Inschriftenkatalog: Lüneburg (Stadt)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 100: Stadt Lüneburg (2017)

Nr. 817† St. Michaelis 1610

Beschreibung

Epitaph der Anna von Weihe. Nach Rikemann hing das Epitaph unter der Orgelempore. Im Museum Lüneburg ist noch die kniende Figur der Verstorbenen aus Marmor erhalten, die durch einen eingeritzten Vermerk aus jüngerer Zeit sicher dem Epitaph zuzuordnen ist.1) Wie das Epitaph insgesamt ausgesehen hat, lässt sich aus den Angaben der einzelnen Bestandteile ungefähr erschließen. Miteinander kombiniert waren ein Relief, das in einem runden Medaillon die Zusammenkunft des Heilandes mit dem Fräulein von Weyhe darstellt, Wappen, eine Moses-Statue sowie eine Statue Johannes des Täufers.2)

Inschrift nach Rikemann.

  1. Quae sata nobilium generosa ex stirpe parentum estEt virtute sua nobilitata simulQuae pietate deum vera est venerata ministrosIllius observans et reverenter amansQuae curam miseris non segnem impendit egenisConsilio hos recreans auxilÿsque iuvansFoeminei sexus quae splendida gemma micabatVirginei sidus quae fuit atque choriSolamen fratrum iucunda medela sororumOmnibus agnatis officiosa suisMultarum exemplar virtutum illustre viragoNobilisa) haud procul hinc Weihias Anna iacetQua boream excipiunt vicinae parte fenestraeQuaque nitet vitreo multus in orbe Leo

Übersetzung:

Die eine edle Tochter aus der Familie adliger Eltern ist und zugleich durch ihre Tugend geadelt, die mit wahrer Frömmigkeit Gott verehrt, indem sie seine Diener schätzt und respektvoll liebt, die keine sparsame Fürsorge für bedürftige Arme aufwendet, indem sie diese mit Rat erquickt und ihnen mit Unterstützungen hilft, die als glanzvoller Edelstein des weiblichen Geschlechts funkelte und die ein Stern im jungfräulichen Chor war, Trost der Brüder, angenehmes Heilmittel der Schwestern, pflichtbewusst gegenüber allen Verwandten, als Heldin berühmtes Vorbild vieler Tugenden, die edle Anna von Weihe liegt nicht weit von hier, auf der Seite, wo die benachbarten Fenster den Nordwind abfangen und wo der starke Löwe in der runden Glasscheibe erstrahlt.

Versmaß: Elegische Distichen.

Kommentar

Die Datierung beruht auf Gebhardi, demzufolge das Epitaph im Jahr 1610 von Johann Schröder angefertigt wurde.3) Das Ende der Inschrift nimmt Bezug auf ein Kirchenfenster, in dem das Wappen der Familie von Weihe angebracht war.4) Anna von Weihe war eine Tochter des Anton von Weihe und der Elisabeth von Staffhorst und die Zwillingsschwester des Priors Johann Wilken von Weihe (vgl. Nr. 853). Dies geht aus einer anlässlich ihres Todes 1609 gedruckten Trauerrede hervor, die an ihren Zwillingsbruder gerichtet ist, aber keine weiteren Angaben zur Person der laut Inschrift unverheiratet Gestorbenen enthält.5) Auch in dem wohl von dem Cellerar Johann von Klencke angelegten Memorialbuch ist das Begräbnis der Anna von Weihe in der Kirche erwähnt, da dies erst vom Konvent genehmigt werden musste.6) Obwohl der Prior anbot, dafür eine angemessene Gebühr zu errichten, wurde ihm diese erlassen.

Textkritischer Apparat

  1. Nobiles Rikemann.

Anmerkungen

  1. Anna v. Weihe geb. 1557 gest. 1609. Joh(ann) Schröder . f(ecit). Vgl. a. Gebhardi, Verzeichnis, Nr. 79 u. Krüger, Führer, Nr. 145, S. 35f.
  2. Gebhardi, Verzeichnis, Nr. 80–83.
  3. Gebhardi, Verzeichnis, Nr. 79.
  4. Wappen Weihe (drei Schrägbalken, darüber wachsender Löwe). Vgl. Siebmacher/Hefner, Wappenbuch, Bd. 2, Abt. 9, S. 18 u. Tafel 19.
  5. Georg Burmeister, Quod piis etiam corporaliter moriendum ... . Wittenberg 1609. Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek Hannover, Cm 396.
  6. StA Lüneburg, St. Mich. 35, fol. 56v/57r.

Nachweise

  1. Rikemann, Libellus, fol. 15v.

Zitierhinweis:
DI 100, Stadt Lüneburg, Nr. 817† (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di100g019k0081704.