Inschriftenkatalog: Stadt Pforzheim

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 57: Stadt Pforzheim (2003)

Nr. 17 Ev. Schloßkirche (Stiftskirche St. Michael) 1326

Beschreibung

Grabplatte des Crafto von Bettingen (?). Bis zur Kriegszerstörung im Westbau an der Westwand, dann zusammen mit dem Bauschutt südlich von der Kirche als Füllmaterial verwendet; 1994 wurden beim Abtragen der Aufschüttung drei Bruchstücke der Platte wieder aufgefunden und vorübergehend im Stadtmuseum gelagert; nach mehrfachem Standortwechsel zwischen 1994 und 2002 ging das aus zwei Fragmenten bestehende Eckstück1 links unten wieder verloren; Aufstellung des Mittelstückes im Lapidarium unter der sog. Margarethenkapelle geplant. Ehemals rechteckige Platte aus rotem Sandstein mit Umschrift zwischen Linien. Die Kopfzeile und das Ende der linken Langseite waren schon vor 1939 verloren oder nicht mehr leserlich, der Stein „zum Teil stark beschädigt“, Oberfläche abgetreten.

Ergänzung der Inschrift nach KdmBadenIX/6.

Maße: H. 256, B. 91, T. 12–13, Bu. 5 cm.

Schriftart(en): Gotische Majuskel.

  1. [– – – / M CCC XXVI · IN DI]E · SANCTI · [AMBROSII · OBIIT · CRAFTO / · MILES · DE · BETT/INGEN · SIQ(V)ISa) · TRAN]SIERIT · MEṬ[– – –]b)

Übersetzung:

Im Jahr des Herrn 1326 am Tag des hl. Ambrosius (4. April) starb der Ritter Crafto von Bettingen. Wenn jemand vorübergegangen ist, (möge er …).

Versmaß: Hexameter?

Kommentar

Der Verstorbene läßt sich identifizieren mit einem „Crafto de Betingen“ (oder Böttingen). Dieser war am 19. Oktober 1321 Zeuge und Mitsiegler beim Verkauf der Burg Ochsenberg durch Zeisolf von Magenheim an den Markgrafen von Baden2. Er trat mehrfach als Vermittler auf, so 1322, ferner am 23. Juni 1324 zwischen dem Bürger Heinrich Ris von Pforzheim bei dessen Besitzerwerb in Weingarten (Lkr. Karlsruhe) von Petrissa, der Witwe Heinrichs von Roßwag und der Frau des Peter von Remchingen3. Mit Bettingen ist vermutlich Böttingen (Stadt Gundelsheim, Lkr. Heilbronn) gemeint4.

Der Wortlaut der Grabinschrift weicht von dem üblichen Anno-Domini-Formular ab durch die Verwendung einer ungewöhnlichen Fürbittformel, die nicht vollständig zu rekonstruieren ist, weil die Grabplatte links oben zerstört war.

Die Inschrift ist großzügig in der lockeren Verteilung der breiten, im Umriß fast quadratischen Buchstaben, die auf Bogenschwellungen weitgehend verzichten. Kapitalisformen überwiegen, so das retrograd wiedergegebene N, das trapezförmige A mit weit überstehendem Deckbalken und gebrochenem Mittelbalken. Das E ist fast kreisrund und rechts mit einem dünnen Strich geschlossen. Das links geschlossene unziale M ist übermäßig breit, weil der linke Teil des Buchstabens fast kreisförmig angelegt ist. Eine ähnliche Ausbildung ist in der Inschrift der Grabplatte für die 1310 verstorbene Agnes, Frau des Heinrich Medicus, zu beobachten5.

Textkritischer Apparat

  1. Kürzung des V durch Hochstellung des zweiten I.
  2. Lacroix las hier unzusammenhängende Buchstaben: TRANSIERIT · MET PRO . . . . . O · RE . . . . Vgl. KdmBadenIX/6, 144 nr. 2.

Anmerkungen

  1. Aussehen überliefert durch zwei Aufnahmen in der Photo-Dokumentation der Firma Kraus, Tübingen; jetzt Photoarchiv der Heidelberger Inschriftenkommission.
  2. RMB I nrr. 759, 760.
  3. RMB I nrr. 759, 760, 763, 767; Carl, Regesten Pforzheim 1998, 52 nr. 82.
  4. AmtlKreisbeschreibung IV, 28, 30, 35.
  5. Vgl. nr. 11.

Nachweise

  1. KdmBadenIX/6, 67, 144 nr. 2.
  2. Trost, Schloßkirche 1962, 74.
  3. Pforzheim, Staatl. Hochbauamt, Dokumentation der Firma Kraus, Tübingen (1994).

Zitierhinweis:
DI 57, Stadt Pforzheim, Nr. 17 (Anneliese Seeliger-Zeiss), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di057h015k0001704.