Inschriftenkatalog: Landkreis Weissenfels

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 62: Weißenfels (Landkreis) (2005)

Nr. 281 Weißenfels, Museum 1650

Beschreibung

Kasel aus grünem Seidendamast (Webbreite ohne Webkante: ca. 52 cm) mit blauem Leinenfutter und eingesetztem Kaselkreuz aus rötlichem Seidenatlas.1) Gerades Rückenteil mit kürzerem Brustteil, das in Brusthöhe etwas schmaler geschnitten ist.2) Das Kaselkreuz mit einer schmalen (teilweise verlorenen) Borte umsäumt, die aus einem mit einer vergoldeten Lamelle umwickelten Pergamentstreifen besteht. Die Kreuzarme angestückt. Auf dem Kreuz ein Kruzifix, flankiert von Maria (links) und Johannes (rechts), mit mehrfarbiger Seide in Flachstichtechnik gestickt. Die Nimben der Figuren, der Kreuztitulus (A) und eine Inschrift (B) unterhalb der Kreuzigungsgruppe mit Silberlahn angelegt und mit einer Kordel aus gezwirntem Silberlahn eingefaßt. Das Schriftband des Titulus nur mit dieser Kordel gebildet.

Maße: Rückenteil: H.: 118 cm; B.: 69 cm; Bu.: 2,2–2,5 cm (A, erste bis sechste und achte Zeile von B), 3,3–3,5 cm (siebte Zeile von B).

Schriftart(en): Kapitalis.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Markus Scholz) [1/1]

  1. A

    I(ESVS)a) · N(AZARENVS) · R(EX) · I(VDAEORVM)3) ·

  2. B

    HALTET · IM · GE/DECHTNVS · / IESVM · CHRIS=/TVM · DEMb) · GE=/CREVTZIG=/TEN. / H. R. / 1 · 6 · 50.

Übersetzung:

A Jesus von Nazareth, König der Juden.

Kommentar

Die Buchstaben haben sehr schmale, nur wenig überkragende Sporen. Als Worttrenner stehen in A Quadrangel, in B unregelmäßige Gebilde. Die unteren drei Schriftzeilen sind zentriert, die schlichten Buchstaben regelmäßig gebildet. Am oberen Bogenende von G, S und Z setzt (nicht durchgängig) ein nach oben ausgezogener Sporn an. Der Sporn am oberen Ende der Cauda des G wurde nach innen verlängert und die Cauda am Ansatzpunkt des Bogens nochmals mit einem Sporn verziert. Das R hat eine fast durchweg geschwungene, stets bis unter die Grundlinie geführte Cauda. Der untere Bogen des zweibogigen Z ist eingerollt.

Die Kasel ist das Obergewand der liturgischen Meßkleidung des katholischen Priesters. Der Stoff der vorliegenden Kasel entstand wahrscheinlich um 1600;4) das Kaselkreuz wurde zweifellos 1650 angefertigt. Ihm diente vielleicht ein älteres als Vorbild, da Ikonographie, Stil und Technik der figürlichen Stickerei spätgotische Reminiszenzen aufweisen.5) Das Motiv der Kreuzigungsgruppe in der hier vorliegenden Form läßt sich im späten Mittelalter vielfach nachweisen. Auch wurden schon im Mittelalter der Fuß des Kruzifixes und die Begleitfiguren etwa in der Mitte des Kaselkreuzes plaziert, um darunter ein Heiligenbild anbringen zu können.6) Dessen Stelle nimmt hier eine Inschrift ein. Das Kruzifix war mit oder ohne Begleitfiguren auch noch im 17. Jh. als Schmuck des Kaselkreuzes gebräuchlich.7)

Die deutschsprachige Ermahnung, stets der Leiden Christi zu gedenken, scheint darauf hinzuweisen, daß diese Kasel für den Gebrauch in einer evangelischen Kirche bestimmt war. Der Gebrauch von Meßgewändern (u. a. Kaseln) wurde noch 1596 und 1614 in offiziellen Gutachten der theologischen Fakultät der Universität Wittenberg bzw. des kursächsischen Oberkonsistoriums ausdrücklich gebilligt8) und ist in Kursachsen bis weit in das 17. Jh. hinein belegt.9) Nach dem Dreißigjährigen Krieg stiftete sogar die kurfürstliche Familie einzelnen, stark geschädigten Kirchgemeinden neue Meßgewänder.10)

In Weißenfels aber sollen 1588, schreibt Heydenreich, die Meßgewänder abgeschafft worden sein.11) Dem widerspricht die Mitteilung Sturms, daß die Weißenfelser Kirchgemeinde 1607 erwog, ein aus der ehemaligen Klosterkirche stammendes Meßgewand einer neu zu erbauenden (evangelischen) Gottesackerkirche zu stiften. Der von Sturm erwähnte Perlenbesatz des Gewandes12) deutet darauf hin, daß es sich dabei um eine Kasel handelte.

Inschrift B paraphrasiert vielleicht 2 Tim 2,8 („Halt im Gedächtnis Jesus Christus“) und erinnerte während der Feier der Eucharistie, als der Pfarrer die Kasel trug, an die Einsetzungsworte, die das Abendmahl zum Symbol und Gedächtnis des Opfertodes Jesu erhoben.13) Die Initialen (eines Stifters?) sind bislang nicht aufzulösen.

Textkritischer Apparat

  1. IESVS] Ergänzt nach Inschrift B.
  2. DEM] Für DEN.

Anmerkungen

  1. Beschreibung nach einer Autopsie, die freundlicherweise Frau Katharina Hinz M. A., Heidelberg, durchführte.
  2. Vgl. Stolleis 2001, S. 73 f. und 95 (Nr. 16, 17; 1595).
  3. Nach Io 19,19.
  4. Vgl. Markowsky 1976, S. 183, 222 f., 228.
  5. Für die Erörterung technischer und stilistischer Fragen danke ich Katharina Hinz.
  6. Vgl. Durian-Ress 1986, S. 27–29 (Nr. 6), 148–150 (Nr. 56); Stolleis 1992, S. 66 (Taf. 5), 104 f. (Nr. 2); Wilckens 1994, S. 96 f. (Nr. 46 b).
  7. Vgl. Mühlbächer 1995, S. 60 (Nr. 60; 1608); Stolleis 2001, S. 76, (Nr. 21; Mitte 17. Jh.). Piepkorn 1987, S. 45–48 bringt Schriftbelege, daß aus Damast genähte und mit Kruzifixen bestickte Kaseln noch Mitte des 17. Jh. in Gebrauch waren.
  8. Piepkorn 1987, S. 33 f., 41.
  9. Piepkorn 1987, S. 23–26, 30 f., 36 f., 42–44.
  10. Pallas 1908, S. 15.
  11. Heydenreich 1840, S. 53.
  12. Sturm 1846, S. 233.
  13. Mt 26,28: „Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ Lk 22,19: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.“

Zitierhinweis:
DI 62, Weißenfels (Landkreis), Nr. 281 (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di062l001k0028105.