Inschriftenkatalog: Stadt Passau bis zum Stadtbrand von 1662

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 67: Stadt Passau (2006)

Nr. 218 Domhof, Ortenburgkapelle 1489

Beschreibung

Figurale Grabplatte für den Kanoniker Paul Wann, an der Südwand in der Ostnische. Rotmarmor. Relief des Verstorbenen im Chorgewand mit Almucia, ein aufgeschlagenes Buch haltend, mit der Rechten auf Buchseiten mit Inschrift (II) deutend, maßwerkartiges Astwerk; in der linken und rechten unteren Ecke Wappen, das rechte, größere von einem Löwen gehalten. Schrift umlaufend nach innen gerichtet (I) bzw. zwei Zeilen (II). Rechte obere Ecke mit Textverlust beschädigt. Standort 1771 im Kreuzgang im Boden zwischen Ölberg und dem Altar des Hl. Johannes des Täufers, 1922 in der Andreaskapelle, 1960 in der Ortenburgkapelle im Boden, seit 1972 am heutigen Platz.

Maße: H. 227 cm, B. 114 cm, Bu. 12 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

© BAdW München, Inschriftenkommission [1/2]

  1. I.

    Anno · 1489 · xij · die · m(ensi)s · / [– – – Ob]iita) · ven(erabili)sb) · et · Eg(re)gi(us) · P(ate)r · m(agister) · paul(us) · Wann · sacre · / Theologie · et · dec(re)t(or)u(m) · doc/tor · Can(onicus) · ac · p(re)dicator · et · m(agister) fab(ri)ce · eccl(esi)e · Patauie(n)s(is)c)

  2. II.

    Ie(su)sd) // sal(us)e) / mea // Ame(n)e)

Übersetzung:

Im Jahre 1489 am 12. (Juni) starb der ehrwürdige und hervorragende Vater, Magister Paul Wann, Doktor der Hl. Theologie und des Kirchenrechtes, Kanoniker, Prediger und Magister fabricae der Kirche zu Passau. (I) Jesus, mein Heil, Amen! (II)

Wappen:
unbekannt1), Wann2).

Kommentar

Zur Schrift vgl. Einleitungskapitel S. XLIII.

Paul Wann ist um 1420/25 in Kemnath geboren3). Er studierte seit 1441 in Wien, erwarb hier 1448 den Grad eines Magister artium und lehrte seither an der Wiener Universität. 1460 wurde er zum Doktor der Theologie promoviert. 1460 wurde er von Bischof Ulrich von Nußdorf als Domprediger bestellt, aber erst 1467 ins Domkapitel berufen, wo er das Amt des Magister fabricae bekleidete. 1475–1476 war er passauischer Offizial für das Land unter der Enns4) und Propst in Schliersee5). Wann trat auch als homiletischer Schriftsteller hervor. Seine Schriften wurden von einem der ersten Passauer Buchdrucker, dem Böhmen Johann Alakraw, im Jahre 1491 gedruckt6). 1481 wurde er vom Papst wegen seiner Parteinahme für den Bischof Friedrich Mauerkircher des Amtes des Dompredigers enthoben und erst nach dem Tode Bischof Georg Heßlers rehabilitiert. Wann war ein entschiedener Gegner der Hexenverfolgungen7).

Textkritischer Apparat

  1. Junii, m(ensi)s fehlt, Abschrift verbessert, StBP Hist. eccl. 130 VII gr; nach die Lücke, dann an statt ven(erabili)s ABP OA, Sammlung Stinglhamer/Krick 151.
  2. -s hochgestellt.
  3. Worttrenner in Form eines Quadrangels auf der Zeilenmitte.
  4. Nomen sacrum ihs.
  5. Zeilen durch die Buchmitte getrennt.

Anmerkungen

  1. Ein schrägrechter mit zwei Blüten besetzter Rosenzweig.
  2. Bg4 55.
  3. Kemnath/Opf., um welchen oberpfälzischen Ort dieses Namens es sich handelt, muss offen bleiben. Die Grabplatte seiner Mutter vgl. Nr. 175†.
  4. Vgl. Krick, Domstift 217.
  5. Schliersee, Lkr. Miesbach/OB.
  6. Vgl. Erhard, Topographie I,1 104f.
  7. Zu Paulus Wann vgl. auch Krick, Domstift 50, 178 Nr. 107f., 217; Zacher, Paulus Wann 805–820 (mit weiteren Nachweisen); Werlin, Paul Wann 64–70; Leidl, Bistumsgeschichte 36; Leidl, Bistum Passau 20f.

Nachweise

  1. BZAR Gen. 1279, Heft 1 p. 80; SASR HV NL Wimmer 14b; ABP OA, Sammlung Stinglhamer/Krick 151, Nr. 338; StBP Hist. eccl. 130 VII gr, Nr. 338; Kdm Passau 170; Krick, Domstift 245, 259 Nr. 86; Fuchs, Standorte 326 Nr. 34; Liedke, Gartner 44, Ab. 7.

Zitierhinweis:
DI 67, Stadt Passau, Nr. 218 (Christine Steininger), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di067m010k0021808.