Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 566 Worms-Heppenheim, ev. Pfarrkirche 1597

Beschreibung

Wandmalerei mit Spruchinschriften. Über dem mit Beschlagwerk bemalten Kassetten- und Volutenfries des Triumphbogens Jahreszahl (A) und zwei Schlüssel, links daneben Spruch (B). Fotografisch überliefert weiter links in Höhe der Empore zwei vierzeilige Bibelsprüche (D,E), unter den Chorwänden ebenso drei vierzeilige Bibelsprüche von links gezählt (F,G,H,I). Südlich des Triumphbogens Reste zweier Inschriften erkennbar (K,L).1) Weitere Inschriften befanden sich an der südlichen Langhauswand (M,N) und beiderseits der Orgel an der Westwand (O,P), Inschrift der Erneuerung unter der Orgel (Q).2) Verloren ging rechts des Triumphbogens eine weitere lateinische Inschrift, ein Distichon aus der Zeit des Neubaues (C). Die Wandmalereien wurden 1908 bei Arbeiten an der Heizungsanlage entdeckt und vom Wormser Maler Fritz Muth 1908/1909 restauriert.3) Außer A und B sind alle Inschriften bei späteren Wiederherstellungsarbeiten um 1963/64 überdeckt worden.4)

D-Q nach Fotos, C nach Diehl.

Maße: Maße nicht feststellbar.

Schriftart(en): Kapitalis (B,C,D,F,G,H,I,K), Fraktur (E,L,M,N,O,P,Q).

  1. A

    1·5/9·7

  2. B

    SVRSVM · CORDA

  3. C

    CLAVIS DUPLA NOTAT, QUAE SINT INSIGNIA CLERI /ET IUS CONDENDI, QUO PEDE SISTAT AIT /MAT[........]a)

  4. D

    WER · DA · SAGT; ER · SEI · IM / LICHT · VND · HASSET · SEINEN / BRVDER · DER · IST · NOCH · IN · DER / FINSTERNIS · I JOH. 2.9.

  5. E

    Seid Täter des Wor = /tes und nicht Hörer al = /lein. womit ihr euch selbst betrüget · Jac. 1.22Die eckigen Klammern zeigen nur an, daß der eingeschlossene Text wegen verschiedener Hindernisse nicht in der fotografischen Vorlage kontrolliert werden konnte.

  6. F

    [IN CHR]ISTVS · HABEN · WIR / [ERLO]ESVNG · DVRCH · SEIN / [BLVT · NE]MLICH · DIE · VERGEBVNG / DER SVENDEN · KOL 1.16b)

  7. G

    DAS IST JE GEWISSLICH · WAHR [V(ND)] EIN TEVER / WERDES [WO]RT · DASS CHRIST[V]S IESVS GE = /K[OMEN] · IST IN DIE [WELT DIE SV]ENDER · / [SELIG ZV MAC]HEN[. 1. TIM. 1,15]

  8. H

    SO · SEID · IHR · NVN · NICHT · MEHR · GAE/STE · VND · FREMDLINGE · SONDERN · / BVERGER · MIT · DEN · HEILIGEN · VND / GOTTES · HAVSGENOSSEN · Ephes. 2,19

  9. I

    SIEHE · ICH · KOM(M)E · BALD · HALTE · / WAS · DV · HAST · DASS · NIEMAND · / DEINE · KRONE · NEHME · Off. [3.11]

  10. K

    DER GERE[CHTE WIRD SEINES GLAV/]BENS [LEBENc) ...] WERKE WIRD [...]

  11. L

    Bewahre dei[nen Fuss] / Wenn du zum [Hause] / Gottes gehest [und kom]/me, daß du hör[est / Eccl. 5.1]

  12. M

    So will ich nun, daß die Männer beten an allen Orten / und aufheben heilige Hände ohne Zorn und Zweifel. [1. Tim. 2,8]

  13. N

    So h[alten wir es] nun / Daß [der Men]sch gerecht / werd[e ohne des Gesetze]s Werke / alle[in durch den] Glauben · / Röm. 3.28

  14. O

    Lehret u(nd) vermahnet euch / selbst mit Psalmen u(nd) Lob/gesängen u(nd) geist[lichen lieb]lichen / Liedern u(nd) singet dem Herrn / in eurem Herzen · Col. 3.16

  15. P

    Hallelujah. / Lobet den Herrn / in seinem Heiligtum / Alles was Odem hat / Lobe den Herrn. Ps. 150

  16. Q

    Erneuert / A(nno) · D(omini) · 1908

Übersetzung:

Empor die Herzen. – Der doppelte Schlüssel zeigt an, welche die Zeichen des Klerus seien, und das Baurecht sagt, mit welchem Fuß er stehen bleibe ...

Wappen bei C:
Worms, Domkapitel (zwei Schlüssel).

Kommentar

Bis auf die Jahreszahl 1597 und SVRSVM CORDA sind alle anderen Inschriften nur durch teilweise schlecht lesbare Fotografien oder abschriftlich überliefert. Es gilt als sicher, daß in den Bibelzitaten moderne Malereien vorliegen, da in den weitgehend mit den lutherischen identischen deutschen Bibelsprüchen nicht die Sprache der Zeit um 1597 zu spüren ist. Berechtigte Zweifel an der Originalität der erkennbaren Inschriften nähren auch die um 1600 unüblichen Versangaben der Bibelzitate und ihre moderne Orthographie. Eine Neuausgestaltung 1597 durch aufwendige Malereien ist durchaus denkbar, da nach 1596 umfassende Baumaßnahmen stattfanden;5) es gehörten aber nur die Jahreszahl und die beiden lateinischen Inschriften zu jenem Bestand.

Der Namensrest ließe sich zu JOHANNES MATTHIAS ergänzen, dem Pfarrer des Umbaues.6)SVRSVM CORDA hingegen weist in ein katholisches Umfeld als Teil der Praefatio zur Opferhandlung in Anlehnung an Jeremiae Klagelieder 3,41.7) Demgegenüber zeigen die Sprüche in der Auswahl, insbesondere bei der Inschrift N, und in der Sprache ein starkes lutherisches Gepräge; sie wurden wohl im Laufe von Reparaturen im 19. Jahrhundert angebracht.8) Daß die nicht ganz einsichtige hexametrische Inschrift C zusammen mit den Schlüsseln eine emblematische Einheit bilden könnte, ist insofern denkbar, als die Schlüsselsymbolik für Klerus und Bau beziehungsweise Zugang zu einem Gebäudeteil am Triumphbogen angebracht war, der das Kirchenschiff vom Chorraum als für Laien nichtzugänglichem Raum scheidet. An das Baurecht oder vielmehr die Baupflicht, hier des Wormser Domkapitels, waren Nutzungsrechte gebunden, deren Grenze eben der Bogen zwischen Chor und Langhaus bezeichnete. Die emblematische Trennung des Kirchenraumes in katholischen Chor der früheren Peterskirche und protestantisches Schiff bildet das einzige dingliche Relikt einer möglicherweise simultanen Nutzung der Kirche ab 1596/97,9) die damals wohl auch architektonisch unterstützt wurde.

Textkritischer Apparat

  1. Rest von Diehl noch gesehen, fehlt Schmitt.
  2. Falsch für Eph. 1,7.
  3. Halbverdeckt; Rö. 1,17, Ga. 3,11 oder Heb. 10,38.

Anmerkungen

  1. Fotos im StA Worms Neg.Nr. M 8600f. von 1955.
  2. Foto im StA Worms Neg.Nr. M 11519 von 1966.
  3. Vgl. P. Meissner in Jahresbericht der Denkmalpflege im Großherzogtum Hessen 2 (1912) 229 u. Taf. XXXXIX, 4.
  4. Kropp.
  5. Kdm. Worms 60.
  6. Diehl.
  7. Lam. 3,41: „Levemus corda nostra cum manibus ad Dominum in coelos“.
  8. Diehl zu Baumaßnahmen 1852/53 und 1880, als das Kircheninnere ausgeweißt wurde und so die Voraussetzung für die Wiederentdeckung 1908 gegeben war.
  9. Schmitt 186.

Nachweise

  1. Diehl, Baubuch Rheinhessen 308 (A,C).
  2. Schmitt, Heppenheim 173 (A,B,C).
  3. Kropp, Denkmalliste o.S (A).

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 566 (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di029mz02k0056609.