Inschriftenkatalog: Stadt Essen

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 81: Stadt Essen (2011)

Nr. 8 Domschatzkammer um 1000–1011 (oder um 1051/54)

Beschreibung

Vortragekreuz (sog. Mathilden-Kreuz).1) Holz, Gold, Silber getrieben, vergoldet, Kupfer vergoldet, Email, Filigran, Edelsteine, Perlen, Gemmen, Kameen. Das innen liegende Kruzifix besteht aus einem Kreuz aus glattem Goldblech, auf dem ein gegossener Corpus und ein perlenbesetzter Nimbus befestigt sind. Links und rechts vom Kreuzbalken sind Emailmedaillons mit Darstellungen von Sol und Luna angebracht. Über dem oberen Kreuzstamm dieses Kruzifixes befindet sich eine Emailplatte mit Kreuztitulus (A), am unteren Kreuzstamm ein antiker Kameo in Form eines liegenden Löwen. Darunter ist ein Zellenschmelzemail mit der thronenden Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß und der mit weißem Habit und Schleier bekleideten Äbtissin Mathilde angebracht. Die Äbtissin bringt Jesus, der sich ihr zuwendet und die Hände entgegenstreckt, ein dünnes goldenes Kreuz dar. Links von oben nach unten ist eine Bildbeischrift (wohl als Stiftervermerk) (B) angeordnet. Maria und Jesus werden oben und rechts von fehlerhaften, wahrscheinlich in missverstandenen griechischen Buchstaben ausgeführten Bildbeischriften (C, D) begleitet. Alle Inschriften sind mit Golddraht gelegt und von Glasfluss umschmolzen. Die Rahmung des Kreuzes besteht aus im Wechsel angebrachten Emailplättchen und Steinen bzw. antiken Gemmen, dazwischen befinden sich Perlen und Filigran. Die vergoldete Kupferplatte der Rückseite ist punziert und mit Ranken, dem Agnus Dei und den Evangelistensymbolen graviert.

Das Kreuz wurde nach 1904 stark restauriert, dabei wurden Neumontagen in der Rahmung und Überschmelzungen der Emails, deren Oberfläche dadurch in Mitleidenschaft gezogen wurde, vorgenommen.2)

Maße: H. 45 cm; B. 30,5 cm; Bu. 0,4 cm (A), 0,3 cm (B–D).

Schriftart(en): Romanische Majuskel.

Domschatz Essen [1/3]

  1. A

    (IESVS)a) NAZA/RENVS · REX / IVDEORV(M) ·3)

  2. B

    MA/HTH/ILDb) / AB/BH/IIc)

  3. C

    ḤḤḤḶP̣

  4. D

    ṂỴ X̣Ỵ

Kommentar

Das Kreuz ist als Gegenstück zum Otto-Mathilden-Kreuz (Nr. 6) konzipiert, orientiert sich aber auch an der Kantenrahmung des um 1000 datierten sog. Kreuzes mit den großen Senkschmelzen.4) Wie beim Otto-Mathilden-Kreuz sind die Kreuzenden verbreitert und die Innenfläche mit flachem Goldblech gestaltet. Beide Kreuze haben je zwei größere Emailplatten mit Inschriften: am Kreuzstamm ein Email mit Stifterdarstellung und Namensbeischriften sowie über dem Corpus einen Kreuztitulus. Die Kreuztituli sind grundsätzlich übereinstimmend gestaltet: drei mit blauem, transluzidem Glas umschmolzene Schriftzeilen wechseln sich mit vier aus goldenen Flächen bestehenden Leerzeilen ab, die etwa die gleiche Höhe wie die Schriftzeilen haben. Die Qualität des Emails ist allerdings beim Mathilden-Kreuz deutlich schlechter. Das gilt auch für die Inschriften auf der unteren Emailtafel. Die Buchstaben sind mit Golddraht meist doppelt gelegt5) und haben ausgeprägte Sporen, die teilweise rechtwinklig an die Schäfte anschließen. Als einzige nichtkapitale Buchstabenform ist E immer unzial ausgeführt. A ist meist mit einem aus den Schrägschäften heraus geführten Deckbalken ausgestattet. In Inschrift B ist nur die dreizeilige Namensbeischrift korrekt ausgeführt, die Ergänzung, vermutlich ABBATI(SSA), ist fehlerhaft geschrieben. Die in der oberen Zeile und am rechten Rand untereinander stehenden Buchstaben sind unverständlich. Bereits Franz Xaver Kraus vermutete eine falsch wiedergegebene griechische Vorlage.6) Möglicherweise hat sich der Künstler für die obere Zeile am griechischen ΜΗΤΗΡ (μήτηρ ‚heilige Mutter’) orientiert, dabei den dritten und vierten Buchstaben verwechselt und T verkehrt herum ausgeführt. Die auf der rechten Seite als Spalte angeordneten Buchstaben bezeichnen dann vielleicht Jesus als IY XY: Ἰ(ησο)ῦ Χ(ριστο)ῦ. Dafür müsste der rechte Schaft des letzten Buchstabens der oberen Zeile als I identifiziert und eine Verdrehung um etwa 90° des untersten Buchstabens angenommen werden. Die Inschriften können innerhalb der Zeitspanne, in der die romanische Majuskel Anwendung fand (10. bis Mitte 13. Jahrhundert), nicht genauer zeitlich eingeordnet werden.

Die Darstellung der Äbtissin Mathilde legt nahe, dass es sich bei dem Kreuz um eine Stiftung dieser Äbtissin handelt, und folglich wohl auch in deren Amtszeit entstanden ist.7) Im Unterschied zum Otto-Mathilden-Kreuz hat das Jüngere Mathilden-Kreuz allerdings einen gegossenen Corpus. Dieser Corpus wird, wie auch die gravierte Rückseite des Kreuzes, von kunsthistorischer Seite um 1060 bzw. in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts datiert und nach Werden lokalisiert.8) Deshalb wurde auch die Entstehung des gesamten Kreuzes in der Mitte oder am Ende des 11. Jahrhunderts erwogen.9) Überzeugender ist angesichts des Stifterbildes allerdings die Überlegung, dass der gegossene Corpus zusammen mit dem Goldgrund nachträglich auf dem Kreuz befestigt wurde und möglicherweise einen anderen, getriebenen Corpus ersetzt.10) Auffallend bleiben der deutliche Qualitätsunterschied zwischen den figürlichen und den ornamentalen Emails sowie den Kreuztituli der beiden Mathilden-Kreuze.

Klaus Gereon Beuckers hat die Vermutung geäußert, dass es sich bei dem Vortragekreuz um eine Stiftung der Essener Äbtissin Theophanu (1039–1058) zum Andenken an ihre berühmte Vorgängerin, die Äbtissin Mathilde (um 973–1011), handelt.11) In diesem Fall wäre Mathilde posthum in einer Dedikationsszene dargestellt. Beuckers schlägt vor, die Stiftung des Kreuzes im zeitlichen Zusammenhang mit der von Theophanu in Auftrag gegebenen Errichtung des Ostteils der Münsterkirche zu sehen und datiert seine Herstellung folglich um 1051 (Weihe der Krypta) oder um 1054 (vermutlich das Jahr der Weihe des Hochaltars).12) Beuckers’ These könnte die gravierenden Qualitätsunterschiede der Emails erklären, die so wohl nicht in der gleichen, hervorragenden Werkstatt gefertigt wurden wie die Emails des Otto-Mathilden-Kreuzes. Dieser Überlegung stehen aber die Bildbeischrift mit dem Namen und dem Amt Mathildes und die Gestaltung des Stifteremails entgegen, das ausschließlich die Äbtissin Mathilde als Stifterin darstellt. Es ist nicht auszuschließen, dass das Vortragekreuz mit den Emails am Ende von Mathildes Regierungszeit hergestellt wurde, als der Äbtissin die hervorragende Werkstatt, in der die Emails für das Otto-Mathilden-Kreuz geschaffen wurden, nicht mehr zur Verfügung stand. Das Vortragekreuz liefert keinen Hinweis auf eine Beteiligung der Äbtissin Theophanu oder darauf, dass die dargestellte Äbtissin Mathilde bereits verstorben wäre. Die Frage der Auftraggeberschaft und damit der Entstehungszeit bleibt weiter ungeklärt, weshalb beide Datierungsvorschläge vorgestellt werden.

Textkritischer Apparat

  1. Buchstabenbestand in griechischen Buchstaben: IHC.
  2. MACHTHILD Messerer.
  3. Sic! Der als H ausgeführte Buchstabe sollte sicherlich ein A sein. Kürzungsstrich über AB.

Anmerkungen

  1. Inv.-Nr. 4. Bei einer Inventarisierung 1797 wurde an der Seite die Zahl 38 eingeschlagen, vgl. Pothmann, Kirchenschatzverzeichnis, S. 30.
  2. Kat. Bonn/Essen 2005, S. 273, Nr. 153 (B. F[alk]); Eckenfels-Kunst, Goldemails, S. 60; Kat. Essen 2009, S. 86, Nr. 19 (K. G. Beuckers).
  3. Io 19,19.
  4. Inv.-Nr. 5, vgl. Schnitzler, Schatzkammer, S. 32f.; Kat. Essen 2009, S. 70, Nr. 9 (K. G. Beuckers). Auf dieser Verbindung basiert die zeitliche Einordnung „um 1000“.
  5. In Inschrift B entsteht durch die Art der Ausführung bei T und H der Eindruck, der Draht würde die Konturlinien markieren.
  6. Kraus, Inschriften 2, S. 293f., Nr. 638. Er lehnt die von aus’m Weerth angebotene freie Auflösung der Buchstaben zu „Accipe has hostias; largire, virgo Maria, Mater Jesu Christi, Mathildi (!) abbatissae libationem“ zu Recht ab. Vgl. auch Drögereit, Griechisch-Byzantinisches, S. 111.
  7. So auch Kat. Essen 1956, S. 267f., Nr. 502; Schnitzler, Schatzkammer, S. 33, Nr. 45; Kat. Brüssel/Köln 1972 1, S. 190, Nr. D2 (D. Kötzsche); Pothmann, Kirchenschatz, S. 145ff.
  8. Wesenberg, Bildwerke, S. 60. Er datiert auch das Stifterbild am Kreuzstamm in diese Zeit. Zum Corpus zuletzt ausführlich Bloch, Bronzekruzifixe, S. 53, Nr. I A 1.
  9. Schnitzler, Schatzkammer, S. 33, Nr. 45: „Anfang oder Ende des 11. Jh.“; Kat. Bonn/Essen 2005, S. 273, Nr. 153 (B. Falk): „2. H. 11. Jh.“.
  10. Kat. Brüssel/Köln 1972 1, S. 190, Nr. D 2 (D. Kötzsche); Bloch, Bronzekruzifixe, S. 53, Nr. I A 1; Pothmann, Kirchenschatz, S. 145ff.; dagegen Eckenfels-Kunst, Goldemails, S. 67.
  11. Beuckers, Marsusschrein, S. 117f.
  12. Zur Weihe der Krypta und des Hochaltars vgl. Nr. 13, 17.

Nachweise

  1. A[…], Münsterkirche, S. 19 (C, D).
  2. von Quast, Beiträge, S. 260 (B).
  3. Kat. Köln 1876, S. 77, Nr. 558 (B).
  4. aus’m Weerth, Kunstdenkmäler 1,2, S. 27 (Zeichnung) (B).
  5. KDM Essen, S. 45 (B).
  6. Kraus, Inschriften 2, S. 293, Nr. 638.
  7. Humann, Kunstwerke, S. 145f. (B).
  8. Arens, Münsterkirche, S. 51 (B).
  9. Kat. Amsterdam 1949, S. 25, Nr. 49.
  10. Köhn, Münsterschatz, S. 14 (A).
  11. Messerer, Goldschmiedewerke, S. 60 (B).
  12. Kat. Essen 1956, S. 268, Nr. 502 (B).
  13. Küppers/Mikat, Münsterschatz, S. 46 (A).
  14. Kahsnitz, Emails, S. 133 (B).
  15. Pothmann, Kirchenschatz, S. 147, mit Abb. S. 146 (B).
  16. Fremer, Theophanu, S. 102.
  17. Bodarwé, Sanctimoniales, S. 229, Anm. 233 (B).
  18. Lange, Mahthildis, S. 102, Anm. 30 (B).

Zitierhinweis:
DI 81, Stadt Essen, Nr. 8 (Sonja Hermann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di081d007k0000806.