Inschriftenkatalog: Stadt Pforzheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 57: Stadt Pforzheim (2003)

Nr. 54 Ev. Altstädter Pfarrkirche (St. Martin) um 1430/40

Beschreibung

Wandgemäldezyklus mit Inschriften auf Schriftstreifen und Spruchbändern. Im Chor an der Nord- und Südwand. Aufgedeckt nach den Kriegszerstörungen von 1945, Restaurierung 1952 abgeschlossen. Die ehemalige Choranlage, bestehend aus einem – im Grundriß quadratischen – Vorchor und dem Polygon, bot nach Norden und Süden relativ geschlossene Wandflächen, die sich zur Ausmalung anboten. Die fensterlose Nordwand trägt einen dreizonigen, thematisch zusammengehörigen Zyklus; die Südwand wurde bemalt, nachdem das große stichbogig geschlossene Fenster eingebrochen war, denn die fünf Bildszenen nehmen auf die Fensterlaibung Rücksicht. Die Malerei beginnt jeweils über einer weiß gefaßten Sockelzone von ca. 180 cm Höhe, in die rundbogige Blendbogen einschneiden. Westlich neben diesen Bogen jeweils ein rot gerahmtes Medaillon mit goldenem Weihekreuz. Die nach der Reformation 1565 übertünchte Malerei wies große Fehlstellen auf, die bei der Restaurierung behutsam geschlossen wurden. Die umfangreichen Fehlstellen innerhalb der Inschriften blieben weitgehend offen und erfuhren keine Ergänzungen.

I. Nordwand des kreuzgewölbten Vorchors. Malerei in drei Bildstreifen, wobei die beiden oberen durch den jetzt schwarzen, ursprünglich wohl azurblauen Grund zusammengezogen sind und eine Darstellung des Weltgerichts tragen. Christus thront als Weltenrichter auf dem Regenbogen, flankiert von Maria und Johannes dem Täufer und begleitet von Engeln mit den Leidenswerkzeugen und den Posaunen des Gerichts. Darunter öffnen sich die Gräber, denen kleine nackte Gestalten entsteigen. Im mittleren Register führt links Petrus den Zug der Seligen einem Kirchengebäude entgegen, das das himmlische Jerusalem darstellt. Rechts treibt der Teufel die von einer Kette umfaßten Verdammten dem Höllenrachen entgegen. Ein weißes Spruchband über der Schar der Erlösten zeigt nur noch geringe Schriftspuren.

Das unterste Register zeigt in der Mitte den segnenden Christus mit der Weltkugel mit Kreuz in der Linken. Ihm sind zu beiden Seiten je sechs stehende Apostel mit ihren Attributen zugewandt. Der rotgrundige Bildstreifen ist abgeteilt von der Gerichtsszene durch einen Rahmen, der oben aus einem roten schmalen Streifen, darunter aus einem weißen breiten Streifen besteht. Darauf sind in drei Zeilen Inschriften in Schwarz gemalt, die jeweils den darunter befindlichen Aposteln zuzuordnen sind. Da es sich um die einzelnen Artikel des Glaubensbekenntnisses handelt, das traditionell den Aposteln zugeordnet wird, folgt die hier gewählte Beschreibung und Wiedergabe der Textabfolge des Credo apostolicum. Sie beginnt mit Christus in der Mitte (A), folgt dann von innen nach heraldisch rechts außen dem Credo-Text (B, C, D, E, F), dann von der Mitte nach heraldisch links (G).

Textergänzungen nach dem Formular des Credo apostolicum.

Maße: Bu. ca. 5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

Christus mit Kreuznimbus und Weltkugel mit Kreuz.

  1. A

    [i]t[e in mvndvm] vniv[ersvm / et preḍic̣atẹ ẹva(n)gel[iv(m)] / omni [cr]eaṭvrẹ1)

Übersetzung:

Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur.

Petrus mit Schlüssel.

  1. B

    [cr]edo [in devm pa]tre(m) / o(mn)i[p]ote(n)t[e(m)] creatore(m) / celi et ter(r)e

Übersetzung:

Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erde.

Es folgt ein stark zerstörter Apostel, die Inschrift ist unkenntlich.

Jakobus d. Ä. mit Muschel (?).

  1. C

    [q]vi [c(on)ce]pt(vs) e(st) d[e sp(irit)v] / sancto n[a]tvs [e]x / maria virgine

Übersetzung:

Der empfangen ist vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria.

Johannes Ev. mit Kelch und Schlange.

  1. D

    [passvs svb pontio] / pilato crv[cifixvs] / et ṃọṛtv[vs]

Übersetzung:

Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt und gestorben.

Jakobus d. J. mit der Walkerstange als Attribut.

  1. E

    [descendit ad inferna tercia die resurrexit] a mor[tvi]s

Übersetzung:

Hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten.

Schlecht erhaltener, stark ergänzter Apostel, vermutlich Thomas oder Philippus. Von der Inschrift nur Reste der unteren Zeile erkennbar:

  1. F

    [– – –] / de[i] p(at)r(is) o(mni)p(oten)t[is]

Übersetzung:

(…) Gottes, des allmächtigen Vaters.

Heraldisch links von Christus steht Paulus mit seinem Attribut, dem Schwert.

  1. G

    [inde ventvrvs est / ivdic]ạṛẹ ṿịvo[s] / [et] ṃortvos

Übersetzung:

Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.

Darauf folgen der hl. Bartholomäus mit großem Messer (Binnenzeichnung und Inschrift zerstört), der hl. Andreas mit Andreaskreuz (unzusammenhängende Reste der Inschrift), der hl. Matthäus mit Schwert (Inschrift zerstört) und zwei weitere Apostel ohne Inschriftreste.

II. Südwand. Links sind auf rotem Grund Szenen aus Heiligenlegenden gemalt, oben rechts auf blauschwarzem Grund zwei weitere Heilige. Der Zyklus beginnt links unten mit einer Darstellung der hl. Barbara mit Turm und Kelch vor der hl. Ottilia; links außen kauert die kleine Figur einer Stifterin mit langem Spruchband mit Gebetsanrufung (H). In der Mitte der hl. Wendelin auf freiem Feld vor einer Stadt; links kniet ein Stifter-Ehepaar mit einem Spruchband (J) und einem unbekannten Wappen2. Oben der Erzengel Michael als Seelenwäger, links eine kauernde Stiftergestalt mit gewundenem Spruchband (K). Rechts oben empfiehlt die hl. Barbara ein kniendes Ehepaar dem hl. Sebastian, der von zwei Schergen mit Pfeil und Bogen gemartert wird; Spruchband (L) und Wappen sind kaum zu erkennen. Die von ihrer Größe und Bedeutung her wichtigste Darstellung der Südwand ist das Schutzmantelbild der Maria rechts vom Fenster; ihr weit ausgebreiteter Mantel wird von Engeln über den Schutzbefohlenen ausgebreitet. Über Maria öffnet sich der Himmel mit einer seltenen Darstellung der hl. Dreifaltigkeit, bei der Christus als Schmerzensmann das Zornes-Schwert Gottvaters aufhält; ohne Inschrift oder Spruchband.

  1. H

    · [.] o[t]ilia · ẹt · b[a]ṛbara · or[at]e · p̣ro nọ[bi]s ·

Übersetzung:

(…) Ottilia und Barbara, betet für uns!

  1. J

    [. . .] · wendelyn [. . . . . . . . . .]ẹ[.]is · petitṿṛ

Übersetzung:

(…) Wendelin (…) wird gebeten.

  1. K

    [. . .] · m[. . . . . .] ọrạ · devm · [. . . . . . .]

Übersetzung:

(…) M(ichael), bitte Gott (…)!

  1. L

    · S · [– – –] ḍevm · pṛo [no]ḅịṣ [. . . . .]ạter[. . .]

Übersetzung:

(…) Gott für uns (…)!

 
Wappen
unbekannt2, unkenntlich.

Kommentar

Das Apostelkollegium, kombiniert mit Christus in der Szene der Aussendung der Apostel, gehört zu den Hauptthemen kirchlicher Wandmalerei und ist auch in der Pforzheimer Region Bestandteil zahlreicher Wandgemälde-Zyklen des 15. Jahrhunderts3, ebenso beliebt aber war diese Darstellung auf dem Chorgestühl oder auf Emporenbrüstungen4. Traditionell ist jedem Apostel ein Artikel des Credo zugeordnet, weil die Apostel nach alter Überlieferung vor ihrer Aussendung durch Christus gemeinsam das Credo in dieser Form verfaßt haben sollen5. Freilich ist die Reihenfolge der Apostel und ihre Zuordnung zu den Credo-Artikeln nicht immer einheitlich6. Die Beispiele mit lateinisch abgefaßten Credo-Artikeln überwiegen. Hier in Pforzheim beginnt das Credo – ausgehend von Christus in der Mitte – zunächst zu seiner Rechten bei Petrus, ist dann – vom Betrachter aus – nach links weitergeführt; es setzt dann mit Paulus wieder zur Linken Jesu ein und läuft rechts weiter. Die Spruchbandtexte der Stifter in den Heiligenbildern enthalten lateinisch abgefaßte Gebetsanrufungen.

Da sich die Wappen der Stifter nicht bestimmen lassen, läßt sich keine der knienden Figuren identifizieren. Offensichtlich handelte es sich um Bürger der Stadt. Die Wappen Beichlingen und Baden am Chorgewölbe und an einer Gewölbekonsole der Nordseite beziehen sich auf die Errichtung des Chores um 1350 unter der Herrschaft der Äbtissin Agnes Markgräfin von Baden (1335–1361). Ihre Mutter entstammte der Familie von Beichlingen. Die Altstädter Pfarrkirche, seit dem 11. Jahrhundert unter dem Patronat des Klosters Hirsau, war 1344 dem Zisterzienserinnenkloster Lichtenthal (Stadt Baden-Baden) inkorporiert worden7. Offenbar war dies der Anlaß zum Bau des geräumigeren Chores anstelle der romanischen Hauptapsis des 12. Jahrhunderts. Aus der Baugeschichte lassen sich demnach keine Anhaltspunkte für die Datierung der Wandgemälde gewinnen, wohl aber aus dem stilistischen Vergleich dieser Gemälde mit den Zyklen in der Pfarrkirche in Niefern und in der Zisterzienser-Klosterkirche von Maulbronn8. In beiden Fällen ist vor allem die Gestaltung der Engel mit weit ausgebreiteten Flügeln eng verwandt. In dem voluminösen Faltenstil und in der Vorliebe für zweifarbig abgefütterte Gewänder leben noch Züge des weichen Stils um 1420 fort. Der epigraphische Befund spricht ebenfalls für eine Ansetzung um 1430/40.

Anmerkungen

  1. Mc 16,15.
  2. Drei liegende Gerbereisen pfahlweise.
  3. Die Zyklen in Gondelsheim (Lkr. Karlsruhe), Niefern (Enzkreis) und Loffenau (Lkr. Rastatt) sind ebenfalls um 1430/40 entstanden; vgl. DI 25 (Karlsruhe) nr. 36; DI 22 (Enzkreis) nr. 71; die Inschriften des Lkr. Rastatt sind in Bearbeitung (Ilas Bartusch).
  4. Besonders gut erhalten und umfangreich durch die Gegenüberstellung der Apostel mit den Propheten als typologische Verbindung des Alten und Neuen Testaments ist das 1517 geschaffene Chorgestühl der Herrenberger Stiftskirche; vgl. DI 47 (Böblingen) nr. 156.
  5. Dies ist nicht durch die Bibel zu belegen. Als Quelle gilt der pseudoaugustinische Sermo 240 aus dem 6. Jahrhundert (ed. Migne PL 39, Sp. 2188–2190); vgl. LThK 2, 3. Aufl., 1994, Sp. 1340f. (Vf. Manfred Probst).
  6. Zu Herkunft und Verbreitung der Credo-Apostel-Zyklen vgl. RDK I (1937) Sp. 811–829; bes. 823f. (Vf. A. Katzenelnbogen); LCI 1 (1968) Sp. 461–464 (Vf. H. W. van Os).
  7. Vgl. Carl, Regesten Pforzheim 1998, 63f. nrr. 109, 112. – Ferner KdmBadenIX/6, 48–58; Andermann, Kurt, Zur Besitz- und Wirtschaftsgeschichte Lichtenthals …. In: Kat. Lichtenthal 1995, 121–127; bes. 122–124.
  8. Zu Niefern vgl. KdmBadenIX/7 (Pforzheim Land) 179ff.; DI 22 (Enzkreis) nr. 71. Zu Maulbronn vgl. Wilhelm, Johannes, Die Wandmalereien in der Kirche und in der Klausur des Klosters Maulbronn. In: Maulbronn 1997, 425–455; bes. 430f.; ders., Die Wandmalereien des Klosters Maulbronn und ihre historischen Restaurierungen. In: Oberrheinische Studien 16 (1999) 211–220; bes. 212 (Ansetzung des Engelchors hier „vor oder kurz nach der Jahrhundertmitte“).

Nachweise

  1. Karlsruhe, LDA, Akten von 1947 bis 1952.
  2. Diruf/Timm 1991, 65 u. Taf. 3.
  3. Dehio Baden-Württemberg I, 1993, 625.

Zitierhinweis:
DI 57, Stadt Pforzheim, Nr. 54 (Anneliese Seeliger-Zeiss), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di057h015k0005407.