Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 690 Stadtmuseum, vom lutherischen Friedhof 1635

Beschreibung

Grabdenkmal des Johannes Julian Seidenbänder und seiner Familie. Mittlerer Stein an der Südwand der 4. Nische des Kreuzgangsüdflügels, vom lutherischen Friedhof, zwischenzeitlich im Paulusmuseum.1) Großes hängendes Denkmal aus hellgelbem Sandstein, teils rot und oliv gestrichen. Unter leerem, puttengeschmücktem Medaillon des Giebels Anbetungsszene in Bogennische, flankiert von karyatidengeschmückten Pilastern. Links stehen der Vater, vier Jünglinge und ein Wickelkind, rechts die Mutter, sieben Töchter und ein Wickelkind. V-förmig steigt aus dem Kruzifix ein Wolkenband hervor; am Fuß Totenschädel und Gebein. Eine heute verlorene Spruchinschrift (A) befand sich wohl im Giebelfeld. Über dem Kruzifix (F) Medaillon mit Spruch (B), der sich auf das Kreuz darunter bezieht; über den Köpfen der Personen und zu ihren Füßen Spruchbänder mit Namen (D,E), im Sockel fünfzeilige Sterbeinschrift (C) in ovalem Medaillon, das von Puttenköpfen, Voluten und Maske gerahmt wird. Jeweils zwei Wappen über den Kapitellen und im seitlich anliegenden Rollwerkornament. Stark verwittert.

Inschrift A nach Zorn-Meixner.

Maße: H. 280, B. 179, Bu. 4 (B), 2,5-3 (C), 0,8-1,4 (D,E), 2,9 cm (F).

Schriftart(en): Kapitalis (B,D,E,F), Fraktur (C).

Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Klemens Bender) [1/1]

  1. A

    Defunctus loquitur,Sum tuus,a) O Jesus! Seu vivo seu enecor, in teCertab) salus, per te firma parata salusPerque meam mortemque tuam fac, ut ipse vicissimNunc et in aeternum sim maneamque tuus.

  2. B

    HOC IN SIGNO TRIVMPHVS

  3. C

    An(n)o 1635. den 1. OCTOBR(IS) Ist / in Gott seeliglich entschlafen der Ehrnfeste Fürsichtige / Wohlweisse Herr Johan Julianc) Seidenbänder, alter Statt = /meister v(n)d des bestendigen Raths alhier seines alters 50. / iahr vnd 5. monat. deßen seelen Gott gnedig sein wolle 〈..... / ..... / .....〉

  4. D

    IOH(ANNES) IVLIAN SEIDENBÄNDER / IOH(ANNES) IACOB / IOH(ANNES) IVLIAN / IOH(ANNES) ANDRÄAS / ANNA CHRISTINA / AN[N]A MARIA / ANNA MARGARETHA / CATHRINA KALTSCHMIDINd)

  5. E

    IOH(ANNES) WILHELMd) / IOH(ANNES) HARTMA(N) / ANNA KINIGVNDA / ANNA VRSVLA / CATHARINA / ANNA BARBARA / ANNA CATHA[RINA]

  6. F

    I(ESVS) N(AZARENVS) R(EX) I(VDEORVM)

Übersetzung:

Der Verstorbene spricht: Dein bin ich, oh Jesus! Ob ich lebe oder sterbe, in dir ist sicheres Heil, durch dich ist festes Heil bereitet. Mache durch meinen und deinen Tod, daß ich selbst wiederum jetzt und auf ewig dein sei und bleibe. – In diesem Zeichen der Sieg.

Wappen:
? (Hausmarke),? (Glocke); Kaltschmidt? (2 Sterne übereinander),? (Schlange).

Kommentar

Das Grabdenkmal Seidenbänders, für dessen künstlerische Formen, also Ornamentik, Karyatiden und Sockel, zeitgenössische Parallelen in Worms aufzuweisen sind, stellt in das Zentrum der Darstellung die anbetende Familie vor dem Kruzifix.

In durchaus individueller Formulierung spricht der Verstorbene ein Bittgebet in Distichen, das in seinem Anfang an eine Stelle aus dem Römerbrief anklingt.2) HOC IN SIGNO TRIVMPHVS vereint Heilsgewißheit durch den Tod Jesu mit sprachlichem Anklang an die konstantinische Kreuzesvision.

Johann Julian Seidenbänder wurde 1616 in den Gemeinen, 1624 in den Dreizehner Rat gewählt;3) er gehörte zu der im Rat zahlreich vertretenen Familie Seidenbänder4) und trat zwischen 1609 und 1635 35mal als Taufzeuge in Erscheinung.5) Ob seine Frau mit dem für 1613 in den Ratslisten genannten Johannes Jakob Kalckschmidt oder Kaltschmidt verwandt war, ist ungewiß.6) Die beiden übereinander stehenden Sterne des Wappens oben rechts kommen bezeichnenderweise zusammen mit einem Handwerkerzeichen auf dem Wappen des 1628 in Oppenheim bestatteten Johannes Kaltschmidt vor.7) Soweit bekannt wurden Seidenbänders Kinder zwischen 1616 und 1635 geboren.8)

Textkritischer Apparat

  1. tuus sum Zorn-Meixner, wegen Metrum umgestellt.
  2. certe ebd., nach Metrum emendiert, in beiden Fällen auf Anraten von Herrn Prof. Dr. Otto Zwierlein, Philologisches Seminar der Universität Bonn.
  3. Kilian Mus.Inv.
  4. Fehlt Mus.Inv., Namensbeischriften nicht bei Zorn-Meixner.

Anmerkungen

  1. Zorn-Meixner; an der Südwand der Friedhofskapelle; Alte Aufzeichnungen Nr. 78.
  2. Rm. 14,8: „Sive ergo vivimus sive morimur, domini sumus“.
  3. Weckerling, Verzeichnis des Dreizehnerrates 67.
  4. Weckerling, Verzeichnis des Rates 89: 9, davon 6 im Dreizehner.
  5. KB-PSR Bd. 107.
  6. Weckerling, Verzeichnis des Rates 87.
  7. DI XXIII (Oppenheim) Nr. 278 u. Abb. 83. Seidenbänder war außerdem 1613 Taufzeuge bei der Familie Kaltschmidt in Worms, KB-PSR Bd. 109.
  8. KB-PSR Bd. 107.

Nachweise

  1. Zorn-Meixner fol. 394 Nr. 44.
  2. Mus.Inv. MG Nr. 55.

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 690 (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di029mz02k0069009.