Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 250 Stadtmuseum, aus Kloster Mariamünster 1454

Beschreibung

Grabplatte der Äbtissin Lieba zum Guldenring. Innen an der Wand des nördlichen Seitenschiffs, 5. Stein von Osten, aus Kreuzgang oder Krypta(?) von Mariamünster, 1892 als Kanaldeckplatte zwischen Kämmererstraße und Färbergasse gefunden.1) Hochrechteckige Platte aus gelbrotem Sandstein mit Umschrift zwischen Linien; im vertieften mit überschnittenen Rundstäben profilierten Mittelfeld Figur der Verstorbenen unter doppelter Maßwerkbogennische, den Kopf auf ein bequastetes Kissen gebettet, mit Buch und heute abgebrochenem Stab. Die Maßwerkbogen ruhen auf einer Konsole mit Engel, der ein aufgeschlagenes Buch in Händen hält. Zu Füßen der Klosterfrau zwei Wappen. Die Umschrift ist teilweise abgetreten und mit Zement und Farbe zugeschmiert, die Platte aus mehreren Teilen zusammengefügt.

Maße: H. 212, B. 98, Bu. 8 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Klemens Bender) [1/1]

  1. +a) Anno · D(omi)ni · m · cccc · / liiii · viib) · Idusc) · Decembris · o(biit) · ho(nora)bili(s)d) · D(omi)na / · lieba · Abb(a)tissae) · q(uae) / ha(n)c · Domu(m) · xxxviii · a[n](n)is · felicit(er) · rexit · c(uius) · a(n)i(m)a · r(equiescat) · i(n) ·f)

Datum: 7. Dezember 1454.

Wappen:
Guldenring;? (schrägrechtsgeteilt, oben links Rose?).

Kommentar

Die formschöne, nicht gekerbte, sondern trogartig ausgehauene Minuskel enthält noch zahlreiche Versalien aus der späten gotischen Majuskel mit in Worms typischer, jedoch auch ausgesprochen dekorativer Formengebung;2) die Schlagtechnik begünstigte die Ausfüllung mit farblich kontrastierendem Material.3)

Unter Lieba zum Guldenring, nach einer späteren Nachricht „Wormatiensis civis cuiusdam praepotentis honesta et laudabilis filia“,4) wurde das Kloster Nonnen- oder Mariamünster in das Zisterzienserkloster Eberbach i.Rhg. inkorporiert.5) Ihr Denkmal gehört trotz bewegter Figur nicht mehr zum „Weichen Stil“; der Faltenwurf des Gewandes ist auf wenige und strenge Linien zurückgedrängt.6)

Textkritischer Apparat

  1. Vegetabil, wie vier Blätter um einen Kreis.
  2. Nur Schäfte angedeutet in Mus.Inv., im weiteren dort der Text nicht verstanden, deshalb keine Varianten aufgenommen.
  3. mensis Helwich.
  4. So nach Differenzierung der Hastenfüße, richtig Helwich, Schannat, Würdtwein; das entspräche Formulargewohnheiten im geistlichen Bereich. NOBILIS Weckerling.
  5. Fehlt Helwich.
  6. Hier bricht der Text wegen Raummangel ab.

Anmerkungen

  1. Weckerling; aus Kreuzgang nach Helwich, aus Krypta nach Hallungius? gemäß Kranzbühler, Verschwundene Wormser Bauten 107. Die Bemerkung bei Pauli, Geschichte der Stadt Worms 102 über die Existenz einer karolingischen Krypta soll gestützt werden durch die Lokalisierung des Lieba-Grabes, etwa bei Brusch, Monasteriorum centuria prima 81: „in choro inferioris ecclesiae ante aram maximam.“ Damit könnte natürlich auch ein Nebenchor oder die kleine ältere Klosterkirche gemeint sein.
  2. Vgl. oben S. LXII.
  3. Bei Weckerling wird mitgeteilt, daß die Schrift ursprünglich mit zunderartiger dunkler Masse gefüllt gewesen war.
  4. Brusch (wie Anm. 1).
  5. Wormser Urkunden Nr. 486.
  6. Hotz 111.

Nachweise

  1. Helwich, Syntagma 19.
  2. Schannat, Hist. ep. Worm. I 181.
  3. Würdtwein, Monasticon Wormatiense II fol. 68v-69.
  4. Weckerling, Grabdenkmäler 231 Nr. 3.
  5. Mus.Inv. MGA Nr. 2.
  6. Hotz, Schöne Madonna 111 (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 250 (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di029mz02k0025006.