Inschriftenkatalog: Stadt Minden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

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DI 46: Stadt Minden (1997)

Nr. 1† Dom vor 996

Beschreibung

Buchdeckel. In der Jüngeren Bischofschronik ist die Handschrift mit dem Vermerk librum evangeliorum, quod plenarium vocamus, auro mundo, tabula eburnea exterius adornatum bezeichnet.1) Die Inschrift war eingraviert oder getrieben.2) Über den Verbleib des Einbandschmucks, der die Inschrift trug, ist nichts bekannt. Er war bereits im Jahr 1683 verloren, da das Domschatzinventar für keine der Handschriften im Besitz des Domes die Einbandinschrift wiedergibt, sonst aber alle Inschriften der Bucheinbände verzeichnet.3)

Inschrift nach Hermann von Lerbeck.

  1. Sit tibi Gorgoni liber hic rogo valde decoriOrnari Milo quem fecit episcopus auro

Übersetzung:

Möge dir, Gorgonius, – darum bitte ich inständig – dieses Buch zum Ansehen gereichen, das Bischof Milo mit Gold ausschmücken ließ.

Versmaß: Leoninische Hexameter, einsilbig gereimt.

Kommentar

Schroeder4) vermutet, daß es sich um den Einband der Handschrift Staatsbibliothek Berlin SPK, Ms. theol. lat. fol. 3 handelt. Der Buchdeckel der Handschrift trägt drei auf das 11. Jahrhundert datierte Elfenbeinreliefs, die demzufolge nachträglich angebracht wären unter Beibehaltung der später verlorengegangenen Dedikationsinschrift aus dem 10. Jahrhundert.5) Daß es sich bei dieser Handschrift um ein Evangeliar handelt, Hermann von Lerbeck jedoch von einem plenarium spricht,6) scheint nach der oben zitierten Beschreibung der Jüngeren Bischofschronik auf den ersten Blick kein Widerspruch zu sein. Die Zuweisung der Dedikationsinschrift an einen im Mindener Domschatz befindlichen Buchdeckel, der ein auf die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts datiertes Elfenbeinrelief mit der Darstellung der Himmelfahrt Christi sowie einen mit Edelsteinen besetzten Goldrahmen aus dem Ende des 15. Jahrhunderts trägt,7) lehnt Schroeder mit der Begründung ab, daß dieser Buchdeckel zu einem Evangelistar, nicht zu einem Evangeliar gehörte.8) Gerade dieser Umstand spricht jedoch dafür, daß der Buchdeckel des Mindener Domschatzes die Dedikationsinschrift getragen hat, bevor der das Elfenbeinrelief umrahmende Goldbeschlag Ende des 15. Jahrhunderts erneuert wurde. Die Bezeichnung des Buches als Plenar bei Hermann von Lerbeck und der bereits zitierte Vermerk der Jüngeren Bischofschronik librum evangeliorum, quod plenarium vocamus, weisen darauf hin, daß es sich eben nicht um den gesamten Text der vier Evangelien handelte, sondern vielmehr um eine Zusammenstellung der für den Gottesdienst benötigten Teile der Evangelien.

Der Stifter des Evangelistars, Bischof Milo, amtierte in den Jahren 969–996. Es gelang ihm in dieser Zeit, den Besitz der Mindener Kirche durch Empfang von größeren Schenkungen zu vermehren, da er enge Kontakte zum Hof Kaiser Ottos II. und Ottos III. hatte, an dem er sich wiederholt aufhielt.9) Während seines Episkopats stattete Otto II. die Mindener Kirche im Jahr 977 mit Königsbann, Zoll und Münze aus.10) Besondere Aufmerksamkeit der Forschung erfuhr Milo dadurch, daß er darum bemüht war, die Verehrung des heiligen Gorgonius in Minden zu befördern.11) Gorgonius, dem Bischof Milo mit der Inschrift das von ihm gestiftete Buch zueignete, ist neben Petrus der Hauptpatron des Mindener Domes. Er erlitt zusammen mit seinem Gefährten Dorotheus unter Diokletian das Martyrium. Zu welchem Zeitpunkt seine Reliquien nach Minden kamen, ist nicht geklärt. Nachweisen lassen sie sich erst im letzten Viertel des 10. Jahrhunderts. Am wahrscheinlichsten ist eine nach dem Dombrand von 947 erfolgte Translation der Reliquien, die von dem 927–950 amtierenden Bischof Ebergis veranlaßt wurde, um den Verlust von Reliquien durch den Brand auszugleichen. Ebergis war zugleich Abt des Klosters Lorsch, einer Filialgründung der Abtei Gorze, deren Titularheiliger wiederum Gorgonius von Rom war. Es liegt daher nahe, daß sich Bischof Ebergis für eine Translation von Gorgoniusreliquien aus Gorze nach Minden einsetzte.12)

Offenbar erlangte der heilige Gorgonius durch die Translatio seiner Reliquien nach Minden dort zunächst keine große Popularität. Die früheste explizite Bezeichnung des Mindener Domes als Petrus und Gorgonius geweihte Kirche stammt bereits aus der Regierungszeit Milos; sie findet sich in der schon erwähnten Urkunde Ottos II. aus dem Jahr 977, mit der er das Bistum Minden privilegierte. Lediglich ein etwas früherer Hinweis in den Miracula Sancti Gorgonii des Johannes von Gorze, die um das Jahr 965 datiert werden, deutet darauf hin, daß der Mindener Dom schon zu dieser Zeit als dem Heiligen geweiht galt. Johannes von Gorze berichtet von einem Bistum jenseits des Rheins, das den Namen des Gorgonius in würdiger Weise trage.13) Die bei Peters14) angedeutete Möglichkeit, daß der nach dem Brand 952 neuerrichtete Dom neben Petrus auch dem heiligen Gorgonius geweiht wurde, dessen Patronat jedoch bis zur Regierungszeit Milos bedeutungslos blieb, erscheint angesichts dieser Quellenlage plausibel. Die Bemühungen Milos um die Verehrung des heiligen Gorgonius spiegeln sich in zwei undatierten Briefen wider, die bereits häufig Gegenstand von Untersuchungen waren: dem Brief eines Bischofs Adalbert, wahrscheinlich Adalbert von Prag (982–997), an Milo, mit dem dieser die von ihm gefundene Passio des Gorgonius an den Mindener Bischof übersandte, und dem Brief Milos an den Abt Immo von Gorze (984–1012), mit dem er die Passio an das Kloster Gorze weiterreichte.15) Milo wies dabei nicht auf Adalbert als den eigentlichen Finder der Passio hin, sondern stellte sich in seinem Brief an Immo selbst in dieser Rolle dar. Daß er dabei einige Passagen aus dem an ihn gerichteten Brief Adalberts wörtlich übernahm und wenig geschickt in seinen Brief an Immo einbaute, führte zu der schwerlich nachvollziehbaren Auffassung, der Festtag des heiligen Gorgonius, der 5. September, sei weder in Gorze noch in Minden zuvor bekannt gewesen.16)

Wie auch immer man das Verhalten Milos im Zusammenhang der Auffindung der Passio bewerten will, so erfuhr Gorgonius als Patron des Domes seit seiner Regierungszeit in Minden eine besondere Verehrung, die auch an weiteren Inschriftenträgern dieses Bestandes deutlich wird (vgl. Nr. 51 u. Nr. 55). Besonders hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang auf den Bildteppich aus dem 12. Jahrhundert (Nr. 13), auf dem das Martyrium des Gorgonius und des Dorotheus dargestellt war. Die Popularität des Heiligen im hohen und späten Mittelalter in Minden zeigt sich auch darin, daß er bemüht wurde, um den gewaltsamen Tod Bischof Volkmars zu erklären, der von Kaiser Heinrich IV. als Gegenbischof zu dem vom Domkapitel mit Zustimmung des Papstes gewählten Bischof Reinhard (1081–1089) ernannt worden war. Nach der in den Chroniken überlieferten Geschichte der Ermordung des Bischofs im Jahr 1095 erschien Gorgonius nach dem Mord den Wächtern des Domes und zeigte diesen die Altardecke, an der er sein blutiges Schwert abgewischt hatte.17)

Anmerkungen

  1. Jüngere Bischofschronik, S. 124.
  2. In quo isti versus sculpti habentur. Hermann von Lerbeck, S. 42. Entsprechend die Bischofschroniken StA Münster, Msc. VII, Nr. 2417, fol. 26r, u. Nr. 2433, fol. 12r: seyn diese Versche gegraben.
  3. Schroeder, Domschatzinventar, passim.
  4. Ebd., S. 18.
  5. Ebd., Abb. S. 19.
  6. Hermann von Lerbeck, S. 42.
  7. Löffler, Bischofschroniken, S. 42, Anm. 10.
  8. Schroeder, Domschatzinventar, S. 18 u. 54f.
  9. Gisbert, Bischöfe, S. 12f.
  10. MGH DD, II,1, S. 165f., Nr. 147.
  11. Vgl. dazu: Acta Sanctorum, September Bd. 3, Antwerpen 1750, S. 328–355; A. Kolberg, Ein Brief des heiligen Adalbert von Prag an Bischof Milo von Minden aus dem Jahre 993 und die Passio S. Gorgonii martyris. In: Zeitschrift für die Geschichte und Alterthumskunde Ermlands, Bd. 11, 1897, S. 490–527; L'Auteur et les Sources de la Passion des SS. Gorgone et Dorothée, Analecta Bollandiana, Tom. XVIII, Brüssel 1899, S. 5–21; Maria Brosius, Bischof Milo von Minden. In: MMG 55, 1983, S. 121–126; Hans-Heinz Peters, Das Gorgoniuspatrozinium in Minden bis zum Jahr 996. In: MMG 55, 1983, S. 127–132.
  12. Vgl. Freise, Sachsenmission, S. 94, Anm. 273.
  13. MGH SS V,4, S. 242.
  14. Peters (wie Anm. 11), S. 127.
  15. Gedr. bei Kolberg (wie Anm. 11) u. in den Analecta Bollandiana (wie Anm. 11).
  16. Kolberg (wie Anm. 11), S. 501, u. Peters (wie Anm. 11), S. 131f. In den Analecta Bollandiana (wie Anm. 11, S. 19) ist bereits auf die unglückliche Konstruktion des Satzes hingewiesen, in dem Milo – ebenso wie Adalbert in seinem Schreiben – nichts anderes aussagen wollte, als daß er beim Aufschlagen des betreffenden Heiligentages auf die Passio gestoßen sei.
  17. Hermann von Lerbeck, S. 48; Jüngere Bischofschronik, S. 143f.

Nachweise

  1. Hermann von Lerbeck, S. 43.
  2. StA Münster, Msc. VII, Nr. 2417, fol. 26r.
  3. StA Münster, Msc. VII, Nr. 2433, fol. 12r.
  4. Meibom, Chronicon, S. 559.
  5. Culemann, Geschichte, Abt. 1, S. 22.
  6. Fiorillo, Geschichte, S. 9.
  7. Gisbert, Bischöfe, S. 49, Anm. 15.
  8. Schroeder, Domschatzinventar, S. 22.

Zitierhinweis:
DI 46, Stadt Minden, Nr. 1† (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di046d003k0000106.