Inschriftenkatalog: Stadt Pforzheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 57: Stadt Pforzheim (2003)

Nr. 34 Ev. Schloßkirche (Stiftskirche St. Michael) 1414

Beschreibung

Fragment der Grabplatte für Johannes Nettinger und seinen Bruder Krafto (Crafft). Ehemals im südlichen Seitenschiff des Langhauses. Beim Luftangriff 1945 zerstört; 1994 im Außenbereich der Kirche in der Auffüllung des Ruinenschutts wieder aufgefunden. Im Jahr 2002 Aufstellung im nördlichen Seitenschiff des Langhauses an der Nordwand. Ursprünglich Rechteckplatte aus rotem Sandstein mit Umschrift zwischen Linien; im Feld Figur eines Priesters mit Kelch in Ritzzeichnung; jetzt nur noch die untere Hälfte vorhanden. Die Ecke links unten ist abgeschlagen.

Ergänzungen nach KdmBadenIX/6.

Maße: H. 223, jetzt 102, B. 79, T. 17–18,5, Bu. 10 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versal.

  1. [Anno · d(omi)ni · m · / ccccxiiii · obiit · iohanne]s · nettinger / et · f(rate)r · suus / · obiit · d(omi)n(u)s · [krafto · an(n)o · d(omi)ni · m · cccc · 〈. . . . .〉]

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1414 starb Johannes Nettinger und sein Bruder, Herr Krafto, starb im Jahr des Herrn 14(. .).

Kommentar

Die beiden Brüder Johannes und Krafto Nettinger von Bruchsal wurden bereits 1388 in Pforzheim genannt als Käufer eines Hauses mit Hofreite und Garten, gelegen am Kirchberg in der Nähe des Franziskanerklosters1. Im Jahr 1411 stifteten die Geschwister Johannes, Krafto und Katharina Nettinger gemeinsam eine Pfründe an der St. Michaelskirche zu Pforzheim, die jedoch erst nach dem Tod der drei Stifter vergeben werden sollte2. Im Jahr 1419 wurde die Stiftung durch den Generalvikar des Bischofs Raban von Speyer in ihren einzelnen Punkten bestätigt3. Wir erfahren, daß es sich um eine Pfründe am St. Fabians- und Sebastiansaltar handelte4. Als Stifter wurden nun nur noch Katharina Nettinger und ihr Bruder Krafto genannt. In der Tat war – wie die Grabplatte bezeugt – der Bruder Johannes Nettinger bereits 1414 verstorben. Offensichtlich hatte Krafto die Grabplatte für seinen Bruder und sich selbst bald nach dessen Tod anfertigen lassen. In der Stiftungsurkunde von 1419 wurde Krafto als Kaplan an der Altstädter Pfarrkirche St. Martin zu Pforzheim bezeichnet. Daß er dem Klerus angehörte, wird durch die Anrede dominus auf der Grabplatte bestätigt. Lacroix hat das Denkmal nicht abgebildet. Deshalb kann nur vermutet werden, daß für die Todesdaten Kraftos am Ende der Grabinschrift eine freie Stelle ausgespart gewesen war5. Da Krafto im Dezember 1419 noch am Leben war, ist er nicht 1400 – wie Lacroix an der Grabplatte ablas – gestorben, sondern erst nach 1419. Die Schwester Katharina überlebte ihre Brüder und erhielt erst 1430 eine eigene Grabplatte6.

Die kraftvoll wirkende Schrift mit Vierkantpunkten als Worttrennern verzichtet auf Ober- und Unterlängen der Buchstaben, womit die Schrift in extremer Weise in ein Zweilinienschema eingefügt ist.

Anmerkungen

  1. Carl, Regesten Pforzheim 1998, 98 nr. 199.
  2. Ebd. 111. nr. 233.
  3. Ebd. 119f. nrr. 254, 255.
  4. Zu besagtem Altar vgl. Fouquet, St. Michael in Pforzheim 1983, 115, 132.
  5. Eine Photographie des bis 1945 noch vollständig erhaltenen Denkmals existiert nicht. Die mühsame Rekonstruktion des Sachverhalts unterstreicht, daß eine lückenlose Bild-Dokumentation im Bereich der Denkmalpflege und erst recht im Bereich der epigraphischen Forschung unverzichtbar ist.
  6. Die Platte ist erhalten; vgl. nr. 48.

Nachweise

  1. Pflüger 1862, 164 (kurz erwähnt).
  2. KdmBadenIX/6, 151 nr. 25.
  3. Trost, Schloßkirche 1962, 23, 74.
  4. Pforzheim, Staatl. Hochbauamt, Dokumentation der Firma Kraus, Tübingen (1994).

Zitierhinweis:
DI 57, Stadt Pforzheim, Nr. 34 (Anneliese Seeliger-Zeiss), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di057h015k0003405.