Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 594† Paulusstift 1601

Beschreibung

Gedenkinschrift für den Stiftsgründer Bischof Burchard I. und Spruchinschriften. Ausmalung am „großen Thor an ihrer Kirchen sampt der Uhr“, Inschriften links (A) und rechts (B) des Einganges, über der Tür, wohl in den Archivolten (C), unter der Darstellung von Christus, Petrus und Paulus (D).1) Ausschmückung des Westportales.

Nach Zorn-Wilck.

  1. A

    Ab episcopo Wormatiensi /a) Burchardo fundata anno / 1016 ipsis Calendis Julii, / qui postquam civitatem / undique per sediosos et bar/baros misere depopulatamb) / forti pectore Deique auxilio / fisus fossas, moenia et / turres reaedificasset.

  2. B

    Tandem finem dierum suorum / praesentiens, piam animam Deo / feliciter commendavit Anno / 1025 20 Augusti. Sepultus / in summae AEdis crÿpta, quae est / sub chori Laurentiani ara sum/ma, ibique in domino requiescit. / Vigesimus septimus in ordine Wormatiensi episcopus.

  3. C

    Francorum quondam ducis en memorabilis aulaOttonis, sacra nunc sum tibi, Paule, domus.

  4. D

    En mare, terra, poli suberunt mihi subdita soli.Tempora trina rego, trinus et unus ego.Basilicam sanctus regit hanc ex ordine Paulus.Quic) regit, is regitur, ast regod) solus ego.

Übersetzung:

Vom Wormser Bischof Burchard im Jahre 1016 an den Kalenden des Juli (1. Juli) gegründet, der, nachdem die Stadt allenthalben von Aufrührern und Barbaren jämmerlich entvölkert worden war, mit Mut und Gottes Hilfe vertrauend Gräben, Mauern und Türme wiederaufbaute, der schließlich, als er das Ende seiner Tage herannahen fühlte, glücklich Gott seine Seele anbefahl im Jahre 1025 am 20. August. Bestattet wurde er in der Krypta des Domes, die unter dem Hochaltar des Laurentiuschores liegt; dort ruht er im Herrn. Er war der 27. in der Wormser Bischofsreihe. – Siehe, einst des Frankenherzogs Otto denkwürdige Halle, bin ich nun dir, Paulus, ein heiliges Haus. – Siehe, das Meer, das Land und der Himmel werden zu dem gehören, was mir allein untertan ist. Dreifache Zeiten beherrsche ich, dreifach und eins bin ich. Diese Kirche lenkt von Anfang an (?? oder rechtmäßig) der heilige Paulus. Wer lenkt, wird beherrscht, doch ich bin der einzige, der herrscht.

Kommentar

Ausgangspunkt für die Gründung des Paulusstiftes war eine Schenkung Heinrichs II. an die Wormser Kirche, also zur Verfügung des Bischofs, allen Besitz des mit ihm verwandten Herzogs Otto (von Kärnten) betreffend;2) die alte Salierstammburg ließ der Bischof abreißen und an ihrer Stelle eine Kirche errichten. Zwar berichtet die Bischofsvita von einem unmittelbar anschließenden Kirchenbau, doch stammt die Gründungsurkunde des Bischofs für das Stift erst von 1016;3) dieses Jahr gab die Tradition des Stiftes inschriftlich weiter, wenngleich die Bischofschronistik das Jahr 1015 nannte. Aus ihr schöpft zumindest auch die Nachricht über die Bedrängung der Stadt und die Wiederaufbauleistung des Bischofs, dem dort eine Mauerbauordnung zugeschrieben wird.4) Seine Ordnungszahl in der Bischofsliste scheint ebenfalls nach der eigenartigen Zählung einer Version der Bischofschronistik zustandegekommen zu sein.5) Auch Todestag und Begräbnisort waren leicht in Erfahrung zu bringen.6)

Die abschließenden Verse, Distichen, davon ein leoninisch gereimtes, fanden sich, so schon der Gewährsmann, sehr ähnlich auch über dem Eingang der Stiftskirche des hl. Cyriakus in Neuhausen7) und verkündeten Gottes Allmacht und das Prinzip der Dreifaltigkeit. Möglicherweise war wie in Neuhausen Christus als Salvator abgebildet.

Textkritischer Apparat

  1. Die angebenen Zeileneinteilung nach Zorn-Wilck (W) ist wohl kaum vom Original abgeleitet und in (M) nicht anzutreffen.
  2. deputatam Zorn-Meixner.
  3. et ebd.
  4. at rego Zorn-8; at rege Zorn-9; et rege Zorn-Meixner.

Anmerkungen

  1. „In der Fasten haben die Pfaffen zu St. Paul das große Thor an ihrer Kirchen sampt der Uhr lassen ausstreichen und diese wort vornen am eingang lassen schreiben. In ingressu templi, in sinistro latere ... in dextro latere ...; supra portam templi hi versus (nach Zorn-8 u. Zorn-Meixner „circulariter“) sunt scripti ...; sub imagine Christi, Pauli et Petri“.
  2. MGH DH. II. 20; vgl. auch Büttner, Stadtentwicklung 398ff.
  3. Vita Burchardi 9 bei Boos, Quellen III 110 u. Boos, UB I 34 Nr. 43.
  4. Vgl. in der Version Zorn, Chronik bei Arnold 39; dort und in der Vita Burchardi zur Bedrängung der Stadt und ihrer Einwohner.
  5. Als 27. zählten ihn Brusch, Epitomes I fol. 111v u. Helwich, Prodromus 21; die Zählung der Bischöfe aus Zorn, der die Bischofschronistik ja benutzte, ergibt die Ordnungszahl 25, die Zählung des Kirschgartener Chronisten sagt explizit „Burchardus sedecimus episcopus“, Chronicon Wormatiense saeculi XV 32; gegenüber der Zornschen Version nennt er zusätzlich „Folwicus“ und „Erabrandus/Erkembert“.
  6. Damals existierte die Bischofsgrablege noch ungestört.
  7. Vgl. Nr. 284.

Nachweise

  1. Zorn-Wilck (W) 672, (M) 810f.
  2. Zorn-8 fol. 404-405v.
  3. Zorn-9 443.
  4. Zorn-Meixner fol. 242v.

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 594† (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di029mz02k0059402.