Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 65 Dom, nördlicher Chorumgang A. 15. Jh.

Beschreibung

Bildfenster nord VI (Marienfenster);1) nach Fitz ehemals in Fenster süd VII;2) Farbglas, Schwarzlot, gut erhalten, Teile, darunter auch Inschriften im 19. Jahrhundert erneuert bzw. ergänzt. In vier Bahnen zu fünf Zeilen mit abschließenden Kopfscheiben und Maßwerkverglasung zwanzig Szenen aus dem Marienleben, die jeweils von rechts nach links zu lesen sind, mit Inschriften: 1c: Joachim in der Wüste (A), 1b: Verkündigung der Geburt Mariens (B †, C), 1a: Gebet Mariens als Tempeljungfrau (fälschlich als Gelübde der Hl. Anna ergänzt) (D †, E), 2d: Joachim und Anna unter der Goldenen Pforte (F †), 2c: Mariä Geburt (G, H), 2b: Darbringung Mariä im Tempel (I, J), 2a: Mariä Tempelgang (K–M), 3d: Maria am Webstuhl (N, O), 3c: Erwählung Josephs im Tempel (P), 3b: Vermählung Mariens (Q, R), 3a: Heimführung Mariens (S, T), 4d: Verkündigung an Maria (U–W), 4c: Heimsuchung (X, Y), 4b: Geburt Christi (Z), 4a: Anbetung der Hl. Drei Könige (AA, BB), 5d: Darbringung Jesu im Tempel (CC), 5c: Hochzeit zu Kanaa (DD–GG), 5b: Kreuzigung (HH–KK), 5a: Marientod (LL–RR). In den nicht ursprünglich zum Fenster gehörenden Maßwerkscheiben 1A/D die Darstellung zweier geistlicher Stifter (SS, TT). Jeweils auf Schriftbändern am unteren Bildrand die zum Teil ergänzten radierten Bildbeischriften, auf dem Spruchband um den Stab des Engels der Marienverkündigung der Antiphonanfang (M), um die Nimben umlaufend die Nameninschriften und der Text des Kreuztitulus (S). Auf Spruchbändern in den Händen der Kanoniker aufgemalt die Bitte um Fürbitte und die ergänzte Anrufung (SS, TT).

Ergänzungen nach Photographien von vor 1897 und 1898, CVMA Potsdam.3)

Maße: H. 728 cm (die einzelnen Scheiben ca. 89 cm 1a–4d, ca. 98 cm 5a–d), B. 255 cm (die einzelnen Scheiben ca. 55 cm), Bu. 4,7–6,3 cm, Versalien bis 7,4 cm, in den Nimben 1,3–3 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien in gotischer Majuskel.

CVMA Deutschland Potsdam/Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Renate Roloff) [1/5]

  1. A

    [Joa]chima) v[– – –]a)

  2. B †

    Angel(us)b) dic(it) ·b) [– – –]

  3. C

    Sancta anna matc)

  4. D †

    [– – –]oni[– – –]d)

  5. E

    Sancta mariae mater ·

  6. F †

    Joa[– – –]e)

  7. G

    [....]peperitf) · v(ir)gine(m) maria(m)

  8. H

    San[c]ta Anna beata d(e)ig)

  9. I

    Sancta maria off(er)t(ur) i(n) te(m)plu(m)

  10. J

    Maria nh)

  11. K

    Maria ducit(ur) vsq(ve) ad g(ra)d(vs) ti)

  12. L

    Sancta mariaj) mater

  13. M

    mariak)

  14. N

    Maria operatur in auro

  15. O

    Sanct[a] ma[r]ia perpetua virgol) ·

  16. P

    p(ro)ditm) Joseph per · colv(m)ba(m)n) ·

  17. Q

    Maria desponsatur jos(eph)o)

  18. R

    Sanc[ta]p) // mariaq) // ma//[.]a ma[.]

  19. S

    Josepr) (et) Maria p(ro)fi//te(nt)vrs)

  20. T

    S(an)c(t)a maria · mater dei mat)

  21. U

    Annunciacio b(ea)te Marie

  22. V

    · Aveu) · maria / · / gracia / ·· / plenau) ·4)

  23. W

    Sanctav) maria · mater [d]ei (et) vi(rgo)w)

  24. X

    visitacio // [....]ex) marie v(ir)gin(is)

  25. Y

    Sancta maria · my)

  26. Z

    S(anct)az) maria ma//taa)

  27. AA

    blaciobb) trium regumcc) ·

  28. BB

    Sa[ncta]dd) // maria mater domiee)

  29. CC

    a mariff)

  30. DD

    S[a]ncta Mariagg) ·

  31. EE

    ihes(us) // Crist(us)hh)

  32. FF

    Sanct(us) petrus apostol(us)ii)

  33. GG

    Sancjj)

  34. HH

    Sanctakk) // mariall) mater d(omi)ni

  35. II

    Sancta mamm)

  36. JJ

    s(an)c(tu)s iohan(n)es

  37. KK

    i(hesus) n(azarenus) r(ex) i(udeorum)5) ·

  38. LL

    maria maternn)

  39. MM

    Sa(n)ct(us) andreoo)

  40. NN

    S(an)c(tu)s iohannspp)

  41. OO

    sanctusqq) petrus aprr)

  42. PP

    sanctus thomss)

  43. QQ

    mattt)

  44. RR

    symo[n]

  45. SS

    [SIuu) · MAR]IA · ORA // Ovv) NOBIS

  46. TT

    [· MISER//ERE · MIHI]ww)

Übersetzung:

A: Joachim g(eht in die Wüste). B: Der Engel sagt: (du wirst empfangen und gebären, Anna). C: Die heilige Anna, die Mutter. E: Die heilige Mutter Mariens. F: Joa(chim und Anna vor der Goldenen Pforte). G: Anna gebiert die Jungfrau Maria. H: Die heilige Anna, die Heilige Gottes. I: Die heilige Maria wird im Tempel dargebracht (geweiht). K: Maria wird zu den Stufen des Tempels geführt. L: Die heilige Mutter Maria (Mariens?). N: Maria wirkt im Golde. O: Die heilige Maria, immerwährende Jungfrau. P: Joseph zeigt sich (wird entdeckt) durch die Taube. Q: Maria wird dem Joseph vermählt. R: Die heilige Maria, die … S: Joseph und Maria werden einander versprochen. T: Die heilige Maria, die Mutter Gottes. U: Verkündigung an die heilige Maria. V: Gegrüßet seiest du Maria, voll der Gnade. W: Die heilige Maria, Mutter Gottes und Jungfrau. X: Heimsuchung der heiligen Jungfrau Maria. Y: Die heilige Maria. Z: Die heilige Maria, Mu(tter Gottes). AA: Die Opferung der drei Könige. BB: Die heilige Maria, die Mutter des Herrn. CC: Die heilige Maria (?). DD: Die heilige Maria. FF: Der heilige Apostel Petrus. GG: Der heilige (– – –). HH: Die heilige Maria, die Mutter des Herrn. II: Die heilige Ma(ria Magdalena). JJ: Der heilige Johannes. KK: Jesus aus Nazareth, der König der Juden. LL: Die Mutter Maria. MM: Der heilige Andreas. NN: Der heilige Johannes. OO: Der heilige Apostel Petrus. PP: Der heilige Thom[as]. SS: Heilige Maria, bitte für uns. TT: Erbarme dich mir (!).

Kommentar

Die Schrift der Fenster weist wiederum wie die anderen, in der gleichen Werkstatt gefertigten Bildfenster die stumpf endenden oberen Schaftenden des u oder das im unteren Verlauf geschlossene End-s auf. Das Majuskel-S ist der Gebrauchsschrift entnommen und damit häufig wie in Urkunden gestaltet. Mit den Glasmalereien des Dionysius- (Nr. 64), Johannes-, des Martins- (Nr. 66) sowie des Sakrament- (Nr. 70, 71) und Karlsfensters (Nr. 68) gehört auch das Marienfenster in dieselbe Werkstatt. Nach Eva Fitz waren verschiedene Glasmaler an der Entstehung des Fensters beteiligt.6) Etliche der Szenen im Fenster des Marienlebens beziehen sich auf Lesungen des Halberstädter Breviers, die während der verschiedenen Marienfeste gelesen wurden.7) In der – heute nur noch teilweise – richtigen Reihenfolge schilderten die einzelnen Zeilen je einen „in sich geschlossene[n] Themenkreis“.8) Die erste Zeile umfaßte die Ereignisse, die sich vor Marias Geburt zutrugen. Die zweite erzählte die Kindheit, die dritte die Geschehnisse um Marias Vermählung mit Joseph. Es folgten in der vierten Reihe die Kindheit Jesu seit seiner Verkündigung und in der fünften die Teile des Wirkens und Leidens Jesu, an denen Maria ausdrücklich Anteil hatte bis zu ihrem Tode. Im Maßwerk befand sich ehemals die Prophezeiung der Sibylle von Tibur, die sich auf Maria als Verkörperung der Kirche bezog.9) Es handelte sich also um einen mariologisch-ekklesiologischen Bilderkreis, der in einzelnen Zeilen nicht nur auf die symbolische Bedeutung Mariens verweist, sondern sogar gleichzeitig auf aktuelle Kirchenpolitik Bezug nahm.10)

Textkritischer Apparat

  1. Joachim-v] Zu ergänzen wohl zu vadit ad heremum. Die ersten drei Buchstaben und der Text nach dem v in vadit 1898 so ergänzt. 1898 wurde in der vorangehenden Scheibe 1 d hinzugefügt: Joachim a templo repellitur. Die Scheibe war zuvor leer gewesen, wie ein Foto bezeugt; vgl. Fitz.
  2. Angelus dicit] Die Buchstaben angelus dicit des ursprünglichen Textes vor 1898 noch vorhanden. Wohl zu ergänzen durch concipies et paries Anna.
  3. mat] Zu ergänzen zu mater.
  4. oni] 1898 waren nur die Buchstaben oni des ursprünglichen Textes noch vorhanden, der nicht mehr rekonstruiert werden kann. Ergänzt wurde damals Anna offert votum donationis, eine Inschrift, die auf einer Umdeutung des Bildfensters beruhte.
  5. Joachim] Nach einem Foto von vor 1898, vgl. Fitz, waren die Buchstaben Joa des ursprünglichen Textes noch vor 1898 vorhanden. Damals wurden die Buchstaben ergänzt zu: Joach(i)m et An(n)a ante portam avream. Es handelt sich um eine moderne Ligatur von a und m, portan Fitz.
  6. peperit] Vor dem Wort zu ergänzen ist Anna.
  7. dei] Auflösung unsicher! d Fitz.
  8. n] Die Bedeutung erschließt sich nicht; n[mater?] Fitz.
  9. t] Zu ergänzen wohl zu templi. So Fitz.
  10. maria] Sic!
  11. maria] Die anschließenden Strichlein haben wohl nur eine raumfüllende Bedeutung; m[ater?] Fitz.
  12. virgo] Folgt ein vertikaler Dreifachpunkt.
  13. prodit] Auflösung unsicher. Es könnte auch proditur dort gestanden haben. Freundlicher Hinweis von Dr. Harald Drös, Heidelberg.
  14. colvmbam] Kürzungszeichen über dem a fehlt.
  15. joseph] Kürzungszeichen fehlt.
  16. Sancta] Sämtliche Buchstaben beschädigt.
  17. maria] Die folgenden Buchstaben erschließen sich nicht sicher. Wahrscheinlich eine zweimalige Wiederholung des Namens maria; ma[ter] ma Fitz 2003.
  18. Josep] Sic!
  19. profitentvr] Wohl zu ergänzen zu profitentvr; perficent Fitz 2003. Freundlicher Hinweis von Dr. Harald Drös, Heidelberg.
  20. ma] Vielleicht eine Wiederholung der beiden ersten Buchstaben des Namens.
  21. Ave-plena] Als Worttrenner Punkte oder Rosetten aus fünf Punkten.
  22. Sancta] Sämtliche Buchstaben beschädigt.
  23. virgo] Kürzungszeichen fehlt.
  24. e] Jhi; sinnlos erneuerte Buchstaben wohl für beate, so Fitz.
  25. m] Vermutlich hebt hier der Name erneut an.
  26. Sancta] Beide Buchstaben beschädigt, Kürzungszeichen fehlt. Im Jahre 1898 war am unteren Rand der Scheibe die Bildbeischrift S(ancta) Maria virgo puerpera hinzugefügt worden. Schon vor 1898 war der Titulus zu Oblacio trium regum ergänzt, später aber wieder geändert worden; vgl. Fitz.
  27. mat] Zu ergänzen zu mater.
  28. blacio] Sic! Für Oblacio.
  29. regum] Es folgen drei vertikal gestellte Kreise als Endzeichen.
  30. Sancta] Buchstaben beschädigt.
  31. domi] Zu ergänzen zu domini.
  32. a mari] Zu ergänzen zu Sancta maria, so Fitz. Im Jahre 1898 war am unteren Rand der Scheibe die Bildbeischrift oblatio infantis in templo hinzugefügt worden.
  33. Maria] Es folgt eine aus vier Punkten bestehende Blüte als Endzeichen.
  34. Christus] Kürzungszeichen fehlt. Folgen drei Schäfte.
  35. apostolus] Kürzungszeichen fehlt.
  36. Sanc] Der Apostel, zu dem diese Beischrift gehört, läßt sich nicht identifizieren. Im Jahre 1898 war am unteren Rand der Scheibe die Bildbeischrift transformatio aque in vinum hinzugefügt worden.
  37. Sancta] Die Buchstaben beschädigt.
  38. maria] Buchstaben beschädigt.
  39. ma] Zu ergänzen wohl zu Maria Magdalena; Magdalena Fitz. Im Jahre 1898 war am unteren Rand der Scheibe die Bildbeischrift S(ancta) Maria m(a)t(e)r sub cruce filii hinzugefügt worden.
  40. mater] Buchstaben beschädigt.
  41. andre] Zu ergänzen zu andreas.
  42. iohanns] Sic! Für iohannes; Iohannes Fitz.
  43. sanctus] Buchstaben beschädigt. Auf dem Nimbus dahinter nicht identifizierbare Pseudoinschriften.
  44. ap] Zu ergänzen zu apostolus.
  45. thom] Zu ergänzen zu thomas.
  46. mat] Zu ergänzen zu mateus oder matias. Im Jahre 1898 war am unteren Rand der Scheibe die Bildbeischrift Dormitio sanctae mariae hinzugefügt worden.
  47. SI] Sic! Der Deckstrich bzw. die Sporen später verbessert in einen T-Balken, die Abkürzung also für S(ANC)T(A).
  48. O] Zu ergänzen ist das Wort PRO, obwohl die Buchstaben an dieser Stelle, verdeckt vom Handgelenk des Klerikers, nie dort gestanden haben.
  49. MISERERE MIHI] Sic!

Anmerkungen

  1. Siehe Fitz 2003, S. 245–272, 304–319 mit Abb. 210–229 und Farbtaf. XIX–XXII.
  2. Ebd., S. 225 f., 304; siehe jedoch die Einschränkung ebd., S. 226 Anm. 898 und S. 305 und Nr. 68 mit Anm. 4.
  3. Vgl. ebd., S. 259–272.
  4. Antiphonanfang an verschiedenen Marienfesten; CAO Vol. III Nr. 1539; vgl. auch als Responsorium ebd., Vol. IV, 6155–6157; Carmina Scripturarum, S. 424.
  5. Io 19,19.
  6. Fitz 2003, S. 313.
  7. Zum Beispiel Conceptio Mariae: Breviarium Halberstadense 1515, fol. CLXXr/v; Praesentatio Mariae: ebd., CLIIIIv–CLVIr; Purificatio Mariae: ebd., fol. CLXXXVIIIr–CLXCv; vgl. auch Fitz 2003, S. 259–269 mit den einzelnen Zitaten und weiterer Literatur.
  8. Fitz 2003, S. 306 auch zum Folgenden.
  9. Vgl. Nr. 63 (Maßwerk mit Gottvater, Kaiser Augustus und der Sibylle von Tibur).
  10. So etwa durch die Darstellung Petri mit der Tiara auf dem Haupt als Bischof von Rom im Hinblick auf das päpstliche Schisma (1378–1409) oder auf die sich verstärkende Ketzerbewegung in Böhmen; vgl. Fitz 2003, S. 311 f.

Nachweise

  1. Fitz 2003, S. 259–272 mit Abb. 162–183 mit Farbtaf. XIX–XXII.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 65 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0006500.