Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 665† Stadtmuseum, vom lutherischen Friedhof 1628

Beschreibung

Verlorenes Grabdenkmal des Wilhelm Redecker aus Bremen. Möglicherweise ein Rest des Denkmals mit Darstellung der Auferstehung des Verstorbenen, dem Christus die Hand reicht, hängt links an der Südwand der 4. Nische des Kreuzgangsüdflügels, quadratisches Feld zwischen Engelskonsolen; vom lutherischen Friedhof, später im Paulusmuseum.1) Das Denkmal aus hellgelbem Sandstein enthielt eine Bildbeischrift und eine Spruchinschrift für die genannte Darstellung (A), die Sterbenachricht (B), ein Wappen und ein Totengedicht (C) sowie eine Stifterinschrift (D). Außer der lateinischen (A) und den deutschen Inschriften (B,C,D) in reichem frühbarocken Rahmen gehörte zum Denkmal noch eine Figurengruppe, die, wenn die Identifizierung mit einem unvollständig beschriebenen Denkmal des Jahres 1628 stimmt, aus vier knienden Männern und einer Frau bestand.2)

Nach Zorn-Meixner.

Maße: H. 200, B. 145 cm.3)

Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Dr. Rüdiger Fuchs) [1/1]

  1. A

    CERNIS, VT IN TVMVLO FIXVS PES ALTER INHAERET,ALTER AT IN COELVM SCANDERE TENTATa) ITER,CHRISTE, TVAM PECCATORI MIHI PORRIGE DEXTRAM,INQVE TVI PATRIS ME SACRA TEMPLI TRAHE.

  2. B

    Als man zahlt 1600 Jahr, 28. hier entschlafen warDen 11. hornung seeliglich, aus der Stadt Eisfelden bürtigDer Ehrenhaft (und) fürnehme Herr mit Nahmen Wilhelm RedeckerBurger und Kaufman(n) der Stadt Bremen, Gott woll sich seiner Seel annehmen

  3. C

    Wohlgelebt und seelig gestorben ist auf Erd das best erworben.Mit angst, noth, u(nd) Unruh hab ich mein Lebe geführt, seh jetzt ich liegIn meinem Grab auch in der ruh, die mein Leib genieset nuBis an der lieben Jungsten tag, da werd ich den(n) ohn alle klagGelangen auch zur Seelenfreud u(nd) schauen die groß HerrlichkeitMeines Erlösers völliglich, mit Leib und Seele sichtiglichSamt allen Auserwälten sein u(nd) werde da ohn alle PeinMeinen Erlöser preisen schon ewiglich in dem Him(m)elsthron.Christus ist mein Leben, sterben ist mein gewin(n).4)

  4. D

    Diesen Stein hat seine hinterlasne Frau Wittib Margaretha Kan(n)engieserin zu seinem ewigen Gedächtnuß setzen lasen.

Übersetzung:

Du siehst, wie der eine Fuß fest im Grab verharrt, der andere aber den Weg zum Himmel zu ersteigen strebt. Christus, reiche mir Sünder deine rechte Hand und nimm mich auf in das Heilige im Tempel deines Vaters.

Datum: 11. Februar 1628.

Wappen:
Redecker?.5)

Kommentar

Text der Inschrift A und Darstellung auf dem hypothetisch zugeordneten Fragment entsprechen exakt der Überlieferung zum Denkmal des 1610 verstorbenen Friedrich Zorn.6) Die Inschriften Redeckers sind von Zorn-Meixner mit der des Denkmales der Ursula Emhard (†1628) unter der Nummer 31 zusammengefaßt worden; die Nummer 49 des Registers zum Museumsinventar bezieht sich auf Wilhelm Redecker, das Inventar selbst verzeichnet unter Nr. 49 aber eben die Inschrift der Ursula Emhard.7) Trotzdem ist es unmöglich, daß die beiden Inschriften auf demselben Denkmal standen, da keine verwandtschaftlichen Beziehungen nachweisbar sind, das Aussehen der Überreste, überlieferte Maße und die zeitliche Nähe der Todesfälle nicht für eine rückseitige Zweitverwendung sprechen. Verständlich ist das Zusammenziehen, wenn sich Teile der zeitnahen Denkmäler in unmittelbarer Nachbarschaft in gestörtem Zustand befanden; denkbar wäre dann, daß der lateinische Bildbeischriftspruch vom bei Zorn-Meixner auffälligerweise nicht überlieferten Zornschen Denkmal stammt, da beim RedeckerDenkmal der übrige rein deutsche Text neben Sterbe- und Stiftervermerk schon ein tröstendes Gebet enthielt.

Wie mehrere andere auf dem lutherischen Friedhof Bestattete gehörte Redecker zu einer Gruppe von nicht in Worms Ansässigen.

Textkritischer Apparat

  1. Für TEMPTAT.

Anmerkungen

  1. Zorn-Meixner; 2. nordwestlicher Stein in der Westmauer, über das Paulusmuseum ins Stadtmuseum im Andreasstift, vgl. Anm. 3; auch Alte Aufzeichnungen Nr. 60.
  2. Beschrieben bei Wörner, Mittelaltrige Grabmäler 100; ein derartiges Relief ist in derselben Nische noch vorhanden; die Konstellation, die für eine vierfach verheiratete Frau spricht, trifft nur auf das Denkmal der Anna Kunigunde Manz und Angehöriger, vgl. Nr. 667, zu, dem aber schon eine andere Figurengruppe zugeordnet werden mußte.
  3. Alte Aufzeichnungen Nr. 60 u. Karteikarte im Museum mit alter Inv. Nr. 49, an jener Stelle nicht im Inventarbuch.
  4. Phi. 1,21.
  5. Bei Zorn-Meixner zwischen Inschriften B und C angegeben: „Symbolum defuncti.“
  6. Vgl. Nr. 623, auch zur Zuordnung von Fragmenten.
  7. Vgl. folgende Nr.

Nachweise

  1. Zorn-Meixner fol. 392v Nr. 31.

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 665† (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di029mz02k0066507.