Inschriftenkatalog: Stadt Osnabrück

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 26: Stadt Osnabrück (1988)

Nr. 95 Dom 1517

Beschreibung

Kreuzigungsretabel. Sandstein und Holz. Das fälschlicherweise nach seinem Stifter auch „Snetlageepitaph“ genannte Retabel1) befindet sich in einer flachen, nach oben durch einen Bogen abgeschlossenen Nische der Kreuzkapelle im Chorumgang, deren Bauherr der Domdechant Lambert von Snetlage war. Das Mittelrelief in der Nische wird ergänzt durch zwei gemalte Seitenflügel. Es zeigt eine Kreuzigungsszene, das Kreuz mit Titulus (A). Links unter dem Kreuz Maria, Johannes und Maria Kleophas, rechts der Stifter mit rotem Birett, Petrus, Simon und Thaddäus. Rechts und links vom Haupt Christi Sonne und Mond. Am Fuß des Kreuzes das Wappen des Domherren, ein roter Greif auf weißem Schild, darüber eine prunkvolle Helmzier. Unter dem Wappen ein großes Spruchband mit der Inschrift (B). Auf den gemalten Seitenflügeln, die möglicherweise erst nach dem Tod Snetlages im Auftrag seiner Erben entstanden sind2), innen Kreuztragung und Kreuzabnahme, auch dieses Kreuz mit Titulus (C). Außen links in Grisaille-Malerei ein weiteres Bild des – gealterten – Lambert von Snetlage in Begleitung von Petrus als dem Hauptpatron des Doms und St. Lambert, dem Namenspatron des Stifters und Nebenpatron des Altars3). Auf dem rechten Seitenflügel die Schutzpatrone des Doms, Crispin und Crispinian.

Maße: H.: 168 cm; B.: 156 cm; Bu.: 7 cm (A), 2,5–3,5 cm (B), 3 cm (C).

Schriftart(en): Frühhumanistische Kapitalis.

Sabine Wehking [1/2]

  1. A

    INRIa)4)

  2. B

    DEVS · PRICIVSb) · ESTO · M(IH)I · P(E)CC(A)TORIc) / A(NN)O · D(OMI)NId) · MI(LLESIMO) · QVI(NGENTESIMO) · DECI(MO) · SEPTI(M)O

  3. C

    INRId)4)

Übersetzung:

Gott sei mir Sünder gnädig. Im Jahr des Herrn 1517. (B)

Wappen:
Snetlage (in Weiß ein roter Greif, Helmzier Flug)5)

Kommentar

Die Inschriften des Snetlagealtars sind eines der wenigen Beispiele für frühhumanistische Kapitalis in Osnabrück. Kennzeichnend ist vor allem die Verwendung von retrogradem N und epsilonförmigem E, auffällig der in einem Schwung nach oben gezogene Bogen des D. Die Buchstaben laufen keilförmig aus, alle Kürzungsstriche sind mit Ausbuchtungen versehen.

Die Stiftung der Kreuzkapelle durch den Domdechanten Lambert von Snetlage ist in einer Urkunde aus dem Jahr 1529 festgehalten, die dessen Bruder und Neffen nach seinem Tod aufsetzen ließen6). Danach hat er nicht nur den Altar errichten lassen, sondern diesen mit teuerliken clennoden alse kalike, patenen myßewande und boke ein sulvern pehse (Kußtäfelchen) und ock anderen velen boken ausgestattet. Darüber hinaus kaufte er für 395 Goldgulden Land und Renten, wofür sechs Vikare täglich eine Messe zum Angedenken an die Eltern und Freunde des Stifters lesen sollten. Von den Testamentsvollstreckern wurden weitere 140 Goldgulden und Land ausgesetzt, um die laufenden baulichen Kosten der Kreuzkapelle zu bestreiten.

Aus einem Ministerialengeschlecht des Osnabrücker Landes stammend, war Lambert von Snetlage ein ebenso vermögender wie einflußreicher Mann. Er studierte die Artes in Köln, wo er sich 1464 einschrieb7). Die Osnabrücker Urkunden nennen ihn 1473 erstmals als Domherren8), 1490 hatte er das Amt des Kantors inne9), 1496 wählte ihn das Domkapitel zum Dechanten. Es begann damit ein über Jahre andauernder Rechtsstreit, da Rom die Wahl nicht bestätigte und stattdessen einen anderen Dechanten ernannte. Erst 1520 wurde der Prozeß zugunsten Snetlages entschieden10). Bei seinem Amtsantritt 1496 verwies Snetlage auf das geringe Einkommen seiner Pfründe, ein Umstand, der dem Domkapitel offensichtlich bereits bekannt war und dem man dadurch abzuhelfen versuchte, daß man Snetlage doppelte Präsenzgelder zusprach11). Der Domdechant sah die schlechte Dotierung der Pfründen als ein generelles Problem seiner Zeit, denn er war nicht nur um die Verbesserung seines eigenen Einkommens bemüht. Seine Stiftung begründete nicht, wie bei der Errichtung eines neuen Altares allgemein üblich, eine neue Pfründe, sondern verbesserte die Einkünfte aus bereits bestehenden. Die Urkunde von 1529 enthält die ausdrückliche Feststellung, daß es Snetlage darum ging, durch eine bessere Dotierung die Leistungen der Vikare zu honorieren. Das Amt des Domdechanten bekleidete Snetlage 30 Jahre lang, hauptsächlich unter der Regierung des Bischofs Erich von Grubenhagen, dessen Wahl er 1508 ohne Zustimmung des Rates und gegen den Willen der Osnabrücker Bürger durchgesetzt und sich damit deren Zorn zugezogen hatte12). Er starb im hohen Alter von etwa 80 Jahren13) am 29. oder 30. Januar 152614).

Manske15) hält Snetlage wohl zurecht für einen der bedeutendsten Förderer der im Osnabrücker Gebiet ansässigen Künstler am Anfang des 16. Jahrhunderts, eine Aufgabe, für die ihn schon sein Amt als Domdechant prädestinierte. Der mit der Ausführung des Retabels von Snetlage beauftragte Künstler, dem noch eine Reihe weiterer Kunstwerke zugewiesen werden kann, wird nach dieser Arbeit allgemein als „Snetlage-Meister“ bezeichnet16). Manske weist ihn der Werkstatt des Hauptmeisters von Osnabrück zu17). Dem Stifter Snetlage mißt er eine solche Bedeutung für die Entwicklung vor allem der Plastik in Osnabrück bei, daß er deren Niedergang Mitte der 20er Jahre des 16. Jahrhunderts in Verbindung mit dem Tod des Domdechanten 1526 bringt. Als Förderer der Kunst bleibt Lambert von Snetlage keineswegs im Hintergrund. Seine Stiftungen sprechen vielmehr für ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein. Im Kreuzigungsrelief des Altars reiht er sich unter die Heiligen ein, von denen er sich an Körpergröße nicht unterscheidet. Sein Wappen mit der prächtigen Helmzier und das überdimensionale Spruchband, dessen Demutsformel nicht recht zu seinen Ausmaßen zu passen scheint, beherrschen den Vordergrund des Reliefs. Snetlages Sorge um sein Seelenheil dürfte ebenso groß gewesen sein wie sein Bedürfnis nach Repräsentation. Unter den Apostelfiguren des Doms (Nr. 99), die von verschiedenen Osnabrücker Würdenträgern gestiftet wurden, deren jeweilige Wappen sie am Sockel tragen, ist allein die Figur des Judas Thaddäus mit einem Schriftband versehen, das Lambert von Snetlage als den Stifter ausweist.

Textkritischer Apparat

  1. N spiegelverkehrt. Alle Buchstaben sind mit Kürzungsstrichen versehen.
  2. Kurzform für propitius.
  3. P(E)CC(A)TORI] PECTORI mit Kürzungsstrich über dem C bei Mithoff.
  4. N spiegelverkehrt.

Anmerkungen

  1. Vgl. Schewe, S. 78; Thümmler, S. 26, vertritt sogar die Ansicht, hier sei ein Epitaph zu einem Altaraufsatz umfunktioniert worden. Von Snetlage ist aber weder ein Epitaph noch ein Grabstein erhalten. Der Ort seiner Beisetzung ist nicht bekannt, es ist jedoch zu vermuten, daß er in der von ihm gestifteten Kapelle beerdigt wurde.
  2. Gmelin, S. 248.
  3. In der Stiftungsurkunde StAO Rep. 100, Abschn. 332, Nr. 3, als solcher erwähnt.
  4. Io. 19,19: I(ESUS) N(AZARENUS) R(EX) I(UDEORUM).
  5. Nach Spießen, Bd. 1, S. 114: in Gold.
  6. Vgl. Anm. 3.
  7. Matrikel Köln, Bd. 1, S 714, 302, 1.
  8. StAO Findbuch Rep. 3, Bd. 3.
  9. Ebd.
  10. Berning, S. 154.
  11. Ebd., S. 88.
  12. Ebd., S. 154.
  13. Der Berechnung liegt die Annahme zugrunde, daß Snetlage zum Zeitpunkt seiner Immatrikulation etwa 20 Jahre alt war.
  14. Der Nekrolog von St. Johann, StAO Rep. 2, Nr. 202, vermerkt unter dem 30. Januar, Snetlage sei 1526 gestorben. Im Domnekrolog, OM 4, 1855, S. 22, findet sich eine Memorienstiftung unter dem 29. Januar.
  15. Manske, S. 17.
  16. Erstmals durch Witte, Meister von Osnabrück, S. 137. Zur Zuweisung weiterer Kunstwerke Manske, S. 68–85.
  17. Ebd.

Nachweise

  1. Berlage, Kirchliche Alterthümer, S. 350.
  2. Mithoff, S. 108.
  3. Siebern/Fink, S. 40.
  4. Christian Dolfen, Der Altar des Domdechanten Lambert von Snetlage im Osnabrücker Dom, in: Neue Tagespost 16, Nr. 36 (Osnabrück 2.21961).
  5. Manske, S. 145.
  6. Schewe, S. 79.
  7. Gmelin, S. 247.

Zitierhinweis:
DI 26, Stadt Osnabrück, Nr. 95 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di026g003k0009503.