Die Inschriften der Stadt Passau bis zum Stadtbrand von 1662

4. Die Schriftformen

von Franz-Albrecht Bornschlegel und Ramona Epp198)

Romanische und Gotische Majuskel

Die älteste erhaltene Majuskelinschrift des Bearbeitungsgebietes ist nur mehr fragmentarisch vorhanden und befindet sich auf der Grabplatte der um 1060 verstorbenen seligen Gisela (Nr. 2, Abb. 2). Innerhalb des fast ausschließlich kapital geprägten Formenbestandes von durchweg linearer, in sorgfältigem Keilschnittverfahren erzeugter Kontur, lässt sich einzig das unziale U als Fremdform ausmachen. Die senkrechten Buchstabenschäfte sind mit langen, rechtwinkelig ansetzenden Strichen abgeschlossen, die gelegentlich auch bei Balken und Bögen anstelle der etwas weniger markanten Sporen eingesetzt werden. Die breit proportionierten und locker angeordneten Buchstaben zeigen A in spitzer Form bzw. mit leicht abgeflachter Spitze und dünnem Deckstrich sowie G mit rechtwinkelig eingebogener Cauda. Mit seiner stachelförmigen Cauda knüpft der Buchstabe R an die Tradition der römisch antiken bzw. karolingisch erneuerten Kapitalis an, ebenso wie das extrem breite M mit einem bis zur Grundlinie herabgeführten Mittelteil bei hingegen gerade gestellten Schäften und abgeflachten Spitzen.

Die nach 1166 zu datierende historische Nachricht (Privileg) aus dem Kloster Niedernburg (Nr. 4, Abb. 4) weist ebenfalls breit gesetzte und locker spationierte Buchstaben in allerdings etwas gedrungenerer Form auf. Die breite, lineare Konturierung der Schäfte und Bögen erfasst auch den Großteil der Balken. Sporen als Abschlüsse von Schäften und Balken wurden nur sporadisch verwendet, bei den Bogenausläufern C, G und S zeigen sich bisweilen auch die im fortgeschrittenen 12. Jahrhundert geläufigen und markant ausgearbeiteten Sporen. In unserem Beispiel sind sie von strich- bis spachtelförmiger Gestalt überliefert. Die Buchstaben weisen mit Ausnahme des G mit eingerollter Cauda ausschließlich kapitale Formen auf. Einen Sonderfall stellt die Q-Form mit in den Bogen eingestellter Cauda dar, die während der romanischen Periode nur selten und allem Anschein nach ausschließlich [Druckseite XXXIV] in der Früh- und Hochphase jener Epoche ihren Einsatz fand199). Sie verleiht der insgesamt sehr konservativ anmutenden Schrift nahezu anachronistische Züge. Weitere markante Formen sind: A in spitzer, etwas abgeflachter sowie leicht trapezförmiger Bildung, M mit geraden Schäften und verkürztem Mittelteil (der rechte Schrägschaft findet dabei über den Schnittpunkt des Mittelteils hinaus eine Verlängerung, die bis zur Grundlinie führen kann), N mit retrogradem Schrägschaft, R mit am Schaft ansetzender und nach außen gebogener, kantig gebildeter Cauda sowie R mit am Bogen ansetzender, gerade abgestreckter Cauda.

Die Übergangsphase von der Romanischen Majuskel zur Gotischen Majuskel ist nur an drei Objekten – zwei mittels kunsthistorischer Stilkritik zeitlich zugewiesene Wandgemälde und eine in Stein gemeißelte Grabinschrift – zu belegen200). Am Beginn stehen die stark verblassten Inschriften auf dem Wandgemälde der ehemaligen Marienkirche zu Niedernburg (Nr. 5, Abb. 5, 6), welches anhand der kunsthistorischen Literatur in den Zeitraum vom Ende des 12. Jahrhunderts bis zum frühen 13. Jahrhundert eingeordnet wird201). In der breit proportionierten Schrift zeigen die Buchstabenzüge bereits eine mäßige Flächigkeit sowie zaghafte Schaftverjüngungen und Bogenverdickungen. Mit Ausnahme des unzialen E, das sich in der offenen Version und bereits mit seitlich geschlossenem Abschlussstrich präsentiert, wird das Alphabet ausschließlich von kapitalen Formen getragen. C zeigt sich in zwei Abarten, mit fast schon zusammenwachsenden haarstrichartigen Sporen sowie mit seitlichem dünnen Abschlussstrich, der analog zum E die Bogenenden überragt. A wird hingegen ausschließlich von der romanischen Form in trapezförmiger Gestalt mit dünnem überstehenden Deck- und fettem Mittelbalken repräsentiert.

Die gedrungen wirkende Grabinschrift für Meingot I. von Waldeck von 1271 (Nr. 7, Abb. 7) knüpft mit ihren breit proportionierten, in großen Spatien gesetzten Buchstaben nahtlos an die Schreibweise der romanischen Inschriften des Bearbeitungsgebietes an. In der Konturierung der Buchstabenzüge zeigen sich verhaltene Ansätze zu einer flächigen Ausgestaltungsweise202). Die sich an einigen Bögen abzeichnenden Schwellungen sind äußerst zurückhaltend eingesetzt. Die frei endenden Buchstabenzüge werden durch kräftige Sporen abgeschlossen, welche vielfach durch ausgerundete Ecken fließend in den Buchstabenkörper übergehen. Das Alphabet ist gekennzeichnet von einem hohen Anteil unzialer und runder Buchstabenformen, die sich mit kapitalen Formen vermengen. Zu den phänotypisch verschiedenartigen Doppelformen D, E, M, N, T treten ferner Varianten des im Bearbeitungsraum erstmals nachweisbaren pseudounzialen A (mit einfachem bzw. doppeltem Schrägbalken), des unzialen E (mit und ohne seitlichem Abschlussstrich), des K, des unzialen H sowie des unzialen M (mit geschlossenem linken Bogen und mit in unterschiedlicher Länge auslaufendem, nach außen gekrümmtem rechten Bogen). Die Buchstaben C und das singulär auftretende kapitale E weisen keinen seitlichen Abschlussstrich auf. Bei der kapitalen Ausprägung des D setzen die Bogenausläufer in stumpfem Winkel an den kurzen Schaft an. Die somit wie aufgebläht wirkenden Bögen kontrastieren mit den sehr kleinen Bögen des Buchstabens P. Als auffällig erweist sich das Incipit der Inschrift in Form eines dreifachen Nexus litterarum im Wort „ANNO”.

Das Wandgemälde in der Krypta von St. Nikola (Nr. 98, Abb. 54, 55) ist trotz anzunehmender starker Überarbeitung des Buchstabenbestandes inschriftenpaläographisch noch der frühen Phase der Gotischen Majuskel zuzuordnen. Eine kräftige Flächigkeit erfasst die Schrift, der sich nur die strichartigen Sporen und die dornenartigen Anstriche entziehen können. Die mit kräftigen Schwellungen versehenen Bögen lassen jedoch die gesteigerten Spannungsverhältnisse der reifen Gotischen Majuskel vermissen. Nach wie vor dominiert der kapitale Formenbestand, in dem sich trapezförmiges A mit überstehendem Deckbalken und kapitales H als konservative Schriftelemente erweisen, die in der fortgeschrittenen Gotischen Majuskel des Bearbeitungsgebietes keine Rolle mehr spielen. Gleich- [Druckseite XXXV] wohl kommt es zur Ablösung einzelner kapitaler Buchstaben im Schriftalphabet, durch unziales E mit seitlichem Abschlussstrich, eingerolltes G sowie links geschlossenes, unziales M. Als Doppelformen stehen kapitales und rundes N gleichberechtigt nebeneinander. C erscheint in der offenen Form mit weit in die Vertikale ausgezogenen, haarstrichartigen Sporen. Das links geschlossene unziale M mit nach innen gebogenem rechten Bogenausläufer, das die hohe Romanik als Variante des unzialen M hervorbrachte203), ist bereits in der reifen Gotischen Majuskel der Stadt Passau nicht mehr nachweisbar. Jene Form stellt damit ein weiteres schriftkundliches Indiz für eine frühe zeitliche Einordnung dieser gemalten Inschrift dar.

Die erste inschriftlich datierte Gotische Majuskel des 14. Jahrhunderts findet sich auf der Grabplatte eines gewissen Ruger (Nr. 12, Abb. 8) aus dem Jahre 1302. Im Unterschied zu dem im selben Medium Stein ausgeführten inschriftlichen Vorläufer von 1271 dokumentieren die nun in flächigeren Konturen eingemeißelten Buchstaben bereits eine fortgeschrittene Entwicklungsstufe der Gotischen Majuskel. Die Schwellungen der etwas fülliger gewordenen Bögen treten kräftiger hervor und auch der Kontrast von haar- zu schattenstrichartig gestalteten Buchstabenteilen wurde erheblich verstärkt. Breit ansetzende Schäfte, die oft nahtlos mit den Sporen verschmelzen, verjüngen sich bisweilen auf die Stärke von Haarstrichen. In Kombination mit den dünnen Balken und Bogenausläufern sowie den nodusbesetzten I-Schäften erhält die Schrift einen lockeren, nahezu verspielten Charakter. A zeigt sich in pseudounzialer Form sowie in einer Abart des trapezförmigen A mit geschwungenen Schäften und beidseitig überstehendem Deckbalken. Letztere Ausprägung, die zudem mit einem gebrochenen Mittelbalken versehen ist, ist für das Bearbeitungsgebiet einmalig. C und unziales E weisen kontinuierlich den seitlichen Abschlussstrich auf, G präsentiert sich mit einer hoch eingerollten Cauda. Erstmals im Passauer Inschriftenwesen belegt sind L mit gebogenem Schaft und geschwungenem bzw. dreieckigem Balken sowie das symmetrische unziale M, das zudem einen unteren Abschlussstrich aufweist. Für den Buchstaben N ist ausschließlich die runde Version belegt.

In dem Zeitraum vom zweiten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts bis in die Sechziger Jahre des 14. Jahrhunderts ist mit 28 inschriftlich datierten Originalen eine massive zahlenmäßige Konzentration der Passauer Gotischen Majuskel feststellbar. Jene Schriftzeugnisse entstammen allesamt steinernen Totengedächtnismalen. Der glückliche Umstand, eine Vielzahl datierter, meist vorzüglich erhaltener Beispiele der Gotischen Majuskel derselben Inschriftengattung in zeitlich und örtlich enggestecktem Rahmen zur Auswertung vorliegen zu haben, ließ hohe Erwartungen hinsichtlich einer Menge inschriftenpaläographischer Werkstattzuweisungen und Präzisierungen der Entwicklungsgeschichte der Gotischen Majuskel des 14. Jahrhunderts aufkommen. Die Ausprägungen der Schrift schufen jedoch andere Tatsachen und wurden in dieser Hinsicht den Erwartungen nur bedingt gerecht. Aufgrund einer stärkeren Betonung des individuellen Moments in der Ausführung des Formenvokabulars waren Inschriften, die über die persönliche „Handschrift“ des Steinmetzen hinaus einem Werkstattstil folgten, nur selten zu belegen.

In der Inschrift für Johann von Preysing von 1311 (Nr. 14, Abb. 9) werden die nach wie vor breit gestalteten Buchstaben enger aneinandergerückt. Die Bögen und insbesondere die senkrechten Schäfte erhalten größere Flächigkeit, die Balken, Bogenübergänge und mitunter Diagonalschäfte hingegen haarstrichartige Kontur. Mit dem wechselvollen Kräftespiel zwischen fetten und dünnen Buchstabenteilen, das im Zuge der Verbreiterung der Bögen eine Steigerung erfährt, erreicht die Gotische Majuskel ihre Vervollkommnung. Das pseudounziale A ist zur allein gebräuchlichen Form geworden, ferner treten unziales E mit seitlichem Abschlussstrich, eingerolltes G, unziales H und unziales M mit links geschlossenem Bogen und nach außen gekrümmtem rechten Bogen an die Stelle der kapitalen Version. An Doppelformen stehen I/J, rundes und kapitales N sowie rundes und kapitales T in Verwendung. Das C zeigt sich mit seitlichem Abschlussstrich wie in der offenen Variante, die im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts noch häufig, im zweiten Viertel nur mehr sporadisch auftritt.

Große Übereinstimmungen mit der vorgenannten Inschrift hinsichtlich der Konturierung und des Spannungsverhältnisses der Buchstaben bei allerdings auffälligem Wechsel im Formenrepertoire zeichnet die Schrift der Doppelgrabplatte für Gottfried von Kirchberg und Eberhard von Wartstein-Berg von 1316 aus (Nr. 20, Abb. 10). Die nicht allzu zahlreich eingesetzten Doppelformen verteilen sich nun auf die Buchstaben D und M. Zum kapitalen D, das analog zum vorgenannten Beispiel einen verkürzten Schaft mit in stumpfem Winkel ansetzenden, stark aufgeblähten Bogen aufweist, gesellt [Druckseite XXXVI] sich ein etwas eckig umgesetztes unziales D, während neben dem symmetrischen unzialen M die fortan nur mehr selten gebräuchliche kapitale Version mit geraden Schäften und kurzem Mittelteil tritt204). Außergewöhnlich ist die Vielzahl an Nexus litterarum205), wobei ausschließlich hier noch gerne auf die kapitale Version des E zurückgegriffen wurde.

Eine sichtbare Streckung erfährt die Gotische Majuskel erstmalig im Jahr 1321 in der Grabinschrift für Meingot II. von Waldeck (Nr. 22, Abb. 7), in der die Buchstaben eng aneinandergerückt wurden. Mit einer am Buchstaben N gemessenen Höhen-Breiten-Relation von annähernd 2:1 markiert die Schrift die Ausnahme im Inschriftenwesen der Stadt Passau. Selbst gegen Mitte und in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, einer Zeit, in der Rudolf M. Kloos die Gotische Majuskel einen Wandel von der breiten zur hohen Form vollziehen sah206), erreichen in Passau ausschließlich vier Inschriften nur annähernd die Proportionen unseres Beispiels von 1321207). Trotz des hohen Anteils an unzialen und runden Formen wie pseudounziales A, unziales D, unziales E ohne seitliche Abschließung, eingerolltes G, unziales H, symmetrisch unziales M, rundes N und rundes T behaupten sich in den Doppelformen die kapitalen Buchstaben D, E und M gegenüber den jeweiligen unzialen Zweitversionen. Kapitales E erscheint im Rahmen der Gotischen Majuskel der Stadt Passau hier letztmalig ohne seitlichen Abschlussstrich.

In den Inschriften für Meingot III. von Waldeck von 1324 (Nr. 25, Abb. 12) und für den Kanoniker Ruger von 1327 (Nr. 28, Abb. 13) verfügt die Gotische Majuskel erstmals über genügend Indizien, die eine Zuweisung an ein und dieselbe Steinmetzwerkstatt erlaubten. Die zahlreichen Doppelformen, die beide Inschriften aus der Passauer Schriftproduktion der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts hervorhebten, lassen in den Ausprägungen der Buchstaben A, D und E auffällige Gemeinsamkeiten erkennen208). Das in dieser Zeit im Passauer Inschriftenwesen bereits rückständig anmutende trapezförmige A mit Deckbalken wechselt sich ab mit einem pseudounzialen A mit mäßig geschwungenem linken Schaft. Kapitales D alterniert mit einem breitoval gerundeten unzialen D mit diagonalem, oberen Bogenabschnitt, während zu unzialem geschlossenen E die außergewöhnliche Variante des kapitalen E mit seitlichem Abschlussstrich tritt209). Eine weitere, auf beide Inschriftenbeispiele beschränkte Gemeinsamkeit bildet das kapitale N mit deutlich vom Diagonalschaft abgesetzer rechter Haste, das sich allerdings in der Inschrift für Meingot III. von Waldeck ausschließlich im Nexus litterarum niederschlägt210).

Im fortgeschrittenen zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts lassen innerhalb einer im Formenvokabular bereits vollendeten Gotischen Majuskel drei Inschriften verstärkt individuelle Ausgestaltungsweisen erkennen. Die Grabinschrift für Hertnid von Lampoding von 1337 (Nr. 32, Abb. 14) offenbart mit seinen stark durchgekrümmten seitlichen Abschlussstrichen bei C und unzialem E eine Verschiebung der Berührungspunkte von Bogenenden und Abschlussstrich von der Zeilenober- bzw. Zeilenunterlinie in die Zeilenmitte. Ein ähnliches Gestaltungsprinzip findet man mitunter bei kapitalem D, das sich förmlich zusammenfügt aus einem links geöffneten und einem rechten, zu einem Kreis geschlossenen Bogen. Der Zug zur Dynamisierung der Schrift durch kurvierte Linien setzt sich fort in dem nach innen gekrümmten, unteren Abschlussstrich des symmetrischen unzialen M sowie in der unter die Grundlinie verlängerten, geschwungenen Cauda des R. Auf eine andere Weise drückt die Inschrift für Albert von Morspach von 1344 (Nr. 37, Abb. 15) ihre gestalterische Sonderrolle aus: die dünnlinigen seitlichen Abschlussstriche bei C und E verlaufen vertikal und enden in einem rechts auslaufenden Häkchen. Einige sich innerhalb eines Phänotyps abzeichnende Varianten belegen pseudounziales A (mit geradem und schrägem Mittelbalken in unterschiedlicher Höhe), unziales D (mit weit anschwingendem horizontalen sowie rechtsschrägen Bogenansatz), unziales M (symmetrisches unziales M und links geschlossenes unziales M mit rechtem, oben spitz gebildeten Bogen) sowie R mit geschwungener, weit ausgreifender Cauda (Bogen und Cauda führen bisweilen [Druckseite XXXVII] getrennt zur Haste). Als außergewöhnlich erweisen sich die zum Teil großen Proportionsschwankungen innerhalb der Buchstaben O (rund und spitzoval), P (mit unterschiedlicher Bogengröße) und R. Die dritte Inschrift, die sich aus einer in Duktus und Formenbestand immer stärker angleichenden Gotischen Majuskel hervorhebt, zeigt sich in der Grabplatte für Margareta Hedl von 1348 (Nr. 40). Die weit spationierten Buchstaben zeichnen sich insbesondere aus durch einen selten verwendeten Typ des pseudounzialen A mit rechts übergreifendem Deckbalken, der Verwendung von spiegelverkehrtem runden N und Zierpunkten bei I sowie rundem und kapitalem N. Dieselbe Ausprägung des pseudounzialen A, allerdings neben einer nicht minder auffälligen Variante mit geschwungenem Deckbalken, findet sich in der Jahre später datierten Inschrift für Ulrich Sockinger von 1367 (Nr. 71, Abb. 40, 41). Auch die spiegelverkehrte Stellung eines Buchstabens (U), die Zierpunkte an diversen Schäften (kapitales D, I, rundes N und U) gleichwie der hochschließende, mit feinem Zierhäkchen endende Bogen von rundem T zeigen auffällige Gemeinsamkeiten mit der Grabinschrift Hedls. Beide Schriftprodukte lassen – trotz des großen zeitlichen Abstandes der beiden Todesdaten – an eine Entstehung der Inschriften in ein und derselben Werkstatt denken.

Eine weitere Gruppe mit auffälligen gemeinsamen Buchstabenelementen bei insgesamt differierendem Formenrepertoire bilden die Inschriften Nr. 44, 45 und 70 aus der Mitte und dem 3. Viertel des 14. Jahrhunderts. Innerhalb kleinerer Varianten des pseudounzialen A kristallisiert sich in allen drei Inschriften jeweils eine oben offene Version ohne Deckbalken heraus. Der linke Schaft ist dabei entweder nach außen geschwungen und oben nach links geknickt oder/und nach innen geschwungen mit oben angesetztem Sporn. Die Abschlussstriche von C und E sind dünnlinig ausgeführt, wobei das C in der Inschrift für den Chorvikar Franziscus von 1349 (Nr. 44, Abb. 22) sich gelegentlich und letztmalig im Passauer Inschriftenwesen offen zeigt. Die ins gleiche Jahr datierten Inschriften Nr. 44 und Nr. 45 weisen gemeinsame Nexus litterarum auf, u.a die einzig in den beiden Inschriften auftretende Verbindung CH (C mit Abschlussstrich kombiniert mit unzialem H). Die Gemeinsamkeiten in den Inschriften Nr. 44 (1349) und Nr. 70 (1366) beruhen ferner auf einer bestimmten Variante des oben offenen, pseudounzialen A mit stachelförmig nach links gebogenem, linken Schrägschaft und rechtsschrägem Balken.

In den fünfziger Jahren des 14. Jahrhunderts lassen die Inschriften in Gotischer Majuskel weder werkstattimmanente Charakteristika noch grundlegende Neuerungen im Schriftbild erkennen. Besonderes Kennzeichen der Inschrift für Wolfker von Aistersheim von 1353 (Nr. 46, Abb. 24), die sich allein durch etwas schmälere und gelängte Buchstaben vom Gros der Passauer Gotischen Majuskel abhebt, ist die vornehmlich am linken Schaft des A ausgebildete Schwellung, die tropfenförmige Gestalt annimmt. Mit Ausnahme kleinerer Varianten in der Ausformung der Deck- und Querbalken des pseudounzialen A ist die Inschrift frei von Doppelformen, nicht jedoch von Nexus litterarum (AN, AR, ER), die insgesamt sieben Mal auftreten. Ein gegensätzliches Bild demonstriert die Inschrift für Ulrich von Scharffenberg von 1354 (Nr. 49, Abb. 26), deren aus breit proportionierten Buchstaben zusammengesetztes Alphabet wiederum unterschiedliche Doppelformen (I/J, rundes und kapitales T sowie U und V) integriert. Hingegen ist der Nexus litterarum nur als Incipit der Inschrift belegt, in AN des Wortes „ANNO“.

Zwei Inschriften aus dem Jahr 1360 (Nr. 53, 54) bezeugen in der Ausprägung der Gotischen Majuskel besonders hohes handwerkliches Können und künstlerisches Raffinement. In der Inschrift für Gerhoh von Radeck (Nr. 53, Abb. 30) wird der starke Kontrast zwischen tief eingegrabenen Buchstabenteilen (Schäfte wie Bogenschwellungen) und eingeritzten Haarstrichen gesteigert durch kunstvolle Biegungen und Krümmungen der filigranen Linien sowie durch punktartige Verzierungen an deren auslaufenden Enden. Die großteils gespaltenen Sporen der Schäfte erhalten an ihren Ausläufern ebenfalls punktförmige Verdickungen. Über die Abschließung von C und unzialem E hinaus erhalten F und rundes T einen seitlichen Abschlussstrich, auch das S ist durch seine weit ausgezogenen Sporen nahezu geschlossen. Die zierlichen Abschlussstriche von C und E sind bisweilen bis zur Mitte aufgespalten, so dass sie zwei voneinander abgewändete Bögen ausbilden. Die Inschrift Oswald Puchers (Nr. 54, Abb. 31) arbeitet mit ähnlichen Haar- und Schattenstrich-Effekten bei reduzierterem Zierrat. C und E weisen nunmehr kräftigere seitliche Abschlussstriche vor, die in der Regel leicht gespalten sind und im E bisweilen in Zierpunkten enden. Die Buchstaben F, L mit gekrümmtem Schaft und S erweisen sich durch ihre dreieckigen, weit ausgezogenen Serifen als fast geschlossen. Die Bögen zeigen sich stark aufgebläht, bei unzialem H und P erreichen sie in etwa zwei Drittel der Buchstabenhöhe.

Die etwas schnörkellosere Schrift für Kunigunde Amsl (Nr. 57, Abb. 34) von 1361 fällt vornehmlich durch die Verwendung einer Form ins Auge, die zuletzt 1316 in der Passauer Gotischen Majuskel eingesetzt wurde: es handelt sich um das kapitale M, das mit geraden Schäften und fast bis zur Grundlinie reichendem Mittelteil alternativ zum symmetrischen unzialen M in jener Inschrift Anwendung fand.

[Druckseite XXXVIII]

Das vorletzte Beispiel der Gotischen Majuskel im Inschriftenwesen der Stadt Passau zeigt sich in der Inschrift für Ruedmar von Hader (Nr. 73, Abb. 42) von 1369 mit bekanntem Formenrepertoire, jedoch mit bisweilen auffälliger Umsetzung. So wird der stark verkürzte Schaft des mächtig aufgeblähten, kapitalen D an seinem oberen und unteren Ende mit ausgreifenden, nahezu waagrecht geführten Anstrichen eingeleitet und das symmetrische runde M neben der herkömmlichen, unten geschlossenen Form um eine ausgefallene Variante mit unterem Abschlussstrich und nach innen gebogenen, frei endenden Bogenausläufern bereichert.

Die letzte, sicher belegte Ausprägung der Gotischen Majuskel der Stadt Passau stammt aus dem Jahr 1380 und datiert bereits elf Jahre nach dem vorletzten Beispiel jener Schriftart. Es ist die Inschrift für Propst Friedrich von St. Nikola (Nr. 81, Abb. 33), die sich auch auf Grund ihrer technischen Ausführung sowie der Art der Buchstabenausgestaltung deutlich abhebt von den übrigen Zeugnissen der Passauer Gotischen Majuskel. In rechtwinkligen Kerben wurden Buchstaben von klobiger Gestalt in den Stein eingetieft und jeweils durch kräftige Zierlinien oder verbreiterte Sporen meist vollständig abgeschlossen. Während pseudounziales A, unziales H, symmetrisches unziales M, rundes N und R sich unten abschließen, erhalten U von oben sowie C, unziales E, S und rundes T von der Seite eine Abschließung. Der Buchstabe X mit geschwungenem rechtsschrägen Schaft erfährt eine Schließung von oben und unten. Einzig F und L mit weit nach oben ausgezogenem Balkensporn finden noch als offene Formen Einsatz. Von den ursprünglich mutmaßlich ausgelegten Buchstaben erhielten C, E und O spitz ausgezogene Bogenschwellungen.

Für die in der Schrifteinleitung weitgehend unberücksichtigt gebliebenen, inschriftlich undatierten Beispiele der ausgereiften Gotischen Majuskel211) erweist sich eine inschriftenpaläographisch präzisere chronologische Einordnung innerhalb des 14. Jahrhunderts als problematisch. Wohl mag eine zeitliche Zuweisung jener Inschriftenbeispiele eine Datierung in das früheste 14. Jahrhundert und die letzten Jahrzehnte des 14. Jahrhunderts aufgrund inschriftenpaläographischer Kriterien als eher unwahrscheinlich erachtet werden, doch fehlende Werkstattcharakteristika und inschriftliche Anknüpfungspunkte an eine im fortgeschrittenen 14. Jahrhundert entwicklungsarme Schrift widersetzen sich einer exakteren Datierung. Allenfalls wird man die Inschrift für einen gewissen Chorvikar Friedrich (Nr. 95, Abb. 50) aufgrund der Vielzahl der Doppelformen, des alternativ zum pseudounzialen A gebräuchlichen doppelrunden, links geöffneten A und der kapitalen Version des M noch plausibel der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zuordnen können.

Der frühe, unmittelbare Abbruch der Gotischen Majuskel der Stadt Passau dürfte wohl weniger mit der Zufälligkeit der Überlieferung zu erklären sein als infolge ihrer raschen Ablösung durch die Gotische Minuskel. Sie ist im Passauer Inschriftenwesen erstmals 1349 bezeugt und fand bereits im dritten Viertel des 14. Jahrhunderts mehrfachen Niederschlag. Sie zeichnet wohl für das jähe Ende der Gotischen Majuskel verantwortlich.

Tabelle 1: Zeitliche Verteilung der Buchstaben der Romanischen und Gotischen Majuskel
Zeitliche Verteilung der Buchstaben der Romanischen und Gotischen Majuskel 1/3

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Zeitliche Verteilung der Buchstaben der Romanischen und Gotischen Majuskel 2/3

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Zeitliche Verteilung der Buchstaben der Romanischen und Gotischen Majuskel 3/3

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Gotische Minuskel

Das früheste Beispiel der Gotischen Minuskel in der Passauer Inschriftenlandschaft befindet sich auf der Grabplatte für Albert von Winkel, der 1349 verstorben ist (Nr. 42, Abb. 20). Sie bezeichnet eine relativ frühe Aufnahme der Buch-Textura im epigraphischen Bereich in Passau, die sich jedoch durchaus in eine allgemeindeutsche Tendenz einreihen lässt212). Ihr folgt der Sterbevermerk für Otto von Lonsdorf aus dem Jahre 1354 (Nr. 48, Abb. 25). Beide Inschriften scheinen stilistisch verwandt zu sein, was nicht nur auf die Tatsache zurückgeht, dass in beiden Inschriften die Jahreszahl mit Worten wiedergegeben wird. Die Schrift ist breit und wirkt etwas klobig, was wohl auf das frühe Entwicklungsstadium der Schrift zurückzuführen ist. Buchstaben mit Bögen wie b, d und o zeigen eine hochrechteckige Form, so auch doppelstöckiges a, dessen linker Teil des gebrochenen, oberen Bogens mit einem Haarstich wiedergegeben wird. Der untere Bogen bei g ist spitz gebrochen, der abgeknickte Teil wird über den oberen Bogen hinaus nach links gezogen, was das g ausgedehnt erscheinen lässt. Die Inschrift für Otto von Lonsdorf weist wenige Versalien in einer breiten, ähnlich der Textschrift klobigen Gotischen Majuskel auf, wohingegen die frühere Inschrift für Albert von Winkel keine Großbuchstaben enthält.

Ein etwas anderes Bild zeigt sich in der Inschrift für Johann von Rottau, die ebenfalls noch ins 14. Jahrhundert datiert (1398, Nr. 90, Abb. 46). Die Schrift ist sehr schmal und gestreckt. Die Ober- und Unterlängen sind sehr zurückgenommen, was sich v.a. bei dem oberen freistehenden Bogenabschnitt bei rundem d, der stark verkürzt und an den Mittellängenbereich angelehnt ist, offenbart. Die Inschrift besitzt durchgehend Versalien in einer schlanken Gotischen Majuskel mit spitz auslaufenden Bogenschwellungen. Die Textschrift erreicht dieselbe Höhe wie die Großbuchstaben, so dass sich das Bild einer Zweilinienschrift ergibt.

Die im Katalog zuerst genannten und am frühesten datierten Inschriften in Gotischer Minuskel sind die beiden Tumben für Heilika (†1020, Nr. 1, Abb. 1) und Gisela (†um 1060, dat. 1095, Nr. 3, Abb. 3) in der Parzkapelle der Niedernburger Klosterkirche. Beide Platten stellen aber keine zeitgenössischen Grabmäler dar, sondern sind Memorialinschriften aus späterer Zeit. Sie dürften ungefähr gleichzeitig entstanden sein. Die Inschrift für Heilika lässt Parallelen mit der Inschrift für Johann von Regen (†1399, Nr. 91, Abb. 47) bei a, d, e und s erkennen. Auffallend ist g, dessen unterer Bogen auf der Grundzeile steht. Auch die Platte für Gisela zeigt einen analogen Schrifttyp. Allerdings geht hier der untere g-Bogen unter die Zeile, wird aber sehr an die Grundlinie gedrückt. Gewisse Elemente aus dieser Schrift finden sich auch auf der Tumba für Heinrich IV. von Ortenburg (†um 1395, Nr. 111, Abb. 60) wieder. So liegt auch hier der g-Bogen nahe an der Zeile an und der abgeknickte Bogen des Schaft-s verläuft waagrecht, wie auch in der Gisela-Inschrift. Ähnlichkeiten in allen vier Inschriften liegen v.a. in den Formen von a, e und s. Es könnte also ein Zusammenhang zwischen der Inschrift für Johann von Regen und den drei (undatierten) Tumben bestehen. Die Platte für Johann von Regen dürfte als Ausgangspunkt gelten. Die Ortenburgtumba stellt hierbei die am meisten ausgereifte Arbeit dar. Sowohl die Memorialinschriften für die beiden Äbtissinnen, als auch die Tumba für Heinrich von Ortenburg werden zeitlich um 1420 angesetzt213).

In dieses Schriftumfeld lassen sich auch vier weitere Grabschriften aus den Jahren 1405 bis 1419 einordnen214). Die Schrift ist bei allen diesen Objekten relativ schmal und gestreckt. So verrät auch die Gestaltung des einleitenden Anno eine gewisse Gemeinsamkeit. Die Initiale A besteht aus einem sehr steifen, senkrechten rechten Schaft und einem langen Deckbalken. Die beiden vertikal gestellten Schäfte stehen weit auseinander. Die folgenden Minuskeln erreichen dieselbe Höhe wie A. Der obere Bogenabschnitt bei e ist verhältnismäßig spitz abgeknickt und relativ lang. Trotz dieser Gemeinsamkeiten bleibt es in diesem Fall schwierig, eine eindeutige Werkstattzusammengehörigkeit nachzuweisen.

[Druckseite XLII]

Ab der Mitte der 20er Jahre des 15. Jahrhunderts kann eine weitere Gruppe von vier Schriftzeugnissen analysiert werden, die Ähnlichkeiten aufweisen215). Die Schrift ist wiederum sehr schmal und gestreckt. Auffallende Buchstaben sind g mit einem unten nach rechts fließend auslaufenden Schaft und einem spitzwinklig geknickten, unteren Bogen sowie v mit leicht schräg stehenden, gebrochenen Schäften. Das runde s demonstriert eine Form, bei der beide Bögen zum jeweilig anderen hin verschoben sind; eine Form, die sich in der Passauer Inschriftenproduktion häufiger manifestiert. Unter den Versalien finden sich bisweilen Mischformen aus Gotischer Minuskel und Majuskel. So beispielsweise S, dessen unterer Teil einem Majuskel-S gleicht, das durch seinen oberen Teil aus einem halblangen Schaft, der oben geknickt ist und somit einem Schaft-s der Gotischen Minuskel ähnelt, ergänzt wird. An anderen Stellen stechen Formen von Großbuchstaben mit „rüsselförmigen“ Bögen ins Auge. Der als Sinus geformte rechte Teil des Buchstabens wird durch einen weiten Bogen, der zur Grundlinie hin absackt, ausgedrückt.

Zeitlich an diese Gruppe anschließend entwickelt sich in Passau ein sehr markanter Typ einer Gotischen Minuskel, der sich in den Dreißiger Jahren ankündigt, bis in die Fünfziger Jahre hineinwirkt und hier seinen Höhepunkt in der Grabplatte für Ulrich von Ortenburg (†1455, Nr. 150, Abb. 70) findet. Diese Form der Gotischen Minuskel ist als Schrifttyp des Straubinger Meisters Erhart zu identifizieren216), dem Halm die Grabplatte für Ulrich von Ortenburg zuweist. Halm vermutet, dass es sich hierbei um die früheste Arbeit des Meisters handelt217). Offenbar war jedoch Erhart schon zuvor in Passau tätig, fertigte allerdings nur Inschriften ohne Bildwerke. Für seinen Schriftstil sind spitzig anmutende Abschlussstriche in Form von Haarstrichen sehr typisch, die v.a. an das rechte Ende des gebrochenen e-Bogens, an den t-Balken oder an das linke Ende des gebrochenen oberen Bogens des doppelstöckigen a, wo er in den unteren Bogen hineingezogen wird, anknüpfen. Der t-Balken ist rechts vom Schaft relativ lang. Der obere freistehende Bogenabschnitt des runden d ist ebenfalls verhältnismäßig langgezogen und an manchen Stellen leicht nach unten durchgebogen. Rundes s präsentiert sich in der Variante mit den in sich vertikal verschobenen, gebrochenen Bögen, wobei das gebrochene obere Ende des unteren Bogens fast das gebrochene obere Ende des oberen Bogens berührt und umgekehrt. Der untere g-Bogen ist nahezu rechtwinklig gebrochen, der abgeknickte Abschnitt ist meist kurz. Die Versalien zeigen häufig dreieckige Ansätze, die in erster Linie am linken Teil des Buchstabens ausgeführt sind. Zu der Gruppe mit dem Schriftstil Erharts sind sieben weitere Inschriften zu zählen, die zwischen 1437 und 1472 datieren218).

Eine Platte, die von der Kunstgeschichte ebenfalls mit Straubing in Verbindung gebracht wird, und zwar mit dem Meister Ulrich Kastenmayr, und die Halm als Vorbild für die Grabplatte für Ulrich von Ortenburg ausweist, ist die Scheintumba für Paul von Polheim (†1440, Nr. 132, Abb. 67)219). Die Gotische Minuskel dieses Schriftzeugnisses weist im Ansatz Ähnlichkeiten mit dem Schrifttyp Meister Erharts auf. Es werden auch hier mit Vorliebe Abschlussstriche verwendet; sie erscheinen aber noch nicht so spitz wie bei Erhart. Die Grabplatte für Paul von Polheim diente also offensichtlich nicht nur im Bildbereich als Vorlage bzw. Ausgangspunkt für Meister Erhart, sondern auch bei der Schrift.

In den sechziger und siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts trifft man auf eine neue Gruppe von neun Inschriften in Gotischer Minuskel220). Bei diesem Typ fällt doppelstöckiges a auf, bei dem der obere gebrochene Bogen weit und fast geschlossen ist bzw. eng an den Mittellängenbereich gedrückt und so eine Art spitzes flaches Dach über dem Buchstaben bildet. Oft wirkt auch der obere freistehende Bogenabschnitt des runden d, als würde er den Buchstaben abdecken; auch er ist oft relativ flach. Ein weiteres Merkmal wäre der t-Schaft, der meist im Verhältnis zu anderen Inschriften weit über den Balken hinaussteht. Unter den Großbuchstaben findet sich sehr oft ein A mit senkrechten Schäften, von denen der linke verdoppelt ist. Solche A-Formen sind allerdings auch in anderen Beispielen nachweisbar. Bei einigen dieser Objekte offenbaren sich Analogien im äußeren Gesamtbild der Platte221). Neben der Tatsache, dass der Text in Umschrift wiedergegeben ist, zeigt der Stein in den unteren beiden Dritteln das Relief eines Vollwappens. Hierbei ist charakteristisch, dass dieses Bild in ein rechteckiges Feld eingebettet ist, das sich nach oben hin in einem rund- oder kielbogigen Feld fortsetzt, das sich jeweils eng um das Kleinod des Oberwappens schließt. Auch die Ausführung der Helmdecken, die allerdings in allen Fällen erheblich abgetreten sind, scheint parallel. Innerhalb der [Druckseite XLIII] Gruppe können Qualitätsunterschiede gemacht werden. So zeichnen sich die Grabplatten für Adelheid von Aichberg (†1467, Nr. 173, Abb. 74) und für Margaretha Mautner von Katzenberg (†1480, Nr. 205, Abb. 76) durch ihr hohes Niveau aus.

In den neunziger Jahren desselben Jahrhunderts ergibt sich ein weiterer Typ, der sich in drei Beispielen manifestiert222). Hier wird der obere Bogen des doppelstöckigen a durch einen dünnen Zierstrich geschlossen. Der t-Balken durchschneidet nicht mehr den Schaft, sondern sitzt nur auf der rechten Seite des Schaftes und ist relativ kurz. Der abgeknickte Teil des unteren Bogens des g ist relativ kurz und reduziert sich fast auf ein Quadrangel. Die Jahreszahl wird hier in den meisten Fällen bereits in arabischen Ziffern ausgeführt, die sehr rund und flüssig gestaltet sind und somit einen Kontrast zu den strengen Formen der Gotischen Minuskel bilden. Dazu lässt sich evtl. auch die Grabplatte für Paul Wann (†1489, Nr. 218) zählen. Sie weist aber an manchen Stellen, wie beispielsweise bei A und g, noch Ähnlichkeiten mit dem vorausgehenden Typ auf, dem u.a. die Platte für Margaretha Mautner von Katzenberg (†1480, Nr. 205, Abb. 76) zuzuschreiben war.

Daneben tritt in den sechziger und achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts eine weitere Schriftgruppe mit fünf Exempeln223). Die Inschrift wird meist von einem relativ breiten, pseudounzialen A eingeleitet (vgl. Anno), bei dem der geschwungene linke Schrägschaft eine Verdickung des Bogens sowie des unteren Schaftendes, das nach unten hin durch einen nach links eingebogenen Zierstrich verlängert wird, aufweist. Der Deckbalken ist schräg. Die Textschrift ist nach wie vor schmal, jedoch sind Ober- und Unterlängen stärker ausgeprägt. Dies wird v.a. beim g deutlich, dessen unterer Bogen relativ weit nach unten geht und spitz gebrochen wird. Der obere freistehende Bogenabschnitt des d ragt meist verhältnismäßig weit in die Höhe. Der obere gebrochene Bogen des doppelstöckigen a formt an der Knickstelle eine dezente Spitze aus. Der linke Teil des Bogens wird durch einen sehr runden Haarstrich gebildet, der bis zum Schaft eingeschlagen wird. Der Balken des e ist zu einem steil rechtsschräg verlaufenden Strich reduziert und unten nach rechts umgebogen.

Ab den späten sechziger Jahren bürgert sich in Passau eine Form der Gotischen Minuskel ein, bei der sich eine parallelogrammähnliche Grundform bei Buchstaben mit Bögen herauskristallisiert und die ihren Höhepunkt 1493 in den beiden Grabinschriften für Sigmund Vorschover (†1493, Nr. 229, Abb. 29) und Albert Schönhofer (†1493, Nr. 230) findet. Die Inschrift für Vorschover stellt dabei eine Art Extrempunkt dar, bei der selbst Buchstaben wie das doppelstöckige a – zumindest dessen oberer Teil – einem auf einer spitzwinkligen Ecke stehendem Parallelogramm angepasst werden. Bei der Inschrift für Schönhofer treten diese Formen teils in abgeschwächter Weise auf, wie man am o sehen kann, teils aber auch in extremen Stilisierungen, wie beispielsweise bei p. Gerade die Inschrift für Schönhofer zeigt einen sehr dekorativen Schriftstil mit reich ausgeschmückten Großbuchstaben, die meist in verdoppelte Schwellzüge aufgelöst sind. Eine gewisse Experimentierfreude, die möglicherweise auch auf Vorbilder aus Hand- oder Druckschriften schließen lässt, zeigt sich beim g. Anders als bei gleichzeitigen Passauer Inschriften wird hier eine Form verwendet, die sich häufig in Bastardschriften findet und bei der der Buchstabe oben durch eine Art Deckbalken abgeschlossen wird, der durch den Schaft und den linken Teil des oberen Bogens durchbrochen wird. Als Vorläufer dieses parallelogrammförmigen Schrifttyps können vier Beispiele ausgemacht werden224). V.a. der Buchstabe o lässt die Tendenz zu der oben beschriebenen parallelogrammförmigen Ausgestaltung erkennen. Eine analoge Vorgehensweise schlägt sich stellenweise auch bei Buchstaben mit ähnlichen Körpern (rundes d, b, g etc.) nieder. Unter den Großbuchstaben fällt eine Form des H auf, bei der die Grundform eines unzialen H in Schwellzüge aufgelöst wird. Die Grabplatten Hans Pykels (†1467, Nr. 172, Abb. 73) und Seyfried Nothafts (†1476, Nr. 196, Abb. 75) werden in der neuesten Literatur auch von kunsthistorischer Seite demselben Meister zugewiesen, nämlich dem sogenannten Meister von Seeon225). Aus paläographischer Sicht hingegen kontrastieren gerade diese beiden Beispiele, die sich in der eben angeführten Entwicklung entsprechen, in einigen Details. So wirkt die Schrift bei Pykel weniger gestreckt und etwas breiter als bei dem Nothaftstein. Auch erweist sich der obere freistehende Bogenabschnitt des runden d bei der Pykelinschrift als zurückhaltender gegenüber der Vergleichsplatte.

Ab der zweiten Hälfte der 90er Jahre des 15. Jahrhunderts bildet sich ein Typ der Gotischen Minuskel heraus, der höchstwahrscheinlich Jörg Gartner und seiner Werkstatt zuzuschreiben ist und [Druckseite XLIV] von dem vier Beispiele existieren226). Diese Schrift ist gekennzeichnet durch Basislinien, die Buchstaben mit Bögen, nämlich b, d und o, aber auch v und den rechten Teil des w horizontal auf der Grundlinie abschließen. Diese Basislinie ragt links meist über den Buchstaben hinaus. Ein weiteres Kennzeichen sind kreisrunde i-Punkte. Die Großbuchstaben sind oft in geschwungene Zierstriche aufgelöst, wie besonders beim Initial-A. Diese Schriftausformung scheint auf dem Schrifttyp aufzubauen, wie er auch auf der Platte für Christoph Derrer (1478, Nr. 198, Abb. 78) auftritt (vgl. oben). Es finden sich Ähnlichkeiten bei dem H-Versal und bei der Gestaltung des unteren g-Bogens. Sehr schön lässt sich dieser Zusammenhang bei dem Derrerbeispiel (Nr. 198, Abb. 78) und bei der Grabinschrift für Stephan Hager (†1506, Nr. 321) nachvollziehen, vgl. Hie ligt (Nr. 198, Abb. 78) und Hager (Nr. 321).

Das Merkmal der Basisstriche zeigt sich annähernd auch in einer Hochwassermarke, die sich im Oberhaus befindet (1501, Nr. 297, Abb. 89). Bei diesem Stück fällt vor allem die Verbindung zwischen rundem d und doppelstöckigem a auf, bei der der rechte senkrechte Bogenabschnitt des gebrochenen d durch die gebrochenen Bögen des a ersetzt wird. Ungewöhnlich ist auch die Verwendung eines Majuskel-R, das auf den Mittellängenbereich verkleinert ist und sich am Zeilenende befindet (vgl. iar). Die gesamte Inschrift wirkt so, als wollte sich der Steinmetz mit der Schrift spielen. Es treten mehrere Varianten von bestimmten Buchstaben auf. So gestaltet der Bildhauer den unteren Bogen des g in viererlei Ausführungen. Ebenso treten Modifikationen bei den Bögen des a und beim runden s auf. Ähnlich verhält es sich bei den Großbuchstaben, bei denen die drei verschiedenen A-Formen ins Auge stechen. Dieser Variantenreichtum bewegt sich zwar im Rahmen der gitterförmigen Gestaltung der Gotischen Minuskel, ist aber in dieser Intensität außergewöhnlich. Dieser Umstand erweckt den Eindruck, dass der Steinmetz die Inschrift dafür nutzte, um einige Formen auszuprobieren. Das Beispiel zeugt von einer Kreativität und einer Suche nach neuen Formen, was durchaus zeittypisch ist. Diese Mentalität schlägt sich in Passau v.a. in der sich zeitgleich etablierenden Gotico-Antiqua nieder, die ebenfalls „neue" Formen aufnimmt (vgl. weiter unten).

Gleichzeitig zu diesen Inschriften entsteht ein weiterer Typ, der sich offensichtlich an die Gruppe von Inschriften anlehnt, deren Buchstabengrundform die eines Parallelogramms aufweist, und von dem fünf Inschriften zeugen227). Es finden sich auch hier die parallelogrammförmigen Buchstaben. Die Schrift wird allerdings dadurch variiert, dass in erster Linie das o trapezförmig gestaltet wird. Der Buchstabe ist gebrochen, der linke senkrechte Teil des Bogens ist kürzer als der rechte senkrechte Teil. Diese Formengestaltung kommt an einigen Stellen auch beim oberen g-Bogen zum Vorschein. Der obere gebrochene Bogen des doppelstöckigen a endet an der Knickstelle – der linke Teil des Bogens fehlt also – und ist weit geschlossen, so dass der Buchstabe „abgedeckt“ wirkt. Ein weiteres Merkmal dieses Schrifttyps sind Probleme mit der arabischen 0 bei Jahreszahlen. Sie fehlt entweder völlig228) oder wird an Stellen gesetzt, an denen sie nicht nötig wäre229). Bei manchen Inschriften zeigen sich bereits relativ lange Oberlängen, bei anderen tendieren die Buchstabenformen eher in die Breite.

In der Folgezeit, also in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts, wird die Gotische Minuskel von der langsam aufkommenden Kapitalis und v.a. von der alles einnehmenden Gotico-Antiqua verdrängt. Nach 1510 findet sich zunächst keine Inschrift in Gotischer Minuskel mehr. Das einzige Stück, das in den folgenden Jahrzehnten belegt ist, ist die Grabplatte für den Propst von Au, Sebastian Schnepf (†1524, Nr. 421, Abb. 123). Es handelt sich hierbei um ein Einzelstück. Mader überlegt, ob dieses Stück Jörg Gartner (vgl. weiter unten) zugeordnet werden kann. Dies kann aber aus epigraphischer Sicht nicht bestätigt werden.

Die Gotische Minuskel ist aber nicht vollkommen verschwunden, sondern tritt zur Jahrhundertmitte hin wieder verstärkt auf. Die nächste überlieferte Inschrift datiert auf das Jahr 1537230). Sie zeigt eine in die Breite gehende Gotische Minuskel, bei der die Streckung des Mittellängenbereiches aufgegeben wurde. Ober- und Unterlängen sind aber noch verhältnismäßig kurz. Eine ähnlich breit angelegte Gotische Minuskel, bei der sich allerdings Einzelformen wie das d leicht unterscheiden, ist in zwei späteren Inschriften belegt231).

Ein etwas anderes Bild einer späten Gotischen Minuskel demonstrieren die Inschriften für Magdalena Hinterreiter (†1546, Nr. 499, Abb. 148) und Zacharias Erb (†1547, Nr. 505). Hier ist der Mittellängenbereich nach wie vor gestreckt, die Oberlängen ragen aber schon weit nach oben. Darüber [Druckseite XLV] hinaus bestehen Ähnlichkeiten bei a, d, g und rundem s, so dass man hier wohl von derselben Werkstatt ausgehen muss.

Auf zwei der spätesten Inschriften in Gotischer Minuskel tritt schließlich ein Schrifttyp auf, der extrem gestreckt und schmal ist232). Die streng wirkende Streckung der Buchstaben wird durch Frakturversalien aufgelockert.

Neben diesen Einzelausläufern der Gotischen Minuskel v.a. im dritten Viertel des 16. Jahrhunderts gibt es auch mehrere Inschriften, die sich schon stärker an die Fraktur anlehnen, dennoch aber nach wie vor der Gotischen Minuskel verhaftet sind233). Ein Beispiel, das diesem Umfeld angehört, das aber bis auf das einstöckige gebrochene a eine Gotische Minuskel darstellt, ist die Grabplatte für Hieronymus Sünzl (†1556, Nr. 558, Abb. 164). Die Schrift ist durchgehend von Brechungen bestimmt. Nur an einer Stelle verwendet der Steinmetz einen runden, nicht gebrochenen unteren g-Bogen (vgl. genedig). Auch der rechte Abschnitt des unteren Bogens des runden Schluss-s ist nicht mehr gebrochen. Die Großbuchstaben scheinen Frakturversalien anzudeuten, sind aber noch kaum ausgeprägt und zeigen an machen Stellen lineare gebrochene Schäfte an Stelle von Schwellzügen, wie beispielsweise beim oberen Bogen des S oder bei M.

Die Gotische Minuskel, die ihren Höhepunkt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erfahren hat, bricht im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts endgültig ab.

Frühhumanistische Kapitalis

Die Frühhumanistische Kapitalis spielt als epigraphische Schrift im Bearbeitungsgebiet nur eine untergeordnete Rolle. Sie fand bloß dreimal und ausschließlich für kurze Mitteilungen – als Monogramm, Anrufung und Titulus – Einsatz. Der auffällige, auszeichnungsartige Charakter dieser individuellen Schrift zeigt sich in der Stadt Passau besonders deutlich, indem die Frühhumanistische Kapitalis allein für Inschriften von geringer Länge verwendet wurde, die sich mittels erhabener Schriftgestaltung bzw. eigens zugewiesenem Schriftfeld von den übrigen Schriftarten abgrenzen.

In unmittelbarer zeitlicher Nähe liegen die erhaben ausgeführten Inschriften am Postament des um 1500 datierten hölzernen Reliefs der Anbetung der Könige (Nr. 291, Abb. 88) und auf dem Spruchband eines steinernen Epitaphs für Georg Pernpeck von 1503 (Nr. 307, Abb. 87), welche in unterschiedlicher Weise die Spannweite der Frühhumanistischen Kapitalis verkörpern234). Während die in der Frühhumanistischen Kapitalis verfestigte Form des doppelbogigen E beiden Inschriften gemein ist, zeigen die weiteren Buchstaben des Alphabets große Variationsbreiten. Offenbart die Inschrift des Holzreliefs (Nr. 291) die grazilere Ausführungsweise mit größerem Variantenreichtum in der Konturierung der Schäfte (Schaftverbreiterungen nach außen, mäßige Verbreiterung der Bögen), der dekorativen Gestaltung (Zierstriche bei A und I, Ausbuchtung des Schrägschaftes von N, hakenförmige Sporen bei S, paragraphenförmiges Schlusszeichen) sowie bei der individuellen Formenauswahl, so rekrutiert sich die steinerne Inschrift für Georg Pernpeck (Nr. 307) weitgehend aus Formen der Kapitalis. Der nach links weisende Deckbalken des A, der oben nicht geschlossene Schaft des D, I mit Nodus sowie schmales, konisch gebildetes M mit kurzem Mittelteil erweisen sich jedoch als markante, insbesondere im frühhumanistischen Umfeld auftretende Umformungen kapitaler Buchstaben. Die Holzinschrift bereichert das auf kapitalen Grundformen basierende Buchstabenrepertoire um die nahezu schreibschriftlich ausgeführten Formen A, C, G, O, das wie in der Gotischen Minuskel gebrochene f sowie das in vor- und frühgotischer Zeit gebräuchliche runde T mit sichelförmigem Bogen.

Zwei sich von der Kontextschrift deutlich abhebende Buchstabenformen zeigen sich im Monogramm im oberen Feld eines Dreipasses auf der Grabplatte des Ehepaars Heinrich und Ursula Zimbs von 1527 (Nr. 430, Abb. 118). Mit dem unterhalb des Balkens angesetzten Nodus des H und dem zweibogigen, zweistöckigen Z erweisen sich die Formen dem frühhumanistischen Schriftfeld zugehörig.

Gotico-Antiqua

Die sog. Gotico-Antiqua ist eine Mischschrift im Minuskelbereich, die gotische und humanistische Elemente vereint. Der Begriff wurde v.a. für Druckschriften geprägt, die Formen der Rotunda und [Druckseite XLVI] Antiqua aufweisen235). In den Inschriften zeigt die Schrift in erster Linie gotische Ausgangsformen, die runder gestaltet werden. Brechungen werden reduziert. Die Schrift verliert so ihren gitterförmigen Charakter. a ist in den meisten Fällen doppelstöckig. g kann in mehreren Varianten auftreten. Schaft-s und f stehen i.d.R. auf der Zeile. Oft werden rundes d und Bogen-r verwendet. Diese gegenüber dem gotischen Schriftbild aufgelockerten Inschriften zeigen sich sehr variantenreich, wie auch schon Renate Kohn und Harald Drös betont haben236). Die Schrifttypen sind gerade im epigraphischen Bereich von verschiedenen Schriften beeinflusst. Neben der Gotischen Minuskel bzw. der Rotunda und der humanistischen Minuskel kommen bei einigen Inschriften auch Elemente aus Bastardschriften zur Geltung. Einige Mischschriften scheinen sich in ihrem Schriftbild sogar eher der Fraktur als der humanistischen Minuskel anzunähern237). Daher sollte „Gotico-Antiqua“ wohl am besten als Überbegriff für Inschriften gewertet werden, die gotische und humanistische Elemente vereinen, dabei aber einen in sich festen Formenkanon aufweisen238).

Die Gotico-Antiqua stellt ursprünglich keine epigraphische Schrift dar. Dennoch finden sich immer wieder vereinzelte Beispiele, bei denen eine derartige Mischschrift auch für Inschriften verwendet wird. Solche Einzelbeispiele sind seit der 2. Hälfte, verstärkt seit dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts, in West- und Südwestdeutschland anzutreffen. Sie fallen meist aus dem Rahmen der regionalen Inschriftenlandschaft und hängen wohl oft mit dem Auftraggeber zusammen239).

Der in diesem Band vorliegende Inschriftenbestand der Stadt Passau zeigt ein vollkommen anderes Bild, das als epigraphische Besonderheit gewertet werden darf. Hier wird in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts ein Großteil der Schriftzeugnisse in Gotico-Antiqua ausgeführt. Im ersten Jahrhundertviertel erreichen die Schriftäußerungen in Gotico-Antiqua sogar 76% des im Original erhaltenen Inschriftenmaterials. Hier kann man also keineswegs von Einzelbeispielen sprechen. In diesem Fall scheint es sich vielmehr um eine Art Modewelle gehandelt zu haben, die in erster Linie mit Passauer Werkstätten in Verbindung stand. Allen voran ist hier die des Passauer Steinbildhauermeisters Jörg Gartner zu nennen, der offensichtlich weitere Werkstätten beeinflusst hat. Diese Meister bildeten individuelle Schrifttypen aus, an Hand derer man die jeweilige Inschrift zuschreiben kann. Daneben existieren aber auch eine ganze Reihe Einzelausprägungen der Gotico-Antiqua, die zwar oft in einer gewissen Tradition stehen, aber keiner der Werkstätten zugeordnet werden können.

Frühestes Beispiel einer Gotico-Antiqua in Passau ist die Bauinschrift an der Hofkapelle von 1491240). Sie wird von Liedke Jörg Gartner zugewiesen241). Diese Zuweisung ist vom Schriftbestand her nicht hundertprozentig zu treffen. Die Formen (v.a. a, d und g) entsprechen in ihrem Grundaufbau durchaus den Formen Gartners. Die Schrift steht aber insgesamt der Gotischen Minuskel noch sehr nahe. Auffallend ist die hochrechteckige Grundform der Buchstaben, v.a. bei d und o. Vielleicht könnte man gerade in diesem Beispiel den Ausgangspunkt der Gotico-Antiqua-Welle in Passau sehen242). Sie setzt aber eigentlich erst nach 1500 ein.

Das nächste (erhaltene) Beispiel in Gotico-Antiqua folgt erst 1495243), also vier Jahre später, mit der Grabinschrift für Wilhelm von Aham (Nr. 238, Abb. 64). Es scheint durchaus in der Tradition der Bauinschrift an der Hofkapelle zu stehen. Die Schrift weist wieder die hochrechteckige Grund- [Druckseite XLVII] form bei d und o auf. Auch die Versalien werden in beiden Inschriften mit Verdoppelungen ausgestattet. Was den Vergleich etwas erschwert, ist die Tatsache, dass die Bauinschrift erhaben, die Grabschrift für Aham vertieft gearbeitet ist, die Ahamplatte darüber hinaus abgetreten und somit die Aussagekraft des Schriftprofils, v.a. bei Haarlinien, reduziert ist. Dennoch bildet die Inschrift für Wilhelm von Aham ein Bindeglied zwischen der frühesten Äußerung, der Bauinschrift, und dem Auftreten der voll ausgebildeten Gartner-Gotico-Antiqua, die zugleich den ersten fest etablierten Gotico-Antiqua-Stil für Passau darstellt. Dem Schrifttyp der Ahamgrabschrift steht die Inschrift für Dorothea Frueauf zur Seite244), die wieder die hochrechteckige Form bei d und o zeigt. Weiter ähnelt sich auch die Form der A-Initiale. Das g, das in der Inschrift für Wolfgang von Aham leider nicht vorkommt, tritt in der Inschrift für Dorothea Frueauf in zwei Varianten auf. Die Form mit dem s-förmigen Buchstabenaufbau wird später charakteristisch für die ausgeprägte Gartner-Gotico-Antiqua und für die in deren Tradition stehenden Schrifttypen. Ein solches g findet sich ebenfalls in der Bauinschrift an der Hofkapelle. Diese frühen Inschriften belegen den anfänglichen Entwicklungsprozess der Gotico-Antiqua in Passau, sind jedoch noch nicht eindeutig Gartner zuzuschreiben, da typische Ausprägungen fehlen, sich aber schon ankündigen. Man kann diese Schriftäußerungen als Anlaufphase werten.

Die Gotico-Antiqua bei Gartner weist hochovale Buchstabenkörper auf. Die Schäfte sind relativ fett; sie sind nicht mehr gebrochen, sondern enden stumpf auf der Zeile. Dieses Element und auch die Grundform des a dürften aus der Rotunda übernommen worden sein.

Das a ist einer der Erkennungsbuchstaben des Schriftstils bei Gartner245). Es besitzt einen stumpfen Schaft, von dem aus der obere Bogen als Haarstrich weit nach unten gezogen wird. Der untere Bogen ist auf ein Quadrangel reduziert, das nach links ausgezogen ist. Es ist oben nicht mit dem Schaft verbunden, wie das bei dem a der Rotunda der Fall ist. Weiterer Leitbuchstabe ist das g. Es ist s-förmig aufgebaut. Der untere Bogen ist einmal rund und beinahe geschlossen, einmal spitz gebrochen, so dass beide Bogenabschnitte nach rechts durchgebogen sind. Der obere Bogen bei Schaft-s und f ist als Fahne gestaltet. Typisch sind auch Bogenverbindungen und das runde d. Eine weitere charakteristische Form zeigt das u, das aus zwei Schäften besteht, von denen der linke unten umgeknickt ist. Das u besitzt also keinen Bogen und gleicht somit einem n. Geschwungene Elemente sind ein wichtiges Stilmerkmal bei der Gotico-Antiqua Gartners. Bei v und w wird beispielsweise der linke Schrägschaft weit ausgezogen und durchgebogen. Der Kürzungsstrich besteht aus einem einmal gewellten Balken. Zu diesem Stilmerkmal sind in gewisser Weise auch die charakteristischen Varianten des g und des runden s zu zählen, bei denen die (unteren) Bögen spitz gebrochen werden und beide Bogenabschnitte zur selben Seite hin durchgebogen sind. Ebenso treten typische geschwungene Zierstriche als Zeilenfüller auf und bereichern v.a. das Initial-A, aber auch das Initial-H: H wird in unzialer Form wiedergegeben; dem Buchstaben geht ein Zierornament voran. Der Gotico-Antiqua-Typ Gartners besitzt ein festes Versalienalphabet. Einige Buchstaben, wie M, treten in wenigen Varianten auf, wobei sowohl die häufigere Version als auch die alternative Gestaltung immer dieselben Formen aufweisen. Neben A und H werden auch C, E, F, G und I mit geschwungenen Schäften ausgeführt bzw. durch Brechungen aufgelöst und teils neu zusammengesetzt. Dagegen zeigt das M in den meisten Fällen eine kapitale Grundform, bei der der Mittellängenbereich allerdings verkürzt ist. Dieses M ist in den Bereich frühhumanistischer Schriften einzureihen. Daneben ist auch das T kapital gestaltet. Die Rolle eines Versals zweiten Grades nimmt eine einstöckige a-Form ein. Sie scheint auf den ersten Blick eine Zweitform des für Gartner typischen doppelstöckigen a zu sein, da auch das einstöckige a auf den Mittellängenbereich beschränkt ist. Bei einem genaueren Vergleich stellt man aber fest, dass dieses a bevorzugt am Beginn der Tagesdatierung246) und in der Schlussformel247) verwendet wird. Darüber hinaus steht es fast ausschließlich am Wortbeginn.

Das Schaffen Gartners kann in drei zeitliche Phasen untergliedert werden248). Ab ca. 1503 findet sich die erste Phase der Gotico-Antiqua bei Gartner, die bis ca. 1508 andauert249). Sie betrifft also im wei- [Druckseite XLVIII] testen Sinn das erste Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts. Sie ist durch rundere bewegtere Formen (v.a. g) geprägt. Kennzeichnend ist das d. Es ist spitzoval; der obere rechte Abschnitt greift über das linke obere Ende über. Die darauf folgende zweite oder mittlere Phase250) stellt eine Fortentwicklung auf die Spätphase hin dar. Diese zweite Phase lässt sich seit 1508 bis 1512/13 nachweisen. Man erkennt diesen Übergang v.a. an dem oberen freien Bogenabschnitt des runden d, der jetzt nach oben umgebogen wird. Die Spätphase251), die seit ca. 1514/1515 auftritt und bis zum Tod Gartners 1521252) beibehalten wird, zeigt ein strengeres Schriftbild. Die Buchstabenkörper umfassen nun ein längliches, schmales Oval. Leitbuchstabe ist wieder das d. Der obere Teil ist wie in der mittleren Phase umgebogen. Der Buchstabenkörper wirkt so, als ob er von zwei parallelen Schäften gebildet würde. Hinzu kommen Sporen, die nun an die Schaftenden gesetzt werden. Die Schäfte enden also nicht mehr stumpf. Auch am oberen Ende des linken Teiles des d-Bogens erkennt man einen Sporn. Eine weitere Änderung ergibt sich in der Spätphase bei den Großbuchstaben. Gartner verwendet meist Buchstabenformen, die im weitesten Sinn gotischen Grundformen entsprechen. So weist beispielsweise der typische A-Versal die Grundform eines pseudounzialen A auf. In der Spätphase Gartners finden darüber hinaus einige Großbuchstaben Verwendung, die sich stärker den klassischen Kapitalisformen annähern. So tritt vereinzelt ein M auf, dessen Mittelteil bis zur Grundlinie reicht, dessen äußere Schäfte aber senkrecht gestellt sind253). Vorher gestaltete Gartner das M als frühhumanistische Form254). Daneben findet sich ebenfalls in der Spätzeit auch ein kapitales A255), allerdings nicht als Initiale. Vereinzelt tritt in dieser Phase auch ein sog. epsilonförmiges E auf256). Diese gerade beschriebenen Phasen bilden einen Anhaltspunkt für die zeitliche Einordnung der Werke Gartners bzw. seiner Werkstatt. So kann beispielsweise das Fragment für Wandala …hofer (Nr. 346), bei dem die Jahreszahl nicht ergänzt wurde, um 1510 angesetzt werden, da die Schriftausprägung der mittleren Phase zugewiesen werden muss.

Außer Gartner gibt es noch weitere Werkstätten, die Gotico-Antiqua verwenden. Um 1520/1521 findet sich ein Typ, der sich sehr stark an Gartners Gotico-Antiqua-Formen orientiert, der jedoch in seiner Ausführung etwas ungeübt wirkt. Es lässt sich nicht feststellen, ob diese Inschriften aus Gartners Werkstatt stammen oder ob ein außen stehender Steinmetz Gartners Typ nachahmt. Vielleicht könnte diese Gruppe von Inschriften als eine Art Ausläufer der Gartner-Gotico-Antiqua interpretiert werden. Drei Inschriften lassen sich dieser Ausformung zuordnen257).

Kurz nach dem Tode Gartners 1521 tritt ein neuer Typ auf, der stark in Gartners Tradition steht. Es handelt sich hierbei um einen anonymen Meister bzw. um eine anonyme Werkstatt, die bis 1553 fassbar ist und von Ramona Epp als Zimbstyp bezeichnet wird258). Man könnte überlegen, ob es sich um einen Werkstattnachfolger Gartners handelt259). Es fällt nämlich auf, dass dieser Steinmetz in einer anfänglichen Phase260) ein d verwendet, das dem der Spätphase Gartners ähnelt. Es ist schmal oval mit den senkrechten rechten und linken Bogenabschnitten, wie sie auch in Gartners Spätphase auftreten. Ab 1530 findet man ein rund-ovales d, dessen freistehender oberer Bogenabschnitt nach rechts umgebogen ist. Dieses d kennzeichnet somit die volle Ausprägung dieses Gotico-Antiqua-Typs, da es bis [Druckseite XLIX] zur letzten für diesen Typ nachweisbaren Inschrift beibehalten wird261). Weitere Elemente, die sich allgemein an Schriftausformungen Gartners anlehnen, wären der s-förmige Grundaufbau des g, die a-Form, die an die Rotunda erinnert, der geschwungene linke Schrägschaft des v, die stumpf auf der Zeile endenden Schäfte v.a. bei f und s, die geschwungene Gestaltung des Initial-A, das in seinem Aufbau einem pseudounzialen A entspricht, und Bogenverbindungen. Jedoch unterscheidet sich der Zimbstyp eindeutig von Gartner durch stilistische Details. Leitbuchstabe ist hierfür das g, das in der Basis dem Gartner-g gleich kommt. Es präsentiert sich jedoch in einer eigenwilligen und markanten Stilisierung. Der linke Teil des oberen Bogens ist senkrecht und somit Gartners Spätphase vergleichbar. Der rechte Teil aber wird dornförmig in den Buchstabenkörper hineingezogen; der Bogen bleibt offen. Zusätzlich werden oben links und rechts zwei Ansätze hinzugefügt, die wie „Hörnchen“ wirken. Im Unterschied zu Gartner wird der untere Bogen des a durch einen Haarstrich mit dem Schaft bzw. mit dem oberen Bogen verbunden. Weiters durchkreuzt beim Zimbstyp der Balken des f den Schaft, was bei Gartner nicht der Fall ist. Das Schaft-s und f zeigen keine Fahne, sondern einen geknickten Bogen. Das w beginnt nicht mit einem geschwungenen Schrägschaft – wie bei Gartner. Hier stehen der linke und der rechte der beiden mittleren Schrägschäfte parallel nebeneinander. Der linke der beiden mittleren Schrägschäfte reduziert sich auf einen kurzen Haarstrich. Der rechte Schrägschaft ist bogenförmig. Allgemein wirkt die Schrift des Zimbstyps weiter, breiter und gerundeter als bei Gartner. V.a. das e ist auffallend rund gehalten. Die Strichstärke ist fett. Dieser Schriftstil zeigt eine gewisse Spannung, die in den widerspenstigen, eigenwilligen Formen liegt. Dem senkrechten Teil des oberen Bogens des g steht der dornförmige Abschluss des rechten Teils des oberen Bogens gegenüber. Der Steinmetz scheint bewusst eine runde weiche Form zu meiden. Runde Buchstaben wie d und o besitzen eine schräge Achse, an der die Bögen leicht spitz zulaufen. Der oben umgebogene freistehende Teil des runden d gleicht einem Widerhaken. Auch bei den Großbuchstaben lässt sich diese Spannung nachvollziehen. Das Inital-A, v.a. dessen linker Schrägschaft, wird verhältnismäßig stark durchgebogen, so dass der Buchstabe nahezu deformiert wirkt. Diese Form ist aber so beabsichtigt! Auch beim M wird der linke Schrägschaft s-förmig durchgebogen; die restlichen Schäfte sind etwas kleiner; der linke der beiden mittleren und der rechte Schrägschaft sind nur leicht gebogen und verlaufen parallel. Durch den übergewichtigen, linken Schrägschaft wirkt die Form beinahe verdreht oder verformt. Als A-Versal innerhalb der Textschrift dient sehr oft ein vergrößertes, einstöckiges Minuskel-a, bei dem der Bogen und der durchgebogene Schaft oben spitz zusammen laufen. Ansonsten treten vergrößerte Minuskeln nicht so häufig auf. Vereinzelt findet sich ein vergrößertes n als Versal262). In einigen Inschriften263) verwendet der Steinmetz ein diakritisches Zeichen über dem u, das aus zwei nach links oben leicht bogenförmig ausgezogenen Quadrangeln besteht. Es tritt jedoch nicht regelmäßig auf und wird auch bei anderen Buchstaben gesetzt, wo es offenbar ohne Funktion bleibt. So findet es sich öfter über dem y, in der Inschrift für Jakob Unger264) auch über n und über c. In diesen Fällen könnte das diakritische Zeichen auch für eine Kürzung stehen265).

Eine dem Zimbstyp stark ähnelnde Reihe von Inschriften tritt – zeitlich parallel zu Gartner – zwischen 1505 und 1513 auf266). Ob es sich hierbei um dieselbe Hand wie bei dem später verfestigenden Zimbstyp handelt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Es ist auch ungewiss, ob oder in wie weit diese Hand mit der Gartnerwerkstatt in Verbindung gestanden haben könnte. Die Schrift weist die gleichen Grundzüge auf wie Gartners Arbeiten oder der Zimbstyp. Auch hier ist die Grundform der Buchstaben oval, der g-Aufbau der eines s, der untere Bogen des a quadrangelförmig, die Schäfte enden stumpf auf der Zeile. Wie bei dem Zimbstyp ist auch hier der obere Bogen des g offen und teils dornförmig in den Buchstabenkörper hineingezogen. Der Bogen des f ist geknickt, sein Balken durchschneidet den Schaft. Das w gleicht dem des Zimbstyps. Es besitzt ebenfalls die zwei parallelen Schrägschäfte. Charakteristisch für diese Schriftgruppe scheint zu sein, dass der p-Schaft unter der Grundlinie spitz zuläuft, leicht nach links schwingt und kurz gehalten ist. Die Schrift unterscheidet sich also vom Zimbstyp, obwohl sie große Ähnlichkeit mit ihm besitzt. Sie ist insgesamt gestreckter. Sie wirkt teils auch noch etwas unbeholfen. Ob es sich hierbei um eine Art Frühphase des später erst ausgeprägten Zimbstyps handelt, ob dieser Steinmetz gar in der Gartnerwerkstätte gelernt hat und somit dieser zuzurechnen ist, muss offen bleiben.

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Ab 1549 erscheint in Passau eine weitere Werkstatt mit einer Gotico-Antiqua, die nicht mehr so stark an Gartner erinnert, nämlich der Brunhofertyp267). Gerade die früheren Inschriften dieser Ausprägung268) unterscheiden sich in dem wesentlichen Merkmal, dass das g nicht s-förmig, sondern 3er-förmig aufgebaut ist. Erst ab 1552 übernimmt der Steinmetz die s-förmige Variante, die aber im Aussehen weitgehend seiner vorhergehenden Form ähnelt269). Die Grundform der Buchstaben ist spitzoval und breit. Somit wirken die Buchstabenkörper viel runder als bei Gartner oder bei dem Zimbstyp. Der untere Bogen des g ist ebenso runder. Am oberen Bogen ist rechts oben ein Haken angesetzt. Die g-Form scheint sich stark an dem g mit dem sichelförmigen unteren Bogen, wie es für die humanistische Minuskel typisch ist, zu orientieren. Der Buchstabenaufbau unterscheidet sich aber von der humanistischen Form. Durch dieses g und durch die runde Gestaltung erinnert hier das Schriftbild viel stärker an humanistische Schriften als z.B. bei Gartner. Hinter Gartners Schrift steht noch stärker der gotische Formenkanon. Noch eindeutige gotische Elemente sind bei dem vorliegenden Schrifttyp die geknickten Bögen bei e, f und Schaft-s sowie das runde d. Auch der auf ein Quadrangel reduzierte, untere Bogen des a weist auf gotischen Ursprung hin. Mit den Großbuchstaben verhält es sich ähnlich wie bei den Vorgängertypen: Es werden im weitestgehenden Sinn gotische Großbuchstaben mit Kapitalis, die nicht klassisch ausgeprägt ist, vermischt. Der Mittelteil bei M ist leicht verkürzt, die G-Cauda besitzt einen Balken, A weist einen Deckbalken auf usw. Als gotischer Buchstabe muss auf jeden Fall ein links geschlossenes, unziales M bezeichnet werden. Jedoch scheint es so, dass immer mehr kapitale Formen überwiegen und sich die Gotico-Antiqua auch in diesem Punkt der humanistischen Minuskel annähert270). Mit diesem Typ endet die Verwendung der Gotico-Antiqua in Passau. Die letzten Inschriften von diesem Steinmetz stammen aus dem Jahr 1554.

Neben diesen größeren Inschriftengruppen bzw. Werkstätten bietet das Inschriftenmaterial in Passau Einzelfälle, die der Gotico-Antiqua zugeordnet werden müssen, die aber keiner Werkstatt zugewiesen werden können271). Die Palette reicht von Schrifttypen, die ganz offensichtlich in der Tradition Gartners stehen und bei denen man evtl. sogar überlegen muss, ob es sich hierbei um Schüler o.ä. handelt272), über Inschriften, die offensichtlich in Zusammenhang mit anderen Werkstätten stehen oder sich zumindest an einer gewissen Passauer Tradition zu orientieren scheinen273), bis hin zu Schriften, die vollkommen unabhängig von Gartner und den anderen Werkstätten ausgebildet sind und bei denen sich beinahe die Frage stellt, ob sie überhaupt der Gotico-Antiqua zuzuordnen sind274). Die Beispiele der ersteren Gruppe bewegen sich im weitesten Sinn um das Jahr 1520. Sie spiegeln besonders in Details den Schriftstil Gartners wieder, so v.a. bei der Gestaltung des oberen und unteren Bogens des a und der Versalien, beim Aufbau des g, bei der Verwendung der Fahne bei Schaft-s und der stumpf endenden Schäfte. Eine möglicherweise bestehende Beziehung dieser Hände zur Werkstatt Gartners kann nicht genauer nachgewiesen werden, insbesondere auch wegen der Tatsache, dass sich in Passau bestimmte Tendenzen allgemein halten und sich zu einer gewissen Tradition verfestigen. Diese manifestiert sich wiederum in Merkmalen, die bereits bei Gartner auftreten, seinen Stil jedoch nicht (mehr) derart detailliert zu kopieren versuchen. Die relevanten Charakteristika sind der s-förmige Aufbau des g, stumpfe Schäfte, doppelstöckiges a mit meist gebrochenem unteren Bogen, Verwendung von rundem d und – oft – pseudounzialem A. Diesem Erscheinungsbild stehen einzelne Schriftzeugnisse gegenüber, die aus dem gegebenen Rahmen fallen. Sie zeigen einen – auch untereinander – sehr kontrastreichen Formenkanon, das Schriftbild demonstriert u.U. einen Extremzustand. Es kann entweder sehr breit und rund275) oder äußerst gestreckt und schmal276) auftreten. Keiner dieser Fälle ist einer reinen Schrift – wie der Gotischen Minuskel, der humanistischen Minuskel oder der Fraktur – zuzuweisen. Oft umfassen sie mehr oder weniger Eigenarten von mehreren zeitgenössischen Schriften, nämlich gotischer bzw. frühneuzeitlicher, und gehören somit in den Bereich der Gotico-Antiqua.

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Diese Erscheinung von Mischschriften, die ihre Formen zunehmend nicht nur aus der Gotischen Minuskel bzw. Rotunda und humanistischen Schriften schöpfen, sondern bei der auch Bastardschriften eine größere Rolle zu spielen beginnen, setzt sich in einer weiteren Schriftausprägung fort. Der Schrifttyp tritt zwischen 1536 und 1553 auf277) und kann als Derrertyp bezeichnet werden278). Es handelt sich um eine Mischschrift, bei der Bastardelemente wie das einstöckige a oder das kursive s auftreten. Teils scheinen auch die unteren Schaftenden bei f und s leicht unter die Zeile zu gehen bzw. nach unten hin spitz zuzulaufen. Man könnte in diesem Fall mit einem Begriff „Gotische Minuskel mit Elementen der Fraktur“ operieren, wenn nicht in zweien der Beispiele ein doppelstöckiges a mit runden (!) Bögen auftreten würde279). Weiter fallen ungewöhnliche Nexus litterarum wie z.B. die Verbindung von g und e auf280). Gleichzeitig mit diesem Derrertyp erscheinen Schriftäußerungen, die bereits als Vorform der Fraktur gewertet werden können281).

Kapitalis

Die früheste Kapitalis der Stadt Passau überliefert die Grabinschrift des Kanonikers Leonhard von Seiboldsdorf aus dem Jahre 1518 (Nr. 382, Abb. 15). Das Layout der Schrift mit den sich treppenförmig nach unten abstufenden Zeilen und auch die Ausführung der Kapitalisformen dokumentieren hohes handwerkliches Können. Aufgrund der schmalen Proportionen, der überwiegend uniformen Strichgestaltung der Buchstaben sowie der markant ausgeführten Sporen ist die Kapitalis jedoch weit vom Kanon der römisch antiken scriptura monumentalis entfernt282). Davon zeugen insbesondere auch die Buchstaben A mit spitz zulaufenden Schrägschäften und dreieckigem Spornaufsatz, M mit senkrechten Schäften und oft geringfügig eingezogenem Mittelteil, N mit eingezogenem Schrägbalken, die gerade abgestreckte Cauda des R sowie die ausgebuchteten Kürzungsstriche. Als auffällig erweisen sich zwei verkleinerte I, die anderen Buchstaben unter- bzw. übergestellt sind. Die Handschrift jenes Steinmetzen belegen drei weitere Grabinschriften und eine Bauinschrift aus der Zeit von 1522 bis 1530, die in bewusster Abkehr vom Ideal der klassischen Kapitalis das Schriftbild mit antiklassischen Elementen bereichern283). Als immer wiederkehrende, charakteristische Buchstabenform ist das A mit Sporn zu nennen, dessen nach unten weisende Dreiecksspitze – mal mit, mal ohne schmalem senkrechten Verbindungsstrich – die spitzen Schrägschäfte bekrönt. Ein übermäßiger Reichtum an Enklaven sowie Über- und Unterstellungen von Buchstaben prägen das optische Bild der Grabinschriften Nr. 416 (Abb. 122), 418 (Abb. 14) und 445 (Abb. 129), wobei bei erstgenanntem Beispiel der Einsatz von zahlreichen Nexus litterarum die individuelle graphische Erscheinung der Schrift noch zu steigern vermag. Zum unruhigen, hypotrophen Gesamtbild tragen in Nr. 416 auch die Buchstaben B mit getrennt zum Schaft führenden Bögen und R mit weit innen am Bogen ansetzender, geschwungener Cauda bei. Dieser Gruppe von Schriften ist wohl auch die stark verwitterte Grabinschrift Nr. 456 hinzuzufügen, die zwar gänzlich auf Enklaven und Nexus litterarum zu verzichten scheint, sich u.a. aber auf dieselbe Art der Strichstärkegestaltung, auf die markante A-Form und das N mit eingezogenem Schrägbalken berufen kann. Neben dem M mit senkrechten Schäften bezeugt die Inschrift auch die klassische Variante des M mit Schrägschäften.

Die schmalen, enggestellten Kapitalisbuchstaben der aus fünf Worten bestehenden christlichen Losung mit Stifterinschrift auf der Grabplatte des Ehepaars Wolfgang (†1515) und Ursula Käser (†1527) (Nr. 369, Abb. 107), zeichnen sich durch uniforme Strichstärkengestaltung, spitzes A mit nach links weisendem Deckbalken, ausgebuchtete I- und H-Formen, M mit Schrägschäften und kurzem Mittelteil sowie durch die unterschiedlichen Gestaltungsweisen der R-Cauden aus. Jenen, die Kapitalis verfremdenden Buchstaben, welche in Passau vornehmlich in dem begrenzten Zeitraum der Ausprägung der Frühhumanistischen Kapitalis und der Frühphase der Renaissance-Kapitalis Einsatz finden, stehen Kriterien einer zeitlich fortgeschrittenen Kapitalis gegenüber. Die Ausführung von [Druckseite LII] I-Punkten und vergrößerten Anfangsbuchstaben, die in der Passauer Kapitalis erstmals 1527 bzw. 1531 belegt sind, lassen letztendlich an einen Nachtrag zu der in Gotico-Antiqua ausgeführten Grabinschrift denken, der nach 1527 und wohl zeitgleich mit der Ergänzung des Todesdatums der Ehefrau des Verstorbenen vorgenommen wurde.

Ebenfalls eine Durchmengung mit Formen aus dem Repertoire der frühhumanistischen Schriften offenbart die Kapitalis auf dem nur mehr photographisch überlieferten Epitaph des 1527 verstorbenen Kanonikers Ludwig von Ebm (Nr. 434†, Abb. 124). Offenes kapitales D, konisches M mit stark verkürztem Mittelteil und retrogrades N innerhalb einer in nahezu von einheitlicher Kontur geprägten Kapitalis kontrastieren mit klassisch geprägten G- und R-Formen. Der Dualismus der Formen setzt sich fort in den Kürzungsstrichen, die in gerader und ausgebuchteter Ausprägung vorliegen. Neben dem ersten zeitlich gesicherten Nachweis der I-Punkte tritt mit einer schrägovalen Variante des O – das links stürzende (gekippte) O – erstmals eine zukunftsträchtige Form in die Kapitalis der Stadt Passau. Das links stürzende O, welches deutlich aus dem Schriftbild der Kapitalis hervorsticht, kennzeichnet aber erst eine Generation später eine Gruppe inhomogener Kapitalisschriften aus der Zeit von 1546 bis 1561284). Die Inschriften sind bereits von einem systematischen Haar- und Schattenstrichwechsel erfasst, der mit Ausnahme von Nr. 505 und 532 in klassischer Manier die Linksschrägen betont285). Spitzes A, R mit den im Bearbeitungsgebiet nicht allzu häufig belegten stachelförmigen Cauden sowie M mit geraden Schäften und nicht bis zur Grundlinie herabgeführtem Mittelteil bilden – soweit sie in den dortigen Alphabeten ausgewiesen sind – einen gemeinsamen Formenschatz.

Die dreißiger Jahre des 16. Jahrhunderts weisen unterschiedliche Schreibweisen der Kapitalis aus, die sich nach wie vor verfremdender Buchstabenformen, Enklaven oder Nexus litterarum bedienen. Gegenüber den kapitalen Grundformen treten die alternativ gebrauchten, verfremdenden Formen jedoch stark zurück. Die Grabinschrift des Kanonikers Thomas Ramelsbach von 1531 (Nr. 447, Abb. 130) knüpft im Schriftstil an die Grabinschrift des Ludwig von Ebm von 1527 an, wie das spitze A, die I-Punkte, das konische M mit kurzem Mittelteil, das retrograde N und die enge parallele Führung gegenüberstehender Schrägschäfte zweier aufeinander folgender Buchstaben – insbesondere bei AV – verdeutlichen. Die Zweitform des A in spitzer Bildung mit nach links weisendem Deckbalken, G mit weit einragender Cauda, R mit einigen Varianten der geschwungenen Cauda sowie zahlreiche Enklaven verleihen der Schrift jedoch ihre eigene Prägung. In der Kapitalis der Stadt Passau lassen sich hier erstmals vergrößerte Buchstaben gesichert nachweisen. Vom Ideal der klassischen Kapitalis weit entfernt sind die Grabinschrift für den bischöflichen Rat Hans Esterreicher (†1531) (Nr. 449, Abb. 131) und die Gedenkinschrift für den Kanoniker Hieronymus Meiting von 1535 (Nr. 464, Abb. 135) mit uniformer Strichstärkegestaltung, schmal proportionierten, eng gedrängten Buchstaben und diversen Einzelformen286). Die Grabinschrift für Elisabeth Spies von 1532 (Nr. 453, Abb. 134) verkörpert hingegen in Proportion und Strichstärkegestaltung klassische Diktion. Die stachelförmige Cauda ist beim Buchstaben Q und weitgehend auch beim Buchstaben R verwirklicht. E mit bisweilen stark verkürztem Mittelteil, M mit streng senkrechten Schäften und die Setzung von I-Punkten dokumentieren deutlich die zeittypischen Merkmale der Renaissance, die hohe Anzahl an Enklaven und Nexus litterarum hingegen führt die Tradition der frühen Kapitalisschriften in Passau fort. Individuelle Züge sind im E mit teilweise kurvenförmig ansteigendem, unteren Balken sowie in den in der Senkrechte zapfenartig ausgezogenen Sporen auszumachen.

Mit dem Jahr 1552 versehen, doch möglicherweise bis zu zwei Jahrzehnte später entstanden, liegt in der Gedenkinschrift für Karl I. von Ortenburg (Nr. 633, Abb. 161) eine weitestgehend dem Ideal der klassischen Kapitalis entsprechende Schriftgestaltung vor. Die Strichstärkenverteilung, die spitze A-Form, die ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts fast vollständig das Bild der Kapitalis in Passau bestimmt, M mit leicht schräg gestellten Hasten und bis zur Grundlinie hinabgeführtem Mittelteil und auch der konstante Gebrauch des R mit stachelförmiger Cauda dokumentieren ebenso wie der Einsatz von doppeltem V anstelle von W, die Hervorhebung der römischen Zahlzeichen mittels Überstreichung und die drastische Reduzierung der Nexus litterarum ausschließlich auf die Verbindung AE die deutliche Hinwendung zur Antike. Abweichungen bleiben auf die Alternativ- [Druckseite LIII] form des M mit geraden Schäften und gelegentlich leicht verkürztem Mittelteil, die quadratischen Worttrenner und die ausgebuchteten Striche sowie die zeittypischen Elementen der Renaissance – vergrößerte Buchstaben, quadratische I-Punkte und Interpunktion – beschränkt. Im selben örtlichen Kontext finden sich vier weitere Inschriftentafeln der Grafen von Ortenburg, die im Zeitraum von 1560 bis 1573 entstanden sind und ansehnliche Leistungen einer klassisch orientierten Kapitalis bekunden287). Die im schlichten Aufbau der Tafel und des einleitenden Formulars beruhenden Gemeinsamkeiten der Gedenkinschriften der von Ortenburg setzen sich trotz einheitlichen Layouts nur bedingt in der Gestaltung der Schrift fort. In der klassischen Ausrichtung der Schrift und in der Qualität der Ausführung nimmt die Gedenkinschrift Karls I. von Ortenburg die Spitzenposition unter den Gedenktafeln ein, mit der sich einzig die Inschrift für Anton von Ortenburg (†1573) (Nr. 637) zu messen vermag.

Nach der Mitte des 16. Jahrhunderts setzt sich in der Kapitalis der Stadt Passau zunehmend die klassische Manier der Haar- und Schattenstrichgestaltung mit betonten Linksschrägen durch. Bereits in den 50er Jahren dokumentiert die Kapitalis auf Epitaphien (Nr. 539, 554, 564) gegenüber der auf anspruchsloseren Grabtafeln durchweg den klassischen Strichstärkewechsel. Zu den nichtklassischen Elementen der Epitaphinschriften zählen innerhalb der breit proportionierten Kapitalis des Epitaphs für die Dompröpste Christoph und Urban von Trenbach von 1552 (Nr. 539, Abb. 156) A mit Sporn, M mit geraden Schäften, Q mit kurzer und R mit geschwungener Cauda, innerhalb der schmalen Kapitalis des Epitaphs für den Kanoniker Johann von Kienburg von 1555 (Nr. 554, Abb. 158) G mit weit einragender Cauda sowie R mit geschwungener Cauda und innerhalb der etwas klobig gestalteten Kapitalis des Epitaphs für den Weihbischof Heinrich Kurz von 1557 (Nr. 564, Abb. 166) G mit vom Bogen abgesetzter rechtwinkeliger Cauda, N mit unter der rechten Haste auslaufendem, gelegentlich geschwungenen Schrägbalken sowie rechts geneigtes S.

Schöne, klassisch geprägte Kapitalisschriften zeigen sich auch in den Bau- und Wappeninschriften der Passauer Bischöfe Wolfgang von Salm von 1552 (Nr. 541) und dessen Amtsnachfolger Wolfgang von Klosen von 1556 bzw. 1557 (Nr. 560, 565), die gemäß den antiken „Schriftvorbildern“ neben dem alleinigen Gebrauch des R mit stachelförmiger Cauda erstmals das konische M mit zur Grundlinie reichendem Mittelteil zur alleinigen Grundform erhoben haben.

Zwei Grabinschriften für die Priester Johann Prezner (Nr. 567, Abb. 169) und Stephan Tuitisch (Nr. 569), beide von 1558, zeichnen sich optisch eindrucksvoll durch die gemeinsame Initiale A in dem die Inschrift einleitendem Wort „ANNO“ aus. Jene gegenüber der Textschrift vergrößerte und kursiv gesetzte Initiale, die nicht dem Kapitalisalphabet entstammt, weist die Form eines doppelrunden A auf. Die weiteren Gemeinsamkeiten liegen in dem dreieckig ausgebuchteten Kürzungsstrich, den verkleinerten, eingestellten Buchstaben, den auffälligen Proportionsschwankungen des Buchstabens O sowie dem R mit abwärts gebogener Cauda. Die Herstellung beider Inschriften in derselben Werkstätte ist überaus wahrscheinlich, trotz offensichtlicher Unterschiede in der Gestalt einzelner Buchstabenformen.

Für die Kapitalis dreier Epitaphien aus der Zeit von 1569 bis 1571 bilden vornehmlich die Interpunktionszeichen den geringsten gemeinsamen Nenner. Die stark verwitterte Grabinschrift für Erasmus Nützel von 1569 (Nr. 609) lässt an einigen Stellen noch den rhombischen I-Punkt erkennen, an dessen rechter Seite ein kreisförmig über den Punkt geführtes Häkchen ansetzt. Gemeinsam mit dem V, das – unabhängig vom Gebrauch des Lautwerts – über dem linken Schrägschaft zwei rechtsschräge Striche kennzeichnen, sind diese Besonderheiten auch in den Beischriften des Epitaphs des Ehepaars Wolf von 1570 (Nr. 610, Abb. 162) und den Inschriften am Epitaph des Kanonikers Konrad Arzt von 1571 (Nr. 622, Abb. 172) nachzuweisen. Weitere Übereinstimmungen bestehen in der unter die Grundlinie verlängerten geschwungenen Cauda des R und der in den kapitalen Grabinschriften auftretenden Kürzung für „O(BIIT)“, mit einem das O durchschneidenden, auffällig geschwungenen, diagonalen Kürzungsstrich.

Die Kapitalis der auf 165 Inschriftenfelder aufgegliederten Scheingräberwand der Familie Trenbach (vor 1572) (Nr. 628, Abb. 177) lässt innerhalb einer weitgehend vereinheitlichten Werkstattschrift, die überwiegend auch die Schriftnachträge bis in 90er Jahre des 16. Jahrhunderts mit einschließt, nur mehr geringe Varianten in der Gestaltung von Buchstabenformen, Sporen und Interpunktionszeichen zu. Die Diskrepanz zwischen schmalen Haarstrichen und fetten Schattenstrichen jener gemalten Kapitalis ist größer als in den in Stein gemeißelten Inschriften. Dem klassischen Strichstärkewechsel entziehen sich einzig die Buchstaben H, V und W, die Mittelbalken bzw. Rechtsschrägen betonen. Anstelle von Sporen werden Schäfte und Bögen meist von linearen Zierstrichen [Druckseite LIV] abgeschlossen. Die oberen, linksschräg angesetzten, haarstrichartigen Serifen bei C, E, G und S können bisweilen durch wellenförmige Serifen ergänzt oder ersetzt werden. Erstmals in den Inschriften der Stadt Passau nachweisbar ist das G mit links vom unteren Bogenende eingerückter, kleiner Cauda. E mit stark verkürztem Mittelteil, M mit kurzem Mittelteil und R mit geschwungener Cauda haben durchwegs ein nichtklassisches Erscheinungsbild. In gelegentlichen Varianten von B und R führen Bögen und Cauden getrennt zur Haste. Zu den Fremdformen im Kapitalisalphabet zählen unziales E mit verkürztem Mittelbalken sowie Bogen-r, die jeweils einmalig als Nebenformen auftreten. Die Einstellung von Buchstaben unter die Balken vergrößerter Lettern, die Verwendung gleichartiger arabischer Zahlzeichen sowie Kürzungs- und Worttrennungszeichen in Punktform und in Gestalt eines „gekippten H“ binden die teilweise auf unterschiedlicher Niveauhöhe stehenden Kapitalisschriften zusammen. Singulär bleiben die aus den Balken von F bzw. H hervorgehenden schlaufenförmigen Kürzungszeichen für „F(RAV)“ bzw. „H(ERR)“.

Vornehmlich durch die Art der Buchstabenkonturierung macht die Kapitalis der Grabinschrift für Weihbischof Michael Englmair von 1569 (Nr. 607) auf sich aufmerksam, deren auf der Grundlinie verlaufende Balken aufgesetzte Schwellungen aufweisen. Unter den Buchstabenformen lässt sich nur mehr das G mit rechtwinkeliger Cauda von den zeitgleichen Kapitalisschriften der Stadt Passau abheben.

Für die Kapitalis ab dem fortgeschrittenen letzten Viertel des 16. Jahrhunderts bis zur oberen Bearbeitungsgrenze ist eine zunehmende Abkehr von antiken Schriftvorbildern kennzeichnend. Gerade M-Formen mit und ohne verkürztem Mittelteil und R mit geschwungener Cauda gehören in dieser Periode förmlich zum Standardrepertoire der Kapitalis. Einen extremen Pol zur antiken Kapitalis nimmt aus Passauer Sicht die Inschrift am Epitaph des Kanonikers Friedrich von Haidenreich von vor 1580 (Nr. 661, Abb. 187) ein, die eine Vielzahl an Nexus litterarum aufweist mit oftmals kuriosen Bildungen und Verschmelzungen von bis zu vier aufeinander folgenden Buchstaben. Die Einzelformen entsprechen nicht klassischen Maßverhältnissen, M mit geraden Schäften und kurzem Mittelteil zählt zu den schmalsten Buchstaben des Alphabets, dem E mit ausladendem unteren Balken als einer der breitesten Buchstaben gegenübersteht. Die Grabinschrift für die Ehefrauen des Christoph Gindesreiter von 1634 (Nr. 829, Abb. 214) ist ebenfalls weit vom antiken Schriftideal entfernt. Uniformer Strichstärkewechsel, enggestellte Buchstaben sowie vergrößerte Wortbeginne und verkleinerte arabische Zahlzeichen vereinen sich mit vielen Nexus litterarum und den Initialen B, D und K, die gegenüber den gleichnamigen Formen aus der Textschrift nur mit dem Schaft nach oben verlängert wurden, zu einem eigentümlichen Gesamtbild. Das vermehrte Auftreten von verfremdenden Einzelformen ist nach der von frühhumanistischen Schriften beeinflussten Periode erst wieder ab den 90er Jahren des 16. Jahrhunderts feststellbar. In der Inschrift auf der Grabplatte der Niedernburger Äbtissin Kunigunde von Puchberg von 1594 (Nr. 703, Abb. 185) finden B mit getrennt zur Haste verlaufenden Bögen und X mit geschwungenem rechten Schrägschaft als Alternativformen allerdings nur zaghaften Einsatz. Die Kapitalis der Bauinschrift des Kanonikers Rudolf von Pötting von 1629 (Nr. 818) verwendet neben X mit geschwungenem rechten Schrägschaft ferner spitzes A mit gebrochenem Mittelbalken und G mit gespaltener Cauda. Am Ende der Bearbeitungsgrenze stehen mit den Grabinschriften für den Kanoniker Anton Jakob Fugger von 1650 (Nr. 882, Abb. 210) und dem Hofkaplan Leonell Socyro von 1656 (Nr. 901) zwei weitere, in mehreren Einzelformen auffällige Beispiele der Kapitalis. Die Inschrift für Graf Fugger verwendet erstmals Schaft-s in der S-Verdoppelung, darüber hinaus eine der Gotischen Minuskel ähnliche Form des Y neben dem bereits eingeführten A mit gebrochenem Balken. In der Inschrift für den Hofkaplan Socyro findet sich eine weitere, ungewöhnliche Variante des Y sowie Q mit in den Bogen einschneidender, gewellter Cauda; in B und R werden Bogen wie Cauda getrennt zur Haste geführt.

Eine besondere Art der Verwendung der Kapitalis ergibt sich im Kontext der Frakturschriften, indem lateinische Begriffe oder lateinische Zahlzeichen innerhalb deutschsprachiger Texte gerne in kapitaler Schreibweise ausgeführt wurden. Hervorhebungen einzelner Worte in Kapitalis lassen sich im Inschriftenwesen der Stadt Passau erstmals 1589, in der Grabinschrift des Thomas Stier (Nr. 689), belegen288).

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Fraktur

In der Stadt Passau ist ein reiches Material aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vorhanden, bei dem mit Formen experimentiert wird, was bereits die Beispiele in Gotico-Antiqua und auch in Kapitalis gezeigt haben. Parallel dazu treten seit den dreißiger Jahren Schriften auf, die ins Vorfeld der Fraktur einzureihen sind, bei denen aber typische Elemente wie Schwellschäfte noch nicht vorhanden sind. Das früheste derartige, in Passau erhaltene Beispiel stammt aus der Zeit kurz vor 1534 und befindet sich auf der Grabplatte für Hans Gessl (Nr. 461, Abb. 132). Die Schrift ist noch durchgehend von Brechungen bestimmt, wobei aber Bögen bereits ohne Brechung ausgeführt und oval geformt sind. Das a ist durchwegs einstöckig. Die Schäfte von f und Schaft-s gehen leicht unter die Grundzeile, sind aber noch nicht pfahlförmig, wie es in einer ausgeprägten Fraktur üblich ist. Dieser Ausformung können vier weitere zugeordnet werden289). Bei allen stehen f und Schaft-s noch beinahe auf der Zeile und laufen nach unten hin spitz aus. Sie zeigen ein gebrochenes einstöckiges a und ein kursives s. Für diese Beispiele scheint es eine Art Entwicklung zu geben, deren Ursprung wohl in dem sog. Derrertyp, der noch der Gotico-Antiqua zugeordnet wird, zu suchen ist. Wie an entsprechender Stelle bereits beschrieben, schwankt die Schrift des Derrertyps in ihrer eindeutigen Formgebung. Diese Unentschlossenheit artikuliert sich in erster Linie beim a, das in einigen Fällen doppelstöckig mit runden Bögen geformt und somit stärker der Gotico-Antiqua verhaftet ist, an anderen Stellen ein gebrochenes einstöckiges a aufweist. Die Schäfte bei s und f sind linear und enden stumpf auf der Zeile, wie bei den anderen Gotico-Antiqua-Schriften. Bei der Grabplatte für Wolfgang Haytzinger (†1540, Nr. 479, Abb. 136) erscheinen sie jedoch am unteren Ende beinahe zugespitzt. Auch das g besitzt nicht mehr den für den Passauer Formenkanon der Gotico-Antiqua typischen s-förmigen Aufbau. Es scheint sich hier etwas vorzubereiten, was dann bei der Inschrift für Wolf Huber (†1553, Nr. 544, Abb. 149) stärker heraustritt und sich in den oben beschriebenen Zeugnissen langsam fortzusetzen beginnt. Die Inschrift für Hans Gessl stellt dabei in Hinblick auf dessen zeitliche Einordnung einen Sonderfall dar, entspricht jedoch in ihrer Formenausprägung weitestgehend der Grabschrift für Wolf Huber, gegenüber dem sie beinahe ausgereifter wirkt. Diese Beobachtungen sind als Vorstufe einer frühen Fraktur zu werten. In wie weit sich diese frühen Frakturinschriften direkt aus dem Derrertyp entwickeln bzw. mit dessen Werkstatt zusammenhängen, kann nicht geklärt werden.

Parallel zu den Schriftgestaltungen im Umfeld der Inschrift des Hans Gessl finden sich in den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts zwei weitere Inschriften, die in das Vorfeld bzw. in die Frühzeit der Fraktur einzuordnen sind. Es sind dies die Grabplatten für Georg Scherhuber (†1541, Nr. 484, Abb. 141) und das Fragment für Apollonia Schätzl (†1547, Nr. 506, Abb. 146). Die Schrift ist im Mittellängenbereich sehr gestreckt. Die Schäfte sind nicht streng gebrochen wie in der Gotischen Minuskel, sondern meist leicht gebogen und auf der Grundlinie oft verdickt und nur andeutungsweise gebrochen. Somit treten auch hier noch keine typischen Schwellschäfte auf. Durch die gebogenen Hasten erweckt die Schrift einen leichten und bewegten Eindruck, die Bögen bekommen eine ovale Form. Merkmale, die auf die Fraktur deuten, sind einstöckiges a, f- bzw. s-Schaft, die unter die Zeile reichen, spitz gebrochener Bogen und rechter Schaft bei n und die in Ansätzen mandelförmigen Buchstabenformen v.a. bei o.

Eine dem Schriftbild dieser Vorformen der Fraktur noch ähnliche Inschrift, die aber im Mittellängenbereich ziemlich gestreckt ist und bei der die s-Schäfte in Ansätzen durch Schwellzüge wiedergegeben werden, ist die Grabplatte für Sigmundt Heillingmair (†1564, Nr. 590).

Ein Beispiel einer Fraktur mit Elementen der Gotischen Minuskel erscheint in der Grabplatte für Augustin Schmidberger (†1550, Nr. 519, Abb. 154). Die Schrift umfasst einstöckiges a, mandelförmiges d und o, g mit einem kleinen dünnen, unteren Bogen, f und Schaft-s stehen aber gebrochen auf der Zeile, wie es für die Gotische Minuskel üblich ist, und weisen noch keinen Schwellschaft auf. Elemente, die wiederum stark an die Fraktur erinnern, wären das Bogen-r, das durch zwei gegenläufig übereinander gesetzte Bögen ausgedrückt wird, die Bögen bei f und Schaft-s, die v.a. in der Verdoppelung weit ausgreifen und teils in einem Quadrangel enden, und n bzw. m mit spitz gebrochenen Bögen und rechtem Schaft.

Ein weiteres Einzelbeispiel, das der Fraktur zuzuordnen ist, von den Proportionen und den Brechungen her aber noch stark an eine Gotische Minuskel erinnert, ist die Inschrift für Martha Hinterreiter (†1567, Nr. 599, Abb. 148). Das einstöckige a ist stark gebrochen; der Bogen ist durch einen senkrechten Schaft ausgedrückt. Es sind noch keine mandelförmigen Buchstabenkörper zu finden. f und Schaft-s besitzen pfahlförmige Schäfte, die aber nur leicht unter die Zeile reichen.

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Eine Inschrift, die keinem verfestigten Typ zuzuweisen ist, findet sich auf der Grabplatte für Emeram und Karl von Fraunberg (†1558, Nr. 570, Abb. 183). Sie zeigt eine erhabene Fraktur, die durch ihre Oberlängenschlaufen bei l, b und h auffällt. Sie verleihen der Schrift einen schreibschriftlich gefärbten Charakter. Die Schrift umfasst typische Merkmale der Fraktur wie einstöckiges a, f und s, deren pfahlförmige Schäfte unter die Zeile reichen, und spitzovale Buchstabenkörper. Sie sticht aber aus dem Passauer Inschriftenmaterial heraus290). Schreibschriftliche Züge enthält außer dieser Platte nur das Fragment für einen Paul und mehrere Kinder in St. Paul (16. Jh., Nr. 729). Auf Grund seines schlechten Erhaltungszustandes kann es nicht näher untersucht werden.

Die laut Datierung im Text älteste Frakturinschrift in Passau befindet sich auf dem Epitaph für Panthaleon und Hans Moritz von Trenbach (†1517, Nr. 378, Abb. 111). Bedenkt man jedoch, dass die wegweisenden Werke in Fraktur im Bereich des Buchdrucks291) erst um diese Zeit entstanden, kann das Grabmal nicht zeitgenössisch sein. Bei der Inschrift handelt es sich um eine ausgereifte Fraktur. Ebenso fällt die typische Form des Epitaphs, bestehend aus einem zentralen Relief mit religiöser Darstellung in Architekturrahmen, darunter die Verstorbenen in betender Haltung und die Grabschrift, darüber das Wappen, aus dem Stil dieser Zeit. Derartige Ensembles treten erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf. Es ist wahrscheinlich, dass das Epitaph unter Fürstbischof Urban von Trenbach (1561–1598) als Gedenkinschrift angefertigt wurde, da die beiden Verstorbenen seine Vettern waren.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, v.a. ab den sechziger Jahren, nimmt die Verwendung der Fraktur rasant zu, so dass sie nach 1550 gute 40 % ausmacht, im letzten Viertel nochmals zulegt (63%), um sich dann in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts bei 60% einzupendeln. Das bedeutet, dass die große Masse der Inschriften in Fraktur geschrieben wird. Die oft sehr stereotyp gehaltenen Schriftformen erlauben kaum eine Gliederung in Gruppen. Trotzdem lassen sich grobe Tendenzen erkennen.

Seit den sechziger Jahren des 16. Jahrhunderts bildet sich ein Grabmaltyp aus, der an die gotische Grabplatte anschließt, nun aber Fraktur verwendet. Es handelt sich um einfache rechteckige Platten. Es scheint so, dass für diese eher „länglichen“ Platten auch eine „längliche“ Fraktur verwendet wird. In den letzten beiden Jahrzehnten des 16. und in den ersten beiden des 17. Jahrhunderts scheint sich dieser Typ zu verfestigen und weist in Schrift und Gestaltung der Platten Ähnlichkeiten auf. Bei den sieben betroffenen Inschriften292) umfasst die Platte einen relativ langen Text, der unten durch ein rundes Medaillon mit Wappenrelief ergänzt wird. Sehr oft wird das Medaillon von einem ornamental-floralen Rahmen umsäumt. Bei diesem sehr gestreckten Typ einer Fraktur sind auch die Bögen gebrochen, also nicht mandelförmig. Der Mittellängenbereich ist hier meist noch gestreckt und gebrochen, wie man ihn von der Gotischen Minuskel kennt. f und Schaft-s sind gerade und gehen spitz unter die Zeile, wobei die Schwellung am Schaft sehr zurückhaltend ausgebildet ist; die Strichbreite ist insgesamt eher linear. Der untere g-Bogen holt zunächst etwas nach rechts aus und wird dann in einer leicht geschwungenen, waagrechten Form nach links geführt. Die Oberlängen laufen ein wenig nach rechts gebogen aus. Bei h, teils auch bei b, sitzt am Oberlängenende ein Quadrangel, so dass die Form dem Bogen des Schaft-s ähnelt. Die Großbuchstaben sind die typischen Frakturversalien, die sich meist in den Text einfügen, d.h. sie bilden keinen auffallenden Gegensatz zur Textschrift. Es ist nicht eindeutig, ob man hier von einer Werkstatt sprechen kann oder ob es sich um eine allgemeine Tendenz handelt. Diese Art der Gestaltung der Platte findet sich beispielsweise auch noch später auf dem Stein für Ursula Diefstetter (†1636, Nr. 841, Abb. 203), jedoch ist die Schrift eine andere. Sie ist weniger gestreckt. Auch fallen die Versalien auf, die mit vielen Haarstrichen verziert sind. Das g zeigt einen sehr zurückhaltenden unteren Bogen. Die Tatsache, dass für drei der Verstorbenen, die durch diese Fraktur-Grabplatten bezeugt sind, auch – zumindest in kopialer Form – Epitaphe, also zweite Grabmäler, belegt sind293), könnte ein Hinweis darauf sein, dass es sich bei diesen Platten um die eigentliche Grabschrift handelt, die Epitaphe also noch zusätzliche (Ge-)Denkmäler darstellten.

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Bei der Fraktur lassen sich nur sehr schwer Gruppen bilden, man muss wohl eher von Tendenzen sprechen, da der Begriff „Gruppe“ zu sehr an Werkstätten denken lässt.

Eine Richtung294) geht hin zu einer Ausprägung, bei der der untere g-Bogen keine ausgeformte Rundung darstellt, sondern eher als leicht geschwungene Verlängerung des Schaftes unter der Zeile ausläuft. Die Buchstabenkörper sind oft sehr spitzoval, was sich besonders beim Bogen des h bemerkbar macht, dessen spitzovale Form an manchen Stellen durch die Durchbiegung des Schaftes nach links verstärkt wird295). Es finden sich häufig sehr kleingliedrige und scharf gezeichnete Inschriften, die jedoch bei genauerer Betrachtung keine feste Gruppe bilden.

Bei einer anderen Richtung tritt durchwegs g mit ausgerundetem unteren Bogen auf. Auf Grund weiterer Merkmale bei einigen Inschriften könnte man hier von einem engeren Zusammenhang, wenn auch nicht unbedingt von einer Werkstatt, sprechen296). Unter den Versalien fallen ausladende Formen auf: v.a. bei S, aber auch bei E, T, G und V wird jeweils der untere Bogen bzw. der Fußbalken in geschwungener Form weit nach links oben geführt. Auch ist bei einigen dieser Beispiele die Jahreszahl dadurch hervorgehoben, dass zwischen jeder Ziffer ein relativ großer Abstand steht. Oft besitzen die Oberlängen bei b, l und h einen geschwungenen Ansatzstrich, der bei späteren Inschriften dann als gebogener Haarstrich ausgeführt ist.

Ab den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts treten häufiger Inschriften mit einem gelockerten Schriftbild297) oder auch mit runderen Elementen298) auf. Es sind in erster Linie die Versalien, aber auch geschwungene Ober- und Unterlängen v.a. bei rundem d, g und h, deren Bogen unter die Zeile geführt wird und dort als Wellenlinie gestaltet ist, die das Schriftbild auflockern. Bei den rundlich anmutenden Schriften sind der breiter angelegte Mittellängenbereich und der Buchstabe o ausschlaggebend. Derartige Formtendenzen verdichten sich um die Jahrhundertmitte zu Stilisierungen.

Hierzu zählen um 1650 zwei Platten299), bei denen o und rundes d auffallend rund gestaltet sind. Die Schriften ähneln sich auch sonst so weit, dass man hier von einer Werkstattzusammengehörigkeit ausgehen kann. Beispielsweise fällt das g auf, dessen oberer Bogen ebenfalls sehr weit ist, jedoch auf der Grundzeile gebrochen wird. Der untere Bogen hingegen wirkt eher „verkümmert“. Der a-Bogen ist analog zum oberen g-Bogen gebildet. Das kursive s lebt vom Gegensatz zwischen dem aufgeblähten unteren und dem gebrochenen oberen Sinus.

Anders ein Beispiel300), das im Mittellängenbereich sehr gestreckt ist und dessen Ober- und Unterlängen zurückhaltend ausgeformt sind. Hier erscheint eine Neigung dazu, bestimmte Elemente der Mittellänge in eine geschwungene Form zu bringen. So sind beispielsweise die senkrechten Teile des d-Bogens gewellt. Ähnlich verhält es sich beim o.

Die Fraktur erfährt seit ihrem Auftreten eine stetige Steigerung in ihrer Verwendung als Inschrift und überrundet nach 1600 die Kapitalis, die im 17. Jahrhundert ihre einzige Konkurrentin darstellt.

Humanistische Minuskel

Die humanistische Minuskel tritt im Passauer Inschriftenmaterial während des Erfassungszeitraumes so gut wie nicht auf. Die einzige Inschrift, die als humanistische Minuskelschrift bezeichnet werden kann, ist ein Sgraffito im Oberhausmuseum301). In der Grabtafel für Johann Wolfgang Simon von Edlbeck (†1660, Nr. 916) werden in einer Kapitalisinschrift zwei Ortsnamen in humanistischer Minuskel aufgeführt. Eine der ersten Inschriften in Passau in humanistischer Minuskel dürfte die Grabtafel für Christian von Ortenburg (†1684) in der Ortenburgkapelle sein, die erst gute zwanzig Jahre nach Ende des Erfassungszeitraumes datiert302).

  1. Die Abschnitte zur Romanischen und Gotischen Majuskel sowie zur Frühhumanistischen Kapitalis und zur Kapitalis wurden von Franz-Albrecht Bornschlegel verfasst, die restlichen Abschnitte von Ramona Epp. »
  2. Beispiele für die Q-Form mit eingestellter Cauda, die in den Schriften der vorkarolingischen Zeit häufig verwendet und in den langobardischen Inschriften kultiviert und systematisiert wurde, finden sich im deutschsprachigen Bereich nach der Jahrtausendwende in der Mainzer Grabinschrift des Wignandus, 1048 (DI 2 (Mainz) Nr. 655) auf einem der Regensburger Dionysiussteine, 1049 (Fuchs, Dionysius-Steine 151 Abb. 1) auf dem Tragaltar aus dem Welfenschatz (Kunstgewerbemuseum Berlin, Inv.Nr. W 2), 3. V. 11. Jh. (Photosammlung des Lehrstuhls für Geschichtliche Hilfswissenschaften F 208a), auf dem Buchdeckel des Liber aureus aus Prüm, um 1101–1106 (Bayer, Versuch Abb. 66), im Adalbertprivileg des Mainzer Domportals, 1135 (DI 2 (Mainz) Nr. 10) sowie in der Mainzer Schenkungsurkunde von St. Ignaz, M. 12. Jh. (DI 2 (Mainz) Nr. 17). »
  3. Zur Romanischen und Gotischen Majuskel siehe insbes. Koch, Paläographie 1–42, Ders., Auf dem Wege zur Gotischen Majuskel 225–247, Kloos, Einführung 123–132 sowie die Einleitungskapitel der jüngeren DI-Bände. »
  4. Entgegen der kunsthistorischen Datierung würden die Schriftformen eher einen zeitlichen Ansatz im fortgeschrittenen 13. Jahrhundert vermuten lassen. »
  5. Materialbedingt erreichen die in Stein gemeißelten Inschriften der Romanik und frühen Gotik in der Ausgestaltung der Buchstabenkontur nur selten die Flächigkeit der gemalten oder ausgelegten Inschriften. »
  6. Unter den in romanischer Zeit gebräuchlichen Formen des unzialen M erweist sich das links geschlossene unziale M mit nach außen gebogenem rechten Bogenausläufer als die am spätesten eingeführte Variante. Vgl. Rauh, Monumentalinschriften 103. »
  7. Vgl. Nr. 22 (1321) mit kurzem und Nr. 57 (1361) mit fast bis zur Grundlinie herabgeführtem Mittelteil des kapitalen M. »
  8. Insgesamt konnten 13 Nexus litterarum in der Inschrift nachgewiesen werden: AMB, AN (2x), FR (3x), ER, ME (2x), OR (2x), TE, TR. »
  9. Kloos, Einführung 132. »
  10. Vgl. Nr. 37 (1344), 39 (1348), 43 (1349) und (1353). »
  11. Ansonsten verteilen sich die Doppelformen auf unterschiedliche Buchstaben des Alphabets: Nr. 25 (M, T, U/V), Nr. 28 (I/J, N). »
  12. Das kapitale E mit seitlichem Abschlussstrich lässt sich im Bearbeitungsgebiet ausschließlich in jenen beiden Inschriften nachweisen. »
  13. Mit Ausnahme des ersten N im Nexus litterarum NN des Wortes „ANNO” wird in der Inschrift für Meingot III. von Waldeck durchweg rundes N verwendet. »
  14. Nr. 92, 93, 94, 95, 96, 97, 99, 101»
  15. Als früheste Beispiele der Gotischen Minuskel in Inschriften im deutschen Raum gelten die Mainzer Erzbischofsgrabmäler, allen voran die Inschrift für Peter von Aspelt (†1320; vgl. hierzu Kloos, Einführung 136), das nach neuerer Forschung um 1340–1350 bzw. um 1335 angesetzt wird (vgl. Kessel, Memorialfunktionen 16–18: befürwortet erstere Datierung; dies., Sepulkralpolitik 19: befürwortet letztere Datierung). In Süddeutschland findet sich in Donauwörth eines der frühsten Beispiele einer Gotischen-Minuskel-Inschrift aus dem Jahre 1346 (vgl. hierzu Neumüllers-Klauser, Schrift und Sprache 65 Karte 4: Die dortige Aufstellung lässt erkennen, dass sich die Gotische Minuskel in Zentraldeutschland in den 40er Jahren des 14. Jahrhunderts verbreitet hat.). Im benachbarten Salzburg findet die Gotische Minuskel etwa ab der gleichen Zeit wie in Passau Verwendung, vgl. hierzu Koch, St. Peter 78: im in St. Peter überlieferten Inschriftenmaterial tritt die Schrift kurz nach der Mitte des 14. Jahrhunderts auf. »
  16. Vgl. zur Datierung beispielsweise Dehio, Niederbayern 507/529 sowie die jeweiligen Katalognummern. »
  17. Nr. 102, 106, 109 (Abb. 59) und 110 (Abb. 24). »
  18. Nr. 114 (Abb. 63), 117 (Abb. 48), 118 und 125 (Abb. 66); u.U. im Hinblick auf Versalien Nr. 124 (Abb. 65). »
  19. Vgl. hierzu Alphabetzeichnungen bei Seufert, Preu/Zeller-Epitaph, Anhang 3 367f. »
  20. Halm, Plastik I 95f. »
  21. Nr. 129 (Abb. 62), 144 (Abb. 69), 146, 148 (Abb. 11), 149 (Abb. 12), 185 und 255 (Abb. 86). »
  22. Halm, Plastik I 74ff. »
  23. Nr. 154, 156, 165 (Abb. 42), 173 (Abb. 74), 178, 182, 189, 191 und 205 (Abb. 76). »
  24. Nr. 156, 189 und 191»
  25. Nr. 231, 243 (Abb. 84) und 246»
  26. Nr. 155 (Abb. 72), 157, 177, 209 (Abb. 80) und 210»
  27. Nr. 170, 172 (Abb. 73), 196 (Abb. 75) und 198 (Abb. 78). »
  28. Miller, Meister von Seeon 142, 145, Abb. 14; Miller stellt darin die These auf, dass der Meister von Seeon mit Hans Paldauf, der 1459 urkundlich in Passau nachweisbar ist, identisch ist. »
  29. Nr. 234, 244 (Abb. 85), 299 und 321»
  30. Nr. 221, 261, 298 (Abb. 90), 314, 325 und 344 (Abb. 102). »
  31. Vgl. Nr. 221, 314 und 325»
  32. Vgl. Nr. 344 (Abb. 102): 150x für 1510. »
  33. Nr. 469 (Abb. 133). »
  34. Nr. 531 und 660»
  35. Nr. 591 (Abb. 152) und 639 (Abb. 13). »
  36. Vgl. die Ausführungen über die Fraktur in diesem Kapitel. »
  37. Zur Frühhumanistischen Kapitalis vgl. insbes. Neumüllers-Klauser, Epigraphische Schriften 315–328, Koch, Frühhumanistische Kapitalis 337–345, Ders., Das 15. Jahrhundert in der Epigraphik 587–606, bes. 596 ff. sowie die Einleitungskapitel der jüngeren DI-Bände. »
  38. Mazal, Paläographie 181–182. »
  39. Kohn in DI 48 (Wiener Neustadt) XLVIII; Drös in DI 41 (Göppingen) LIVf. »
  40. Vgl. die Schriftkapitel zur Fraktur bzw. zu Vorformen der Fraktur. »
  41. Im Gegensatz hierzu definiert Harald Drös eine sog. „Gotico-Humanistica“ die keinen festen Schriftkanon aufweist. Sie zeigt innerhalb derselben Inschrift einen sehr großen Variantenreichtum, vgl. DI 41 (Göppingen) LVI. Die Gotico-Antiqua-Inschriften unterscheiden sich zwar untereinander (versch. Werkstattausprägungen, Einzelbeispiele), haben aber innerhalb desselben Typus bzw. derselben Inschrift durchgehend dieselben Buchstabenformen. U.U. ist von der Gotico-Antiqua ein bestimmter Typ Mischschrift abzuheben, dessen Schriftbild offensichtlich auf die Fraktur, und nicht auf die humanistische Minuskel, abzielt. »
  42. Eine Auflistung einiger Beispiele bietet Drös: DI 41 (Göppingen) LV. Diese Liste lässt sich noch durch einige weitere Inschriften ergänzen, z.B. durch die Grabplatte für Hippolyt Stainer im Propsteihof in Wiener Neustadt aus dem Jahre 1506 (DI 48 (Wiener Neustadt) Nr. 160). Einen Überblick über die Gotico-Antiqua in Inschriften mit Schwerpunkt auf dem Raum Passau siehe Epp, Epigraphische Minuskel. »
  43. Nr. 225 (Abb. 81), vgl. auch Epp, Epigraphische Minuskel 180f. Abb. 11. »
  44. Liedke, Gartner 44, Abb. 5. »
  45. Vgl. genauer Epp, Epigraphische Minuskel 180f., Abb. 11. »
  46. Eine ebenfalls Gartner zuzuschreibende Inschrift, die auch auf das Jahr 1495 datiert, dürfte evtl. einige Jahre später angefertigt worden sein, kann aber auf Grund des schlechten Erhaltungszustandes nicht genauer eingeordnet werden. Die Schrift weist jedoch bereits die typischen Gartnerzüge auf, vgl. die Grabinschrift für Wolfgang Reyttorner (†1495) Nr. 241† (Abb. 83). »
  47. Nr. 308 (Abb. 92). »
  48. Als „Gartner-Schriftstil“ wird im Folgenden die Ausprägung der Gotico-Antiqua verstanden, die für Gartner und seine Werkstatt typisch ist. Dabei können aber keine Unterschiede zwischen der Hand des Meisters und Händen aus der Werkstatt gemacht werden. »
  49. Vgl. z.B. an suntag vor Nr. 386 (Abb. 112) oder am abent Nr. 396»
  50. Vgl. z.B. Cuius anima Nr. 334 oder allen gelaubigen Nr. 369 (Abb. 107). »
  51. Die Unterscheidung bezieht sich auf die Schriftäußerungen in Gotico-Antiqua. Zur Gotischen Minuskel, die er – allerdings in geringem Umfang – ebenfalls verwendet, vgl. das Einleitungskapitel zur Gotischen Minuskel und Beispiele bei Liedke, Gartner. »
  52. Nr. 306, 307 (Abb. 87), 310† (Abb. 94), 312, 320 (Abb. 95), 322 (Abb. 96), 324 und 330»
  53. Nr. 327 (Abb. 101), 333, 334, 335 (Abb. 98), 340, 342 (Abb. 103), 346, 347, 348 (Abb. 99), 357 und 361 (Abb. 66). Der Übergang von der Früh- zur mittleren Phase bei Gartner vollzieht sich offensichtlich an der Grabplatte für Georg Adling (Nr. 334). Die hier auftretende d-Form steht zwischen der d-Form der Frühphase und der d-Form der mittleren Phase. »
  54. Nr. 366 (Abb. 106), 367, 369 (Abb. 107), 373, 375 (Abb. 110), 383, 384, 385† (Abb. 83), 386 (Abb. 112), 387 (Abb. 113), 389, 395, 396, 399 (Abb. 114), 400, 402, 409 (Abb. 119) und 410»
  55. Das Sterbejahr Gartners wurde lange Zeit um das Jahr 1530 bzw. 1532 angesetzt: Halm, Gartner 16/17; Högg, Gartner 58; Kutter, Gartner 220–221; DI 41 (Göppingen) LV. Volker Liedke vermutet hingegen, dass Gartner bereits 1521 verstorben sei: Liedke, Gartner 64. Dieses Jahr scheint auch deshalb wahrscheinlich, da Gartner nach 1521 epigraphisch nicht mehr nachweisbar ist. »
  56. Vgl. Nr. 402: Mensis, Maticen(sis)»
  57. Vgl. Nr. 327 (Abb. 101): Margreth»
  58. Vgl. Nr. 389: Anna»
  59. Vgl. Nr. 411: Erb»
  60. Nr. 392, 398† (Abb. 115) und 405»
  61. Eines der ersten Beispiele dieses Schrifttyps, bei dem die charakteristischen Formen deutlich hervortreten, ist ein Fragment mit der Grabschrift für Ursula Zimbs (Nr. 430, Abb. 118), wonach der Schrifttyp benannt wurde, vgl. Epp, Epigraphische Minuskel 183. »
  62. Högg spricht im Zusammenhang mit der Grabplatte Gartners bei der Inschrift für Katharina Gartner (vgl. Nr. 454, Abb. 106) eindeutig von einer Werkstattnachfolge (vgl. Högg, Gartner 58). Die Inschrift ist tatsächlich dem Zimbstyp zuzuordnen. Es gibt jedoch keine eindeutigen Belege dafür, dass der Steinbildhauer des Zimbstyps ein direkter Nachfolger Gartners ist. »
  63. Nr. 403 (Abb. 116), 404, 419 (Abb. 120), 424, 430 (Abb. 118), 432 (Abb. 25), 435 und 436»
  64. Nr. 438 (Abb. 125), 439 (Abb. 42), 446 (Abb. 127), 454 (Abb. 106), 462, 466 (Abb. 138), 467, 468, 478, 482, 485† (Abb. 34), 486 (Abb. 139), 480 (Abb. 143), 488, 491, 492, 497, 498 (Abb. 140), 508, 510 (Abb. 26) und 522»
  65. Vgl. z.B. Nr. 446 (Abb. 127): Minuskel-n bei Nouembris und Minuskel-a bei Anno»
  66. Vgl. 438 (Abb. 125), 454 (Abb. 106), 466 (Abb. 138), 480 (Abb. 143), 498 (Abb. 140) und 510 (Abb. 26). »
  67. Vgl. Nr. 466 (Abb. 138). »
  68. Ähnlich bei einem Fragment im Steinweg 1, vgl. Nr. 522»
  69. Nr. 319 (Abb. 93), 327 (Abb. 101), 329 (Abb. 97), 341, 345, 363 (Abb. 100) und 472»
  70. Das erste Beispiel dieser Schrift in Passau ist die Grabplatte für Ambros Brunhofer, nach der die Schrift im Folgenden Brunhofertyp bezeichnet werden soll, vgl. auch Epp, Epigraphische Minuskel 185f. »
  71. Nr. 483 (mit Einschränkung), 509 (Abb. 150), 512 (Abb. 153), 514, 517, 529 (Abb. 14) und 535 (Abb. 155). »
  72. Nr. 537 (Abb. 133), 538, 542 (Abb. 99), 543, 545 (Abb. 152), 546 (Abb. 121), 547†, 548 (Abb. 159) und 549 (Abb. 78). »
  73. Vgl. beispielsweise Nr. 517: links geschlossenes, unziales M in Magdalena, kapitales M mit verkürztem Mittelteil in Michaelen, 535 (Abb. 155): vorwiegend kapitale Grundformen. »
  74. Derartige Fälle werden unter den entsprechenden Katalognummern genauer dargestellt. »
  75. Nr. 305 (I); 370 (Abb. 109); 392, 398† (Abb. 115); 422 (Abb. 121). »
  76. Nr. 350 (Abb. 72), 354; 407; 443 (Abb. 128); 513 (Abb. 151); 520; 525; 526; 527† (Abb. 143); 528»
  77. Nr. 374 (Abb. 7), 441 (Abb. 126) und 489 (Abb. 144). »
  78. Vgl. Nr. 441 (Abb. 126). »
  79. Vgl. Nr. 489 (Abb. 144). »
  80. Nr. 465, 475, 479 (Abb. 136) und 481 (Abb. 137). »
  81. Vgl. Epp, Epigraphische Minuskel 194f.; die Schrift wurde nach der Grabplatte für Christoph Derrer (†1541, Nr. 481, Abb. 137) benannt. »
  82. Nr. 475 und 481 (Abb. 137). »
  83. Der Schrifttyp zeigt bei der g-e Ligatur und bei dem doppelstöckigen a gewisse Ähnlichkeiten mit dem Epitaph für Barbara Sturm (†1530, Nr. 443, Abb. 128) und v.a. bei g Parallelen mit der Inschrift für Wolfgang von Rottau (†1535, Nr. 463, Abb. 46). »
  84. Siehe im Schriftkapitel zur Fraktur. »
  85. Zur Renaissance-Kapitalis vgl. Kloos, Einführung 153–160, insbes. 158 ff., Bornschlegel, Frühe Renaissance-Kapitalis 217–225 sowie die Einleitungskapitel der jüngeren DI-Bände. »
  86. Nr. 416 (Abb. 122), 418 (Abb. 14), 425 (Abb. 117) und 445 (Abb. 129). »
  87. Nr. 500 (Abb. 145), 532, 536, 550 (Abb. 157), 578 und womöglich Nr. 505»
  88. In Nr. 505 und 532 weisen die Buchstaben M und N die Schattenstriche in der Senkrechten und die Haarstriche in den Diagonalen auf. »
  89. Während G mit weit einragender Cauda, R mit einigen Varianten der geschwungenen Cauda, S mit stark eingebogenen Bogenausläufern sowie schrägliegendes, oben spitzes zweistöckiges Z in Nr. 449 (Abb. 131) die markantesten Buchstabenabweichungen vom Kanon der klassischen Kapitalis beschreiben, sind in Nr. 464 (Abb. 135) schmales G mit weit einragender Cauda, M mit Schrägschäften und kurzem Mittelteil, ovales O und R mit geschwungener Cauda anzuführen. »
  90. Nr. 600, 602, 603 und 637»
  91. Zeitlich nachfolgende Beispiele: Nr. 701 (1593), 751 (1605), 801 (1621), 815 (Abb. 200, 1628), 844 (1636) und 858 (Abb. 208, 1641). »
  92. Nr. 544 (Abb. 149), 551 (Abb. 160), 562 (Abb. 165) und 566»
  93. Die Werkstatt des Loy Hering (Augsburg, Eichstätt) entwickelt in den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts einen Frakturtyp, der u.a. von Oberlängenschleifen geprägt ist und somit werkstattypisch wird, vgl. hierzu z.B. Bornschlegel, Druckschriften 223f., Abb. 208. Der Stil Loy Herings ist aber nicht mit dem der Passauer Inschrift identisch. »
  94. Die in diesem Zusammenhang am häufigsten genannten Drucke sind zum einen das Gebetbuch Kaiser Maximilians I., das 1512/1513 von Hans Schönsperger in Augsburg gedruckt wurde, und der Teuerdank Maximilians I., der 1517 von demselben Drucker in Nürnberg herausgebracht wurde, vgl. Kloos, Einführung 142, vgl. genauer zur Entwicklung der Fraktur: Zahn, Fraktur. »
  95. Nr. 686, 695, 706 (Abb. 184), 708, 759, 762 und 783; vgl. hierzu auch im Einleitungskapitel zu den Inschriftenträgern LIX. »
  96. Nr. 695 / 696; 706 (Abb. 184) / 707†; 759 / 806, in diesem Fall wurde die Platte schon zu Lebzeiten gesetzt. »
  97. Vgl. hierzu Nr. 692, 822 (Abb. 198), 824, 855, 856, 858 (Abb. 208), 866 und 877»
  98. Vgl. hierzu besonders Nr. 877»
  99. Vgl. hierzu Nr. 610 (Abb. 162), 626 (Abb. 174), 629, 638, 652, 658 (Abb. 186) und 685 (Abb. 189). »
  100. Z.B. Nr. 815 (Abb. 200), 864 und 875»
  101. Z.B. Nr. 825 (Abb. 205) und 912»
  102. Nr. 878 (Abb. 211) und 908»
  103. Nr. 873 (Abb. 209). »
  104. Nr. 929 V. I. (Abb. 221). »
  105. Vgl. Kdm Passau 141; die Tafel befindet sich in der Ortenburgkapelle direkt neben der Gedenktafel für Anton von Ortenburg (†1573, Nr. 637). »