Inschriftenkatalog: Lüneburg (Stadt)

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 100: Stadt Lüneburg (2017)

Nr. 667 Große Bäckerstr. 9 1598

Beschreibung

Fries und Portal an der Ratsapotheke. Dreigeschossiges Backsteinhaus mit fünffach abgetrepptem Giebel, zur Großen Bäckerstraße hin giebelständig, das repräsentative Sandsteinportal erstreckt sich über zwei Geschosse. Unterhalb des Giebels ein Sandsteinfries mit der erhaben in vertiefter Zeile gehauenen und in Gold gefassten Inschrift A. Den mit Engelsköpfen besetzten Rundbogen des Portals tragen zwei Hermen mit Arzneigefäßen, links eine männliche, rechts eine weibliche, in den Bogenzwickeln im Relief zwei Frauenfiguren mit den Tituli B und C auf Rollwerkkartuschen, die linke mit einem Hund, die rechte mit einem Äffchen, die Buchstaben der Tituli erhaben in vertieftem Feld und in Gold gefasst. Darüber ein Aufbau mit dem von zwei Löwen gehaltenen Stadtwappen, über einem weiteren Gesims die bekrönende Inschrift D in eingehauenen Buchstaben, die Buchstaben schwarz gefasst vor ockergelbem Hintergrund. Die Inschriften sind verschiedentlich überarbeitet und restauriert worden. An der Seite zur Apothekenstraße unterhalb des Daches eine bemalte Sandsteinplatte mit der Jahreszahl E.

Maße: Bu.: ca. 30 cm (A), ca. 5 cm (B, C), ca. 8–10 cm (D), ca. 15 cm (E).

Schriftart(en): Kapitalis.

Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (Sabine Wehking) [1/3]

  1. A

    NEQVE HERBA NEQ(VE) MALAGMA SANAVIT EOS, SED TVVS D(OMI)NE SERMO QVI SANAT OMNIA1)

  2. B

    OLFACTVSa)

  3. C

    GVSTVS

  4. D

    CONSVLE DASSELIO SANCTO STATVENTE SENATV /EXSTRVCTA EST GAZIS HAEC APO.THECA SVIS. /HIC HERBAE ET SVCCI VARIA ET MEDICAMINA PROSTANT /QVAE NVMERO HIPPOCRATES VEL PARACELSVS HABET. /AST IN PIXIDIBVS CERTAM SPEM PONERE VITAE /NON TVTVM A SVMMO VITA PETENDA DEO. /ERGO CHRISTE FAVE NATVRAE SVFFICE VIRES /SENTIAT HINC VIRES VT MEDICINA SVAS

  5. E

    1 · 5 · 98

Übersetzung:

Weder Kraut noch Umschlag heilte sie, sondern dein Wort, Herr, das alles heilt. (A) Der Geruch. (B) Der Geschmack. (C) Unter dem Bürgermeister Dassel wurde auf Beschluss des ehrwürdigen Rats aus dessen Vermögen diese Apotheke gebaut. Kräuter und Säfte und verschiedene Arzneien sind hier zu kaufen, die allesamt Hippokrates oder Paracelsus verzeichnet. Aber auf Arzneibüchsen die sichere Hoffnung auf Erhaltung des Lebens zu setzen, ist gefährlich, vielmehr muss man von dem höchsten Gott das Leben erbitten. Also, Christus, unterstütze die Natur, gib ihr Kräfte, dass davon die Medizin ihre eigenen Kräfte spüre. (D)

Versmaß: Elegische Distichen (D).

Kommentar

Bei dem in der Inschrift D erwähnten 1598 regierenden Bürgermeister handelt es sich um Ludolph III. von Dassel (vgl. u. a. Nr. 804). Die alte Ratsapotheke war gegen Ende des 16. Jahrhunderts so baufällig, dass sie 1598 neu errichtet werden musste. Die Steinhauerarbeiten am Portal führte ein Meister Marten aus.2) Mit der Farbfassung wurde den Rechnungen zufolge die Werkstatt von Daniel Frese beauftragt, der auch innerhalb des Hauses tätig war (vgl. Nr. 669 u. 673).3) Zur Zeit des Neubaus fungierte Ulrich Luthmer als Ratsapotheker (vgl. Nr. 744 u. 808). Der große Bau mit seiner repräsentativen Fassade zeigt die Bedeutung, die der Rat dieser Institution beimaß. Die lateinischen Inschriften A und D verstärken diesen repräsentativen Eindruck, ganz besonders die als eine Art Überschrift in betont großen vergoldeten Kapitalisbuchstaben über die Front verlaufende Inschrift A. Beide Inschriften vermitteln dem Lateinkundigen, dass die Wissenschaft allein nicht in der Lage ist, für geeignete Heilmittel zu sorgen. Als einzig wahres Heilmittel nennt die Inschrift A entsprechend der Lehre Luthers das Wort Gottes.

Textkritischer Apparat

  1. TACTVS Mithoff, CLEALTVS Krüger/Reinecke.

Anmerkungen

  1. Nach Sap. 16,12.
  2. Zur Baugeschichte ausführlich unter Zitierung der betreffenden Quellen: Tillwick, Raths-Apotheke, S. 12f.
  3. Die wesentliche Beteiligung Daniel Freses an der Ausgestaltung der Ratsapotheke hat Tillwick durch Auswertung der auf die Ratsapotheke bezogenen Rechnungen nachgewiesen (Tillwick, Raths-Apotheke, S. 13).

Nachweise

  1. Büttner, Inscriptiones (A, D).
  2. Mithoff, Kunstdenkmale Fürstentum Lüneburg, S. 195 (A–D).
  3. Dassel, Stammesgeschichte, 1895, S. 44f. (A, D).
  4. Schecke, Lüneburg, [p. 11] (A, D).
  5. Krüger/Reinecke, Kunstdenkmale, S. 343–345 (Abb. 131).
  6. Alpers, Garlopenhäuser, S. 76 (A).
  7. Cornelia Abheiden, Die Sanierung der Fassade der Alten Raths-Apotheke. In: Denkmalpflege in Lüneburg 2000, S. 7–12, S. 8 (A).
  8. Tillwick, Raths-Apotheke, S. 9f.
  9. Böker, Baudenkmale Lüneburg, S. 406–408, Abb. S. 407.

Zitierhinweis:
DI 100, Stadt Lüneburg, Nr. 667 (Sabine Wehking), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di100g019k0066707.