Inschriftenkatalog: Stadt Halberstadt

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 86: Halberstadt (Stadt) (2014)

Nr. 39 St. Martini 1439

Beschreibung

Glocke; im Nordturm, im ersten Glockengeschoß; Bronze; horizontaler Riß an der Flanke; Krone von sechs Henkeln mit aufgelegtem kräftigen Kordelstab, Kronenplatte mit Kehle abgesetzt, Haube stark abfallend, Übergang mit zwei Rundstegen belegt, an der Schulter zwischen doppelten, verschlungenen Schnurstegen – am unteren ein hängender Fries von stilisierten, dreiteiligen Kreuzblüten – die Glockenrede mit Anrufung und Responsoriumsanfang als Fürbitte und Jahreszahl. Am Wolm drei Rundstege, der mittlere gekehlt. Gewicht: ca. 2000 kg.1)

Maße: H. 160 cm (mit Krone), D. 150 cm, Bu. 6 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel.

SAW Leipzig, Inschriftenkommission (Hans Fuhrmann/Marion Gronemann) [1/1]

  1. O · rex · glorie · (christe)a) · veni · cvmb) · pace2) · (christe)c) · fili · dei · vivi · miserere · nobis3) · ame(n)d) · anno · d(omi)ni · m · cccc · xxxixe) ·

Übersetzung:

O König der Ehre, Christus, komm mit [deinem] Frieden. Christus, Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich unser, amen. Im Jahre des Herrn 1439.

Kommentar

Die Schriftformen der Inschrift sind sehr klar. Oft sind die Brechungen nur an den Schäften oder Balken angesetzt. Die Enden einiger Buchstabenteile werden geschwungen über, unter, in oder durch den Buchstaben geführt. Sie enden immer wieder in kleinen Knötchen, wie am gebrochenen oberen Balken des c zu sehen ist oder an dem Zierstrich des x, der durch den Schaft geführt wird und dann in einem Knötchen endet. Verwandtschaft mit der von Johannes Floris an der Osanna gegossenen Form des a, dessen Anstrich am oberen Schaft geschwungen ist und in einer Blüte endet, weist die geschwungene Form des a auf.4) Jedoch hat Peter richtig bemerkt, daß die Inschriften „aus zwei verschiedenen Buchstabensätzen zusammengestellt“ sind.5) Auch wurden unterschiedliche Worttrenner verwendet. Die Glocke in St. Martini weist gegenläufig ausgezogene Quadrangel auf, die Osanna nur einfache.

Daß die Glocke von Johannes Floris (Hans Blume) gegossen wurde, wie Nebe und ihm folgend Doering und Hartmann aufgrund des gleichen Gußjahres 1439 wie Nr. 40 † annehmen, läßt sich nicht beweisen, denn eine Gießersignatur als Inschrift oder Zeichen fehlen.6) Floris hatte im Jahr 1454 die Sonntagsglocke Osanna und auch – wahrscheinlich 1460 – die Uhrglocke des Doms gegossen.7) Die nicht mehr erhaltenen Festtagsglocken des Doms von 1457 und von St. Martini aus dem Jahr 1439 mit identischer Inschrift werden ihm zugeschrieben.8) Da Rippenkonstruktion, Krone und Dekor der einzigen erhaltenen signierten Glocke von Johannes Floris in Halberstadt – der Osanna, der Sonntagsglocke des Doms, – und der Sonntagsglocke – Peter nennt sie Apostelglocke – von St. Martini „grundverschieden“ seien, hinterfragt Peter die Zuschreibung, schließt aber nicht aus, daß beide Glocken aus einem „gemeinsamen Werkstattkreis“ stammen könnten.9) Der Guß der Festtagsglocke des Domes ist für Johannes Floris nicht nachweisbar. Die Annahme, daß die Martini-Glocke Nr. 40 † von diesem Gießer geschaffen wurde, fußt nur auf der Vermutung, die identischen Inschriften wiesen auf ein und denselben Gießer hin. Das ist möglich, jedoch nicht beweisbar. Fotos von der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Festtagsglocke aus St. Martini existieren; siehe Nr. 40 † mit Abb. 31. Der Name des Gießers muß zwar Vermutung bleiben, das Ensemble der beiden Glocken aus dem Jahr 1439 stammt aber auf jeden Fall von ein und demselben Gießer, dessen Werkstatt hier Halberstädter Gießerwerkstatt G3 genannt werden soll.

Textkritischer Apparat

  1. christe] Befund: pxe (!), fehlt UB Stadt Halberstadt.
  2. cvm] com BKD.
  3. christe] Befund: xpe. pxe Glocken der Heimat.
  4. amen] a me Hartmann, Glocken der Heimat.
  5. mccccxxxix] 1439 Nebe; MCCCCCXXXIX Hartmann, Glocken der Heimat.

Anmerkungen

  1. Ungefähr „40 Ctr.“, Nebe 1876, S. 290 führt die Glocke im Mittelbau auf; UB Stadt Halberstadt Bd. 2, Nr. 891 S. 190.
  2. Vgl. Walter 1913, S. 162–167. Zur Geschichte des Glockengebetes siehe Schubart 1896, S. 531–545. Danach könnte die Glocke, die nach Niemann als Sonntagsglocke ihren Dienst tat, wegen der Friedenspflicht, die für den Sonntag – eigentlich von Mittwochabend bis Montagmorgen – galt, den Glockenspruch getragen haben. Niemann 1824, S. 64 gibt die Inschrift in Übersetzung wieder.
  3. Responsorium an den Sonntagen des Jahres; vgl. CAO Vol. IV, Nr. 6276. Vgl. auch Anm. 2.
  4. Siehe zur Osanna DI 75 (Halberstadt Dom), Nr. 95 mit Abb. 102.
  5. Peter 1999, S. 129–131 mit Abb. 2.
  6. Nebe 1876, S. 290; BKD, S. 399; Hartmann 1964, S. 209; Glocken der Heimat 1996, S. 10. Zu Johannes Floris (Hans Blume) siehe Walter 1913, S. 697 und Eichler 2003, S. 54, ohne daß der dort angeführte Guß der Martini-Glocken von 1439 sich für Johannes Floris nachweisen ließe.
  7. DI 75 (Halberstadt Dom), Nr. 95, 99 †.
  8. Ebd., Nr. 97 †; siehe auch unten Nr. 40 †.
  9. Peter 1999, S. 129, 131. Die Bezeichnung Apostelglocke für diese Glocke verwendet sonst nur noch Werner Hartmann, Glocken der Heimat 1996, S. 10. Niemann, der die Martini-Glocke von 1439 noch in ihrer ursprünglichen Funktion und Nutzung gekannt haben kann, nennt sie Sonntagsglocke. Diese Bezeichnung benutzt Peter 1999, S. 129 für die verlorene Glocke in St. Martin von ebenfalls 1439 mit derselben Inschrift, die im Dom die Festtagsglocke Dunna aufwies. Speziell diese Inschriften aber kennzeichneten vermutlich die Festtagsglocken. Deshalb muß man wohl annehmen, daß die Martini-Glocke von 1439 mit der Inschrift Christi cultores voco ebenso wie die Dunna im Dom als Festtagsglocke diente, während die Inschrift, die mit o rex glorie beginnt, wie oben in Anm. 2 nach Schubart 1896 angegeben, Sonntagsglocke gewesen sein könnte.

Nachweise

  1. Nebe 1876, S. 290.
  2. UB Stadt Halberstadt Bd. 2, Nr. 892 S. 190.
  3. BKD, S. 399.
  4. Hartmann 1964, S. 247.
  5. Glocken der Heimat 1996, S. 10.

Zitierhinweis:
DI 86, Halberstadt (Stadt), Nr. 39 (Hans Fuhrmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di086l005k0003906.