Inschriftenkatalog: Rheingau-Taunus Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 43: Rheingau-Taunus-Kreis (1997)

Nr. 361 Kiedrich, Michaelskapelle um 1512?-um 1520?

Hinweis: Der Historische Verein für Nassau berichtet 1861 nebst anderen denkmalschützerischen Aktivitäten von der aufwändigen Restaurierung und erneuten Aufhängung des Marienleuchters, vgl. Periodische Blätter der Geschichts- u. Alterthumsvereine zu Kassel, Darmstadt und Wiesbaden 15/16 (1861), S 445, ausführlich S. 454f.

Beschreibung

Marienanrufung auf den Gewandsäumen der Madonnenfigur des großen Kronleuchters (sog. Marienleuchter). Die lebensgroße, doppelseitige Gottesmutter mit dem Jesuskind steht auf einer von sieben geflügelten Putti getragenen Mondsichel auf einem aufwendig gestalteten, siebenarmigen Eisenleuchter. Die Gewandsäume der westlichen und östlichen Figurenseite tragen je eine erhabene Inschrift (A, B). In der Fassung von 1869/79 war das goldene Gewand rot gefüttert mit blauem Unterkleid, heute einheitlich goldtonig.

Maße: H. Figur ca. 160, Bu. 4 cm.

Schriftart(en): Kapitalis.

Forschungsstelle Die Deutschen Inschriften bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, Foto: TGTempel [1/6]

  1. A

    · AVE · SANC/T(ISSI)MAa) · MARIA / MATER · DEI · REGINAb)

  2. B

    DIVI · P[R]O · [VNI] · [.] · DILECTVMc) · AVE · SANCTA · MATER · DEI

Übersetzung:

Gegrüßet seist du, heiligste Maria, Mutter Gottes, Königin (A). – (...) Sei gegrüßt, heilige Mutter Gottes (B).

Kommentar

Auf Ligaturen wurde weitgehend verzichtet. Teile der Buchstaben werden durch ihre Anbringung auf dem oberen Mantelsaum nahe der Schulter abgeschnitten, vor allem bei Inschrift (B). Bei beiden AVE folgt dem V das an seine rechte Haste schräg angelehnte, aber nicht ligierte E, dessen kurze Balken leicht zur Grundlinie gebogen sind. D, N werden spiegelverkehrt verwendet, das M hat einen sehr kurzen Mittelteil und schrägstehende Hasten. Die einzelnen Wörter sind mit weiten Abständen gesetzt, die Buchstaben eng gedrängt; als Worttrenner dienen kleine Dreiecke. Unmittelbare Textvorlagen sind nicht auszumachen; es ist eher anzunehmen, daß der unbekannte Verfasser einzelne Versatzstücke aus verschiedenen Marienliedern zusammenfügte. Die als Lilienarme ausgebildeten, sieben Kerzen tragenden Leuchterarme versinnbildlichen Maria als Leuchter, zu dem Christus die Kerze ist. Die Doppelmadonna selbst steht in der Tradition der seit um 1500 zunehmenden Verehrung der Gottesmutter als Trägerin des „reinen Lichts“, wie es in vielfältiger Form in den Marianischen Litaneien verbalisiert wurde und in Marienleuchtern zum Ausdruck kam.1)

Die dem Bildhauer Peter Schro zugeschriebene Doppelmadonna wurde aufgrund ihrer stilistischen Verbindung mit den datierten Werkstücken der Christus-Thomas-Gruppe in Mainz von 1521 und dem Hattstein-Epitaph von 1522 bislang in die Zeit um 1520/22 eingeordnet.2) Ein Anhaltspunkt für eine Früherdatierung des Werkes ergibt sich nun aus der erst 1993 bekannt gewordenen Rechnung vom 24. März 1512, derzufolge der Kiedricher Klaus (Clesgin) Spengeler als Meister des Leuchterkorbes nachgewiesen ist: „hait gemacht 1 luchter [...] off dy groiß frawen“.3) Mit der „groiß frawen“ dürfte die Madonnenfigur gemeint sein. Sie wurde separat vom Leuchter angefertigt; dabei waren dem Spengler die Grundmaße der Doppelmadonna offenbar nicht bekannt, da der Wolkenkranz unterhalb der Figur unregelmäßig über die Standfläche des Korbes hinausragt und deutliche Abarbeitungsspuren aufweist, die auf ein späteres Anpassen des Figurensockels auf die Standfläche des Leuchters hindeuten.4) Die Erwähnung der Figur in der Rechnung wäre auf einen Planungszustand zu beziehen oder als Hinweis darauf, daß sie 1512 vielleicht schon in Arbeit war.

Textkritischer Apparat

  1. So gegen Lühmann-Schmids Lesung SANCTA, Gewandfalte überdeckt mögliche Kürzung.
  2. Lühmann-Schmid: Salve Regina.
  3. Der Ergänzungsvorschlag von Staab O TVVM DILECTVM besitzt keine Anbindung an die übrigen Wörter; außerdem wäre das angebliche M von TVVM nicht mit den sonst hier konisch gestellten äußeren Hasten gebildet. Nach P[R]O und dem Worttrenner folgt ein weiter Zwischenraum. Es ist also denkbar, daß der Text hier unvollständig ist oder bei einer Restaurierung verändert wurde. Unter dieser Voraussetzung könnte man einen Text etwa in dieser Art erwarten: DIVI PRO[LEM PARVISTI] VNI(VS) F(ILIVM) DILECTVM.

Anmerkungen

  1. Lühmann-Schmid 2, 63 Anm. 37 mit der Vermutung, daß die Leuchtermadonna mit dem „Rosenkranzkult der Kiedricher Pfarrkirche bzw. Michaels-Kapelle als Andachtsbild“ in Zusammenhang stand und möglicherweise ehemals von einem Strahlen- und Rosenkranz umgeben war. Zum Bild von Maria als Leuchter vgl. Salzer, Sinnbilder 88f.
  2. Lühmann-Schmid 2, 63 mit Anm. 47 und S. 64. Zu stilistischen Verbindungen und der älteren Zuschreibung an Konrad Meit vgl. ebd. 61f.
  3. Vgl. Staab, Michaelskapelle passim.
  4. Lühmann-Schmid (wie Anm. 1) und Staab, Michaelskapelle 58 vermuteten aus der größeren Standfläche, daß der Leuchter für eine (verlorene) Vorgängerfigur geschaffen worden sei.

Nachweise

  1. Monsees, Inschriften St. Valentinus 125 (teilw.) – Staab, Michaelskapelle 58.

Zitierhinweis:
DI 43, Rheingau-Taunus-Kreis, Nr. 361 (Yvonne Monsees), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di043mz05k0036109.