Die Inschriften der Stadt Pforzheim

6. Die Schriftformen

Angesichts des unausgewogenen Bestandes und der einseitig auf die Markgrafengrabmäler ausgerichteten kopialen Überlieferung reicht das Material der Stadt Pforzheim nicht aus, um sichere Aussagen über die schriftgeschichtliche Entwicklung zu machen. Auch erübrigt sich hier eine Wiederholung der Grundlinien allgemeiner Schriftgeschichte, wie sie bereits in den Einleitungen zu den neueren Editionsbänden, namentlich in DI 34 (Bad Kreuznach), DI 37 (Rems-Murr-Kreis) und DI 38 (Bergstraße), vorgelegt worden sind222). Die Kenntnis der wichtigsten Schriftarten und ihrer Terminologie darf in einer Inschriftenedition ohnehin vorausgesetzt werden223). Hier kann nur ein Überblick über die in Pforzheim vorkommenden Schriftarten geboten werden, wobei viele Einzelbefunde gleichzeitig über die Register 9 und 10b erschließbar sind.

6.1. Gotische Majuskel

Die Gotische Majuskel ist auf 24 steinernen Denkmälern nachweisbar und war auf mindestens fünf weiteren Stücken ehemals mit Sicherheit vorhanden. Ihr Anteil an der Gesamtzahl erhaltener Inschriften beträgt also über 10% und ist damit im Vergleich mit den Nachbarregionen (Enzkreis 6,2%, Lkr. Calw 9,9%, Lkr. Karlsruhe 2,9%) überdurchschnittlich groß. Damit bildet die Stadt Pforzheim einen Schwerpunkt als Bewahrerin relativ früher, bis zum Ende des 14. Jahrhunderts entstandener Schriftzeugnisse, auch wenn der Bestand relativ spät, nämlich erst 1275, mit der ältesten erhaltenen Grabplatte (nr. 2) einsetzt. Diese zeigt eine kleinformatige Majuskel aus der 2. Hälfte des 13.  Jahrhunderts in zierlicher Ausführung, mit weiten Abständen zwischen den Buchstaben, deren Umriß sich einem Quadrat einfügen läßt. C und E sind kreisrund und durch einen feinen senkrechten Haarstrich geschlossen. Die Strichführung ist fein und gleichmäßig, die Bogenschwellungen sind kaum ausgeprägt. Kapitale und unziale Formen halten sich zahlenmäßig und optisch die Waage. Ein undatiertes Fragment und Inschriften am Bau sind vielleicht noch früher anzusetzen, da das unziale E mit keilförmigen Verdickungen der Endungen noch nicht geschlossen ist (nrr. 5, 8). Vergleicht man damit eine Grabplatte von 1310 (nr. 11), sind einzelne Buchstaben wie das unziale M und das W noch deutlich verbreitert und gröber ausgeführt; die Bogenschwellungen und keilförmig verbreiterte Hasten beherrschen das Schriftbild. In der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts – so bei nrr. 24, 25 – setzt sich das pseudounziale A neben dem kapitalen A mit waagrechtem Deckbalken durch. Doch bleiben die Proportionen der Buchstaben auch in der Spätzeit dieser Schrift bei diesen Pforzheimer Inschriften auffallend breit.

6.2. Gotische Minuskel

Die älteste Inschrift in Gotischer Minuskel begegnet in der Grabinschrift einer Ursula Hepp, gestorben 1398 (nr. 27), also relativ spät, denn im Vergleich mit den Nachbargebieten konnten Maulbronn schon 1377 und Herrenalb 1378 voll entwickelte Minuskel-Inschriften vorweisen224). Von diesem Jahr 1398 an kommt die Gotische Majuskel in Pforzheim nicht mehr vor und ist vollständig durch die Gotische Minuskel ersetzt. Die Gotische Minuskel ist mit 70 erhaltenen Stücken die am häufigsten in Pforzheim verwendete Schriftart neben der Kapitalis mit 69 Stücken. Da die letzte Gotische Majuskel vor 1382 (nr.  25) entstand, ist der Zeitraum des langsamen Übergangs vom Gebrauch der einen Schriftart zur anderen wegen fehlender Zwischenglieder nicht genauer zu verfolgen. Jedenfalls unterscheidet sich die Stadt Pforzheim mit einem Anteil der Gotischen Minuskel in Höhe von 28% am Gesamtaufkommen der Inschriften nicht vom Befund in ihrem Umland (Enzkreis 31%, Lkr. Calw 28,2%). Auch die frühesten Minuskel-Inschriften um die Wende zum 15. Jahrhundert verwenden bereits einen Versal A für Anno am Beginn der Inschrift (nrr. 27, 28, 29 u. ö.). Dieses Anfangs-A, das als pseudounziales A gestaltet ist, erlaubt es, Gruppierungen vorzunehmen und Werkstatt-Zusammenhänge zu vermuten, obgleich davon auszugehen ist, daß in einer spätgotischen Werkstatt mehrere Formen für einen Buchstaben bekannt waren und bewußt nebeneinander verwendet [Druckseite LV] wurden. In den ersten Jahrzehnten des 15.  Jahrhunderts ist eine Gruppe von Grabplatten entstanden, bei denen der einleitende Versal A von Anno gleichartig gestaltet ist: die linke geschwungene Haste weist eine Schwellung auf, ist weit unter die Grundlinie ausgezogen und setzt an dem beidseitig überstehenden Deckbalken an; die rechte Haste steht senkrecht über einem balkenartig ausgeprägten Sporn; beide Hasten sind durch einen schräglaufenden Mittelbalken verbunden (nrr. 28, 43, 50 u. ö.). Ab 1430 treten vereinzelt weitere Versalien hinzu (nrr. 50, 52). Die Ober- und Unterlängen sind weiter kaum ausgeprägt. Das Hauptwerk dieser Gruppe ist die Grabplatte des Grafen Wilhelm III. von Eberstein († 1431; nr. 50) aufgrund ihrer hervorragenden Schriftgestaltung. Um 1471 läßt sich eine andere Werkstatt beobachten wegen der Verwendung einer anderen, komplizierten Form für das Anfangs-A und einer spezifischen Form für die Versalien C und D mit zahlreichen Brechungen der Bögen (nrr. 63, 64, 65, 67 u. ö.). Als das Hauptwerk dieser Werkstatt kann das Grabmal des Erhart Thorlinger und seiner Gemahlin von 1479 (nr. 67) angesehen werden, denn es verwendet diese dekorative Schrift hier auch in erhabener Ausarbeitung, also in einer Technik, die in Pforzheim erst 1551 ein zweites Mal vorkommt225). Dieselbe Werkstatt läßt sich anhand der Schriftgestaltung auch im Kraichgau auffinden, so in Kürnbach mit der Grabplatte des Bernhard von Sternenfels († 1489)226). Ein durch die Schönheit und Vielfalt seiner Versalien besonders ausgezeichnetes Stück ist die Grabplatte des Eucharius Rot gen. Veyhinger und seiner Frau, entstanden vor 1510 (nr. 98). Wahrscheinlich stammt die Stiftungstafel des Nicolaus Weiler von 1510 aus derselben Werkstatt (nr. 99). Einen Höhepunkt hinsichtlich epigraphischer Vielfalt und singulärer Ausführung bildet die Stiftungstafel des Dr. Widmann gen. Möchinger von 1522 (nr. 112). In der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts werden gelegentlich kunstvoll verzierte Frakturversalien aufgenommen, so in der gemalten Epitaph-Inschrift der Anna von Hardheim von 1543 (nr. 136).

6.3. Frühhumanistische Kapitalis

Ihrem Ursprung als einer dekorativen Auszeichnungsschrift gemäß wurde die sog. Frühhumanistische Kapitalis häufig für gemalte Inschriften auf Retabeln, für Chorgestühle und auf Werken der Goldschmiedekunst eingesetzt. Da im Bearbeitungsgebiet Vertreter dieser Gattungen nicht mehr vorhanden sind, fällt die Zusammenstellung dieser Schriftart mit vier Exemplaren sehr mager aus. Das älteste Beispiel dieser im Umkreis des württembergischen Hofes des Grafen Eberhard im Bart bereits um 1472 verbreiteten Schriftart ist in Pforzheim lediglich ein verstümmelter Zufallsfund in Gestalt einer bemalten Retabelrückwand von 1521227). Das einzige Exemplar einer vollständigen Grabinschrift in Stein ist auf der Grabplatte der Mechtild Widmann gen. Möchinger († 1526) erhalten (nr. 117). Bei der Grabplatte von deren Tochter Cordula Widmann verehelichte Gremp († 1551; nr. 145) überwiegen die Züge der klassischen Kapitalis, obgleich die schlanken Proportionen der Buchstaben, einzelne Formen – wie das runde E und das spitzovale O – wie auch die erhabene Schrift unklassische Züge tragen. Ein Nachzügler mit den typischen Spätformen ist integriert in die epigraphisch reizvolle, mit unterschiedlichen Kapitalis-Inschriften geschmückte Grabplatte des Pfarrers Johannes Fleischmann von 1591 (nr. 204).

6.4. Kapitalis

Neben der Gotischen Minuskel ist die Kapitalis mit 69 Exemplaren die am häufigsten vorkommende Schriftform. Angesichts der Bedeutung der Pforzheimer Lateinschule für die Ausbildung der humanistisch gebildeten Theologen und Juristen des markgräflichen Herrschaftsgebietes ist der Befund insofern enttäuschend, als die mit einiger Sicherheit datierbaren Kapitalis-Inschriften von klassischer Form erst verspätet mit der Grabinschrift des Stiftspropstes Johann Hochberg († 1532) einsetzen (nr. 123). Zwar spricht alles dafür, daß die von Johannes Reuchlin persönlich veranlaßte Gedenkinschrift für seine Mutter (nr. 101) schon gegen 1502 in einer an antiken Beispielen orientierten Kapitalis gemeißelt wurde. Aber diese Ansetzung ist ebensowenig gesichert wie die Entstehungszeit der gemalten Kapitalis auf der Wandmalerei in der Kirche von Pforzheim-Brötzingen (nr. 115). Mit der Wappentafel von 1537 (nr. 126) und dem Hochgrab des Markgrafen Ernst von [Druckseite LVI] 1538 (nr. 129) beginnt die Serie hervorragend gestalteter Grabinschriften in Kapitalis, die im Auftrag der Markgrafen als Standardschrift des Hofes Geltung erlangt. Die Denkmäler von Christoph von Urach (nrr. 126, 129, 130), von Josef Schmid von Urach (nr. 148) und von dem „Meister der Karlsburg“ (nrr. 149, 161, 171) sind maßstabsetzende Vorbilder, scheinen aber nur im Ausnahmefall über den engen Kreis der fürstlichen Familie hinausgewirkt zu haben. Als Beispiele sind hier zu nennen die beiden Denkmäler der Hochberg von 1532 und 1543 (nrr. 123, 135) und das Grabdenkmal des Kanzlers Martin Achtsynit von 1592 (nr. 205). Gleichzeitig arbeitet jedoch auch ein Meister mit lediglich handwerklichem Niveau für hohe Hofbeamte (nrr. 151, 153, 155); seine Kapitalis ist unausgeglichen und steil proportioniert. Dieses Nebeneinander eines sehr anspruchsvollen Inschriftenniveaus im Bereich der vom Durlacher Hof ausgehenden Aufträge und eines handwerklich-unbeholfenen Schriftstils bei den bürgerlichen Grabmälern der Friedhöfe ist bis zur Zeitgrenze von 1650 hin zu beobachten.

Aus Anlaß des Todes des Markgrafen Albrecht Alcibiades von Brandenburg im Jahr 1557 scheint der Hof die Entwicklung einer einheitlichen Vorlage für die Gestaltung der Grabplatten über den Erdgräbern der markgräflichen Familie im Chor befohlen zu haben (nr. 156). Die Gestaltung von Aufriß und Schrift bleibt mit geringen Veränderungen für die folgenden Grabplatten verbindlich (nrr. 158, 163, 177, 180, 185, 199). Es handelt sich um eine Kapitalis von gleichmäßiger, relativ breiter Strichstärke und quadratischen Proportionen ohne Worttrenner. Besondere Merkmale sind das breite M mit nur halb herabgezogenem Mittelteil, das R mit geschwungener, bis unter die Grundlinie herabgezogener Cauda, die charakteristische Zusammenziehung von AE, ein leicht nach rechts geneigtes S. Kürzungen und römische Zahlen sind überstrichen, wobei der Strich in der Mitte nach oben ausgebuchtet ist. Das Schriftbild wirkt ausgeglichen und mit Überlegung komponiert. Der Anfangsbuchstabe ist überhöht. Erst ab 1608 folgt die neue Grabplattenserie der Angehörigen der Markgrafen Georg Friedrich und Friedrich  V. einem veränderten Entwurf mit anderer Schrift (nrr. 225, 239, 241, 248). Die letzte Grabplatte dieser Serie, datiert 1650, bringt eine neuartig abgewandelte Kapitalis mit unruhigem Schriftbild, das durch die lebhafte Schwingung der rechten Schräghasten bei V und Y verursacht wird (nr. 249). Anstelle des V wurde ein kastenförmiges U eingeführt.

Die großen Grabdenkmäler der Markgrafen sind überdurchschnittliche Leistungen der zeitgenössischen Grabmalskulptur. In Verbindung mit ihrem kunsthistorischen Rang steht das hohe Niveau ihrer Inschriften, die durchgehend in der Sockelzone auf einer Kartusche mit dekorativer Rahmung angebracht sind. Es sind dies – mit einer einzigen Ausnahme bei dem Epitaph des Markgrafen Albrecht Alcibiades (nr. 157) – schön geformte, dicht gefügte Kapitalis-Inschriften ohne auffällige Merkmale, ursprünglich alle mit vergoldeten Buchstaben auf schwarzem Grund. Einen Höhepunkt bezeichnet das 1579 datierte Grabdenkmal des Markgrafen Karl II. aus der Werkstatt des Johann von Trarbach (nr. 192). Es kann zum Beweis dafür dienen, daß in ein und derselben Werkstatt verschiedene Schriftvorlagen benutzt wurden oder daß oftmals mehrere Hände für die Inschriften eines Denkmals verantwortlich waren. Diese Beobachtung mag als Warnung davor dienen, aufgrund der spezifischen Form einer Schrift vorschnell Zuschreibungen auszusprechen. Denn die Grabinschrift der Markgräfin Kunigunde, die vermutlich noch zu Lebzeiten Karls II. vor 1577 zur Ausführung kam, ist in der typischen Kapitalis der Trarbach-Werkstatt ausgeführt. Von ihr weicht die Kapitalis der 1579 angebrachten Grabinschrift für Karl II. deutlich ab228). Die dritte Grabinschrift des Denkmals für Anna von Pfalz-Veldenz mahnt zur Vorsicht, denn sie ähnelt dieser Inschrift zum Verwechseln, konnte aber als Nachahmung aus dem 19. Jahrhundert erschlossen werden.

6.5. Fraktur und weitere Schriftarten

Die Fraktur oder andere seltenere Schriftarten spielen in Pforzheim keine nennenswerte Rolle. Die Fraktur ist mit zwölf Stücken (knapp 5%) sehr schwach vertreten. Sie setzt 1537 mit dem nur fragmentarisch erhaltenen Epitaph für Glieder der Familie von Wallstein (nr. 127) ein. Für die Markgrafengrablege im Chor ist diese Schrift nur einmal verwendet worden, nämlich für das Grabdenkmal des Markgrafen Albrecht Alcibiades von Brandenburg 1557 (nr. 157). Diese Inschrift ist ein Meisterwerk nach der Manier eines Schreibmeisters, der insbesondere für die zahlreich vorkommenden Versalien ein immer wieder variiertes Repertoire vielfältiger Zierformen mit Schleifen, Brechungen und Haarstrichen ausbreitet. Auch das Grabdenkmal (nr. 139) der Anna von Hohenheim gen. Bombast [Druckseite LVII] († 1546) trug eine Fraktur-Inschrift, die jedoch wegen ihres schlechten Erhaltungszustands nicht mehr zu beurteilen ist.

Im Bereich der bürgerlichen Auftraggeber trat 1593 eine Werkstatt mit mehreren prunkvoll gerahmten Epitaphien hervor, die im Innenfeld dicht beschriftet sind in einer dünnstrichigen, fast wie eingeritzt wirkenden Fraktur mit reich verzierten Versalien (nr. 206). In dem 1599 entstandenen Epitaph für Jakob Obrecht (nr. 211) wird die Freude an feinsten Haarstrichen und Schwüngen noch gesteigert. Auch das schlichte Epitaph der Barbara Fontelin von 1606 könnte wegen der dünnstrichigen, sehr eng stehenden Fraktur von demselben Steinmetzen stammen (nr. 221). Völlig anders geartet, aber dafür eindeutig einer wohlbekannten Werkstatt zuweisbar sind die Fraktur-Inschriften zweier Epitaphien von 1625 und 1631 (nrr. 237, 240). Es handelt sich um die trockene und breit laufende Fraktur der Werkstatt des Leonberger Bildhauers Jeremias Schwartz und seiner Söhne, die zugunsten eines klaren, gut leserlichen Schriftbildes auf besondere Schmuckformen verzichtet.

Als Besonderheit sei abschließend eine schrägliegende Humanistische Minuskel erwähnt, die Johann von Trarbach für seine in lateinischen Versen abgefaßte Signatur verwendet hat (nr. 192).

  1. Zur Terminologie allgemein vgl. Deutsche Inschriften – Terminologie zur Schriftbeschreibung. Wiesbaden 1999. »
  2. Hier ist nach wie vor das Handbuch von Kloos heranzuziehen; vgl. Kloos, Rudolf M., Einführung in die Epigraphik des Mittelalters und der Neuzeit. Darmstadt 1980; 2. ergänzte Aufl. Darmstadt 1992. »
  3. Vgl. DI 22 (Enzkreis) nr. 33; DI 30 (Calw) nr. 42»
  4. Vgl. Grabplatte der Cordula Gremp, † 1551 (nr. 145). »
  5. Vgl. DI 20 (Karlsruhe) nr. 88 mit Abb. »
  6. Nicht im Katalog aufgenommen; vgl. unten Kap. 7. »
  7. Dies könnte freilich auch dahingehend interpretiert werden, daß die Grabinschrift Karls II. von einheimischen Kräften später nachgetragen wurde. »