Inschriftenkatalog: Stadt Düsseldorf

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 89: Stadt Düsseldorf (2016)

Nr. 210† St. Andreas 1652

Beschreibung

Glocke. Bronze; Gewicht 1600 kg, Schlagton d’.1) Die Marienglocke war die größte von insgesamt fünf Glocken des alten Geläuts der Andreaskirche und wurde auch als Uhrglocke genutzt.

Nach den bei Bayerle überlieferten, nicht ganz zweifelfrei zu deutenden Angaben2) waren das Jesusmonogramm (A) und die Widmung (B) vermutlich umlaufend um die Schulter angebracht. Als Glockenzier nennt er ein Bild der Gottesmutter mit Kind – darüber und darunter jeweils der Beginn eines Gebets (Mariengesänge, C und D) – sowie auf der gegenüberliegenden Seite ein Bildnis und das Wappen Pfalzgraf Wolfgang Wilhelms, vielleicht der Abdruck beider Seiten einer Medaille, mit seiner Devise (E) und der Titulatur (F). Wo die Meisterinschrift (G) angebracht war, lässt sich nicht erschließen. Das Herstellungsdatum wird in den als Chronogramme ausgeführten Inschriften B, C, E und G angegeben. Die Glocke wurde 1942 infolge eines Bombenangriffs zerstört3); die Inschriften auf der 1954 neu gegossenen Glocke unvollständig übernommen4).

Nach Bayerle.

Maße: Dm. 136 cm.5)

  1. A

    IHS6)

  2. B

    MarIae CLango DeIparae hos sonos o CoeLI DoMIna ratos habe7)

  3. C

    SoLa ChrIsto DIgna Mater8)

  4. D

    Sub tuum praesidium confugimus sancta dei genitrix nostras deprecationes ne despicias9)

  5. E

    In Deo Mea ConsoLatIo10)

  1. F

    Wolfgang(us) Wilhelm[us]a) d(ei) g(ratia) com(es) pal(atinus) Rheni Bav(ariae) Jul(iae) Cliv(iae) Mont(ium) dux com(es) Veld(entiae) Sponh(emii) Marc(ae) Ravensp(ergae) Mörs(iae)b) dom(inus) in Ravenst(ein) etc. eccles(iae) s(ancti) Andreae et colleg(ii) soc(ietatis) Jesu fundator

  2. G

    Johannes De Lehr Me feCIt11)

Übersetzung:

Der Gottesgebärerin Maria erschalle ich. Heiße diese Klänge gut, o Herrin des Himmels. (B)

Die Christi einzig würdige Mutter. (C)

Unter deinen Schutz fliehen wir, heilige Gottesgebärerin. Mögest Du unsere Bitten nicht verschmähen. (D)

In Gott (ist) mein Trost. (E)

Wolfgang Wilhelm, von Gottes Gnaden Pfalzgraf bei Rhein, Herzog von Bayern, Jülich, Kleve, Berg, Graf von Veldenz, Sponheim, der Mark, Ravensberg, Moers, Herr in Ravenstein etc., Gründer der Kirche des heiligen Andreas und des Kollegs der Gesellschaft Jesu. (F)

Johannes von Lehr hat mich gemacht. (G)

Datum: 1652 (B, C, E und G).

Wappen:
Pfalz-Neuburg12)

Kommentar

Die Glocke ist wohl von Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm, dem Gründer der Andreaskirche sowie des Jesuitenkollegs, gestiftet worden.13) Inschrift F betont die engen Beziehungen zwischen den Düsseldorfer Jesuiten und dem Pfalzgrafen. Die Angabe bei Bayerle, derzufolge sich auf der Glocke „das Bildnis und das Wappen des Herzogs Wolfgang“ befanden, sowie der Text der Inschriften lassen vermuten, dass auf der Glocke Vorder- und Rückseite einer der Medaillen dieses Herrschers abgebildet waren, wie sie mit einer zwar nicht identischen, aber doch auffällig ähnlichen Umschrift und der Anbringung der Devise über dem Wappen erhalten sind.14)

Die Glocke für St. Andreas ist die einzige Glocke des möglicherweise aus dem niedersächsischen Leer stammenden Gießers Johann Lehr für eine Düsseldorfer Kirche. Lehr erwarb am 14. Dezember 1650 als „Ausstädtischer“ in Köln das Bürgerrecht und wohnte im Pfarrbezirk St. Kolumba. Bislang sind 41 Glocken nachgewiesen, die er in den Jahren 1650–1670 gegossen hat, darunter ungefähr ein Drittel für Kölner Kirchen. Er verstarb vor 1673.15) Auf den Glocken Johann Lehrs aus den Jahren 1650–1655 finden sich erstmals bei Kölner Meistern Chronogramme, die bis dahin nur von den Lothringer Glockengießern ausgeführt wurden.16)

Inschrift E, die Devise Pfalzgraf Wolfgang Wilhelms, findet sich in zahlreichen Düsseldorfer Inschriften bis 1653, so z. B. auf der Bleitafel zur Gründung des Gymnasiums (Nr. 147).

Textkritischer Apparat

  1. Sic! Kürzungszeichen (Punkt auf der Grundlinie) fehlt bei Bayerle; in Analogie zu Wolfgang(us) wohl als Wilhelm(us) ausgeführt.
  2. Sic bei Bayerle!

Anmerkungen

  1. Glocken und Geläute, S. 285; https://thema.erzbistum-koeln.de/glockenbuch/glockenbuecher/06_glockenbuch_duesseldorf.pdf, S. 19 (Zugriff: 03.05.2020).
  2. Bayerle, Kirchen, S. 167f., bietet die Inschriften in einer nicht am Aufbau der Glocke orientierten Reihenfolge.
  3. Vgl. Buschmann, Geschichte, S. 42f.; Glocken und Geläute, S. 285.
  4. 1954 wurden fünf neue Glocken für St. Andreas gegossen, von denen vier die Inschriften der vier im Krieg zerstörten Glocken übernahmen. Die fünfte Glocke des alten Geläuts ist erhalten (vgl. Nr. 187). Die fünfte der neuen Glocken besaß keine Vorgängerin. Vgl. HAEK, Nachlass Schaeben, Nr. 6 foll. 4–6; die neuen Inschriften auf dieser Glocke lauten: IMPOSUISTI MIHI TRIBULATIONES MULTAS ET MALAS RURSUS VIVUM FACIES ME ET DE PROFUNDIS TERRAE RURSUS ME EXTOLLES. AUGE DIGNITATEM MEAM ET DENUO ME CONSOLARE. Am Mantel: S. D. WOLFG. GYIL. COM. PAL. RH. DVC. BAVAR. IVL. CLEV. MONT. COM. VEL. SPON. MAR. RAV. ET MOR. DOM. IN RAVE. + Auf der Rückseite: + SOLA CHRISTO DIGNA MATER IN DEO MEA CONSOLATIO. Am Schlagring: JOHANNES DE LEHR ME FECIT 1641 FLAMMIS DISRUPTA SUM 1942. HANS HÜESKER - PETIT UND GEBRÜDER EDELBROCK GESCHER NOVAM ME FECIT 1954 (nach https://thema.erzbistum-koeln.de/glockenbuch/glockenbuecher/06_glockenbuch_duesseldorf.pdf, S. 15 [Zugriff: 03.05.2020]). Das Gussjahr der alten Glocke wird falsch mit 1641 angegeben. In einigen Beschreibungen der Ausstattung von St. Andreas findet sich auch die irreführende Angabe, dass der Künstler E. Mataré die „alte Glocke von 1641“ mit einem neuen Relief versehen habe. Vgl. z. B. Schnell, Düsseldorf. St. Andreas, S. 3, dort auch das Zitat; Wiener, Düsseldorf. St. Andreas, S. 6. Das Relief von Mataré befindet sich auf der 1954 neugegossenen Nachfolgerin der hier zu behandelnden Glocke von J. Lehr aus dem Jahr 1652.
  5. Glocken und Geläute, S. 285; https://thema.erzbistum-koeln.de/glockenbuch/glockenbuecher/06_glockenbuch_duesseldorf.pdf, S. 19 (Zugriff: 03.05.2020).
  6. Zu den unterschiedlichen Möglichkeiten, dieses Monogramm aufzulösen, s. Kap. 1 der Einleitung.
  7. Jeder der beiden Sätze enthält ein eigenständiges Chronogramm. Beide Chronogramme ergeben jeweils die Jahreszahl 1652.
  8. Das Chronogramm ergibt die Jahreszahl 1652. Zu dem Text vgl. z. B. Chevalier, Repertorium, Bd. 2, 11335 ein Hymnus „Mater digna dei“.
  9. Vgl. CAO III, Nr. 5041: „Sub tuum praesidium confugimus, Dei Genitrix; nostras deprecationes ne despicias in necessitatibus, sed a periculis libera nos semper, Virgo benedicta.“ Dies ist der Beginn des auch heute in der katholischen Kirche bekannten Gebetes „Unter Deinen Schutz und Schirm“.
  10. Das Chronogramm ergibt die Jahreszahl 1652. Bayerle gibt die Devise als Chronogramm ausgeführt an. Dagegen spricht, dass eine solche Ausführung sonst nicht nachgewiesen ist. Sollte es sich bei dem Bildnis des Herzogs um die Wiedergabe der Vorderseite einer Münze handeln, ist ein Chronogramm auszuschließen. Zu dieser Devise Pfalzgraf Wolfgang Wilhelms vgl. Dielitz, Wahl- und Denksprüche, S. 145.
  11. Das Chronogramm ergibt die Jahreszahl 1652.
  12. Bei Bayerle, Kirchen, S. 167, „das Wappen des Herzogs Wolfgang“.
  13. Vgl. zur Gründung und Förderung der Jesuiten durch den Pfalzgrafen Kap. 2.1.3 der Einleitung.
  14. Vgl. dazu Stemper, Medaillen, Bd. 2, S. 777–781, S. 783 u. 787f.
  15. Vgl. zu Johann Lehr zuletzt Poettgen, 700 Jahre, S. 174–177, dort S. 177 ein Katalog der von ihm gegossenen Glocken. Unvollstandige Aufstellungen der von Lehr gegossenen Glocken auch bei Walter, Glockenkunde, S. 785 (Johannes de Lehr) u. S. 812 (Johann Lehr aus Köln) sowie Renard, Glocken, S. 71.
  16. Vgl. Poettgen, 700 Jahre, S. 176.

Nachweise

  1. Bayerle, Kirchen, S. 167f.
  2. Walter, Glockenkunde, S. 362 (unvollständig; nur B und E).
  3. Smeddingk, Glockengiesser-Reihe, S. 214 (nach Bayerle).
  4. HAEK, Nachlass Schaeben, Nr. 1825 (Glockenverzeichnis, ohne Paginierung).
  5. Maes, Chronogramme, S. 20 (B, C, E u. G).

Zitierhinweis:
DI 89, Stadt Düsseldorf, Nr. 210† (Ulrike Spengler-Reffgen), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di089d008k0021004.