Inschriftenkatalog: Stadt Zeitz

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 52: Stadt Zeitz (2001)

Nr. 89† Schloßkirche um 1536

Beschreibung

Gedenktafel (Replik einer verlorenen Tafel) an der nördlichen Querhausaußenwand rechts über der nordöstlichen Tür, unter dem Nordfenster, in 375 cm Höhe über dem Fußbodenniveau, von Pilastern umrahmt, von einer Halbbogenrosette bekrönt. Gelber, stark verwitterter Sandstein. Der Inschrifttext wird kopial zuerst überliefert von Thamm, dessen original erhaltene Chronik nach langjähriger Sammelarbeit mit Hilfe eines Schreibers zwischen dem 10.11.1600 und dem 31.12.16011) abgefaßt wurde, dann von Zader, der bis in die sechziger Jahre des 17. Jahrhunderts seine Chronik schrieb, und von Liebner, dessen Autograph in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand. Die Erwähnung der Tafel im unten zitierten Band „Die Kirchen im Königlich Preußischen Herzogthum Sachsen ...“ ist auf 1828 zu datieren. Alle Kopisten nennen zwei Inschriften (die zweite Inschrift Nr. 90) und teilen die Texte übereinstimmend mit.

Gotische Minuskel mit Versal der gotischen Majuskel. Inschrift nach der Replik.

Maße: H. 190 cm; B. 188 cm; Bu. 10–11 cm.

  1. A(nn)o · dcccclxxiv · v · id(us) · maii · obiit / [otto]a) mag(nus) · [rom(anorum)] · imp(erator) · quedlin/[b]urgi · paralysi · fundat(or) · ecclesiae · / [cic(ensis) · (s)ep(ultus) · magdeburg(i) · vii · i(dus) · i]uni ·b)

Übersetzung:

Im Jahr 974, am 11. Mai2), starb Otto der Große, römischer Kaiser, in Quedlinburg an einem Herzanfall, der Gründer der Zeitzer Kirche. Bestattet (wurde er) in Magdeburg am 7. Juni.3)

Kommentar

Die Schrift wurde offenbar bewußt archaisierend, vielleicht nach der älteren Vorlage geschaffen. Die Tafel ist vermutlich im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts oder im 18. Jahrhundert entstanden.

Die von den älteren Berichterstattern gesehene Originaltafel (ebenso wie Nr. 90) kann erst nach umfangreichen Bauarbeiten über der nordöstlichen Kirchentür (sogenannte Schwarze Tür) in die Wand eingelassen worden sein. Die Renaissanceformen der beiden Fenster in der Querarmostwand und Querarmnordwand sowie des Portals der Tür unter dem Nordfenster lassen auf einen umfangreichen Wiederaufbau in nachgotischer Zeit schließen. Da auch das Mauerwerk dieses Querarmteils vom Fundament auf neu errichtet wurde, wie der Bauarchäologe Reinhard Schmitt, Halle, 1997/98 durch Grabungsarbeiten nachweisen konnte,4) müssen alle in diesen Abschnitt der Nordwand eingelassenen Inschriften erst mit oder nach den Bauarbeiten hierher gelangt sein. Eine heute nicht mehr erhaltene Inschrift datiert den Abschluß dieser Bauarbeiten auf das Jahr 1536 (Nr. 88). Diese verlorene Tafel von 1536 befand sich über der nordöstlichen Tür, die hier behandelte Gedenktafel rechts, eine zweite Gedenktafel (Nr. 90) links über der Tür. Es liegt nahe, zumindest das Anbringen aller drei Originaltafeln in dieselbe Zeit, nach Abschluß der Bauarbeiten um 1535 zu datieren. Unklar bleibt, wann genau die heute vorhandenen, stark verwitterten Tafeln an Stelle der alten Originaltafeln angebracht wurden.5)

Die Inschrift sollte vielleicht, wie Inschrift Nr. 90, den Anspruch des Zeitzer Stiftskapitels bekräftigen, der eigentliche Sitz des Bistums Naumburg(-Zeitz) zu sein. Bemerkungen von Schlesinger scheinen einen solchen Gedanken zu bestätigen.6)

Textkritischer Apparat

  1. Ergänzungen nach einem Foto vom Anfang des 20. Jahrhunderts, Privatarchiv Kreil.
  2. Für das zu erwartende zweite i bei iuni fehlt der Platz. Der übersetzte Text der Inschrift bei Thamm, Bd. 1, fol. 2: „Anno 974 5 Idus Maij Obyt Otto magnus Imperator fundator Ecclesiae Cicensis Starb Zue Quedlinnburgk am Schlage Vnndt lieget Zue Magdeburgk im Thumbstifft begraben.“

Anmerkungen

  1. Geschichte der Zeitzer Chronisten, II. Jacob Thamm, in: Mk. Zeitz Nr. 107, 1929, S. 25.
  2. Otto starb jedoch am 7. Mai 973 auf der Pfalz Memleben. Wenige Wochen zuvor hatte Otto an dem in Quedlinburg abgehaltenen Hoftag teilgenommen, vgl. u. a. LdM, Bd. 6, Sp. 1563 und 1566.
  3. Ein genaues Datum der Bestattung ist sonst nicht bezeugt.
  4. Nach mündlicher Mitteilung von Reinhard Schmitt, Halle.
  5. Schamberger, s. u., S. 45, schreibt die beiden vorhandenen Tafeln links und rechts der Tür demselben Meister zu und setzt sie dem Stil nach in die Zeit des Barock. Daraus schlußfolgert er, daß sie zur Neuweihe der Kirche als Schloßkirche 1664 angebracht worden sein könnten. Offensichtlich kannte er nicht den Eintrag bei Thamm, dessen Chronik in der Originalniederschrift vorliegt und die originale Inschrift bereits für die Zeit vor 1600 bezeugt.
  6. Schlesinger I, S. 40, schreibt: „... eine eigentliche Gründungsurkunde wie für Brandenburg ... liegt für keines der Bistümer [gemeint sind die gleichzeitig gegründeten Bistümer Merseburg, Meißen und Zeitz] vor, und solche Urkunden sind wohl auch niemals ausgestellt worden.“ und auf S. 41: „Die Bischöfe haben offenbar Wert darauf gelegt, eine Königsurkunde zu besitzen, die das Bestehen ihrer Bistümer verbriefte, aber keiner hat von Otto eine solche erlangen können.“

Nachweise

  1. Thamm, Bd. 1, fol. 1.
  2. Zader/StArNb, S. 83.
  3. Zader/O/StdtArZz, Buch 1, fol. 80.
  4. Liebner, Bd. 1, S. 114.
  5. Die Kirchen im Königlich Preußischen Herzogthum Sachsen in einer Auswahl malerischer Darstellungen, Naumburg 1828, Abschnitt Schloss-Kirche Zeitz (Inschrifttext gekürzt).
  6. Rothe, AdG, S. 56.
  7. Schamberger, Inschriften am Zeitzer Peter-Pauls-Dom, in: Zeitzer Heimat, H. 2, 1956, S. 44.

Zitierhinweis:
DI 52, Stadt Zeitz, Nr. 89† (Martina Voigt), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di052b007k0008904.