Inschriftenkatalog: Landkreis Bergstraße

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 38: Bergstraße (1994)

Nr. 193 Hirschhorn, Ersheimer Kapelle 1595

Beschreibung

Epitaph der Elisabeth Stingl und ihrer Töchter Judith und Maria. Das aus rotem Sandstein gefertigte dreiteilige Epitaph steht heute an der Südwand des Chores. In dem geschweiften Aufsatz befindet sich in der Mitte ein von Beschlagwerk eingerahmter Totenschädel. Unter dem Aufsatz ist ein von zwei Wappen flankierter zweizeiliger Bibelspruch (A) angebracht, unter dem die einzeilige Einleitung zu einem sechszeiligen Grabgedicht (B) steht, dessen Text in einem durch Rollwerk und Eintiefung abgesetzten Feld folgt. Dasselbe Feld trägt noch eine neunzeilige Grabinschrift (C) und einen Spruch (D). Die Rollwerkkonsole ist mit einem vierzeiligen Bibelzitat (E) und einem Spruch (F) versehen. Die Inschriften auf dem Mittelfeld sind an einigen Stellen verwittert und schwer lesbar.

Maße: H. 248, B. 101, Bu. 3,2 (A-D), 2,8 (E), 2,5 cm (F).

Schriftart(en): Kapitalis (A-D, F), Fraktur (E).

Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Thomas G. Tempel) [1/3]

  1. A

    WIR LEBEN ODER STERB/EN SO SEND WIR DES HERN1)

  2. B

    DEFUNCTI AD LECTOREMSI QVAERISa) ORT(I)b) VEL PATRIIS VEL QVIBVS AB ORISHASSIA NOS GENVIT NVNC HUMVS ISTA TEGITQVAE SCHILTMÖLLERI CONIVNX NATAEQVE FVEREQVI EXTERNA EST FACTVS PRAECO FIDELIS HVMOTERRA SVM(VS) FVIM(VS) SVB EAMQVE REDIBIMVS O(M)NESNON ITER EST ALIVD STAT SVA CVIQVE DIES

  3. C

    ELISABETHAE STINGLIN / MARPURGENSI UXORI · DUAB(US) / EIVSDEM FILIABVS IVDI[T]H ET / MARIAE IN VRBE HIRSHORN IN / CHRISTO PIE DEFVNCTIS · SIMON / SCHILTMÖLLER DIVINI VERBI MI/NISTER IBIDEM · MARITVS ET PATER / AMORIS ET MEMORIAE ERGA POSUIT / AN(NO) · CHR(IST)Ic) · M · D · XCV

  4. D

    PATIENS TERIT O(MN)IA VIRT(VS)2)

  5. E

    Psalm · 4 / Ich lig und schlafe ganz mit fri/den, den allein du Herr hil/lffest mir, das ich si=/cher wohne3) ·

  6. F

    HODIE MIHI, CRAS TIBI

Übersetzung:

Die Toten an den Leser: Wenn du fragst, aus welchem Land oder aus welcher Gegend wir stammen: Hessen hat uns gezeugt, nun deckt uns diese Erde. Wir waren des Schiltmöllers Gattin und Töchter, der in der Fremde zum Glaubensverkünder bestellt worden ist. Erde sind wir und sind es gewesen, und unter diese werden wir alle zurückkehren. Es gibt keinen anderen Weg, für jeden steht sein Tag fest.(B)

Seiner Frau Elisabeth Stingl aus Marburg und ihren beiden Töchtern Iudith und Maria, die in der Stadt Hirschhorn fromm in Christus verschieden, hat Simon Schiltmöller, ebendort Diener des Wortes Gottes, als Ehemann und Vater dies Epitaph aus Liebe und zum Andenken gesetzt. Im Jahre Christi 1595.(C)

Die geduldige Tugend glättet alles.(D)

Heute mir, morgen dir.(F)

Versmaß: Drei Distichen (B).

Wappen:
Stingl (Marke, darunter die Initialen ESM); Schiltmöller (zwei kleine Wappenschilde, darunter eine Müllerhaue und die Initialen SSM)4).

Kommentar

Außer in Inschrift (E) stehen die Buchstaben relativ dicht gedrängt. Die Inschriften (B) und (C) sind in scriptura continua ausgeführt. In der Jahresangabe sind M und D als neulateinische Zahlen geschrieben. Charakteristisch für die Inschrift ist spitzes A, M mit kurzem Mittelteil, N mit einer leicht gebogenen Schräghaste, das fast elliptische O und vor allem die Verwendung von U, das sonst in dieser Zeit äußerst selten ist.5) Die gleichen auffälligen Merkmale zeigen die Buchstaben des ebenfalls in der Ersheimer Kapelle stehenden Epitaphs für Johann Nick (†1601).6) Vermutlich wurden die Inschriften beider Epitaphien von demselben Steinmetz ausgeführt.

Der aus Marburg stammende Simon Schiltmöller wirkte ab 1591 als Diakon in Ersheim und wurde zu Anfang des 17. Jahrhunderts Pfarrer in Hirschhorn.7) Er unterstützte Maria von Hatzfeld bei ihrem Versuch, in Hirschhorn das reformierte Bekenntnis einzuführen.8)

Textkritischer Apparat

  1. Bei QVAERIS ist die erste Silbe kurz gemessen worden.
  2. An das T ist unten ein Haken angefügt, der offenbar für das I steht.
  3. Griechische Buchstaben, Bestand XRI mit Kürzungszeichen.

Anmerkungen

  1. Rö. 14,8.
  2. Derselbe Spruch befindet sich in einem Haus in Birkenau, vgl. Nr. 176.
  3. Ps. 4,9.
  4. Vgl. zu der Müllerhaue Azzola, Kleindenkmale 172f. u. 179f.
  5. Vgl. dazu DI 5 (München) XXIV und DI 29 (Worms) LXVII. Das Vorkommen des U vor 1650 beschränkt sich auf Ausnahmen: DI 22 (Enzkreis) Nrr. 305, 343, 361, 364, 381, 382; DI 12 (Heidelberg) Nrr. 496, 557. Im Kreis Bergstraße findet es sich außer bei den genannten Steinen noch in vier weiteren Inschriften, vgl. Nrr. 211, 215, 222, 236.
  6. Vgl. Nr. 204.
  7. Diehl, Hassia sacra 7, 101 Nr. 10.
  8. Diehl, Reformationsbuch 419.

Nachweise

  1. Siebeck, Inschriften 14.

Zitierhinweis:
DI 38, Bergstraße, Nr. 193 (Sebastian Scholz), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di038mz04k0019305.