Inschriftenkatalog: Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 78: Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt (2009)

Nr. 88 Gernsbach, ev. Pfarrkirche (St. Jakob) um 1470

Beschreibung

Sakramentshäuschen. Im Inneren des Chores vor dem nördlichen Seitenfenster. Sandstein. Dreizoniger Aufbau. Der in mehrere spitze Pässe gegliederte Fuß verjüngt sich zu einem polygonalen Schaft, den zwei schwebende Engel umfassen. Am unteren gekehlten und mit Stabprofilen verzierten Rand der Gehäusegrundplatte neun nahezu vollplastisch ausgearbeitete Wappenschilde. Die hochrechteckige, in die Chorwand vertiefte Sakramentsnische wird von zwei Heiligenfiguren flankiert. Links offenbar Maria (?), rechts Johannes Evangelista. Ober- und unterhalb der von einem schwarzen Gitter verschlossenen Öffnung waren ehemals zwei eingemeißelte Inschriften (A, B) angebracht, die zu unbestimmter Zeit bis auf wenige Buchstaben sorgfältig abgespitzt wurden. Während die obere Inschrift (A) nur auf die Stirnseite des Gehäuses begrenzt war, umlief (B) den gesamten vorkragenden Schrein auf einer schmalen Schrägfläche über der Grundplatte. Der Text wurde lediglich durch die Konsolen der beiden Heiligenfiguren unterbrochen. Der hohe, ebenfalls dreizonig gegliederte Helm trägt zahlreiche Fialen und ist mit durchbrochenem Maßwerk verziert. Auf einem baldachinartigen Vorsprung über der Schreinöffnung die Figur Christi als Schmerzensmann mit einem leeren Spruchband. Von drei weiteren Figuren im mittleren Helmgeschoß nur noch der hl. Sebastian vorhanden. Die krabbenbesetzte Helmspitze bekrönt ein Pelikan.

Maße: H. ca. 5,70, B. ca. 120, Bu. ca. 5 (A), 3–3,5 cm (B).

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal.

Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/4]

  1. A

    [– – –]a)

  2. B

    [– – – //b) – – –]ẹc) //d) [– – –]aẹe)

Wappen:
Katzenelnbogen1, Oettingen2, Erbach, Eberstein, Vinstingen, Lichtenberg3, unbekannt4, Zweibrücken (?)5.

Kommentar

Das Sakramentshäuschen gehörte offenbar zur Ausstattung des 1467 neu errichteten Kirchengebäudes und dürfte somit kaum früher entstanden sein.6 Es ist stilistisch eng verwandt mit der aus dem Kloster Herrenalb (Lkr. Calw) stammenden Kreuzigungsgruppe7 von 1464 auf Schloß Eberstein und wird dem Trierer Schulkreis Nikolaus Gerhaerts’ von Leyden zugeschrieben.8 Die Wappenschilde verweisen auf die Stifterin Agnes von Vinstingen, ihren bereits am 7. Februar 1440 verstorbenen Ehemann Bernhard I. von Eberstein und auf beider Ahnen.9 Wann und aus welchem Grund man die auf dem Gehäuse angebrachten Inschriften tilgte, ist nicht überliefert. Vermutlich geschah es im Zuge der Reformation, die in Gernsbach offiziell 1556 eingeführt wurde.10 Seither steht die St.-Jakobs-Kirche mit einigen Unterbrechungen der evangelischen Gemeinde zur Verfügung.

Textkritischer Apparat

  1. Die am Anfang noch sichtbaren Zierlinien deuten darauf hin, daß die Inschrift mit einem Versal begann.
  2. Unterbrechung durch die Konsole der linken Heiligenfigur (Maria?).
  3. Der Balken des e nicht mehr sichtbar. Könnte auch ein c sein.
  4. Unterbrechung durch die Konsole der Figur Johannes’ Evangelista.
  5. ac Kdm. Vom e nur noch die linke Hälfte sichtbar.

Anmerkungen

  1. Linksgewendet.
  2. Nur der Schragen ausgeführt.
  3. Der Schild hier nicht bordiert.
  4. Gespaltenes Schildchen, ringsum begleitet von sieben Zapfen. Möglicherweise Wildenburg, vgl. das nur geringfügig abweichende Wappen in Otto Gruber, Wappen des mittelrheinisch-moselländischen Adels. Beiträge zur rheinischen Heraldik, ersch. als Sonderheft zu Landeskundliche Vierteljahrsblätter 8–11 (1962–1965) 140f. Allerdings wäre hier in Analogie zur Ahnenprobe Bernhards I. von Eberstein das Wappen der Großmutter väterlicherseits zu erwarten, also das Blancheflors von Falkenstein (Brandenburg), vgl. dazu Europ. Stammtafeln NF, Bd. 11, Taf. 45; ebd., Bd. 7, Taf. 36.
  5. Ein gekrönter, doppelschwänziger Löwe. Unsichere Identifizierung in Analogie zu den Ahnenwappen Bernhards I. von Eberstein, wo an dieser Stelle das Wappen der Großmutter mütterlicherseits erscheint. Das Wappen Lorettas von Zweibrücken-Bitsch weicht jedoch von dem vorliegenden etwas ab. Vgl. zur Ahnenfolge Europ. Stammtafeln NF, Bd. 9, Taf. 73; Schwennicke, Europ. Stammtafeln NF, Bd. 18, Taf. 149.
  6. Vgl. nr. 85.
  7. Vgl. Himmelein, Beiträge 53–55; DI 30 (Calw) nr. 117; Kdm. Rastatt 287f.
  8. Vgl. Kdm. Rastatt 144.
  9. Vgl. Europ. Stammtafeln NF, Bd. 12, Taf. 28; ebd., Bd. 11, Taf. 45.
  10. Zu den kirchlichen Verhältnissen in Gernsbach im 16. Jahrhundert vgl. Landkreis Rastatt, Bd. 2, 104; Hennl, Gernsbach 247–254, hier 249–251.

Nachweise

  1. Krieg v. Hochfelden, Geschichte 290f. (erw.).
  2. Beust, Geschichte Eberstein 125 (erw.).
  3. GLA Karlsruhe N Mone 108, Mone, Aufzeichnungen Murgthal, fol. 53r, 55r (erw.).
  4. Trenkle, Beiträge (1881) 181 (erw.).
  5. RP Karlsruhe (Denkmalpflege), Photoarchiv, Neg.-nrr. 5137–5142.
  6. StdtA Gernsbach o. Sig., Langenbach, Stadtchronik Gernsbach, Bd. 1, fol. 193r–194r (nach Krieg v. Hochfelden).
  7. Kdm. Rastatt 141f. (Abb. 81f.), 144.
  8. Kunitzki, Gernsbach 65 (Abb.), 67 (erw.).
  9. Schwarzmaier u. a., Geschichte 82 (Abb.).
  10. Himmelein, Beiträge 56f. (erw.), o. S. (Taf. 14).
  11. Kieser u. a., Kunst- u. Kulturdenkmale RA/BAD 210f. (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 78, Stadt Baden-Baden und Landkreis Rastatt, Nr. 88 (Ilas Bartusch), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di078h017k0008806.