Inschriftenkatalog: Gandersheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DIO 2: Kanonissenstift Gandersheim (2011)

Nr. 14 Bad Gandersheim, Stiftskirche 1433 o. früher

Für eine aktualisierte Fassung dieser Katalognummer, siehe DI96 G1 Nr. 14.

Beschreibung

Standleuchter. Bronze. In der Mitte des Aufgangs zum Chor. Der Leuchter steht auf einem runden Sockel mit drei Füßen, die als männliche Figuren ausgeführt sind. Am unteren Schaftring in sechs Feldern unter Baldachinen sechs vollplastische Figuren: Maria mit Krone; Johannes der Täufer; Papst Anastasius; Livinus im Bischofsornat mit Zange in der rechten Hand, in der Linken ein Buch; Papst Innocentius; Stephanus mit Palme in der Rechten und einem Stein in der Linken. Am zweiten Schaftring von unten Inschrift B mit blütenförmigen Worttrennern und einem Meisterzeichen (s. Bild [3/7]) vor dem Wort got. Oberhalb dieses Schaftrings zwei aufgelötete Ritterfiguren: die Heiligen Georg und Mauritius. Die glatt vor bearbeitetem Hintergrund ausgeführte Inschrift A verläuft um den mehrfach gewulsteten Sockel herum, die einzelnen Namen sind den am unteren Schaftring sichtbaren Figuren zugeordnet. Die Teile der Inschrift sind durch verschiedenartige Trennzeichen in Gestalt von Köpfen, Kreisen, Quadrangeln, Paragraphzeichen, Blüten und Kreuzblumen voneinander abgesetzt. Die erhaben vor bearbeitetem Hintergrund ausgeführte Inschrift B befindet sich am zweiten Schaftring von unten.

Maße: H.: 182 cm; Dm.: 60 cm (Fuß); Bu.: 3 cm (A–F), 4 cm (G).

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

Inga Finck [1/7]

  1. A

    maria · mat·er · · ioha(n)nega) · baptist(a) · anastasivs p(ap)a · · liuinu·sb) e(pisco)pusc) · innvcencius : p(a)p(a) : sthephan(us)d) m(arty)r

  2. B

    got · si · benediet ·

Übersetzung:

Mutter Maria. Johannes der Täufer. Papst Anastasius. Bischof Livinus. Papst Innocentius. Der Märtyrer Stephanus. (A)

Gott sei selig gepriesen. (B)

Kommentar

Die Inschrift A ist in der für Metallarbeiten um 1400 typischen Goldschmiede-Minuskel ausgeführt mit folgenden charakteristischen Merkmalen: t mit durch den Schaft gestecktem Balken, p mit durch den Schaft gezogenem unteren Bogenende und Blättchenverzierung am Zierstrich von r. Innerhalb der Buchstabenkörper sind Schattenkonturen angebracht. Für die Inschrift wurde zwar diese anspruchsvolle Form der gotischen Minuskel gewählt, im einzelnen, besonders im Bereich des Namens Livinus und des zugehörigen Appellativums, läßt die Ausführung aber keine besondere Sorgfalt erkennen. Die fehlerhafte Gravur des s in Form eines g im Namen iohannes unterstreicht diesen Eindruck.

Die durch die Inschrift A bezeichneten figürlichen Darstellungen auf dem Leuchter zeigen zunächst die im Stift Gandersheim in besonderem Maße verehrten Heiligen: die Gottesmutter Maria als Hauptpatronin, die beiden päpstlichen Spezialpatrone Anastasius und Innocentius sowie Johannes den Täufer und den Erzmärtyrer Stephanus. Der heilige Livinus gehört nicht in diese Reihe, sondern verweist, wie Kurt Kronenberg nachgewiesen hat, auf den Stifter des Leuchters, den Kanoniker Hermann von Dankelsheim (1409–1433). Zusammen mit seiner Mutter Ghese und dem Kanoniker Heinrich Wenmari von Eschwege (1406–1419) hatte dieser am 21. Juni 1409 ein Fest zur Verehrung des heiligen Livinus gestiftet.1) Seine sich später „von Dankelsheim“ nennende Familie war im 12. Jahrhundert aus Flandern eingewandert, wo der heilige Livinus insbesondere als Patron der Stadt Gent verehrt wurde. Bis zu den Stiftungen Hermann von Dankelsheims ist der Kult des heiligen Livinus weder in Gandersheim noch in der Region belegt.2) Erst im 1. Viertel des 15. Jahrhunderts, also etwa gleichzeitig mit den Dankelsheimschen Stiftungen in Gandersheim, läßt sich der Livinus-Kult auch in Hildesheim nachweisen.3) Im übrigen zeigen die Stiftungen des Hermann von Dankelsheim und des Heinrich Wenmari von Eschwege, aber auch die Kapellen-Stiftung des Arnold von Roringen (vgl. Nr. 15) mit der Übertragung des St. Albans-Kultes von Göttingen nach Gandersheim, daß – wie bereits Christian Popp beobachtet hat – im späten Mittelalter das Kanonikerkapitel zu einem wichtigen Träger des Heiligenkultes wurde.4)

Textkritischer Apparat

  1. ioha(n)neg] g an Stelle eines Schluß-s mit gegeneinander versetzten Bögen ausgeführt.
  2. liuinu·s] s durch einen Worttrenner und einen Kreis, der möglicherweise aus einem us-Kürzel verschrieben ist, vom übrigen Wort abgetrennt. Vielleicht auch liuin(us) s(anctus) e(pisco)pus.
  3. e(pisco)pus] Schaft-s am Wortende, überflüssiger senkrechter Zierstrich nach u.
  4. sthephan(us)] us-Kürzel auf der Grundlinie in Form eines q.

Anmerkungen

  1. Goetting, Kanonissenstift Gandersheim, S. 408f. – Der Zusammenhang zwischen der Livinusverehrung und der Herkunft Hermann von Dankelsheims zuerst gesehen von: Kurt Kronenberg, Der fünfarmige Leuchter von Gandersheim und sein Stifter. Ein gotisches Kunstwerk und das Rätsel seiner Herkunft. Bad Gandersheim 1965.
  2. Popp, Der Schatz der Kanonissen, S. 139 mit weitergehenden Ausführungen.
  3. Kat. Der vergrabene Engel, S. 35f.; DI 58 (Stadt Hildesheim), Nr. 137 Altarretabel aus St. Magdalenen.
  4. Vgl. Popp, Schatz der Kanonissen, S. 139.

Nachweise

  1. Kdm. Kreis Gandersheim, S. 142f.

Zitierhinweis:
DIO 2, Kanonissenstift Gandersheim, Nr. 14 (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-dio002g001k0001400.