Die Inschriften der Stadt Braunschweig bis 1528

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 35: Stadt Braunschweig I (1993)

Nr. 215 Schnitzaltar 1483

Beschreibung

Schnitzaltar; Holz. Im Schrein steht bei geöffneten Flügeln im Mittelpunkt Maria mit dem Kind unter einem Baldachin, in dessen rhombenförmigem Mittelfeld die Halbfigur eines älteren Mannes mit hoher Mütze sichtbar wird. In ihr hat man eine Selbstdarstellung des Schnitzers gesehen1). Das geschwungene Schriftband in seinen Händen ist nicht beschriftet. Der Marienskulptur sind zu beiden Seiten Szenen aus dem Leben Christi und Marias beigegeben: links Verkündigung, Begegnung mit Elisabeth, Geburt Christi; rechts Marientod, Beschneidung Christi, Anbetung der Könige. Jeder Szene ist in einem anschließenden Fach ein männlicher Heiliger an die Seite gestellt. Auf dem linken inneren Flügel sind Joachim und Anna an der Goldenen Pforte, der Tempelgang Marias und die Ausgießung des Hl. Geistes dargestellt; rechts Taufe Christi, Kreuzigung und Auferstehung. Auf den Altarflügeln sind jeder Szene zwei männliche Heilige zugeordnet. Auf den gemalten Außenseiten des Altars befanden sich insgesamt acht Szenen aus der Passion2). Die gelb auf dunkelrotem Untergrund ausgeführte Inschrift befindet sich auf einer von einem Kreuzblumenfries bekrönten Kammleiste über dem Altar. Sie ist nur bei aufgeklapptem Altar sichtbar. – Der Altar stand bis 1868 in der Kirche von Hemmerde i. W. (bei Unna). Beim Umbau der Kirche wurde er verkauft und 1871 dem damaligen Vaterländischen Museum in Braunschweig gestiftet. Die Darstellungen des linken Flügels sind weitgehend zerstört. Gmelin hat noch folgende Szenen erkennen können: Verhör vor Pilatus, Anheftung Christi ans Kreuz. Auf dem rechten Flügel: Verhör Christi vor dem Hohenpriester, Geißelung, Kreuzigung, Auferstehung3).

Maße: L.: 452 cm; H.: 200 cm; Bu.: 5,5 cm.

Schriftart(en): Gotische Minuskel mit Versalien.

  1. Regina · ce(l)i · laetare · all(elu)ia ·Quis quem · meruistia) · portare · alleluia4) ·Resurexit · sicudb) · dixit · alleluia ·ora · pro · nobis · deu(m)c) · alleluia ·Completu(m) · e(st) · op(us) · ill(u)d · i(n) · bru(n)swik· p(er) · me · (Con)radu(m) · Borge(n)trik ·1483 · vi(gili)a · laure(n)c(ii) ·

Übersetzung:

Himmelskönigin, freue dich. Halleluja. Der, den du zu tragen verdient hast, Halleluja, ist auferstanden, wie er gesagt hat. Halleluja. Bitte Gott für uns. Halleluja. Dieses Werk ist in Braunschweig durch mich, Konrad Borgentrik, 1483 am Tag vor Laurentius (9. 8.) fertiggestellt worden.

Versmaß: Hymnenverse (Zeile 1–4).

Kommentar

Konrad Borgentrik wird zuerst 1457 in den Schoßregistern der Braunschweiger Altstadt erwähnt. Er besaß dort ein Haus, das er durch die Heirat mit einer älteren Meisterwitwe erworben hatte. Vermutlich ist er 1501 oder 1502 gestorben5). Seiner Werkstatt können aus stilkritischen Gründen mehrere niedersächsische Altäre zugewiesen werden6). Eine fast identische Kammleiste, jedoch mit nicht mehr vorhandener Inschrift, befindet sich am Gandersheimer Dreikönigsaltar von ca. 1480/907). Kein anderer Altar läßt sich jedoch aufgrund eines inschriftlichen Zeugnisses dem Meister Konrad Borgentrik zuweisen.

Textkritischer Apparat

  1. Die Inschrift wurde von meruisti bis dixit im 19. Jahrhundert erneuert. Diese renovierten Textstellen sind an einer Farbdifferenzierung erkennbar.
  2. sicut Gmelin.
  3. don mit Kürzungsstrich über n Gmelin.

Anmerkungen

  1. Bert Bilzer, Konrad Borgentriks geschnitzter Flügelschrein von 1483, Braunschweig 1952 (Arbeitsberichte des Städtischen Museums Braunschweig, Heft 6); o. S.
  2. Gmelin, S. 372.
  3. Vgl. zu Erwerb und Restaurierungsversuchen Bilzer (wie Anm. 1) und Bert Bilzer/Gert Spies, Das Städtische Museum Braunschweig, Hamburg 1968 (Kulturgeschichtliche Museen in Deutschland, Bd. 6), S. 19.
  4. Zu den beiden ersten Versen vgl. Analecta hymnica 15, Nr. 93f., S. 115. Die zweite Zeile beginnt mit quod (Nr. 93) bzw. quae (Nr. 94).
  5. Vgl. Ludwig Hänselmann, Kort Borgentryk, Maler und Bildschnitzer in Braunschweig, 1457–1502, in: Braunschweigische Nachrichten. Beilage zu den Braunschweigischen Anzeigen 1875, S. 288–290, hier S. 290; Allgemeines Lexikon der bildenden Künste von der Antike bis zur Gegenwart, hg. von Ulrich Thieme/Felix Becker, 37 Bde, Leipzig 1907–1957, hier Bd. 4, S. 354.
  6. Vgl. Gmelin, S. 695 (Reg.).
  7. Vgl. ebd. Nr. 121, S. 381ff.

Nachweise

  1. Abb.: Bilzer (wie Anm. 1), Taf. 1–4; Ausschnitte: Bilzer/Spies (wie Anm. 3); Gert Spies, Kostbarkeiten aus dem Städtischen Museum Braunschweig, Stuttgart 1978, o. S.
  2. Lit.: Gmelin, S. 371–374; wie Anm. 1, 3.

Zitierhinweis:
DI 35, Stadt Braunschweig I, Nr. 215 (Andrea Boockmann), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di035g005k0021506.