Inschriftenkatalog: Die Inschriften des Rhein-Hunsrück-Kreises II

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 79: Rhein-Hunsrück-Kreis II (2010)

Nr. 108 Simmern, Evangelische Stephanskirche 1583

Beschreibung

Epitaph für Gertrud von Geispitzheim, ehemals am ersten Pfeiler auf der Kanzelseite angebracht1). Bislang als verschollen betrachtet, konnten fünf Fragmente der zugehörigen Inschriftentafel vom Bearbeiter am 26. Juli 1995 in der sogenannten „Alten Gruft“ unter der St. Anna-Kapelle aufgefunden werden; gegenwärtig werden sie oben in der Kapelle selbst verwahrt. Erhalten haben sich vier zusammenhängende Stücke der linken Seite und ein zugehöriges, jedoch nicht anschließendes Fragment der rechten Seite einer querrechteckigen Schiefertafel mit einer insgesamt zehnzeiligen Inschrift (A). Das Epitaph war vermutlich mit einem Eheallianzwappen und zwei weiteren Wappen (B) versehen.

Maße: H. ca. 30 (errechnet), B. ca. 60 cm (errechnet), Bu. 1,5-4 cm. Fraktur.

Schriftart(en): Erg. nach Wickenburg

Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/4]

  1. A

    [A(nn)o Domini M.D.LXXXIII. den 11. Martii en]tschlief im / [Herren Seeliglich Zu R]auengi[ersburg die E]dele vnd tu=/[g]entsame Fr[au] Gertraud vo[n Geiszspi]tzheima) ge=/borne von B[re]denbach, gena[nnt Breiten]stein, in Jren / erste(n) Kindts n[öthe(n)] mit einem iu[ngen Sohn, ihre]s Alters / [i]m 31. Jar [vnd] ligt alhie, Jre[(m) begehren nach] begrabe(n), / erwartendea) [der] froliche[n] vffe[rstehung ihres f]leisches. / Wolff Michael vo[n] Geisspitza) [ihr iun]k[er] / vnd Eheuogd, liess derselben [zum gedächtnusz dieses] / werck machen, vnd [hieher setzen.]

  2. B†
    Geispitzheim / nachgenannt Breidenstein 
    Wohen meistera) Herdingshaus 
Wappen:
Geispitzheim/Breidenbach gen. Breidenstein
Küchenmeister von WechtersbachHerdingshaus.

Kommentar

Die gut ausgeführte Fraktur weist mit der sparsamen Verwendung von Schleifen und der Gestaltung der Gemeinen b, d und s Gemeinsamkeiten mit der auch sonst in der Werkstatt Johann von Trarbachs verwendeten Fraktur2) auf. Allerdings sind auch deutliche Abweichungen zu beobachten: a, e, g und o sind links mit rundem Bogen, also ohne die fraktur- und werkstatttypischen Knicke gestaltet und sind sozusagen den Formen der humanistischen Minuskel entnommen. Dieser Eindruck wird durch den breiten Strich unterstützt, mit dem die Buchstaben insgesamt ausgeführt sind. Es dürfte sich hier also um eine zweite Schrifttype handeln, die in der Werkstatt Trarbachs verwendet wurde.

Wolf Michael war einer von zwei Söhnen aus der ersten Ehe des Heinrich von Geispitzheim3), pfalz-simmernscher Rat und Amtmann zu Birkenfeld, später zu Bolanden (Kirchheimbolanden, Donnersbergkreis), mit Maria von Koppenstein. Vermutlich ebenfalls in pfalz-simmernschen Diensten tätig (vielleicht als Schaffner des 1566 säkularisierten Klosters Ravengiersburg), war Wolf Michael mit der einer hessischen Beamtenfamilie entstammenden Gertrud von Breidenbach gen. Breidenstein4) verheiratet. Nach dem frühen Tod seiner Frau vermählte sich Wolf noch zweimal und verstarb 16325).

Textkritischer Apparat

  1. Sic!

Anmerkungen

  1. So Andreae.
  2. Vgl. dazu Einleitung Kap. 5.4.
  3. Verstorben 1599 und in Bad Kreuznach begraben; vgl. dazu DI 34 (Lkrs. Bad Kreuznach) Nr. 408 und zur Familie Weber, Adelsfamilie 24ff.
  4. Vgl. zu Familie und Wappen DI 60 (Rhein-Hunsrück-Kreis 1) Nr. 152. – Laut Humbracht, Zierde Taf. 180 war sie eine Tochter des Gebhard von Breidenbach gen. Breidenstein (Sohn des Heinrich von Breidenbach gen. Breidenstein und seiner Frau Katharina Küchenmeister von Wechtersbach) und seiner Frau NN. von Lynsingen (Tochter des Johann und der Christina von Liederbach), was mit dem zweiten der kopial überlieferten, auf Gertrud bezogenen Wappennamen Herdingshaus nicht in Übereinstimmung zu bringen ist.
  5. Vgl. dazu Humbracht, Zierde Taf. 189.

Nachweise

  1. Wickenburg, Thesaurus Palatinus I fol. 311v.
  2. Andreae, Simmera Palatina 24.
  3. Rodewald, Grüfte und Inschriften 35.
  4. Wagner, Simmern 155f.
  5. Kdm. Rhein-Hunsrück 1, 994.
  6. Kern, Simmern 46 mit Abb.

Zitierhinweis:
DI 79, Rhein-Hunsrück-Kreis II, Nr. 108 (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di079mz12k0010802.