Inschriftenkatalog: Stadt Minden

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 46: Stadt Minden (1997)

Nr. 23† Dom 1306

Beschreibung

Glocke. Sie hing bis zu ihrer Zerstörung bei einem Bombenangriff am 28. März 1945 im unteren Stockwerk des Westwerks. Um die Schulter verlief eine zweizeilige Inschrift.

Inschrift nach der Durchzeichnung.

Maße: Dm.: 151 cm; Bu.: 4–4,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.1)

Reproduktion nach: Albert Ludorff, Die Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Minden, Münster 1902, S. 81. [1/1]

  1. + DEVOTIS · POPVL[I]Sa) · RESONET · PETOb) UOX TVA DULCIS+ O · DILECTA · SOROR · NEC · RESONARE · MOROR /+ UERE · DEI · MUNUS · QUOD · NOS · AMBAS · CREAT · UNUS+ ANNUSc) · SI · LEGERISd) · NOTAT · HUNCe) · SCULPTURA · SORORIS

Übersetzung:

Oh geliebte Schwester, ich bitte, deine süße Stimme möge dem frommen Volk erklingen, und ich zögere nicht, widerzuhallen. Es war fürwahr ein Geschenk Gottes, daß uns beide ein Jahr geschaffen hat. Wenn du die Inschrift der Schwester liest, nennt sie dieses.

Versmaß: Ein zweisilbig leoninisch gereimtes elegisches Distichon, der Hexameter assonierend, und zwei Hexameter, der erste zweisilbig, der letzte einsilbig leoninisch gereimt.

Kommentar

Die Durchzeichnung läßt erkennen, daß die Buchstaben der ersten Zeile ganz anders ausgeführt waren als die der zweiten Zeile und Fehlstellen aufwiesen wie das I in POPVLIS und das A in RESONARE, dem die rechte Haste fehlte. Zudem fallen die unterschiedlich großen Buchstabenabstände in der ersten Zeile auf. Die Buchstaben der ersten Zeile wiesen wesentlich mehr Zierformen auf und wirkten im Vergleich zu den Buchstaben der zweiten Zeile manieriert; die Worttrenner der ersten Zeile waren – wie die Worttrenner auf der Glocke Nr. 22 – als Quadrangeln ausgeführt, die der zweiten Zeile als Punkte. Besonders charakteristisch waren die in den Buchstaben A und E vorkommenden doppelten Mittelbalken, die oben oder unten einen Halbnodus trugen; das A in DILECTA war zudem als vollrundes pseudounziales A mit verkürzter rechter Haste ausgeführt, das A in TVA als trapezförmiges A mit überstehendem Deckbalken und ebenfalls verkürzter rechter Haste. Viele Hasten waren mit Halbnodi besetzt; die Cauda des R wies jeweils eine tropfenförmige Schwellung auf. Während in der ersten Zeile V neben U verwendet wurde, trat in der zweiten Zeile nur U auf, das oben durch einen Abschlußstrich geschlossen war. Beiden Schriften gemeinsam ist das S mit weit nach oben bzw. unten ausgezogenen Serifen an den Bogenenden, die eine Art Abschlußstrich bilden. Die in der zweiten Zeile verwendeten Buchstaben sind identisch mit denjenigen der Glocke Nr. 22; besonders auffällig sind die auf beiden Glocken vorkommenden kapitalen N, deren Hasten und leicht geschwungene Schräghaste besonders breit ausgeführt waren, sowie die geschlossenen runden U mit nach links überstehendem Abschlußstrich und die P mit fast bis auf die Grundlinie reichendem großen Bogen. Der Gestaltung des P entsprach der tiefe Ansatz des Mittelbalkens bei F auf der Glocke Nr. 22, dessen Balken durch einen Abschlußstrich verbunden waren. M trat in kapitaler Form mit breiten Hasten und in unzialer, unten mit einem Abschlußstrich versehener Form auf.

Die „auffälligen Übereinstimmungen“ der Schrift mit derjenigen auf der Gloriosa der Herforder Münsterkirche, die Peter2) konstatiert, ohne zu berücksichtigen, daß sich auf den Mindener Glocken zwei verschiedene Schriften fanden, lassen sich nicht nachvollziehen, da sie lediglich in der Verwendung der gotischen Majuskel und der allgemein üblichen Verzierung der Buchstaben mit Nodi bestehen. Ansonsten weichen die Formen der einzelnen Buchstaben stark voneinander ab: Auf der Herforder Glocke finden sich weder die charakteristischen P, S und abgeschlossenen U der Mindener Glocken noch Beispiele für die manierierte Buchstabengestaltung der ersten Zeile der Glocke Nr. 22. Dagegen zeigt die Herforder Inschrift auffällige Besonderheiten, die sich auf den Mindener Glocken nicht wiederfinden lassen, wie offenes unziales M mit nach außen umgebogenen Bogenenden und vorne geschlossenes unziales M.3) Die Ausführung der Inschriften auf den drei Glocken spricht daher eher gegen den von Peter angenommenen Werkstattzusammenhang zwischen den Mindener Glocken und der Herforder Gloriosa.

Der epigraphische Befund bestätigt die Annahme Peters4), daß die Inschriften beider Glocken aus Wachsbuchstaben zusammengesetzt worden sind und nicht aus dem Formmantel herausgearbeitet wurden. Dabei hätte man dann für die erste Zeile der Glocke Nr. 23 eine andere Schriftform verwendet als für die zweite Zeile und für die Inschrift der anderen Glocke. Kleinere Abweichungen in der Ausführung derselben Buchstabenformen sprechen gegen die Verwendung von Modeln bei diesem Vorgang.

Textkritischer Apparat

  1. Das I ist ausgefallen, stattdessen ein Spatium.
  2. PETO] pia Jüngere Bischofschronik.
  3. ANNUS] annum Jüngere Bischofschronik.
  4. LEGERIS] legis Jüngere Bischofschronik.
  5. NOTAT · HUNC] nominatur Jüngere Bischofschronik.

Anmerkungen

  1. Angaben nach der Glockenliste von 1918 und der Durchzeichnung, beides WAfD Münster.
  2. Peter, Geläute, S. 109. Er charakterisiert die Schrift als „frühgotische Majuskeln“; davon kann jedoch keine Rede sein, da es sich um eine voll ausgebildete Form der gotischen Majuskel mit zahlreichen Unzialen und abgeschlossenen Buchstaben handelt.
  3. Umzeichnung einer Durchzeichnung bei Peter, Geläute, S. 111.
  4. Ebd.

Nachweise

  1. Durchzeichnung, WAfD Münster.
  2. Jüngere Bischofschronik, S. 196.
  3. Kratz, Glocken, S. 189 u. Tafel nach S. 192.
  4. Ledebur, Denkmäler, S. 12.
  5. Ludorff, Kunstdenkmäler, S. 81 (Abb.).
  6. Krins, Geläut, S. 2.
  7. Peter, Geläute, S. 110 (Abb.).

Zitierhinweis:
DI 46, Stadt Minden, Nr. 23† (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di046d003k0002302.