Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 53 Dom, nördlicher Chorumgang E. 14. Jh./um 1400

Beschreibung

Bildfenster nord IV (Christusfenster, Passionsfenster);1) Farbglas, Schwarzlot, die erste Zeile 1897 ergänzt, das Fenster 1998 restauriert, insgesamt gut erhalten. Zeilenweise in je sechs Bahnen zu vier Zeilen in insgesamt 24 Feldern sowie sechs Kopfscheiben und der aus drei Vierpässen bestehenden Maßwerkrose, genaste Dreipässe in den Zwickeln, davon 18 ursprüngliche Szenen der Passion und Auferstehung Christi: 2a Einzug in Jerusalem, 2b Abendmahl, 2c Gefangennahme, 2d Verhör durch Pilatus, 2e Verhör durch Pilatus (Kopie von 1897), 2f Dornenkrönung, 3a Geißelung, 3b Kreuztragung, 3c Kreuzigung, 3d Kreuzabnahme, 3e Grablegung, 3f Auferstehung, 4a Höllenfahrt Christi, 4b Christus als Gärtner, 4c Himmelfahrt Christi, 4d Pfingsten, 4e Weltgericht, 4f Krönung Mariens. Das Maßwerk schmücken Scheiben, die in 4 BC den Erzengel Gabriel zeigen, der Zacharias den Johannes verheißt, in 4 DE den Erzengel Raphael mit Tobias auf der Reise nach Medien und in 5 CD den Erzengel Michael als Drachentöter. In 3c und 3d (Kreuzigung und Kreuzabnahme) je auf einem Schriftband auf dem Architekturbogen über dem Kreuz ein Kreuztitulus (A, B), auf geschwungenen Schriftbändern über den Szenen in 4b (Christus als Gärtner) und in 4 BC (Gabriel mit Zacharias vor dem Altar) die Antiphonanfänge nach Bibelzitaten (C, D), jeweils radiert.

Maße: H. 746 cm, B. 381 cm,2) Bu. 4,8 cm (A), 4,2 cm (B), 2–2,5 cm (C), 2,4–3,2 cm (D).2)

Schriftart(en): Gotische Majuskel (A, B), gotische Minuskel mit Versal in gotischer Majuskel (C, D).

CVMA Deutschland Potsdam/Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Renate Roloff) [1/2]

  1. A

    I(HESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDEORVM)3)

  2. B

    I(HESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDEORVM)3)

  3. C

    m[u]liera) · quid · ploras ·4)

  4. D

    Nascetvr · tibib) · // filius · nomen5)

Übersetzung:

A, B: Jesus aus Nazareth, der König der Juden. C: Weib, was weinst du? D: Dir wird ein Sohn geboren werden [und du wirst] seinen Namen [Johannes nennen].

Kommentar

Die gotische Majuskel wartet mit Bogenschwellungen auf und schmückt Schäfte mit Nodi, Balken mit tropfenförmigen Zierpunkten. Der Versal der Inschrift D entspricht den Formen des Majuskel-N in A und B. Die gotische Minuskel verdichtet die Schaftenden oft zu Quadrangeln. Lange Schäfte werden gerne gegabelt. An einzelnen Buchstaben sind mehrfach Haarstriche angesetzt, die gerne an ihrem unteren Ende nach rechts umgebogen werden.

Eva Fitz nimmt an, daß die Glasmalerei des Fensters nord IV durch die szenischen Osterfeiern während der Ostermatutin beeinflußt wurden, die in der Osternacht wohl auch im Halberstädter Dom aufgeführt wurden.6) Sie vermutet, daß im Rahmen der Hortulanus-Szene, die die Begegnung Maria Magdalenas mit Christus als Gärtner beinhaltet, ein „Hymnus, der in der lateinischen Osterfeier Typ III“ gesungen wurde, der mit den Worten „Mulier quid ploras“ begann, und daß diese Worte so Eingang in die Darstellung fanden. Die Engel im Maßwerk sieht Fitz „ikonographisch und kompositionell losgelöst vom Christuszyklus“ und nimmt an, daß das Fenster zur Altarausstattung des Engelaltars gehört habe, der sich unterhalb des Fensters nord IV im Chorumgang im gotischen Dom befunden habe.7) Dieser war schon 992 den Erzengeln geweiht worden und befand sich ursprünglich im Obergeschoß des Westchors im ottonischen Dom.6) Der gotische Altar unter dem Fenster nord IV hat – wohl im 16. Jahrhundert – einer Tür weichen müssen. Fitz’ Vermutung, daß die Erzengel im Maßwerke des Fensters nicht wie die im Michaels- oder Abrahamsteppich des Doms (Nr. 10) dargestellten die in ihnen verkörperten Eigenschaften Gottes (Allmacht, Stärke und Heilmittel Gottes), sondern die „ihnen obliegenden Aufgaben“ darstellen, ist zu modifizieren. Gerade durch die in ihnen verkörperten Eigenschaften Gottes, die, wie im Michaels- oder Abrahamsteppich, aus den dargestellten Begebenheiten erhellen, äußern sich die Allmacht Gottes im Drachentöter Michael, Gottes Kraft mittels der Verkündigung an Zacharias durch Gabriel, die auf diejenige an Maria auch durch die Kontamination der Texte vorausweist, und als Heilmittel Gottes, verkörpert in Raphael, dem Führer des Tobias, der ihm Herz und Galle des Fisches vermittelt, die die Blindheit seines Vaters heilen.8) Erst diese Eigenschaften Gottes lassen die Heilsgeschichte möglich werden und erst durch sie nehmen die Engel ihre von Fitz erwähnten Funktionen als Gerichts-, Verkündigungs- und Schutzengel wahr. So sind die Darstellungen im Maßwerk nicht „ikonographisch und kompositionell losgelöst vom Christuszyklus“9), sondern sind Voraussetzung für das Heilsgeschehen.

Ob der die Vikarie des Engelaltars während der Entstehungszeit des Fensters vergebende Domdekan Albrecht Gotgemak, der aus einer Magdeburger Bürgerfamilie stammte und der die Dekanswürde im Halberstädter Domkapitel vielleicht sogar fünfzig Jahre lang innehatte (1352–1402), auch der Stifter des Fensters war, wie Fitz hypothetisch annimmt, läßt sich ohne weitere Quellen nicht beweisen.10) Daß das Fenster um 1400 entstanden sein kann, legt die Fertigstellung des Chors in diesem Jahr nahe.11) Die Schrift spricht jedenfalls nicht dagegen (vgl. Nr. 52).

Textkritischer Apparat

  1. mulier] Der zweite und der dritte Buchstabe beschädigt.
  2. tibi] Der Balken des t links unvollständig.

Anmerkungen

  1. Vgl. Fitz 2003, S. 163–180 mit der bis dahin erschienenen Literatur.
  2. Zu den Maßen der einzelnen Scheiben siehe Fitz 2003, S. 186 3 c und 3 d, S. 188 4 b, S. 191 4BC.
  3. Io 19,19.
  4. CAO Vol. III, Nr. 3824 nach Io 20,15.
  5. Hier wurden offensichtlich Texte kontaminiert: CAO Vol. IV, Nr. 7195bis „Nascetur tibi filius et vocabitur Deus“ mit Lc 1,13 „uxor tua Elisabeth pariet tibi filium et vocabis nomen eius Iohannes“; vgl. auch Carmina Scripturarum, S. 306.
  6. Vgl. auch zum Folgenden Fitz 2003, S. 166 f.
  7. Fitz’ Vermutung, daß Rötelinschriften angeblich vom Anfang des 17. Jahrhunderts an der Chorschrankenwand gegenüber dem vermuteten ehemaligen Standort des Altars Anrufungen des Heiligen Michael seien, entbehren der Grundlage; es handelt sich um Nameninschriften, wie etwa der Zusatz „amanuensis“ zeigt. Sie wurden m. E. auch erst nach 1650 angebracht.
  8. Vgl. auch zu Gabriel und Raphael die entsprechenden Verse typologischer Natur im Pictor in Carmine bei Baker 1991 zu I, 1, V,2, IX,2 und XXXIII,2 und Wirth 2006, S. 131–137, 140 f., 146 f., 172.
  9. Fitz 2003, S. 166. Siehe zur Ikonographie demnächst Fuhrmann 2009, 73–76.
  10. Vgl. zu Albrecht Gotgemak, der die Würde nachweisbar erst seit 1363 innehatte, jedoch schon 1352 damit providiert worden war, Meier 1967, S. 264 f.
  11. Nach UBHH Bd. 4, Nr. 3164 S. 441–443 war der Bau „in instanti anno“ fertiggestellt worden; da die Urkunde nach Papstjahren Bonifaz’ IX. datiert ist, wird der Bau nach dem 2. November 1400 und vor dem Ausstellungsdatum am 14. April 1401 fertiggestellt worden sein.

Nachweise

  1. Fitz 2003, S. 186, 188 f., 191 mit Abb. 104, 105, 109, 117 sowie Farbtaf. VII.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 53 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0005300.