Inschriftenkatalog: Landkreis Calw

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 30: Landkreis Calw (1992)

Nr. 86 Bad Herrenalb, Klosterkirche St. Maria 1431

Beschreibung

Hochgrab mit Grabplatte des Grafen Wilhelm III. von Eberstein. Noch 1553 links vom Eingang zur Kirche erhalten. Der ursprüngliche Standort ist unsicher1. Nach den Beschreibungen handelte es sich offenbar um ein Wandnischengrab, vergleichbar dem Hochgrab für Markgraf Bernhard von Baden2. Auf der Deckplatte Figur des Verstorbenen in hohem Relief, zu Füßen zwei Löwen. Anbringung der Inschrift unklar, vermutlich auf dem Rand der Deckplatte (A). Diese Deckplatte befand sich im 19. Jahrhundert zunächst im Paradies, danach zweckentfremdet als Brücke über einem Graben3. Heute ist sie verschollen, Inschrift A ist nur aus der Überlieferung bekannt. Die Grabplatte (B) muß unter dem Hochgrab gelegen haben; sie ist erhalten, heute im Paradies an der Südwand. Roter Sandstein, umlaufende Inschrift, keine Abtretungsspuren.

Wortlaut (A) nach Krieg von Hochfelden.

Maße: H. 220, B. 98, Bu. 7 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel (B).

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften [1/1]

  1. A

    Anno Domini M · cccc · xxxi · Obiit generosus comes Wilhelmus de Eberstein in p(ro)v(igilia) s(ancti) Andreaea)

  2. B

    Qui · iacetb) · armat(us) · ut / [cer]nis · hic · e(st) · tumulat(us) Ip(s)e · co(m)es · ge(ni)t(us) · Wilhelm(us) · eratq(ue) · vocat(us) /[A]pri · de · [Petra · q]ue(m) · tolle / de(us) · sup(er) · ethrac) Vt · sibi · sede · data · viuat · sine · fine · b(ea)ta ·

Übersetzung:

Im Jahre des Herrn 1431 starb der edle Graf Wilhelm von Eberstein am Tag vor der Vigil des hl. Andreas (Nov. 28).

Der, wie du siehst, gewappnet daliegt, ist an dieser Stelle bestattet. Gebürtiger Graf war er, Wilhelm von Eberstein genannt. Nimm ihn auf, Gott, in den Himmel und gib ihm seinen Platz, auf daß er ohne Ende glücklich lebe.

Wappen:
Eberstein, Oettingen, Katzenellenbogen, Erbach4.

Kommentar

Der Wortlaut der Inschrift in leoninischen Hexametern (mit prosodischen Unebenheiten) verrät die Verfasserschaft eines gelehrten Autors, dem traditionelles Formelgut des Hochmittelalters vertraut war5. Dabei ergibt sich aus dem Inhalt von B eindeutig die ortsfeste Verbindung zum Hochgrab; außerdem aber spricht die betonte Aussage hic est tumulatus gegen den Kenotaph-Charakter des Denkmals, wie er bisher angenommen wurde6. Die Platte zeigt keinerlei Abtretungsspuren und wird auch in der kopialen Überlieferung stets mit dem zerstörten Hochgrab für Wilhelm III. von Eberstein verbunden, unter dem sie auf Bodenniveau gelegen habe7. Das spricht für eine den Bestattungsort deckende Grabplatte. Wilhelm III. ist in Pforzheim verstorben; in der dortigen Schloßkirche ist eine Grabplatte mit Wappen erhalten (leicht abgetreten), die nur Todesdatum und Namen angibt8. Möglicherweise hat man in Pforzheim Herz und Eingeweide des Verstorbenen beigesetzt, den Leichnam aber in die Familiengrablege nach Herrenalb überführt9. Wilhelm III. war Deutschordensritter und hatte 1427 eine Kapelle am nördlichen Seitenschiff gestiftet. Im Unterschied zu diesem Grabdenkmal ist das vor 1431 zu datierende Hochgrab für Markgraf Bernhard I. von Baden (bestattet in der Stiftskirche von Baden-Baden) mit seinem kompakten Unterbau deutlich als Kenotaph anzusprechen10.

Textkritischer Apparat

  1. Die kopiale Überlieferung differiert. Krieg von Hochfelden S. 245 hat in vigilia S. Andreae; ebd. 483 pVt, vermutlich Verlesung für p v st; der Tag vor der Vigil des Apostels Andreas wäre der 28. November, damit auch der Mittwoch nach dem Katharinenfest des Jahres 1431.
  2. et kleiner und hochgestellt.
  3. Durch das Versmaß bedingte Kürzung von aethera (gr.).

Anmerkungen

  1. Krieg von Hochfelden (nach Quelle von 1559), S. 483: ‚Beseits zur linken handt, dem Inganng nach dießer Kirchen, unnder einem sondern gewelblin hinder Eynem Althar glich bey de Fenstern aber ein hoch grab mit Ebersteinischem Wapen, der Rosen, daruff Eynn Kyrisser inn stein gehauwen, mit zweyen leuwen unnder den Fueßen, weiß zur ußwendigen oder vordem siten die uberschrifft…‘. Damit könnte auch eine der Nordkapellen gemeint sein, die im 15. Jahrhundert (?) an das nördliche Seitenschiff der Klosterkirche angebaut wurden (Kohler S. 72ff.), zumal Wilhelm III. von Eberstein 1427 März 12 eine Kapelle stiftete ‚mit einem Altar zu Ehre der Jungfrau Maria ann dem Münster des Klosters Herrenalb ußwendig der Absyte zwischen den Altären der Hl. Maria Magdalena und der Elftausend Jungfrauen, neben dem Grab seiner Eltern‘; ZGO 31 (1879) S. 266.
  2. Vgl. nr. 85.
  3. Krieg von Hochfelden S. 246.
  4. So bei Krieg von Hochfelden S. 345 (nach Gabelkover).
  5. Vergleichbar DI 22 (Enzkreis) nrr. 62 und 67 (1430, nach 1432); vgl. auch CIFM II (Register) s. v. ‚formulaire‘.
  6. So Krieg von Hochfelden S. 246; bei der Beschreibung der 1553 noch vorhandenen Denkmäler (S. 483) fehlt Inschrift B, sie war möglicherweise verdeckt oder verschüttet.
  7. Crusius, Annales Suevici Lib. VII partis III p. 357; Schannat, Vindemiae I, p. 151.
  8. KdmBaden IX 6 (Stadt Pforzheim) S. 146; Inschrift Anno d(omi)ni m · cccc xxxi feria quarta post katterine virginis o(biit) Wilhelmus comes de eberstein. Amen.
  9. Vgl. dazu DI 18 (Landkreis Bamberg) nr. 7 (Ebrach); ferner DI 25 (Ludwigsburg) nrr. 230, 357; anders DI 21 (Kärnten I) nr. 2.
  10. Vgl. nr. 85 mit Abb. 23.

Nachweise

  1. Krieg von Hochfelden S. 245f., 483.
  2. Crusius (wie Anm. 7).
  3. Pfarrerbuch Herrenalb 133.

Zitierhinweis:
DI 30, Landkreis Calw, Nr. 86 (Renate Neumüllers-Klauser), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di030h010k0008606.