Inschriftenkatalog: Gandersheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DIO 2: Kanonissenstift Gandersheim (2011)

Nr. 46 Bad Gandersheim, Abtei um 1600

Für eine aktualisierte Fassung dieser Katalognummer, siehe DI96 G1 Nr. 46.

Beschreibung

Supraporte des zum Abteihof hin gelegenen Renaissance-Portals. Stein, teilweise farbig gefaßt. Die zweiteilige Supraporte besteht aus zwei von Beschlagwerk und Rollwerk flankierten Tafeln und einer Bekrönung. Die untere Tafel zeigt zwischen Darstellungen der Justitia und der Temperantia ein Vollwappen und einen Wappenschild. Die Inschrift ist versweise abgesetzt und erhaben ausgehauen auf der oberen Tafel ausgeführt.

Maße: H.: 60 cm; B.: 100 cm; Bu.: 4,5 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

Christine Wulf [1/1]

  1. FVNDITVS ANNA LARES QVOS FVMVS VEXIT ET AVRAa)DE VVALDEK DIVIb) STVXITc) ET AVXIT OPEESSET VT HOSPITIVM SACRAE NVTRICIBVS HVIVSAEDIS ANASTASII COMMODIORE SITV HOC DEVS ALME FOVE FLAMMAS ET VERTE NOCENTESd)SEMPER VT HIS SEDES SIT DECVS ATQVE TIBI.

Übersetzung:

Von Grund auf hat Anna von Waldeck das Haus, welches in Rauch und Luft aufgegangen war, mit göttlicher Hilfe wieder aufgebaut und vergrößert, auf daß es bequemer angelegt den Nährerinnen dieser heiligen Kirche des Anastasius eine Herberge sei. Dies segne, gütiger Gott, und wende die schädlichen Flammen ab, damit es ihnen (= den Nährerinnen) immer zur Wohnung und dir zur Zierde diene.

Versmaß: Drei elegische Distichen.

Wappen:
Waldeck1)Stift Gandersheim2)

Kommentar

Die Abtei wurde durch einen Brand im Jahr 1597 zerstört und durch die Äbtissin Anna Erica im Jahr 1600 wieder aufgebaut (Nr. 45). Die metonymische Verwendung des eigentlich die heidnischen Hausgötter bezeichnenden Begriffs LARES für „Haus“ verrät einen antikisierenden Anspruch. Dazu paßt die zunächst etwas fremd erscheinende Beschreibung der Äbtissinnen als „Nährerinnen dieser heiligen Kirche“. Ihr liegt vermutlich die Assoziation der antiken Vestalinnen zugrunde, die z. B. Arnobius (Adversus nationes 4,35) als castae virgines, perpetui nutrices et conservatrices ignis definiert. Als Verfasser der Inschrift nennt Leuckfeld den Stiftspastor und Superintendenten Magister Michael Rupius (1588–1606), der auch eine Stiftschronik verfaßt hat.3)

Die Erwähnung des Kirchenpatrons Anastasius (Nr. 15) in einer in evangelischer Zeit angebrachten Bauinschrift zeigt, daß Heilige, gerade wenn sie als Kirchenpatrone institutionalisiert waren, auch noch nach der Reformation im Gedächtnis behalten wurden.4) Sie boten offenbar unabhängig von der Konfession ein Element zur Wahrung von Kontinuität und Identität.

Textkritischer Apparat

  1. VEXIT ET AVRA] Der Schluß des ersten Verses erscheint sprachlich unbefriedigend, da vexit transitiv ist. Nahe läge die Emendation: Fumus vexit in auras ‚der Rauch trug sie in die Luft‘. Dafür spricht, daß der Hexameterschluß in auras oder ad auras bei Vergil und Ovid vielfach belegt ist, vor allem aber der folgende Vers (Aeneis 12, 592): intus saxa sonant, vacuas it fumus ad auras.
  2. DIVI] Statt DIVA.
  3. STVXIT] Statt STRVXIT.
  4. S kleiner ausgeführt.

Anmerkungen

  1. Wappen Waldeck (achtstrahliger Stern). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 1, Abt. 3, Hoher Adel II, Tafel 119.
  2. Wappen Stift Gandersheim (gespalten, schwarz und gold).
  3. Vgl. Leuckfeld, Antiquitates Gandersheimenses, S. 45; zu Rupius vgl. Goetting, Kanonissenstift Gandersheim, S. 447f. Die Stiftschronik ist nur in der Handschrift Hildesheim, Dombibliothek, HS 534 vollständig überliefert.
  4. Zur Pflege überkommener Kirchenpatronate in evangelischer Zeit vgl. Franz Jäger, Vorreformatorische Heiligenlegenden als Exempel lutherischer Ars moriendi. Das Epitaph des Laurentius Hoffmann aus der Ulrichskriche in Halle (Saale). In: Traditionen, Zäsuren, Umbrüche. Inschriften des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit im historischen Kontext, hrsg. von Christine Magin, Ulrich Schindel und Christine Wulf. Wiesbaden 2008, S. 205–230, hier S. 213f.

Nachweise

  1. Kdm. Kreis Gandersheim, S. 176.

Zitierhinweis:
DIO 2, Kanonissenstift Gandersheim, Nr. 46 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-dio002g001k0004602.