Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 470 Dom, innen, aus Kreuzgang 1559

Beschreibung

Epitaph des Eberhard von Heppenheim gen. von Saal. Östliches Denkmal innen an der Wand des nördlichen Seitenschiffs, früher in der Nikolauskapelle, aus dem Kreuzgangnordflügel.1) Erhalten ist ein bedeutender Rest des Denkmales aus hellgelbem Sandstein. Über einem abgetreppten und von drei Konsolen getragenen Sockel mit fünfzeiliger, vorlinierter Inschrift in einer Kartusche (A) erhebt sich eine Renaissancearchitektur mit reichgeschmückten Wappenpilastern, von ehedem insgesamt vier Ahnenwappen noch jeweils eines mit Beischrift vorhanden; die Pilaster ruhen auf Postamenten mit Waffendarstellungen und sind mit Rankenwerk, Putto, Halbrelieffiguren des Teufels links und einer halbnackten Frau rechts verziert. Die Architektur umschließt die Figur des vor einem Kruzifix knienden Ritters, gegürtet mit pfeilgefülltem Köcher, der Helm zu Füßen des angedeuteten Schädelberges mit Totenschädel. Im Giebel Wolkenglorie mit Gottvater, Putto und Taube sowie dreizeiliger Inschrift (B) im eingezogenen Rundbogen. Eine Tafel mit Spruchinschrift (C) in Kopfhöhe heute verloren. Kein Reliefhintergrund; goldene Fassung der Buchstaben und Tünche des vorigen Jahrhunderts nahezu verschwunden, Kruzifix und Hände Gottvaters neu.

Maße: H. 412, B. 223, Bu. 3 cm (A,B).

Schriftart(en): Kapitalis.

Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz (Dr. Rüdiger Fuchs) [1/3]

  1. A

    AN(N)O D(OMI)NI · 1 · 5 · 5 · 9 · DE(N) · 12 · TAG · APRILIS · IST IN GOT VERSCHIEDEN DER / EDEL VND ERNVEST EBERHART VO(N) HEPPENHEI(M) GNANT VO(N) SALLa) DER / SELLE(N) GOT GENEDIG SEIE A(MEN) VND SOLCHE(N) ZV EHREN GEDECHTNVS HAT / DIE EDEL VNDb) DVGENTHAFTIGE FRAW MARIA VLNERIN VON DIEPVRG GEBORNE(N) VON / HEPPENHEI(M) GNANT VO(N) SALL · DIS EPITAVIV(M) MACHE(N) VND VFRICHTEN LASSEN

  2. B

    HIE HANGT AM CREVCZ MEIN GELIEBTER SONAN DEM ICH EIN WOLGEFALLENS HAN · /WER [I]HN HOERT VND SEIN WORT GLAVBTWIRDT MEINER GNADEN NIT BERAVBT · /SONDER HABEN EWIGS LEBENWERDTS EVCH VON SEINETWEGEN GEBE(N)Nach Hertzog.

  3. C

    ERLOSER MENSCHLICHS GSCHLECHTS VFF ERDENDER NIEMAND WILL VERLOREN LASSEN WERDEN /DVRCH DEIN LEIDEN, CREVTZ VND TODTERLOSE VNS HERR VON ALLER NOTT /VND VERLEIHE VNS DVRCH DEIN BAMRHERTZIGKEITTDIE EWIGE FROYD VND SELIGKEITT /DARVF ICH ALL MEIN HOFFNVNG GESTELTDA ICH NOCH GELEBT IN DISER WELT

Wappen und Beischriften:
Heppenheim gen. von Saal, OBERSTEIN; Dürn, LICHTEN/STE

Kommentar

Das ehemals prächtige Epitaph für Eberhard von Heppenheim gen. von Saal, Sohn Anthis‘ und der Anna von Dürn, wurde von seiner Schwester (Anna) Maria, verheiratet mit Philipp Ulner von Dieburg,2) gestiftet. Es wird dem Schüler Dietrich Schros, Endres Wolff aus Heilbronn, zugeschrieben;3) Aufbau, Figurentypus und Ornamentik weisen eindeutig auf die Schule Schros hin.4)

Das Denkmal Georg Kämmerers von Worms gen. von Dalberg (†1561) in Herrnsheim stimmt in vielem mit dem vorliegenden überein, besonders in der Gestaltung des Giebels bis hin zur wörtlichen Übernahme der Spruchinschriften B und C,5) die in deutschen Reimen abgefaßt sind und um das Thema der Erlösung in Preis Christi, Bitte und Heilsgewißheit kreisen. Enge Anlehnung an die Bibel besteht nur in dem Wort Gottes in B, das eine Kontamination aus mehreren neutestamentlichen Zitaten darstellt und in seinem ersten Teil stammen könnte aus Mt. 3,17; Mk. 1,11; Lk. 3,22; 2. Pe. 1,17; die Aufforderung zu hören schließt an Mt. 17,5; Mk. 9,7; Lk. 9,35 an; die Heilsverheißung kommt Joh. 5,24 nahe. Der Spruch in C stellt ein Gebet dar und ist möglicherweise in Kirchenliedern wiederzufinden.

Bei dem Herrnsheimer Denkmal ergänzen sich Kruzifix und Giebel deutlicher erkennbar zur Dreifaltigkeit. Im übrigen stimmen die beiden Denkmäler auch in der Ausführung der Inschriften in höchstem Maße überein: außer vorgezogenen Linien und Goldfassung finden sich in genauer Kopie Buchstabenverbindungen, einzelne Buchstabenformen wie H mit Nodus und eigentümliche Abkürzung des Schluß-N durch ein am Zeilenfuß an den letzten Buchstaben anschließendes Schlängelchen.

Textkritischer Apparat

  1. Helwich hat nur Anno 1559 den 12. April o(biit) d(omi)n(u)s Eberhart von Heppenheim genandt vom Saal; da er auch sonst wortreichere Inschriften auf die ihn interessierenden Fakten reduzierte, kann man aus dem abweichenden Text nicht zwingend ein zusätzliches Denkmal in Form einer Grabplatte rekonstruieren, wenngleich dieser Fall denkbar wäre.
  2. In kleineren Buchstaben interlinear.

Anmerkungen

  1. Schmitt.
  2. Humbracht Taf. 69; Möller, Stammtafeln AF I Taf. XXXVII.
  3. Strübing, Dietrich Schro 65, Kahle, Mittelrheinische Plastik 82.
  4. I. Lühmann-Schmid, Peter Schro, ein Mainzer Bildhauer und Backoffen-Schüler, in: Mainzer Zeitschrift 70 (1975) 1-62, 71/72 (1976/77) 57-100, hier 86f. Anm. 35a.
  5. Vgl. Nr. 477.

Nachweise

  1. Hertzog, Beschreibung I 2 fol. 230r-v Nr. III u. II 3 fol. 86v.
  2. Helwich, Syntagma 7 (nur A).
  3. Wickenburg II 159f. (nur A).
  4. Kdm. Worms 197 (nur A).
  5. Kautzsch, Dom Taf. 150.
  6. Schmitt, Bildwerke 299 Nr. 4 u. 332.
  7. Schmitt, Heppenheim 54 (nur A) (u. Abb.).

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 470 (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0238-di029mz02k0047006.