Inschriftenkatalog: Dom zu Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 75: Halberstadt Dom (2009)

Nr. 36 Dom, Schatzkammer E. 13. Jh./A. 14. Jh.?

Beschreibung

Reliquienkreuz, Domschatz Inv. Nr. 33;1) zweiteilig, Silber, getrieben und geschmiedet, Gold oder Silber vergoldet, gegossen, Bergkristall und weitere Steine gemugelt und plan geschliffen. Über einem sechslappigen am flachen Rand gewellten Fuß, der steil in einen zunächst sechskantigen, dann runden Schaft übergeht, der wiederum einen getriebenen, kürbisförmigen Nodus einschließt, in dem die beiden Kreuzteile verbunden sind, erhebt sich das Kreuz mit Dreipaßenden. Auf der Rückseite ein aufgelöteter Kruzifixus. In den Paßenden der Kreuzarme der Vorderseite in perldrahtgesäumten Zargenfassungen je vier blaue gemugelte Steine in Kreuzform um einen größeren roten angeordnet. Auf die Kreuzvierung gelötet ein ovales Medaillon mit graviertem Rand und in winzigen Krabben endender Zarge, die einen gemugelten Bergkristall faßt; unter diesem auf hellroter Seide die gegossene Kreuzigungsgruppe. Auf einem schräg am oberen Kreuzstamm angebrachten Schriftband graviert der Kreuztitulus. In der oberen rechten Ecke des Medaillons ein Holzsplitter. Das Kreuz ist beschädigt, ein Teil des Standfußes und zwei Steine fehlen.

Maße: H. 16,5 cm, B. 8,5 cm, D. 8 cm (Standfuß), Bu. ca. 0,1–0,2 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

  1. I(HESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDEORVM)2)

Übersetzung:

Jesus aus Nazareth, König der Juden.

Kommentar

Die Schäfte der Buchstaben enden etwas verbreitert. Der Schrägschaft des N ist leicht nach oben durchgebogen.

Das Medaillon des Standkreuzes enthält eine Kreuzpartikel, einen Holzsplitter vom Wahren Kreuz Christi, und ist somit ein sog. redendes Reliquiar, da seine Form über den Inhalt Auskunft gibt. Fuß und Kreuzaufsatz gehörten ursprünglich nicht zusammen. Janke nimmt an, daß der Fuß erst „gegen Ende des 15. Jahrhunderts ergänzt“ wurde.3) Nach der Form des Kruzifixus sei das aufgesetzte Kreuz „gegen Ende des 13. Jahrhunderts“ entstanden.4) Die Schriftformen der wenigen und nur schlecht erkennbaren Buchstaben lassen einen genauen zeitlichen Ansatz nicht zu.

Anmerkungen

  1. Siehe: LHASA Magdeburg, Rep. A 14 Domkapitel zu Halberstadt Älteres Archiv Nr. 1852 Bd. 1, Nro. 28, fol. 3r (Inventar von 1717) „1, Crucifix mit einen Crystal Stein“; Lucanus 1866, S. 42 unter Nr. 29 „Kruzifix von Silber, 6½ Zoll hoch (29)“ und ebd., S. 46 ebenfalls unter Nr. 29 „Kreuz von Silber, Fuß Kelchesform mit Reliquien. (29)“; Nebe 1889/1890, S. 88; Hermes 1896, S. 97, 103; BKD, S. 273; Doering 1927, S. 67; Janke 2006, S. 188 mit Abb. 45; Der heilige Schatz 2008, Nr. 42 S. 148 f. mit Abb.
  2. Io 19,19.
  3. Janke 2006, S. 188.
  4. Ebd. Der heilige Schatz 2008, Nr. 42 S. 148 (Thomas Richter) datiert das Reliquienkreuz jetzt auf „kaum vor 1400“, was der verwendeten Schrift auf den Cedulae wie ihrer Sprache entgegenkäme, die vielleicht auf die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts hinweisen.

Zitierhinweis:
DI 75, Halberstadt Dom, Nr. 36 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di075l003k0003609.