Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 570 Stadtmuseum, aus Kloster Mariamünster 2.H.16. Jh.

Beschreibung

Spruchinschrift und gleichzeitig Bildbeischrift auf dem Band eines Andachtsbildes. Innen oben in die Nordwand der Andreaskirche über einem Stein von 1460/63 eingemauert, aus Kloster Mariamünster.1) Hochrechteckige Platte aus rotem Sandstein mit Darstellung der Lactatio Mariens und Bernhards von Clairvaux unter Wappen und Spruchband. Muttergottes und Christuskind nimbiert, Bernhard mit Abtsstab, darunter aufgeschlagenes Buch, flankiert von Kirschzweig und Blumenvase. Oben leicht bestoßen.

Maße: H. 70, B. 66,5, Bu. 2 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

  1. MONSTRATEa) · ESS(E) · / MATRE·M·

Übersetzung:

Zeige, daß du die Mutter bist.

Wappen:
Zisterzienser (Mariamünster).

Kommentar

Der besondere Stellenwert der Marienverehrung bei den Zisterziensern ist allgemein bekannt, so daß Darstellungen der Maria in vielfältigster Form in Zisterzienserkonventen gehäuft anzutreffen sind.2) Von den Angehörigen des Ordens erlangte Bernhard als Gründer von Clairvaux, Kreuzzugsprediger und eben Beförderer des Ordens der Marienverehrung Berühmtheit; beiden zusammen gilt die besondere Verehrung des Ordens. In Bernhards jüngeren Lebensbeschreibungen und lokalen Chroniken werden die Ereignisse, die in der Darstellung der Lactatio beredten Ausdruck fanden, in mehreren Versionen berichtet; gemeinsam ist allen die teils in Speyer lokalisierte Begrüßung Bernhards durch Maria, die ihn auf das Gebet der Inschrift hin ihre Brust drückend mit einem Milchstrahl benetzt, mit den Worten Herberts über die Wunder der Zisterziensermönche „de miraculoso illo lacte, a beatissima virgo in Bernardum expresso“.3) Ihre Entstehung verdanken die Legende und spätere Darstellungen Bernhards eigener glühender Marienverehrung etwa in der Auslegung des Hohen Liedes und seinem Vergleich der Muttermilch mit dem Strom der Frömmigkeit in Predigten zu Affligem.4) Seit etwa 1290 das Lactatio-Motiv auf einem Altar in Palma de Mallorca aufgegriffen wurde, gehörte es mit zu den häufigsten bei Bernhard-Darstellungen in Zyklen wie Einzelbildern.5) Zu den bekanntesten zählen der Kupferstich-Zyklus des Antonio Tempesta von 1587, wo über der entsprechenden Szene aus Hohelied 7,12 zitiert wird: „dabo tibi ubera mea“; die Tafelbilder aus dem Kloster Neuberg/Mürz von 1518 mit dem auch in Worms gebrauchten Spruch; das Reliquiar des Urs Graf d.Ä. für St. Urban/Schweiz von 1519 mit dem Spruch: „lacte Dei matrem se monstrat Maria virgo.“6) Jener und der Wormser Spruch bekräftigen die Verehrung Marias als Muttergottes und die daran gebundenen Vorstellungen ihrer heilsfördernden Wirksamkeit. Das örtlich und zeitlich nicht wirklich festzulegende Wunder wird mit dem zitierten Spruch, aber nicht nach den ältesten Lebensbeschreibungen, in Châtillon angesiedelt.7)

Die hier vorliegende Darstellung aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist älter als das ebenfalls aus Mariamünster stammende Kanzelrelief von 1596, das sich heute in der katholischen Kirche zu Großkarlbach befindet;8) beide sind sich überdies sehr ähnlich in Arrangement und Gestus. Von welchem Teil der Kircheneinrichtung der vorliegende Stein stammt, ist unbekannt; denkbar wäre, daß es sich um ein Überbleibsel der älteren Kanzel handelt, dessen Bild in die neue Größenordnung kopiert wurde.

Die paragraphenförmig ausgezogenen Trennpunkte stehen nicht immer exakt im Spatium der sauberen Kapitalis.

Textkritischer Apparat

  1. Das Spatium übergreifende Ligatur.

Anmerkungen

  1. Die Zuweisung ist eindeutig durch den Vergleich zur Kanzel von 1596 und die Tatsache, daß Mariamünster das einzige noch nach dem 16. Jh. funktionierende Zisterzienserkloster in Worms war. Gegen K.H. kann die Darstellung nicht aus Kloster Kirschgarten stammen, das seit der Mitte des 15. Jh.s nicht mehr mit Zisterziensern besetzt war und im Bauernkrieg 1525 zerstört wurde. Der ihn irreführende Kirchzweig begegnet übrigens auch auf einem Holzgemälde des 16. Jh.s in Brüssel, vgl. Abb. bei P.T. Hümpfner, Ikonographie des heiligen Bernhard von Clairvaux. Augsburg/Köln/Wien 1927, 32.
  2. Beissel, Geschichte der Verehrung Marias im Mittelalter 195ff.
  3. Herberti liber de miraculis Cisterciensium monachorum, hg. bei Migne, PL 185. Paris 1855, Sp. 465 Anm. 141.
  4. A. Paffrath, Bernhard von Clairvaux. Leben und Wirken – dargestellt in den Bilderzyklen von Altenberg bis Zwettl. Köln 1984, 191.
  5. Ebd. u. 190 Abb. 55a, 140, 193, 256, 260, 264 sowie die folgende Anm., C. Squarr, Art. Bernhard v. Clairvaux, in: LCI 5 (1973) Sp. 371ff. u. Hümpfner 10, 28f., 32.
  6. Paffrath Abb. 91, 279, 284. Ebd. Abb. 192 aus dem Zyklus von Baudeloo: Lactatio mit überschriebenem Spruch aus Hohelied 7,12 und Bernhards Spruch „monstra te esse matrem“ und Salutatio Mariae in Speyer, deren Darstellung mit Christuskind der vorliegenden eher entspricht.
  7. Acta Bollandiana de sancto Bernardo ... auctore Joanne Pinio, hg. bei Migne, PL 185. Paris 1855, Sp. 878; vgl. auch Squarr u. E. Vacandard, Leben des Heiligen Bernhard von Clairveaux. Autorisierte Übersetzung von M. Sierp. Mainz 1898, II 85f.
  8. Vgl. Nr. 524.

Nachweise

  1. Ein Alt-Wormser Kunstwerk aus Maria-Münster, in: Wormser Zeitung vom 16. Januar 1934.
  2. K.H., Das Kloster Kirschgarten, in: Wormser Monatsspiegel 8 (1968) S. 19-21.
  3. Schalk, Grabsteine, Gedenksteine 42 Nr. 5.14.

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 570 (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di029mz02k0057003.