Inschriftenkatalog: Stadt Hameln

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 28: Hameln (1989)

Nr. 41† Münsterkirchhof 1525/1693/1751

Beschreibung

Kreuzigungsgruppe. Stein1). Monumentale Kreuzigungsdarstellung auf einer Fläche, die Herr mit etwa 30 Fuß Länge und 13½ Fuß Breite angibt. Sie befand sich ehemals auf dem Münsterkirchhof, wahrscheinlich an der Nordseite der Kirche. In der Mitte auf einem gemauerten Sockel Christus am vierarmigen Kreuz, Dreinageltyp, mit eiserner Dornenkrone. Kreuz mit Titulus in lateinischen, griechischen und hebräischen Buchstaben. Am Kreuz die Jahreszahl A, an der Basis des Kreuzes Totenkopf und –gebeine. Unter dem Kreuz Maria und Johannes mit Buch unter dem linken Arm. Diese beiden etwa lebensgroßen Figuren sind noch im Museum erhalten. Rechts und links des Kreuzes die beiden dreiarmigen Kreuze der Schächer, jeweils 10 Fuß hoch, aus Stein. Auf dem Kreuz des linken ein Engel, die Seele des Schächers in Gestalt eines Kindes haltend. Auf dem Kreuz des rechten Schächers eine Teufelsfigur, als Zeichen dafür, daß dessen Seele Hölle und Verdammnis anheimfallen wird2). Die Figuren der Kreuzigungsszene blickten nach Osten, sie waren, wie die beiden noch erhaltenen erkennen lassen, bemalt.

Das Kruzifix war von einem Geländer umgeben und mit einem von fünf Pfeilern getragenen Dach versehen. Die Pforte des Geländers lag nach Süden. Zu beiden Seiten der Kreuzigungsdarstellung befand sich je eine Totenlaterne3) in Form einer sechseckigen Pyramide aus Stein, nach „gotischem Geschmack“ hergestellt (Herr, S. 228). Die Pyramiden waren etwa 15 Fuß hoch, im mittleren Teil hohl „und anfangs zu laternen aptirt gewesen. Man findet noch ietzo kleine Löcher, worin das in Eysen an stat des Bleyes gefaßte Glas noch sitzet, wie nicht weniger die eisernen Rören so mittelst Bley in den Stein eingegossen wurden, worin die Lichter gesteckt sind“. Am Sockel der nördlichen Pyramide Inschrift B, am Sockel der südlichen Jahreszahl C. Daneben auf einem Stein das Wappen mit Beischrift D. Die Kreuzigungsgruppe wurde in den Jahren 1693 und 1751 restauriert. Die erste Renovierung bezeugt eine Inschrift auf einer Metallplatte am mittleren Tragepfeiler des Daches (E), die zweite eine am Opferstock angebrachte Inschrift F. Der Opferstock wurde bei dieser Renovierung der Kreuzigungsgruppe hinzugefügt. Zur Zeit der französischen Besatzung 1757 und 1758 stand das Kreuz noch. Herrs Beschreibung geht vom Original aus. Das genaue Datum des Abbruchs war nicht zu ermitteln.

Inschriften nach Herr.

  1. A

    A(nno) · M · / Vc X / XV · /

  2. B

    A(nno) · M · / d · X / X V · / lucerna / vicatusa)

  3. C

    A(nno) · M · / Vc X / X · V · /

  4. D

    ludeke berns

  5. E

    Crucem hanc / aliquot ante secula / pie hic erectam / impie dicam an petulanter a nescio quibus / mutilatam temporumque pedetentim tyrannide / deformemb) / et tantum non humi iacentem / beneficis quibusdam manibus / Sumtus ecclesiae eatenus sublevantibus / restituic) fecerunt et restauraveruntd) salutis anno MD C XCIII / Praetor Syndicus et senatus hamelensis / In hoc / non crucis, quae saxum, sed crucifixi / in coelis ad dextram patris exaltati / memoriam spectantes / Quisquis transis, quisquis legis / cogita / absque cruce Christi / aeternorum nos cruciatuum / reos esse

  6. F

    Wol dem, der sich der dürftigen erbarmet, der / Herr wird ihn erquicken auf seinem Siechbette / Du hilfest ihn von aller seiner Kranckheit / Christoph Philip Koch

Übersetzung:

Dieses Kreuz wurde vor einigen Jahrhunderten hier in Gottesfurcht errichtet und wurde gottlos oder soll ich sagen mutwillig von Unbekannten beschädigt und durch die rohe Gewalt der Zeit nach und nach verunstaltet, und es ist nur noch nicht umgefallen. Bürgermeister, Syndikus und Senat von Hameln haben es im Jahr des Heils 1693 wiederherstellen und erneuern lassen, wobei einige wohltätige Hände zu den von der Kirche bestrittenen Kosten beitrugen. Es war ihnen dabei nicht um die dem Kreuz, das aus Stein ist, gewidmete Erinnerung zu tun, sondern um die Erinnerung an den Gekreuzigten, des im Himmel zur Rechten des Vaters Erhöhten. Wer du auch seist, der du vorübergehst und dies liest: bedenke, daß wir ohne das Kreuz Christi ewiger Qualen schuldig sind. (E)

Wappen:
Behrens(im Wappenschild unten Gesicht im Profil, nach unten blickend, oben rechts sechsstrahliger Stern)

Kommentar

Das Kruzifix auf dem Münsterkirchhof wurde den von Herr eingesehenen Hamelner Ministerialakten zufolge von Lüdeke Behrens gestiftet, dessen Wappen nebst Beischrift auf einem Stein neben dem Monument angebracht war. Anlaß für die Stiftung war der Tod der Tochter des Lüdeke Behrens, aus deren Mitgift die Stiftung finanziert wurde. Der Stifter starb, als das Kreuz fertiggestellt war. Die letzte nachweisbare Instandsetzung der Kreuzigungsgruppe im Jahr 1757 geschah aufgrund einer testamentarischen Verfügung der Frau des Tischlermeisters Christoph Philipp Koch, der die Arbeiten auch durchgeführt hat. Anne Katherine Koch war am 17. März d. J. an Rinderblattern gestorben.

Textkritischer Apparat

  1. Die Bedeutung dieser bei Herr in einer Nachzeichnung wiedergegebenen Buchstabenfolge ist fraglich, vielleicht ist vicatus aus ditatus ‚bereichert‘ verschrieben.
  2. deformem] deformen Herr.
  3. restitui] restitia Herr.
  4. restauraverunt] restaurari restauratae Herr.

Anmerkungen

  1. Beschreibung und Kommentar auf der Grundlage von Herrs Collectanea. – Im Falle des Kruzifixes ist Herrs Kommentar vergleichsweise sehr detailliert. Bis auf den Kreuzestitulus sind alle Inschriften in einer Nachzeichnung gegeben, ebenso das Wappen.
  2. Zur Zeit Herrs bereits nicht mehr vorhanden, nur der eiserne Nagel, an dem die Figur befestigt war, war noch übriggeblieben.
  3. Solche Totenlaternen neben Friedhofskruzifixen weist Gunther Fabian u.a. bei einem Steinkreuz aus Wetzlar nach, vgl. Gunther Fabian, Spätmittelalterliche Friedhofscrucifixi und Kalvarienberge im Rheinland und in Westfalen. Bonn 1986 (Diss. phil.), S. 342.

Nachweise

  1. Herr, S. 230.

Zitierhinweis:
DI 28, Hameln, Nr. 41† (Christine Wulf), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di028g004k0004107.