Die Inschriften des Landkreises Northeim

Einleitung zum Teil “Die Inschriften des Kanonissenstifts Gandersheim und seiner Eigenklöster Brunshausen und Clus”

6. Die Sprache der Inschriften39)

Angesichts der großen Überlieferungsverluste und der nicht geringen Zahl von Inschriften ohne nennenswerten Textumfang lassen die Gandersheimer Inschriften kaum generalisierbare Beobachtungen zum Sprachwechsel Latein/Deutsch und Niederdeutsch/Hochdeutsch zu. Hinzu kommt eine erhebliche zeitliche Diskontinuität der Überlieferung, die zur Folge hat, dass die normalerweise an den verschiedenen Inschriftentypen zu beobachtenden interessanten Übergangsphasen etwa vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen als solche kaum erkennbar sind. Im Folgenden wird daher lediglich auf einzelne bemerkenswerte Phänomene zur Sprache der Inschriften hingewiesen.

6.1. Latein

Von den 20 lateinischen Inschriften mit nennenswertem Textumfang sind bis 1525 lediglich vier in Versen verfasst. Die älteste auf einem Tragaltar befindliche (Nr. G5) besteht aus fünf Hexametern, eine weitere, wahrscheinlich aus dem Jahr 1130 stammende, ergänzt einen Sterbevermerk in Prosa durch zwei Hexameter (Nr. G10). Eine nicht sicher zu datierende Inschrift auf einem verlorenen Glasfenster ist in zwei elegische Distichen gefasst, von denen das letzte Distichon zwei- bzw. einsilbigen leoninischen Reim aufweist (Nr. G7). Der auf einem Altar angebrachte Marienhymnus maria mater gratie ist das einzige Zeugnis für die Rezeption einer Antiphon im Gandersheimer Bestand (Nr. G24). Ein recht ambitioniertes Zeugnis lateinischer Dichtung bietet die um 1600 an der Abtei über einem Renaissance-Portal angebrachte Bauinschrift in drei elegischen Distichen, die sich durch die Verwendung gelehrter Metaphorik und antikisierender Anspielungen von den generell eher formelhaften Bauinschriften abhebt (Nr. G46). Sie geht auf den Gandersheimer Stiftspastor Michael Rupius zurück.

6.2. Niederdeutsch und Hochdeutsch

Von den Gandersheimer Inschriften sind etwas weniger als die Hälfte der einzelnen Texte in deutscher Sprache verfasst. Davon entfallen drei auf die Zeit vor 1550, von denen die älteste Inschrift – ein vor 1433 entstandenes kurzes Stiftergebet (Nr. G14) – und eine Glockeninschrift (Nr. G26) das Niederdeutsche verwenden. Die dritte, ebenfalls auf einer Glocke angebrachte niederdeutsche Inschrift (Nr. G31) ist nicht mehr erhalten und kann folglich sprachhistorisch nicht ausgewertet werden, weil die kopiale Überlieferung möglicherweise den originalen Befund nicht genau bewahrt hat. Aufgrund des geringen Bestands an deutschsprachigen Inschriften lässt sich nicht bestimmen, in welchem Zeitraum die Ablösung des Niederdeutschen durch das Hochdeutsche erfolgt ist. Etwa ab der Mitte des 16. Jahrhunderts weisen die Inschriften hochdeutsche Formen auf. Lediglich der Reim regirt / entwehrt in einer Inschrift von 1577 (Nr. G36) lässt gewisse Spuren des Niederdeutschen erkennen, allerdings bewahrt auch diese gemalte Inschrift aufgrund einer erneuerten Farbfassung eventuell nicht den originalen Lautstand. Auffällig ist der beträchtliche Anteil an metrisch gefassten deutschen Inschriften: Drei sind im deutschen Reimvers verfasst (Nr. G26, G32, G36), hinzu kommen die in Alexandriner gefassten Texte auf dem Grabdenkmal für die mecklenburgischen Prinzessinnen (G62). Als ihr Verfasser ist der Gandersheimer Pastor Arnold Gottfried Ballenstedt nachgewiesen.

  1. Gezählt werden im Folgenden die einzelnen Inschriften, nicht der in einer Katalognummer behandelte Inschriftenträger, da die Inschriften hinsichtlich ihrer Sprache und der Verwendung von Vers und Prosa verschieden sein können. Berücksichtigt werden nur Inschriften mit nennenswertem Textumfang, d. h. Anno domini, Namen und Initialen ohne Kontext bleiben ausgespart. »