Inschriftenkatalog: Stadt Zeitz

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 52: Stadt Zeitz (2001)

Nr. 183† Michaeliskirche 1590

Beschreibung

Gemaltes Epitaph des Superintendenten Johannes Avenarius an der Chornordwand. Über einer Abendmahlsszene Inschrift (A), darunter Inschrift (B).1) Das Epitaph wurde wahrscheinlich um 1827 beseitigt.2) Nach Philipp befand sich über der Abendmahlsszene eine Darstellung von Christus am Ölberg.3)

Inschriften nach Zader/O.

  1. A

    Se dabat in solidae Ch(ristus) convivia vitaeNempe suis qvorum suscipit ille vices

  2. B

    Doctus Avenari(us) triplici clarissim(us) oreEloq(ui)o superest ingenioq(ue) suoExuvia(e) templo sed mens est reddita coelod(oct)ri(n)a et pietas nescia mortis eruntob(iit) A(nno) 1590 5 Dec(embris) aetat(is) Suae 74

Übersetzung:

Christus gab sich fürwahr den Seinen zum Mahl des ewigen Lebens, deren Stellvertretung er auf sich nahm. (A)

Der gelehrte Avenarius, hochberühmt mit dreifachem Mund,4) lebt weiter in seiner Beredsamkeit und seinem Geist. Sein Leichnam ist im Gotteshaus, aber sein Geist ist dem Himmel zurückgegeben. Die rechte Lehre und Frömmigkeit werden den Tod nicht kennen. Er ist im Jahr 1590 am 5. Dezember, im 74. Lebensjahr, gestorben. (B)

Versmaß: Ein elegisches Distichon (A).  Zwei elegische Distichen (B).

Kommentar

Johannes Avenarius (Habermann, geboren 1516) war der Sohn des Lorenz Habermann (gestorben 1529), eines Bürgers und Krämers in Eger, und der Martha Gifftel (gestorben 1558).5) Zunächst zum katholischen Priester bestimmt, kam Johannes Avenarius 1540 zur Ausbildung in das Komturhaus des Deutschen Ordens in Eger, wo er die ersten Weihen erhielt.6) Nach seinem Übertritt zum Luthertum7) wurde er zunächst Prediger in Elsterberg (1542–1546), dann Landdiakon in Plauen (1546–1550). Von 1550–1552 war er Pfarrer in Schönfels, 1552–1555 Pfarrer in Lichtenstein, 1555–1560 in Lößnitz, 1560–1564 Mittagsprediger am Dom in Freiberg, 1564–1571 Pfarrer in Falckenau in Böhmen.8) Bereits 1567 hielt sich Avenarius einige Zeit in Wittenberg auf, wo er 1558 den Magistergrad erlangt hatte. Nach Unstimmigkeiten in Falckenau war er bereits 1571 als Professor in Jena anzutreffen.9) Im Sommer 1573 ist Avenarius in die Matrikel der Universität Jena als „S.S. Hebraicae linguae professor“ eingetragen.10) 1574 erlangte er hier den Doktortitel und wurde 1575 Professor der hebräischen Sprache in Wittenberg.11) Johannes Avenarius kam am 17.11.1576, zum Superintendenten berufen, nach Zeitz, wo er am 18. November von Jakob Andreas und Nikolaus Solneccerus (Solnecker) zum (historisch zweiten) Zeitzer Superintendenten investiert wurde.12) Er war zugleich Pfarrer zu St. Michael. Avenarius starb 74jährig und wurde am 7.12.1590 in der Michaeliskirche bestattet.13) Er verfaßte mehrere sprachwissenschaftliche und theologische Werke, darunter eine Grammatica Ebraica und ein Lexicon Ebraicum, Wittenberg 1589. Bekannt wurde vor allem Habermanns Gebetbuch von 1567, das Habermännle genannt, das über Zeitz hinaus bis in das 19. Jahrhundert in verbreitetem Gebrauch war.14)

Johannes Avenarius heiratete 1542 Sibylla Merckel, Tochter des Weißenborner Pfarrers Wolf Merckel, die 1571 in Falckenau starb. Gemeinsame Kinder waren die 1543 in Elsterberg geborene Sibylla, die im Juni 1562 den Pfarrer zu Leißnitz, Magister Georg Flader, heiratete, Johann (geboren 1545 in Plauen; als Kind verstorben), Philipp (geboren 1547 in Plauen), Organist in Zeitz und Plauen, Johann (geboren 1548), Gerber zu Falckenau, Josef (geboren 1550 in Schönfels), Gastwirt zu Jena, dann Organist zu Oringen, Jeremias (geboren 1.9.1551 in Schönfels, gestorben 23.2.1627 in Zeitz), 1572 Student in Jena, Pfarrer in Mühlau, 1580 in Ostrau, 1626 emeritiert, und Lorenz (geboren 1553 in Lichtenstein; als Kind verstorben).15) 1573 heiratete Avenarius in Jena Anna, die Witwe von Christoph Avenarius aus Erfurt, Tochter von Wolf Creutzer aus Joachimsthal.16)

Anmerkungen

  1. So Zader/O II, S. 62, und Dietmann, S. 99. Nach Liebner, Bd. 7, S. 233, befand sich Inschrift (A) unter der Abendmahlsszene.
  2. Auf Anweisung von Superintendent Delbrück, vgl. Krebs, S. 164.
  3. Philipp, Reihe, S. 8, und Liebner, wie Anm. 1: „Weiter oben ist gemahlet der am Ölberg blutschwitzende Jesus dabey die schlaffenden Jünger ...“
  4. Gemeint sind hier seine gründlichen Kenntnisse in der hebräischen, altgriechischen und lateinischen Sprache.
  5. Das Geburtsjahr 1516 bei Sieber, Geistige Beziehungen zwischen Böhmen und Sachsen zur Zeit der Reformation, T. 1, Pfarrer und Lehrer im 16. Jahrhundert, in: Bohemia 6, München 1965, S. 165; Zader/Grubner III, S. 234; Zader/O I, S. 333; Leichenpredigt für Johannes Avenarius, in: Roth, Bd. 2, S. 40, R 1072. Das Geburtsjahr 1520 in einer gedruckten Doppelseite mit dem Stammbaum der Familie Avenarius, die zwischen den Seiten 38 und 39 von Zader/Grubner III eingebunden ist. Das Geburtsdatum 10.8.1518 bei Hammann, Avenarius, Johann, in: ADB I, S. 467. Ebd. wird der Vater der Mutter Ehrhard Gifftl genannt und das Todesjahr des Lorenz Habermann mit 1541 angegeben. Dietmann, S. 94, nennt als Geburtsjahr 1516.
  6. Bülau, Geistlichkeit, S. 59; Sieber, wie Anm. 5.
  7. Hammann, wie Anm. 5 setzt den Übertritt zwischen 1540 und 1542.
  8. Bülau, wie Anm. 6; Pescheck, Exulanten: Falkenau ab 1564. Sieber, wie Anm. 5, datiert die Aufenthalte abweichend: Elsterberg 1542, Plauen 1544, Lichtenstein 1552, Falkenau bis 1558. Im Album Geistliche, S. 154: 1555 Pfarrer in Falkenau, 1572 ordentlicher Professor der Theologie in Wittenberg, 1576 Stiftssuperintendent in Zeitz.
  9. Bülau, wie Anm. 6. Nach Sieber, wie Anm. 5, blieb Avenarius 1558 in Wittenberg und hielt zwischen 1573 und 1575 theologische Vorlesungen in Jena. Nach Hammann, wie Anm. 5, wurde er 1573 Professor in Jena und 1574 Professor in Wittenberg. Nach Liebner, Bd. 7, S. 225, kam er 1572 nach Jena. Klarheit scheint Dietmann, S. 96, zu schaffen, denn er berichtet, Avenarius sei 1567 bereits nach Wittenberg gekommen und während dieser Zeit durch seinen Schwiegersohn Magister Flader im Pfarramt in Falckenau vertreten worden. Nach kurzem Aufenthalt in Falckenau wegen des Todes seiner Ehefrau 1571 sei Avenarius nach Unstimmigkeiten in Falckenau als Professor nach Jena gegangen.
  10. Matrikel Universität Jena, Bd. 1, S. 8.
  11. Bülau, wie Anm. 6; Erdmann, S. 36. Dietmann, S. 97, datiert seine Investitur auf den 25. November.
  12. Zader/Grubner III, S. 234; Zader/O I, S. 333.
  13. Zader/Grubner III, S. 234; Leichenpredigt für Johannes Avenarius, vgl. Anm. 5.
  14. Zader/O I, S. 333. Hammann, wie Anm. 5. Zu Sibylla, verh. Fladern, vgl. Dietmann, S. 95. Ders., S. 100f, zu den im Druck erschienenen Werken von Avenarius.
  15. Nach dem Stammbaum, vgl. Anm. 5, nach der Leichenpredigt für Johannes Avenarius, vgl. Anm. 4., und nach Liebner, Bd. 7, S. 225 sowie Hammann, wie Anm. 5. Zu Philipp vgl. auch Werner, Städtische und fürstliche Musikpflege in Zeitz bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, Bückeburg/Leipzig 1922, S. 21.
  16. Liebner, Bd. 7, S. 225. Hammann, wie Anm. 5, berichtet, Anna habe als Witwe 1612 Selbstmord begangen. Dabei stützt er sich offensichtlich auf eine entsprechende Nachricht bei Zader.

Nachweise

  1. Zader/O II, S. 62.
  2. Zader/O/StArZz III, S. 33.
  3. Zader/StArNb, S. 499.
  4. Zader/O/StdtArZz, Buch 3, fol. 537.
  5. Zader/Grubner III, S. 43f.
  6. Zader/StArZz, S. 27–28.
  7. [Philipp], Reihe der vormaligen Stiffts- und Königlichen Superintendenten in Zeitz, Stadt- und Kreisarchiv Zeitz, Nr. 3500 00/31, S. 8.
  8. Liebner, Bd. 7, S. 208 und S. 232f.
  9. Dietmann, S. 99.

Zitierhinweis:
DI 52, Stadt Zeitz, Nr. 183† (Martina Voigt), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di052b007k0018300.