Inschriftenkatalog: Greifswald

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 77: Greifswald (2009)

Nr. 91(†) Greifswald-Eldena, Zisterzienserkloster St. Marien M.14.–A.15.Jh., 1597

Beschreibung

Grabplatte, zuerst vielleicht für den Abt Christian von Eldena (A), später für Henning von Walsleben (B). Kalkstein. Sie bedeckte seit dem Ende des 16. Jahrhunderts das Erbbegräbnis der Familie von Walsleben in der Mitte des Chores vor dem Stuhl des Amtshauptmanns.1) Bei den Aufräumarbeiten in der Klosterkirche zu Beginn der 1830er Jahre fand man nur noch eine Anzahl Bruchstücke dieser ehemals hochrechteckigen Platte, die 1843 am linken Rand der Chorsüdwand eingemauert wurden. Von diesen wiederum ist heute nur noch ein größeres Fragment erhalten. Weitere Stücke mit Teilen der Inschrift, die von Kirchner (1836) und Pyl (1880/1) noch gelesen werden konnten, sind inzwischen verloren. Ein weiteres Bruchstück mit der rechten unteren Ecke wurde bei Ausgrabungen im Jahr 1926 entdeckt und rechts oben angefügt.2) Von der ehemals zwischen einfachen Linien umlaufenden Inschrift A ist nur noch ein Teil von der rechten Langseite sowie das Textende vorhanden. Von der im Innenfeld ehemals angebrachten figürlichen Darstellung sind nur noch wenige Linien erkennbar, denn sie wurde Ende des 16. Jahrhunderts beseitigt, als man die Platte für das Grab des Henning von Walsleben herrichtete. In der Mitte wurde in einer kreisförmigen Vertiefung das Walsleben’sche Vollwappen angebracht, das am oberen Rand die Reste der Devise C zeigt. Von beidem, Wappen und Inschrift, ist jeweils nur die rechte Hälfte erhalten, ebenso von der oberhalb des Wappens angebrachten Inschrift B, deren erste Zeile weitgehend zerstört ist. Die letzte Zeile wird durch das Wappen unterbrochen. Unterhalb des Wappens befanden sich zwei Bibelzitate. Erhalten hat sich nur ein Rest des oberen, dessen erste Zeile ebenfalls vom Wappen unterbrochen wird (D). Inschrift A erhaben in vertiefter Zeile, B und D erhaben in vertieftem Feld, C eingehauen.

Inschrift E nach Biesner – Inschrift A ergänzt nach Kirchner, Inschrift B ergänzt nach Kirchner und Pyl, Inschriften C und D ergänzt nach Biesner.

Maße: H. 147 cm, Br. 67 cm. Bu. 6 cm (A, D), 5,5 cm (B), 3 cm (C).

Schriftart(en): Gotische Minuskel (A), Mischschrift aus gotischer Minuskel und Fraktur (B), Kapitalis (C, D).

Jürgen Herold [1/1]

  1. A

    [ - - - migravita) ab isto]b) [ - - - ]q(ue) t(r)iumpha(n)sc) zoelica me(n)te pete(n)s et (christ)od) totu[s deditus - - - ]e) [ - - - ] ex re nom(en) / h(abe)nsf)

  2. B

    [Anno 1597 den 1]. A[PRIL] / [vmb zehen vhr] auff den abent / [ist ihm Hern se]liglich entslaffe(n) / [der Edle und ernv]este Henning / [v. Walschleben F]vrst(lich) Loitzisch(er) / [Hofdener seins] alters ˑ 26 ˑ Jar / [Jochim v. Walschle]be(n) ˑ Sg) ˑ Shonh) avf / [Wvdarg Erbgesessen und] all hie begraben / [des selen] // Godt gnad

  3. C

    [GOT KAN] ALS W . SCH :

  4. D

    [MATTH] // ˑ AM ˑ 11 ˑ / [KOMMT ZU MIR] ALLE DIE / [IHR MÜHSELIG UND BELADEN SEIT ICH WILL EUCH ERQUICKEN]3)

  5. E†

    Esa am 53 / Fürwar er druch unsere Krankheit und ladt auff sich unser schmertzen4)

Übersetzung:

(...) wanderte aus dieser Welt (...) und triumphierend mit seinem Geist zum Himmel strebend und sich ganz Christus hingegeben hat (...) seinen Namen zu Recht tragend. (A)

Versmaß: Elegische Distichen (A).

Wappen:
Walsleben

Kommentar

Die anspruchsvolle Textgestaltung von Inschrift A und die geringen Spuren einer figürlichen Darstellung geben Grund zu der Annahme, dass die Platte ursprünglich einem Abt von Eldena gewidmet war. Die gedankliche Verbindung der Hingabe des Verstorbenen an Christus (V. 3) und der Junktur ex re nomen habens lässt an Christian, den sechsten Abt des Klosters, denken. Wenn dies zutrifft, wäre die Platte erst etwa hundert Jahre nach dem Tod Christians, der für das Jahr 1256 in seinem Amt urkundlich nachzuweisen ist,5) angefertigt worden, da die gotische Minuskel im Greifswalder Raum nicht vor der Mitte des 14. Jahrhunderts in Gebrauch war, die Art der Ausführung zudem auf die zweite Jahrhunderthälfte bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts verweist.6)

Ende des 16. Jahrhunderts kam die Platte in den Besitz der Familie von Walsleben, eines im Amt Treptow/Klempenow ansässigen Rittergeschlechts mit Besitzungen in Wodarg, Leistenow, Werder und Buschmühl (alle Ldkr. Mecklenburgische Seenplatte).7) Henning von Walsleben wurde etwa 1571 als Sohn des Joachim auf Wodarg und der Euphemia von Eickstedt geboren,8) am 8. Mai 1586 fünfzehnjährig an der Universität Greifswald immatrikuliert,9) starb aber bereits am 1. April 1597. Der Inschrift nach war er Hofdiener der Herzogin Sophia Hedwig von Pommern auf deren Witwensitz in Loitz (Ldkr. Vorpommern-Greifswald). Als Hennings Bruder Alexander von Walsleben (1583–1649), Amtshauptmann von Klempenow, 1637 Ansprüche auf ein Erbbegräbnis in der Klosterkirche Eldena gegenüber dem damaligen Rektor der Universität, in deren Grundbesitz das Klosteramt 1634 als herzogliche Schenkung gekommen war, geltend machte, fertigte der damalige Eldenaer Amtshauptmann Georg Völschow von den Walsleben’schen Inschriften auf der Grabplatte eine Abschrift an, die es erlaubt, die heute verlorenen Teile zu ergänzen. Diese Abschrift wurde 1834 von Biesner publiziert.10)

Textkritischer Apparat

  1. migravit] Davor ist mundo zu ergänzen.
  2. mundo migravit ab isto] Ende eines Hexameters, ehemals an der linken Langseite der Platte.
  3. t(r)iumpha(n)s] i verkleinert über der Zeile. Zwischen m und p schadhafte Stelle auf dem Stein.
  4. (christ)o] xpo.
  5. totu[s deditus]] Nach de- Wort bereits von Kirchner ergänzt. Im vorhergehenden Text handelt es sich (bis petens) um das Ende eines Pentameters und (bis deditus) um den Anfang eines Hexameters.
  6. Ob die Inschrift hier tatsächlich endete, ist unbekannt.
  7. S] Für ‚seliger‘.
  8. Shon] Statt Sohn; Schon Kirchner.

Anmerkungen

  1. Biesner, Abriß, S. 544.
  2. Kloer, Eldena 1929, S. 84.
  3. Mt. 11,28.
  4. Jes. 53,4.
  5. Pyl, Eldena, S. 559; Hoogeweg, Klöster, S. 573.
  6. Parallelfälle für eine solche Jahrzehnte oder Jahrhunderte spätere Anfertigung finden sich beispielsweise in der Grabplatte für den 1262 verstorbenen Schweriner Bischof Rudolf I., die sein zweiter Nachfolger Gottfried I. († 1314) veranlasste (Magin, Grabdenkmäler, S. 173f.), und in der um 1420 hergestellten Gedenkplatte für das pommersche Herzogspaar Ratibor und Pribislawa, das um 1150 das Kloster Grobe gestiftet hatte, in der Usedomer Marienkirche (Auge, Ratiborstein, S. 67–74).
  7. Klempin, Matrikeln Ritterschaft, S. 163, 207f., 313; Schleinert, Gutswirtschaft, S. 83, Anm. 109.
  8. LAKD, Landesarchiv Greifswald, Rep. 40, III 35y, Bl. 38r: In einer Urkunde des Herzogs Philipp Julius von Pommern (23. September 1600) wird Joachim von Walsleben auf Wodarg mit vier Söhnen genannt, Valentin, Alexander, Joachim und Ernst Ludwig. Da Henning bereits am 1. April 1597 verstorben war, erscheint er auch nicht in der auf dieser Urkunde beruhenden genealogischen Notiz.
  9. Ältere Matrikel Greifswald 1, S. 333.
  10. Biesner, Abriß, S. 544f.; Pyl, Eldena, S. 161f. Das Schreiben Georg Völschows an den Rektor vom 12. Oktober 1637 mit der Wiedergabe der Inschriften war im Universitätsarchiv Greifswald nicht auffindbar.

Nachweise

  1. Kirchner, Grabsteine Eldena, Teil 2, S. 153 (A, B).
  2. Biesner, Abriß, S. 545 (ohne A).
  3. Pyl, Eldena, S. 162.
  4. Haselberg, Kreis Greifswald, S. 78 (B, C).

Zitierhinweis:
DI 77, Greifswald, Nr. 91(†) (Jürgen Herold, Christine Magin), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di077g014k0009105.