Inschriftenkatalog: Rhein-Hunsrück Kreis

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 60: Rhein-Hunsrück-Kreis I (2004)

Nr. 188† Boppard, ehem. Franziskanerinnen-Kloster St. Martin vor Juli 1532

Beschreibung

Tafelmalerei. Ehemals "auff der lincken seiten des cohrs (...) an der maur"1) aufgehängt, ging sie vermutlich während des Abrisses und des Neubaus der Klosterkirche nach 1765 verloren. Tafel mit gemalter Darstellung der Heiligen Hieronymus und Katharina als stehende Figuren und dem "Bildtnus" des vor ihnen knienden Stifters Johannes Flaming2), darunter als Bildbeischrift ein wohl ebenfalls aufgemaltes Distichon.

Nach Chronik St. Martin.

  1. XAIPE πATEPa) summi Regis doctissime scriba Et tu praedulcis costisb) amica simul

Übersetzung:

Sei gegrüßt, Vater, du gelehrtester Schriftsteller des höchsten Königs, und zugleich du, süßeste Frau und zugleich Freundin.

Versmaß: Distichon.

Kommentar

Johannes Flaming, der Auftraggeber der Tafelmalerei und Verfasser der Inschrift, ist seit 1511 bis zu seinem Tod 1532 als Hausgeistlicher des Klosters nachweisbar. Der zu den weniger bekannten rheinischen Humanisten3) zählende Gelehrte hatte bereits 1516 die Geschichte von der (angeblichen) Auffindung der Bopparder Märtyrer in lateinische Verse gefaßt4) und noch zu Lebzeiten sein mit drei Distichen versehenes Epitaph5) gestiftet. Seine Wahl der beiden Heiligen, mit denen er sich gemeinsam abbilden ließ, läßt sich wohl darauf zurückzuführen, daß Hieronymus als bedeutender Kirchenlehrer und Katharina als mit Philosophen disputierende Frau in den gelehrten Kreisen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit hochverehrt wurden und oft als ihre Patrone dienten. Als weiteres Zeichen seiner eigenen Zugehörigkeit zu dieser gelehrten Welt dürften auch die beiden griechisch geschriebenen Worte zu Beginn des Distichons aufzufassen sein.

Textkritischer Apparat

  1. Der griechische Text ist in der Abschrift durch Großbuchstaben hervorgehoben; dabei ist Epsilon zweibogig ausgeführt, Rho mit kleinem Bogen und nach links geschwungenem unterem Schaftende.
  2. Sic! xoΣis Brouwer/Masen (in offenbar nachträglich hergestellten griechischen Kleinbuchstaben). - Das Wort costis läßt sich so nicht nachweisen. Ihm liegt die Bedeutung costa (Rippe) zugrunde, die in humanistischer Manier zu einem Neologismus costis für Eva bzw. Frau umgeformt wurde. Dieses Verfahren läßt sich in mehreren Dichtungen Flamings nachweisen, insbesondere in Handschrift 804/814 fol. 94v, wo in "ad divam costidem Katharinam" die Deklinationsweise dieses Wortes belegt ist. Offenbar wählte Flaming diese Konstruktion, um Hiat von costa mit nachfolgendem a zu vermeiden (freundlicher Hinweis meines Kollegen Dr. Rüdiger Fuchs).

Anmerkungen

  1. Chronik St. Martin.
  2. Die Beschreibung des Bildes bei Kdm., wonach sich auf der Tafel auch noch die Porträts seiner Schwester und seiner Base befunden hätten, beruht auf einer offensichtlich mißverstandenen Interpretation des Chroniktextes.
  3. Vgl. dazu Röll, Flamingus 165f.
  4. Vgl. dazu Nr. 160.
  5. Vgl. dazu die folgende Nr. mit dem Kommentar zu seiner Grabinschrift.

Nachweise

  1. Chronik St. Martin, fol. 4v.
  2. Brouwer/Masen, Metropolis 2, 432.
  3. Rhein. Antiquarius II 5, 395.
  4. Kubach/Verbeek, Denkmälerinventar I 166.
  5. Kdm. Rhein-Hunsrück 2.1, 328.

Zitierhinweis:
DI 60, Rhein-Hunsrück-Kreis I, Nr. 188† (Eberhard J. Nikitsch), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di060mz08k0018803.