Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 518† Stadtmuseum und Rathaus-Münze-Komplex 1581

Beschreibung

Bildbeischriften, Bau-, Widmungs- und Spruchinschriften des Ausschmückungsprogramms an den städtischen Bauten des Rathauskomplexes. Geringe Reste der Kaiserbilder im Museumskreuzgang, die meisten Texte im 17. Jahrhundert, also vor der Zerstörung, abgeschrieben. Durch Peter Hammans Zeichnung von 16901) weiß man, daß der Komplex aus drei Gebäudeteilen bestand, die mit einer einheitlichen spätgotischen Arkadenreihe verbunden waren; wenngleich man ihm für den Aufbau und einzelne Teile der Komposition Vertrauen schenken muß, darf Vollständigkeit gerade im Detail nicht angenommen werden, da es sich um eine Rekonstruktion aus dem Gedächtnis handelte.

Vier vergoldete oder wenigstens goldfarbene Bilder von Kaisern im Ornat, also mit Krone, Schwert, Reichsapfel und Kette vom Goldenen Vlies sowie Namensbeischriften (A) befanden sich nach Coryate in Nischen der Renaissancefassade im zweiten Obergeschoß des mittleren Gebäudeteiles, des sogenannten Gerichtshauses. Bei Hamman sind freilich sechs Herrscherbüsten – wie Coryate sich ausdrückt, bis zur Hüfte – angedeutet; auch fehlt Hammans Darstellung das Medaillon Kaiser Friedrichs III.,2) das zusammen mit der Büste Kaiser Ferdinands I.,3) einer inschriftlosen Kaiserbüste, einem schwerthaltenden Adler, einem wappenhaltenden Jüngling und einem Kopfrest im Kreuzgang des Museums aufbewahrt wird. Das Medaillon Friedrichs ragt aus Beschlagwerk hervor; es stammt wie die Architekturteile mit dem Adler und dem Jüngling von einem Bilderfries. Die Inschrift Ferdinands ist über der Halbfigur in einer Inschriftenkartusche mit Roll- und Beschlagwerk und einem kleinen Kopf angebracht. Der Rest eines allegorischen Bildwerkes im Museumskreuzgang, eine nackte geflügelte Frau vor einem Löwen auf eine zerbrochene Säule gestützt darstellend, ist aus demselben hellgelben Sandstein gefertigt und stammt wohl ebenfalls von der Fassade (B).Unter den Bildbeischriften waren in goldenen Buchstaben eine datierte Bauinschrift mit Angabe der städtischen Baumeister (C) und eine Widmungsinschrift der Stadt an das Haus Österreich (D) angebracht. Nach Coryate ausdrücklich ebenfalls an diesem unterscheidbaren Bauteil befand sich das Abbild eines wappenhaltenden Drachen mit goldener Inschrift auf blauem Grund (E), und zwar auf einem Stein, der nach der Zerstörung auf dem Marktplatz gefunden wurde.Offenbar noch am Rathaus-Münze-Komplex, aber nicht unbedingt an der zentralen Schaufassade des Gerichtsgebäudes waren Historienmalereien aus der römischen Geschichte angebracht, von denen fünf moralisierende Beischriften überliefert sind (F-K).

Nach Coryate, nur E auch bei Reisel und seinen Benutzern.

Maße: H. 111, B. 110, Bu. 4,5 (Friedrich), H.(erh.) 168, B. 78, Bu. 7,5 (Ferdinand) (A), H.(erh.) 187,5, B. 78, Bu. 5 cm (B).

Schriftart(en): Kapitalis (A,B, wohl auch C-K)4)

Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Dr. Rüdiger Fuchs) [1/8]

  1. A

    FRIDERICVS ·a) · TERTIVS. CAESAR ·CAROLVS QVINTVSFERDINAND(VS).b) / PRIMVS. CAE(SAR)MAXIMILIANVS SECVNDVSRODOLPHVS SECVNDVS

  2. B

    [FORTI]TVD[O]

  3. C

    ANNO 1581. GEORGIO EVCHARIO MOSBACH ETc) JOANNE KIGELE REIPVB(LICAE) AEDILIBVS BASILICA HAEC EST AEDIFICATA.

  4. D

    AVSTRIACAE FAMILIAE HEROIBVS VINDICIBVS LIBERTATIS PATRIAE VLTRA CCL ANNOS AMISSAE VETVSTAE VANGIONVM WORMACIAE S(ENATVS) P(OPVLVS)Q(VE) BENEFICIORVM MEMOR LOCAVIT. ANNO 1581.

  5. E

    DRACO CLAVEM TENENS INDVSTRIA VASTAS SOLITVDINES EXCOLI, FIDE ETc) CONSTANTIA AD DECVS PERVENIRI DEMONSTRAT. HAEC MAIORES VANGIONVM VRBIS SVAE ARMA ESSE VOLVERVNT.d)

  6. F

    SEXTI TARQVINII REGII FILII LIBIDINE FACTVM EST, VT ROMAE EXACTIS REGIBVS CONSVLARE IMPERIVM IVREIVRANDO CONSTITVERETVR, ISQVE HONOS PRIMO LVCIO IVNIO BRVTO SCELERIS VINDICI DECERNERETVR.

  7. G

    PATRII AMORIS VIM EX ANIMO POTIVS EIICERE LIBEROSQVE SECVRI FERIRE QVAM LIBERTATEM CIVIVM PERFIDIA IMMINVI, NOBILI EXEMPLO / L(VCIVS) I(VNIVS) BR(VTVS) DOCVIT.e)

  8. H

    HORATIVM COCLITEM CONTRA OMNES HOSTIVM COPIAS TENVIT IN PONTE SOLVM SINE VLLA SPE SALVTIS SVAE PATRIAE SALVS.

  9. I

    PRO IMPERII GLORIA ATQVE DIGNITATE MAGNVM ANIMVM SVSCIPIENDVM MVTIVS AD NECEM PORSENNAE IMPVLSVS DOCET.

  10. K

    VT CLOELIA VIRGO, ITA OMNES SVO CASV AVT CONFIRMARE PATRIAE SALVTEM AVT PERICVLVM MORARI DEBENT.

Übersetzung:

Kaiser Friedrich III., Karl V., Kaiser Ferdinand I., Maximilian II., Rudolf II. – Die Tapferkeit. – Im Jahre 1581. Als Georg Eucharius Mosbach und Hans Kügele/Kegele städtische Baumeister waren, wurde diese Halle gebaut. – Den heldenhaften Beschützern aus österreichischem Hause haben es Rat und Volk des alten Worms, über 250 Jahre bar der Freiheit der Vaterstadt, der Wohltaten für die Vangionen eingedenk errichtet im Jahre 1581. – Der den Schlüssel haltende Drache zeigt an, daß durch Fleiß Ödland erschlossen wird, daß durch Treue und Standhaftigkeit Ruhm und Ehre erlangt wird. Die Räte der Wormser wollten, daß er das Wappen ihrer Stadt sei. – Durch die Lüsternheit des Königssohnes Sextus Tarquinius ist es geschehen, daß nach Vertreibung der Könige in Rom die konsularische Gewalt durch Schwureinung errichtet und diese Ehre als erstem dem Rächer des Frevels, Lucius Iunius Brutus, zuerkannt wurde. – Mit edlem Beispiel lehrte Lucius Iunius Brutus, lieber die Kraft der Vaterliebe aus dem Herzen zu reißen und die Kinder mit dem Beil hinzurichten, als daß die Freiheit der Bürger durch Treulosigkeit vermindert werde. – Das Heil des Vaterlandes bannte Horatius Cocles gegen alle Truppen der Feinde allein auf der Brücke fest ohne jede Hoffnung auf die eigene Rettung. – Zur Tötung des Porsenna angetrieben lehrt Mucius, daß man zum Ruhm und zur Ehre des Vaterlandes hohen Mut aufbringen muß. – Wie die Jungfrau Cloelia müssen alle, jeder in seinem Fall, entweder das Heil des Vaterlandes sichern oder die Gefahr aufhalten.

Wappen:
Reichsadler; Stadt Worms.

Kommentar

Das 1581 mindestens erneuerte, wenn nicht neugebaute Gerichtshaus, der Mittelteil des Rathaus-Münze-Komplexes, lenkte in erster Linie den Blick auf die in der Renaissancefassade eingefügten Kaiserbilder. Mit schmückenden Büsten habsburgischer Reichsoberhäupter seit Friedrich III., die Maximilians I. entging wohl wie die Friedrichs III. der Aufmerksamkeit der Beobachter, verband sich eine Widmung, die mehr als 250 Jahre Unfreiheit der Stadt beklagt. Rechnet man diesen Zeitraum von Friedrich III. zurück, und zwar vom Ende seiner Regierungszeit, gelangt man damit in die Nähe der Zerstörung des ersten Bürgerhofes von 1232; erst 1491 und mit kaiserlicher Unterstützung war es der Stadt gelungen, die Münze zu erwerben und als Sinnbild ihrer Freiheit zum Rathaus zu machen.5) Die sich anschließenden Kämpfe erbrachten eine weitere Zurückdrängung der bischöflichen Stadtherrschaft, die sich umgekehrt in einer verstärkten Betonung der städtischen „Libertas“ bemerkbar machte und durch verschiedene Privilegien, Rachtungen und die Gründung des Dreizehnerrates 1522 eine Neuordnung des Stadtregimentes einleitete.6) Der Gedanke der „Libertas“ durchzieht alle programmatischen Äußerungen zur Regierung der Stadt; er ziert das Titelblatt der Stadtrechtsreformation von 1499 ebenso wie das große Stadtsiegel von 1550, auf dem Worms als „LIBERA WORMACIA“, als „FIDELIS FILIA“ des Reiches bezeichnet wird.7) Garantie der Freiheit suchte man in der Unmittelbarkeit zum Reichsoberhaupt, die festschreiben zu lassen, die Wormser niemals müde wurden; mit dem Kampfprivileg von 1488 und dem Mechelner Privileg Maximilians von 1494, das alle dem Reich zuwiderlaufenden Verträge zwischen Stadt und Bischof kassierte, und dem Reichstag von 1495 sah Worms seinen Status als Reichsstadt nachhaltig bestätigt.8)

Die Schaffung der römischen Republik nach Vertreibung des letzten Königs Tarquinius Superbus bildete offenbar den Ausgangspunkt eines historisierenden und moralisierenden Zyklus; die Texte greifen die legendarischen Umstände des Gründungsaktes auf: Nachdem Sextus Tarquinius, der Sohn des Tarquinius Superbus, Lucretia entehrt und diese sich selbst getötet hatte, erfüllen Brutus und Verwandte das Rachegelübde und stürzen die Königsherrschaft. In den Parteikämpfen stehen Söhne des Brutus auf seiten der Tarquinier und werden vom Vater der Staatsräson geopfert. Ruhm und Wohlergehen der Vaterstadt bilden den thematischen Hintergrund dreier weiterer Abschnitte zu heroischen Taten in den Keltenkriegen.9) Alle Texte können als moderne Adaptationen der aus Livius bekannten Episoden angesprochen werden, die in geringem Maße seinem Werk Wörter entlehnten, so „libidine Sexti Tarquinii“, „exactique inde liberi regis“, „(nudatos virgis caedunt) securique feriunt“.10)

Die Verarbeitungen altrömischer Vorbilder der Aufopferung für das städtische Gemeinwohl und v.a. für die Erhaltung der „Libertas“, der Freiheit als Selbstbestimmungsrecht der Stadt, sind nicht von Nivergalt gemalt worden; vielmehr muß sie ein späterer Künstler in anderer Technik am Ende des 16. Jahrhunderts, also wohl zeitgleich zur Ausschmückung des Mittelbaues hergestellt haben. Reisel und Hamman nahmen ein weiteres Jahrhundert später keine Notiz von ihnen; daher waren sie mit dem Bild Friedrichs III. und den Heldenfiguren Nivergalts an der Neuen Münze technisch nicht identisch. Als Ort der Anbringung bietet sich nur die Front des linken Gebäudes, nämlich der Alten Münze an.11) Die Präsenz der römischen Geschichte machte sich 1581 auch darin bemerkbar, daß die beiden für den Bau verantwortlichen Ratsmitglieder12) mit dem äquivalenten Begriff der römischen Verwaltungslaufbahn als „aediles“ bezeichnet wurden. Nur am Ende des 16. Jahrhunderts ist in bürgerlichen Kreisen der Stadt Worms eine genügende humanistische Bildung als Voraussetzung der anspielungsreichen Programmatik vorhanden gewesen und der Boden vorbereitet für die Motivwahl aus der römischen Frühgeschichte, aus der Lucretia, Mucius Scaevola und Horatius Cocles nach 1525 das Lusthaus der Münchner Residenz Herzog Wilhelms IV. von Bayern zierten.13) Die genannten gelten geradezu als Paradeausstattung moralisierender Rathausgestaltungen; Motive und Inschriften zu livischen Figuren wurden gelegentlich Holzschnittfolgen, etwa Jost Ammans, entnommen.14)

Textkritischer Apparat

  1. Fehlt Coryate.
  2. FERDICANDVS ebd..
  3. Ebd. et, Eigentümlichkeit des Gewährsmannes und seines Druckers.
  4. Fehlt Reisel.
  5. Letzte Zeile etwas abgesetzt.

Anmerkungen

  1. StA Worms, Abb. bei Kranzbühler, Abb. 13 u. 13a.
  2. Unter oberem Gesims Stz. Nr. 12, 5 cm; dem Relief könnte das Sekretsiegel Friedrichs III. der Urkunde von 1442, erweitert um die Kette des Ordens vom Goldenen Vlies, als Vorbild gedient haben, vgl. Abb. bei Reuter.
  3. Unter Sockel Stz. Nr. 13, 5 cm. Dieser Stein entlarvt die geringe Detailtreue der Hammanschen Zeichnungen, auch die der neu entdeckten Londoner Serie Johann Friedrich Hammans, der nur fünf Bildwerke mit Kaiserbüsten und Namen darunter(!) wiedergibt, vgl. Reuter, Hamman Nr. 25; unsicher zu lesen von links statt Rudolf wohl HEN IIII, dann MAX II, FRIED III, CARL V, FERDI I.
  4. Analog zu A u B, bei Coryate keine Schriftimitation, allenfalls Kapitalis in S P Q suggeriert.
  5. Vgl. bei Nr. 333 (1493); auf die lange, eben knapp 250 Jahre währende geringe Beziehung der Stadt zum Reichsoberhaupt bis in die zweite Hälfte der Regierungszeit Friedrichs III. machte schon Petry, Bedeutung von Worms 1f. aufmerksam.
  6. Vgl. Reuter, Worms um 1521, 13-21.
  7. Kranzbühler, Worms und die Heldensage, Abb. 16 u. 23.
  8. Petry 2f., vgl. auch Reuter 90f. Nr. 34 u. 38.
  9. Livius 1.57ff; 2,5; 2,10; 2,12-13; 2,13. Ein Livius-Druck war bis 1522 bei Johann Schöffer in Mainz entstanden.
  10. Livius 1,59,8; 1,60,2; 2,5,8.
  11. Vgl. Giesen, Malereien 287 gegen Christ, Borbetomagus 50, der Malereien auch auf der Südseite des Komplexes bis zum alten Bürgerhof im Südosten hin ansiedelte. An der Alte Münze zeigen Hammans Zeichungen keine Abbildungen mehr; sie muß aber von Coryate gemeint gewesen sein, weil er alle Beschreibungen davor auf die Front des Rathauses und die Römerdarstellungen lediglich auf „another part of this Praetorium“ bezog, nicht auf rückwärtige oder entfernte Teile.
  12. Georg Eucharius Mosbach wurde 1562 in den Gemeinen, 1564 in den Dreizehnerrat, Hans Kügele/Kegele 1566 in den Gemeinen Rat gewählt, vgl. Kraus, Quellen I 91 u. II 127.
  13. Giesen, Malereien 287.
  14. Ch. Klemm, Art. Fassadenmalerei, in: RDK 7 (1981) Sp. 736f. Vgl. auch D. Koepplin, Ausgeführte und entworfene Hausfassadenmalereien von Holbein, Stimmer und Bock – Kunsthybris mit dem erhobenen Zeigefinger, in: Spätrenaissance am Oberrhein. Tobias Stimmer, 1539-1584. Ausstellung im Kunstmuseum Basel, 13. September-9. Dezember 1984. Basel 1984, 35-82 u. 84 Nr. 1-1e zur möglichen Künstleridentität in Holzschnitten zu Vergil und Fassadenmalerei.

Nachweise

  1. Coryate, Crudities 262f.
  2. Reisel, Monumenta et inscriptiones fol. 66ff. (E).
  3. Kdm. Worms 286 (E).
  4. Boos, Quellen III 379 Anm. 1 (E).
  5. Kranzbühler, Worms und die Heldensage 112 (E).
  6. Giesen, Coryats Eindrücke 46f.
  7. Stadtmuseum SD 1-6 (A,B).
  8. Reuter, Kaiser- und Königsurkunden Abb. S. 115. (A).
  9. Ders., Hamman 102f. Nr. 25, 108 Anm. 25 (A,B).

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 518† (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di029mz02k0051807.