutzung in der Regel um 180° gedreht. Die Grabschrift des jüngeren Kanonikers wurde im Feld der Platte angebracht, meist verbunden mit seinem Wappen. Fast immer wurde dabei die Beschädigung der Ritzzeichnung der ursprünglichen Platte in Kauf genommen338). Nur selten wurde ihr ausgewichen oder wurden Teile der ursprünglichen Gestaltung – meist das Wappen – in die Neugestaltung einbezogen339). Die Wappen des zweiten Kanonikers wurden im Gegensatz zur Inschrift meist genauso ausgerichtet wie die ursprüngliche Beschriftung. Warum dies geschah, ist nicht recht auszumachen. Jedenfalls handelt es sich nicht um die Anbringung gestürzter Wappen als Ausdruck für das Aussterben von Familien, da einige der betroffenen Domkanoniker nachweislich nicht „der Letzte des Namens und Stammes“ waren. Vielmehr wurde hier offensichtlich Rücksicht auf die Ursprungsbeschriftung genommen. Da die Zweitbeschriftung in diesen Fällen oft nicht das gesamte Feld der Platte ausfüllte, konnten diese Denkmäler noch als Inschriftenträger für eine Drittbeschriftung dienen. Diese wurde dann wiederum um 180° gedreht, also in der ursprünglichen Ausrichtung der Platte angebracht340). Die Drittbeschriftung erfolgte vielfach nur durch ein von Initialen begleitetes Wappen341). Alle Texte auf den mehrfach verwendeten Platten folgen den konventionellen Formen der Textgestaltung für Angehörige der höheren Geistlichkeit: Todesdatum, Namensnennung, ggf. Angabe von akademischen Graden, Nennung von Kanonikaten, ggf. Ämtern im Domkapitel, weiteren bedeutenden Pfründen, abschließend kann eine Segensformel folgen.

Warum wurden die Platten der Domkanoniker mehrfach benutzt? Da die Kanoniker über ein meist nicht geringes Einkommen verfügten und Passau durch den Wasserweg gut mit den Rotmarmorbrüchen des Salzburger Umlandes verbunden war, kann es nicht an mangelnden Geldmitteln für den Erwerb neuer Platten gelegen haben. Es ist daher an andere Gründe, die mit der Bestattungssituation der Domkanoniker in Zusammenhang stehen, zu denken. Erschwert wird die Beurteilung des Phänomens, weil sich in Passau kaum eine Totengedächtnisplatte heute noch an ihrem ursprünglichen Platz befindet. Die Platten wurden i.d.R. gehoben und mehrfach versetzt342). Heute sind sie zum größten Teil in die Wände der Ortenburg- und der Andreaskapelle eingefügt. Der traditionelle Bestattungsort der Domkanoniker war die Andreaskapelle. Dort war allerdings nur beschränkt Platz vorhanden. Es ist daher anzunehmen, dass irgendwann, als alle vorhandenen Grüfte belegt waren, dazu übergegangen wurde, Domkanoniker in bereits besetzten Grüften nachzubestatten343). Die Aufrechterhaltung der Memoria des Erstbestatteten erlaubte es dann nicht, seine Platte zu [Druckseite LXVI] entfernen, sondern die Zweitbestattung wurde auf der Platte vermerkt. Für den Zweitbestatteten konnte zusätzlich – wie vielfach geschehen344) – ein Totengedächtnismal außerhalb des engen Raums der Andreaskapelle errichtet werden. Anders als z.B. im Kreuzgang des ehem. Augustinerchorherrenstiftes Berchtesgaden/OB, wo sich die Platten noch in situ befinden und man durch auch hier vorhandene Mehrfachbeschriftungen feststellen kann, dass, wenn alle Grüfte besetzt waren, einfach in der gleichen Reihenfolge neu belegt wurde, ist in Passau kein Schema für die Neubelegung festzumachen. Auch wenn man gelegentlich feststellen kann, dass Mitglieder der gleichen Familie oder Träger gleicher Ämter Vermerke auf gemeinsamen Steinen haben, ist jedoch kein System durchgehalten. Möglicherweise konnten die Domkanoniker zu Lebzeiten Einfluss auf ihren künftigen Bestattungsort nehmen – dies ist jedoch auf Grund der Quellenlage bloße Spekulation.

Die Herkunft der meisten bürgerlichen Grabdenkmäler mit Mehrfachbeschriftung, die sich heute vor allem in den Spitalkirchen von St. Johannis und Hl. Geist befinden, ist ungeklärt. Sie dürften sich ursprünglich entweder auf dem Friedhof bei St. Paul oder im Bereich des Domkreuzganges befunden haben. Diese Platten verdanken ihre heutige Anbringung den romantischen Gestaltungswünschen des Bischofs Heinrich Hofstätter (1839–1875).

Auch diese Platten zeigen mehrere, voneinander unabhängige, oft in weitem zeitlichen Abstand angebrachte Beschriftungen. Die älteste Platte stammt aus der Zeit unmittelbar nach 1460345), die jüngste Nachbeschriftung aus dem Jahr 1645346). Es handelt sich also nicht um die allgemein übliche Nachverzeichnung enger Familienangehöriger, meist von Ehegatten oder Kindern. Auf Grund der Quellenlage für Passauer Bürger ist oft nicht zu entscheiden, ob die verschiedenen, auf einem Stein genannten Personen in Beziehung zueinander standen, sei es verwandtschaftlicher, sei es anderer Natur347). Offenbare Namensgleichheiten können vielleicht als Hinweis dienen, dass doch eine familiäre Verbindung bestand.

Auch hier ist der Grund für die Wiederbenutzung der Platten nicht festzulegen. Bei den entfernten Verwandten kann evtl. an die Existenz von Familiengräbern gedacht werden, doch auch hier lässt die Quellenlage keine bestimmten Aussagen zu.

Mehrfachverwendungen I Kanoniker:
7/22/105/374/553 (Abb. 7) 48/432/803 (Abb. 25) 91/188 (Abb. 47)
14/134 (Abb. 9) 49/133/510 (Abb. 26) 93/117 (Abb. 48)
21/148 (Abb. 11) 50/89 (Abb. 27) 94/254 (Abb. 49)
25/149 (Abb. 12) 52/229 (Abb. 29) 100/249 (Abb. 58)
28/197/639 (Abb. 13) 57†/485† (Abb. 34) 102/316
32/418/529 (Abb. 14) 73/439 (Abb. 42) 119/238 (Abb. 64)
37/382/563 (Abb. 15) 75/771/823 (Abb. 43) 125/361 (Abb. 66)
45/162 (Abb. 23) 83/606 (Abb. 44) 146/185
46/110 (Abb. 24) 90/128/463 (Abb. 46) 180/181
Mehrfachverwendung II Bürgerliche:
155/350 (Abb. 72) 277/758 422/546 (Abb. 121)
182/237 308/765 (Abb. 92) 465/651/672
198/549 (Abb. 78) 325/455 469/537 (Abb. 133)
240/497 348/542 (Abb. 99) 472/850
258/526 384/868 499/599 (Abb. 148)
264/357 389/784 545/591 (Abb. 152)
276/520 405/483/514 728
  1. Der Abschnitt zu den Mehrfachverwendungen wurde von Christine Steiniger verfasst, die restlichen Abschnitte von Ramona Epp. »
  2. Nach Beschluss der Münchener Inschriftenkommission werden bloße Baudaten und Jahreszahlen innerhalb des Bestandes der Stadt Passau nicht berücksichtigt. »
  3. Nach Maßgaben der Münchener Inschriftenkommission werden Inschriften auf Vasa Sacra, Paramenten und auf anderen Gegenständen der mobilen Kirchenausstattung nicht aufgenommen. »
  4. Vgl. z.B. römische Funde wie den Grabstein des Faustinianus in St. Severin (vgl. Kdm Passau 323, Fig. 261), die nicht im Rahmen dieser Editionsreihe berücksichtigt werden. »
  5. Der Epoche der Romanik sind nur noch die Gedenkinschrift am Portal der ehem. Marienkirche in Niedernburg (Nr. 4) und die Malereien in der ehem. Vorhalle derselben Kirche (Nr. 5, Abb. 5, 6) zuzuschreiben. »
  6. Vgl. Nr. 36† und 87†. »
  7. Da nach Maßgaben der Münchener Inschriftenkommission der Begriff Epitaph im engeren Sinn für Grabmäler, die für die Anbringung an der Wand konzipiert sind und in der Regel ein so genanntes Andachtsbild (meist eine Szene aus biblisch-christlichen Tradition, oft ergänzt um die Darstellung des/der Verstorbenen, teils mit Familie, in den meisten Fällen als Betender/Betende) aufweisen, verwendet wird, werden hier unter den figuralen Grabplatten auch solche Grabmäler verstanden, die zwar auch für die Aufstellung an der Wand erstellt wurden, aber kein „Andachtsbild“ umfassen. »
  8. Vgl. v.a. Nr. 48 (Abb. 25), 50 (Abb. 27), 51 (Abb. 28) und 65 (Abb. 36); heute inkrustierte Teile oft verloren bzw. beschädigt. »
  9. Nr. 686, 695, 706 (Abb. 184), 708, 759, 762 und 783; vgl. auch im Einleitungskapitel zur Schrift LVI. »
  10. Nach Maßgabe der Münchener Inschriftenkommission wird der Begriff Epitaph enger gefasst und bezeichnet in erster Linie Grabmäler, die für die Anbringung an der Wand konzipiert sind und in der Regel ein so genanntes Andachtsbild aufweisen. Somit werden Grabmäler, die u.U. von Anfang an auch für die Anbringung an der Wand bestimmt waren und den Verstorbenen in ganzer Figur darstellen, jedoch das Format einer Grabplatte aufweisen, als figurale Grabplatte bezeichnet. »
  11. Früheste Beispiele aus den späten 20er / frühen 30er Jahren, dann wieder aus den 50er Jahren des 16. Jahrhunderts; vgl. v.a. Nr. 434† (Abb. 124), 445 (Abb. 129), 447 (Abb. 130), 539 (Abb. 156), 554 (Abb. 158) und 564 (Abb. 166). »
  12. Vgl. hierzu v.a. Nr. 607, 609 und 622 (Abb. 172). »
  13. Vgl. z.B. Grabschrift „am Boden“ (= Grabplatte?) und Grabschrift „an der Nordwand“ (= Epitaph?) für den Bischof Wiguläus Fröschl von Marzoll (†1517) Nr. 379† und 380†; Epitaph und Grabschrift für den Kanoniker Thomas Ramelsbach (†1531) Nr. 447 (Abb. 130) und 448†; Epitaph für den Dompropst Christoph von Trenbach (mit vorformuliertem Grabtext für seinen Halbbruder und späteren Passauer Bischof Urban von Trenbach) und Grabschrift für denselben (†1552) Nr. 539 (Abb. 156) und 540†; Grabinschrift und Epitaph für den Kanoniker Johann von Kienburg (†1555) Nr. 553 (Abb. 7) und 554 (Abb. 158); Grabinschrift und Epitaph für den Weihbischof Heinrich Kurz (†1557) Nr. 563 (Abb. 15) und 564 (Abb. 166); Grabinschrift und Epitaph für den Weihbischof Michael Englmair (†1569) Nr. 606 (Abb. 44) und 607; Epitaph und Grabschrift für den fürstbischöflichen Hofrat Benedikt Schätzl (†1571) und seine Ehefrau Nr. 626 (Abb. 173, 174) und 627†; Epitaphfragment und Grabschrift für den Domdekan Bernhard Schwarz (†1580) Nr. 663 (Abb. 178) und 664†; Grabplatte und Epitaphfragment für Georg Manng (†1591) und Ehefrau Nr. 695 und 696; Grabplatte und Epitaph für Katharina Sticker (†1595) Nr. 706 (Abb. 184) und 707†; Grabschrift und Epitaph für den Propst von St. Salvator Joseph Hoccer (†1614) Nr. 780† und 781†; Grabschrift und Epitaph für den Dompropst Christoph von Pötting und Persing (†1620) Nr. 796† und 797†. »
  14. Vgl. z.B. Nr. 661 (Abb. 187), 679 und 683»
  15. Vgl. z.B. Nr. 652 und 658 (Abb. 186). »
  16. Vgl. z.B. Nr. 626 (Abb. 173, 174), 788 und 801»
  17. Vgl. z.B. Nr. 670, 677, 685 (Abb. 189) und 689»
  18. Vgl. zu diesem Problem z.B. Nr. 696: vom ursprünglichen Epitaph sind Teile im Domhof verstreut, andere fehlen. In diesem Fall konnte das Epitaph über kopiale Überlieferung annähernd rekonstruiert werden. »
  19. Als letztes Epitaph im Bestand der Stadt Passau kann das für Maria Heffelner (†1641, Nr. 859) gelten. Es folgen ein paar Grabtafeln, die noch ein Andachtsbild enthalten, bei denen dasselbe jedoch eher in den Hintergrund tritt bzw. der/die Verstorbene nicht mehr dargestellt ist, vgl. Nr. 866 und 880 (Abb. 212). »
  20. Vgl. als Beispiele für Grabtafeln im 17. Jahrhundert: Nr. 851, 873 (Abb. 209), 877, 878 (Abb. 211), 881, 882 (Abb. 210), 908, 912, 913 und 916»
  21. Vgl. hierzu Nr. 572†, Anm. 4. »
  22. Vgl. hierzu Nr. 567† (Abb. 169), 569, 582† (Abb. 170) und 702† (Abb. 171). »
  23. Im Landkreis Passau sind einige wenige Stücke erhalten: zwei Totenschilde für Angehörige der Familie Ortenburg (eines datiert auf 1573) in der evangelischen Pfarrkirche zu Ortenburg und ein Schild für Urban Schätzl (1638) in St. Blasius in Kellberg. »
  24. Die meisten Kopialen stammen erst aus dem 18., 19. oder 20. Jh., vgl. im Einleitungskapitel zur kopialen Überlieferung. »
  25. Vgl. genauer Katalognummer Nr. 628 (Abb. 177). »
  26. Der Stadtbrand 1662 gilt als oberste Grenze für den Erfassungszeitraum der vorliegenden Inschriftenedition. »
  27. Vgl. hierzu im Einleitungskapitel zur Schrift XLVI. »
  28. Vgl. Nr. 586 bis 588, 596, 619 (Abb. 175) bis 621, 624, 636, 665, 690, 691†, 699 und 717»
  29. Vgl. z.B. im Lkr. Passau (DI-Band in Vorbreitung) in den Schlössern Rathsmansdorf und Obernzell. »
  30. Vgl. genauer Röhrer-Ertl, Fingerzeig. »
  31. Vgl. v.a. Nr. 681, 775 (Abb. 196) und 776; daneben sind noch weitere ausführliche Bauinschriften von Christoph, aber auch von Rudolf von Pötting und Persing erhalten. »
  32. Vgl. Nr. 716 und 719; bei Nr. 723 (Abb. 193) handelt es sich um eine ausführlichere Inschriftentafel. »
  33. Völlig anders, nämlich durch den Verkauf von Begräbnisstätten motiviert, ist das Phänomen der Mehrfachbelegungen im Bereich der norddeutschen Städte. Dies ist für Passau so nicht nachzuweisen. »
  34. Nr. 7/105/374/553 (Abb. 7). »
  35. Vgl. Nr. 14/134 (Abb. 9) und Nr. 25/149 (Abb. 12). »
  36. Vgl. z.B. die Platte des Hertnid von Lampoding (Nr. 32, Abb. 14), hier ist noch ein Rest des ursprünglich in Ritzzeichnung angebrachten Wappens zu erkennen (Die Ausrichtung von Inschrift und Wappen wurde hier vermutlich nicht in der üblichen Form vorgenommen, da ein normales, mit Anno Domini beginnendes Formular vorausgesetzt wurde). Vgl. auch die Platte des Albert von Morspach (Nr. 37, Abb. 15), hier wurde die Ritzzeichnung des Kanonikers zerstört – Reste sind noch sichtbar –, das Wappen aber erhalten. »
  37. Z.B. bei der Zweitbenutzung der Platte des Wolfker von Aistersheim (Nr. 46, Abb. 24) durch seinen Großneffen Hadamar (Nr. 110, Abb. 24). Das ursprüngliche Wappen in Ritzzeichnung wurde hier durch einen „modernen“ Schild in Inkrustationstechnik neu gestaltet. »
  38. Das älteste Beispiel ist die Platte mit den Inschriften des Kanonikers Ruger (Nr. 28, Abb. 13), des Ulrich Hinzenhauser (Nr. 197, Abb. 13) und des Konrad Schwaiger (Nr. 639, Abb. 13). »
  39. Vgl. Nr. 37/382/563 (Abb. 15), 48/432/803 (Abb. 25) und 75/771/823 (Abb. 43). »
  40. Vgl. Fuchs, Standorte und die Angaben in den einzelnen Nummern. »
  41. Ein ähnliches Phänomen für eine andere Grablege im Dombereich, nämlich die Corpus-Christi Kapelle und Grablege der gleichnamigen Bruderschaft, bezeugt vielleicht die Grabplatte des Olmützer Kanonikers Johann von Lutic (†1453), die sich heute in St. Severin befindet. Sie wurde 20 Jahre später für die Bestattung des Kaplans Nikolaus Volnegk (†1472) wieder benutzt. »
  42. Vgl. z. B. Ludwig von Ebm auf der Platte für Otto von Londsdorf Nr. 48/432 (Abb. 25) und Nr. 434† (Abb. 124) oder Johann von Kienburg auf der Platte Meingot I. von Waldeck Nr. 7/553 und Nr. 554 (Abb. 158). »
  43. Vgl. Nr. 155/350 (Abb. 72). »
  44. Vgl. Nr. 384/868»
  45. Denkbar wäre z.B. die gemeinsame Zugehörigkeit zu Bruderschaften, Zünften oder anderen bürgerlichen Korporationen. »