Inschriftenkatalog: Stadt Worms

Katalogartikel in chronologischer Reihenfolge.

DI 29: Worms (1991)

Nr. 334† Worms, Rheinpforte, später Mayfelsturm um 1493?/(1559)

Beschreibung

Verlorene Bildbeischrift und Widmungsinschrift der Wormser Bürger an einem Kaiserbildnis, das an der Ostseite der „Rheinpforte“, später Mayfelsturm genannt, angebracht war. Es handelte sich angeblich um ein Kolossalgemälde, kaum um eine freistehende Statue.1)

Nach Chronik Zorns und Abschriften.

Schriftart(en): Kapitalis?2)

  1. DIVO · HENRICOa) · IIII · ROM(ANORVM) / REGI · AVG(VSTO) · VANGIO/NESb) · IMMORTALESc) / LAVDES · DEBEREd) / NVLLO · AEVOe) · NE/GABVNT

Übersetzung:

Dem göttlichen Heinrich IV., Römischem König und Augustus (= Kaiser), unvergängliche Lobpreisung schuldig zu sein, werden die Wormser zu keiner Zeit leugnen.

Kommentar

Die Schauseite des wichtigen östlichen Stadtzuganges, also zum Schiffslandeplatz hin, war zu nicht angegebener Zeit von den Wormser Bürgern mit Bild und bekennerhaftem Spruch geschmückt worden. Anscheinend existierte auch eine weitere Inschrift, gemäß der eine zweite Hand in der Zorn-Meixnerschen Chronik marginal zur zitierten Inschrift vermerken konnte: „Anno 1559 wurde solches an das rheintor geschrieben oder vielmehr ausgebessert daselbst“; in Chronikauszügen wohl des Stadtschreibers Hallungius wird hingegen berichtet: „an die Rheinpfort ist anno 1559 dißes elogium Henrici 4. gemacht worden“; dieselbe Bemerkung findet sich in Zorns Notizen.3) Da alle Vorgängerchroniken die Inschrift natürlich im Rahmen des Bündnisses der Stadt mit König Heinrich IV. und dessen Privileg von 1074 überliefern, ist es denkbar, daß der Korrektor der Handschrift Zorn-Meixner aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Nachricht über Arbeiten an Inschrift und Bildnis nur auf Ausbesserungen bezog, weil er die Darstellung wegen ihres Bezuges für wesentlich älter halten mußte. In der Tat ist die überlieferte Ausführung im 11. Jahrhundert ikonographisch nicht möglich; außerdem müßte der Text dann den zeitgenössischen Titulaturen näher stehen. Stimmt freilich die Information zu Ausbesserungen doch, dann müßte man nach einer zwischen den genannten Daten liegenden Entstehungszeit suchen.

Eng mit Überlegungen nach dem wenigstens ungefähren Aussehen des Bildnisses ist die Frage nach dem genauen Ort der Anbringung verbunden. Zwar nennen alle Chroniken die „Rheinpforte“ als Träger der Inschrift und des Bildes, doch überliefern einmütig die Stadtansichten von Worms im Holzschnitt des Meisters HSD für die Kosmographie Sebastian Münsters und in der isometrischen Sepiazeichnung des Wormsers Peter Hamman von 1690 jeweils den südlich an die Rheinpforte angrenzenden Turm mit Torbogen als Träger einer überlebensgroßen Figur mit nicht identifizierbarem Beiwerk, das Schwert oder Zepter darstellen könnte.4) Nur zusammen mit oder zu dieser kann der Spruch gemacht worden sein, da Zorn ausdrücklich die Anfertigung auch eines Kaiserbildes mitteilt. In der Skizze der Stadtbefestigung von Armknecht wird dieser Turm als Mayfelsturm bezeichnet; er soll mit der alten Rheinpforte identisch gewesen und später zugemauert worden sein.5) Mit dem Namen „Rheinpforte“ meinten die ersten Gewährsleute jedenfalls diesen Turm; da er guten Zugang zum Stadtzentrum ermöglichte und ein Tor besaß, könnte er in der Tat alleine oder mit der Nachbarpforte den nordöstlichen Stadtzugang gebildet haben. Entweder gab es einen unbekannten Grund, ihn mit dem Heinrichsbild zu versehen oder aber zu jener Zeit war die prächtige Rheinpforte der jüngeren Stadtansichten noch nicht ausgebaut.6) Die Rheinpforte war 1822 auf Abbruch versteigert, das Baumaterial teilweise zur Uferbefestigung verwendet worden.7)

Von der Aussage der Inschrift abgesehen, die auf eigenwillige Weise die Verbundenheit der Stadt mit dem Reichsoberhaupt zum Ausdruck bringt und einen den Inschriften an der Münze ähnlichen Gedanken aufgreift, verlangt der Text Aufmerksamkeit bezüglich der schon erwähnten Titulatur. „Romanorum rex augustus“ wäre 1074 anachronistisch, da die Kaiserkrönung erst 1084 stattfand; die einzigen Belege in einer Intitulatio begegnen zudem in einer Augsburger Empfängerausfertigung zu 1062 und in einem mehr als zweifelhaften Original zum Jahre 1064.8) Es ist daher gut denkbar, daß die Kombination von „augustus“ mit „Romanorum rex“ statt mit „Romanorum imperator“ lange nach den Ereignissen entstand, als man das Königtum mit der späteren Rangerhöhung verbinden wollte und die Formelhaftigkeit der Herrscherurkunde von 10749) in den Hintergrund getreten war. Eine passende Gelegenheit zur Ausschmückung der Rheinpforte war um 1493 gegeben, als auch die Bauten der Münze mit Kaiserandenken geschmückt wurden.10) Wegen des handelsfördernden Zollprivilegs war die Rheinpforte sogar der geeignete Ort für eine König Heinrich IV. ehrende Inschrift. Den Wormser Bürgern mochte es daher opportun erschienen sein, zu Wasser Ankommenden einerseits ihre Herrscherverbundenheit zu demonstrieren, andererseits aber vielleicht schon im Nahen des Reichstages den Förderer des 11. Jahrhunderts als leuchtendes und mit Treue belohntes Vorbild hinzustellen, insbesondere wenn man an die von König Maximilian I. in Aussicht gestellte Schlichtung im Streit mit Bischof Johann denkt.11) Maximilian empfing denn auch den Pfalzgrafen und Kurfürsten Philipp und seinen Sohn Ludwig mit großem Gefolge an der Rheinpforte.12)

Textkritischer Apparat

  1. HEINRICO Schannat, Kraus.
  2. Zeilenenden nach Zorn-8 und -9, nicht unbedenklich.
  3. GRATIAS IMMORTALES Schannat, Kraus.
  4. IURE DEBERE Zorn, Wormatiensia, Zorn-Wilck, Moritz, Hallungius.
  5. NVLLO SAECVLO Schannat, Kraus; NON Hallungius, Zorn, Wormatiensia.

Anmerkungen

  1. Reuter, Zollfreiheit nach Stadtansichten bei Sebastian Münster und Peter Hamann; Zorn nach dem Privileg von 1074: „diß zu eewigem gedechtnuß hatt die Stadt Wormbs wiederumb an die Reinpfort einen Kaysers bildt abconterfeien, und dis Elogium dazu schreiben lassen“.
  2. Gemäß nachahmender Überlieferung bei Zorn-Wilck u. anderen Chronikabschriften.
  3. Zorn-Meixner u. Hallungius; Zorn, Wormatiensia.
  4. Sebastian Münster, Cosmographey. Basel 1564, dcxciii, Holzschnitt von um 1550; Hammans Original im StA Worms, 1 B/48.
  5. Armknecht 64 u. 61 zur widersprechenden Identifizierung von Mayfels und Rheinpforte.
  6. Freundliche Hinweise von Herrn Archivdirektor Reuter, Worms; Verlauf und Datierung der Stadtmauer nördlich des Mayfelsturmes sind weitgehend ungeklärt.
  7. Armknecht nach einem Gedicht in der Wormser Zeitung vom 8. Juni 1822.
  8. MGH DH. IV. 93 u. 127.
  9. MGH DH. IV. 267.
  10. Vgl. vorangehende Nr. Ohne Datierungsvorschlag, aber als „ganz spätes Werk“ bei P.E. Schramm, Die Deutschen Kaiser und Könige in Bildern ihrer Zeit, 751-1190. Neuauflage unter Mitarbeit von P. Berghaus, N. Gussone u. F. Mütherich hg. von F. Mütherich. München 1983, 212 zu Nr. 113,5.
  11. Wormser Urkunden Nr. 882 u. 887.
  12. Tagebuch des Reinhard Noltz bei Boos, Quellen III 390.

Nachweise

  1. Zorn, Wormatiensia, fol. 69.
  2. Zorn-1 38.
  3. Zorn, Chronik bei Arnold 48.
  4. Zorn-Wilck (W) 92, (M) 118.
  5. Zorn-8 fol. 43v.
  6. Zorn-9 55.
  7. Schannat, Hist. ep. Worm. I 343.
  8. Moritz, Historisch-diplomatische Abhandlung 341.
  9. Zorn-Meixner fol. 21.
  10. Hallungius in Habels Archiv fasc. 318 fol. 169, Abschrift von E. Kranzbühler, StA Worms Abt. 150 Nr. 109.
  11. Pauli, Geschichte der Stadt Worms 156.
  12. Lange, Geschichte der Stadt Worms 14.
  13. Klein, Ludwigsbahn 129.
  14. Fuchs, Geschichte der Stadt Worms 35 u. ebd. Anhang 27.
  15. Weckerling, Geschichte von Worms 19.
  16. Kraus, Christliche Inschriften II 82 Nr. 183.
  17. Boos, Städtekultur I 328.
  18. K. Brunner, Das deutsche Herrscherbildnis von Konrad II. bis Lothar von Sachsen. Ein Beitrag zur Geschichte des Porträts. Phil. Diss. Leipzig 1905, 45f. u. Anm. 2.
  19. Armknecht, Wormser Stadtmauern 61.
  20. Reuter, Zollfreiheit 9f.

Zitierhinweis:
DI 29, Worms, Nr. 334† (Rüdiger Fuchs), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di029mz02k0033403.